Was kann uns die Bibel heute noch sagen? [Weihnachtsspezial]

„Gott wirft Adam und Eva aus dem Paradies, die Arche Noah übersteht die Sintflut und Jesus von Nazareth erweckt Tote zum Leben – die faszinierenden Geschichten der Bibel sind fester Bestandteil unserer Kultur. Und doch stecken sie voller Rätsel und Widersprüche, die auch jahrhundertelange theologische Kontroversen nicht lösen konnten. Der Evolutionsbiologe Carel van Schaik und der Historiker Kai Michel legen nun erstmals eine verborgene Seite der Bibel frei. Sie lesen die Heilige Schrift nicht als Wort Gottes, sondern als Tagebuch der Menschheit, das verblüffende Einblicke in die kulturelle Evolution des Homo sapiens bietet. Und plötzlich beginnen die alten Geschichten in neuem Licht zu funkeln.
Die Vertreibung aus dem Garten Eden markiert das wohl folgenreichste Ereignis der #Menschheitsgeschichte: den Übergang vom Leben als Jäger und Sammler zum sesshaften Dasein mit Ackerbau und Viehzucht, das nicht nur zu Fortschritt, sondern auch zu Ungleichheit, Patriarchat und großen, anonymen Gesellschaften führte. Für die daraus resultierenden Probleme waren die Menschen aber weder biologisch noch kulturell gerüstet. Wie sie sich mühsam anpassten, wie sie versuchten, sich auf das bis dahin ungekannte Ausmaß menschlichen Leids in Gestalt von Ausbeutung, Krieg und Krankheiten einen Reim zu machen, das dokumentiert die Bibel auf erstaunliche Weise. Auch zeigt sie, woher das Bedürfnis nach Spiritualität stammt und weshalb die Menschen nicht schon immer die Angst vorm Tod umtrieb.
Die Autoren nehmen uns mit auf eine Reise voller Überraschungen, die von Eden über den Exodus aus Ägypten bis nach Golgatha und zur Apokalypse führt. Dabei eröffnet sich eine neue Perspektive auf die kulturelle Evolution des Menschen und der #Religion. Wir begreifen, warum viele der biblischen Probleme uns bis zum heutigen Tage beschäftigen und warum nicht wenige von uns eine Sehnsucht nach dem Paradies verspüren. Die Bibel ist tatsächlich das Buch der Bücher. Sie geht uns selbst dann etwas an, wenn wir gar nicht an Gott glauben.“ (Klappentext)

Die Bibel als Spiegel der Evolutionsgeschichte des Menschen

Themen:
1:27 Die Bibel aus evolutionärer Sicht
2:40 Der Sündenfall
4:17 Die verbotene Frucht
5:46 Kain und Abel
8:44 Wohlstand, Krankheit, die Gewalt und das Gesetz
10:32 Die Evolution Gottes
12:55 Die Natur Jesu
15:10 Religion, Wissenschaft und Spiritualität

Carel van Schaik, Kai Michel: „Das Tagebuch der Menschheit: Was die Bibel über unsere Evolution verrät“

 

 

 

 

Was ist die Scharia? – Lutz Jäkel im Gespräch

Was ist eigentlich Scharia? Wie wird sie ausgelegt, was sind ihre Grundlagen? Ist sie mit Grundgesetz, Menschenrechten und Aufklärung vereinbar?
Der Journalist, Buchautor und Islamwissenschaftler Lutz Jäkel gibt Auskunft.
Website: http://ift.tt/2tedooD

Die Welt aus den Angeln – Philipp Blom im Gespräch

Vor vierhundert Jahren veränderte sich das Klima in Europa auf dramatische Weise und stieß damit viele Prozesse an, die zu einer neuartigen Weltsicht geführt haben. Aufklärerisches Gedankengut, die wissenschaftliche Methode, religiöse Toleranz, der Kapitalismus und die Idee der Menschenrechte haben sich in dieser Zeit entwickeltals Antwort der Menschen auf sich wandelnde Lebensbedingungen. InDie Welt aus den Angelnbeleuchtet der Historiker Philipp Blom die Zeit der sogenannten Kleinen Eiszeit und legt dar, wie sich die Mentalität entwickelt hat, die die westlichen Gesellschaften heute prägt.

Aber wenn der Klimawandel nach 1570 sich positiv auf den Fortgang der Menschheit ausgewirkt hatsollten wir dann nicht einem erneuten Klimawandel heute gelassener entgegenblicken?

Philipp Blom  beantwortet diese und weitere Fragen im Gespräch.

Die Welt aus den Angeln. Eine Geschichte der Kleinen Eiszeit von 1570 bis 1700

GIBT ES (3)

Herr Blom, in Ihrem Buch „Die Welt aus den Angeln“ beschreiben Sie die Moderne als Produkt der Kleinen Eiszeit. Welcher Aspekt des Klimawandels vor vierhundert Jahren hatte Ihrer Ansicht nach auf das Leben der Menschen den bedeutendsten Einfluss?

Ganz so einfach ist es natürlich nicht. Die Kleine Eiszeit war nicht alleinverantwortlich für die Entstehung der modernen Welt, aber sie einen wichtigen Einfluss ausgeübt und gewisse Entwicklungen beschleunigt. Das feudale Europa hatte zuerst nur wenige Möglichkeiten, auf Ernte-Ausfälle zu reagieren und sie zum Beispiel durch Importe auszugleichen und die Naturereignisse zu verstehen. Diese Möglichkeiten aber bildeten sich bald heraus: stärkere internationale Märkte und der Anfang einer wissenschaftlichen Weltsicht. Auch die aufgeklärte Toleranz entstand aus dieser Betonung auf Austausch und auf empirisches Wissen.

Die Kleine Eiszeit hat einen Abschied aus einer zutiefst religiös geprägten Welt und den Aufbruch in ein zunehmend aufgeklärtes, naturwissenschaftlich geprägtes Denken möglich gemacht. Wie hängen modernes Denken und Klimawandel miteinander zusammen?

Die ersten katastrophalen Ernten wurden gegen Ende des 16. Jhds. als Botschaften Gottes verstanden, als Strafe. Also reagierten die Menschen auf die einzig logische Weise: Durch Bußprozessionen, Gottesdienste, feurige Predigten, und durch Hexenverbrennungen. Im Laufe des 17. Jhd. aber beginnt sich das zu ändern. Wettertagebücher halten Naturereignisse ohne Bezug auf die Bibel fest, Wissenschaftler helfen, die Krise der Landwirtschaft durch praktische Ratschläge für die Bauern zu lösen, Handelszentren florieren und resultieren besonders in den Städten in einer höheren Alphabetisierungsrate, in mehr religiöser Toleranz, mehr Debatte im entstehenden öffentlichen Raum. Das sind alles keine direkten Konsequenzen aus der klimatischen Abkühlung, aber sie wurden durch die daraus resultierende Krise wesentlich beschleunigt.

Im 17. Jahrhundert hat sich eine säkulare Philosophie herausgebildet, die sich zunehmend von religiöser Bevormundung befreit hat. Inwiefern hat die klimatische Abkühlung dazu beigetragen? Sehen Sie in dem Einfluss der Kleinen Eiszeit einen begünstigenden Umstand oder einen notwendigen Anstoß zu den beschriebenen Entwicklungen – eine conditio sine qua non?

Eigentlich war es hauptsächlich der Aufstieg der Mittelschicht, der diese Veränderung möglich machte. Ihre Mitglieder – die Kaufleute, Lehrer, Anwälte, Verwalter, Beamten, Künstler – hatten bald viel wirtschaftliche und kulturelle Macht, blieben aber größtenteils von der politischen Macht ausgeschlossen. Es lag auf der Hand, in dieser Situation das einzige Argument zu nutzen, dass die Mittelschicht hatte: Wir sind alle gleich an Rechten und Freiheiten, haben das gleiche Recht, unser Leben frei zu gestalten. Tatsächlich waren die wichtigsten Philosophen der Aufklärung sehr häufig Teil dieser gebildeten Mittelschicht, von René Descartes (einem Artillerieoffizier), zu Baruch de Spinoza (einem Kaufmann), Thomas Hobbes (Hauslehrer) und Pierre Bayle (Schulmeister). Es war also – auch – die Macht der historischen Umstände, die diese Debatte formte, verbunden mit dem Buchdruck, der solchen Ideen jetzt erlaubte, ein weites Publikum zu erreichen.

Wenn Sie die Kleine Eiszeit mit anderen, zeitgleich ablaufenden Prozessen vergleichen – die Reformation etwa, die Bauernkriege, die Erfindung des Buchdrucks, die Wiederentdeckung antiker Autoren in der Renaissance – ist sie ein Einfluss unter vielen oder das entscheidende Moment in der Entwicklung zur Moderne?

Das ist schwer zu sagen. Sie hat aber vielleicht die europäischen Gesellschaften wirtschaftlich am stärksten verändert. Nicht alle Länder und alle Klassen waren von Reformation und Renaissance gleichmäßig betroffen und die Renaissance war im wesentlichen ein Elitephänomen, der Klimawandel aber ließ niemanden unberührt.

Sie stellen eine Reihe bedeutender Denker der Zeit vor: Carolus Clusius, Voltaire, Descartes, Gassendi, Giordano Bruno, Spinoza. Welche Figur hat Sie während Ihrer Recherchen am meisten fasziniert? Welche ließe sich am ehesten heranziehen, um den mentalitätsgeschichtlichen Wandel zu veranschaulichen?

Spinoza ist ein Freund, den ich schon lange bewundere, aber auch der immens kämpferische und klarsichtige Pierre Bayle ist eine großartige Persönlichkeit. Wer den Wandel am besten veranschaulicht? Vielleicht tatsächlich Spinoza, der sich von einer sehr traditionsverbundenen Gemeinschaft löst (nun ja, von ihr verbannt wird) und als ein ganz moderner Mensch lebt, keiner Konfession zugehörig, mit Denkern in ganz Europa in Kontakt, als Linsenschleifer für wissenschaftliche Instrumente.

Sie zeigen, wie die Welt damals aus den Fugen geraten schien. Größere Umwälzungen ließen die Menschen nach einfachen Erklärungen suchen, die ihnen die Möglichkeit geben sollten, die Götter wieder zu beruhigen: durch die Verfolgung von „Hexen“ etwa, denen man die Schuld an der schlechten Witterung anhängte. Lasterhafter Lebenswandel wurde in Zusammenhang mit den unerklärten Wetterphänomenen gebracht.
Ist die heutige Ansicht, das globale Klima reagiere auf das Handeln des Menschen, nicht eine ähnliche Hysterie, geboren aus der Sehnsucht, einfache Erklärungen und Maßnahmen zu finden – und den Schuldigen, den lasterhaft-selbstbezogen modernen Menschen?

Aus wissenschaftlicher Sicht ist die Antwort einfach: Nein, ist sie nicht. Es gibt tatsächlich eine starke kausale Verbindung. Die Frage ist aber, welche Schlüsse man daraus zieht. Es hat überhaupt keinen Sinn, die Situation zu moralisieren. Aber das ändert nichts daran, dass rasche und radikale Maßnahmen notwendig wären, um schlimmeres vielleicht noch zu verhindern. Zwei Grad im 17. Jhd haben enorme Veränderungen bewirkt und beispielsweise in China und Teilen Russlands zum Zusammenbruch der Bevölkerung geführt. Drei oder sogar vier Grad in naher Zukunft wären schlicht katastrophal. Wir wissen nicht, wie weit wir auf diesem Weg bereits fortgeschritten sind und was wir noch tun können, aber die Frage selbst ist nicht moralisch oder hysterisch, sondern tatsächlich existenziell.

Sie sehen in dem Klimawandel die Basis für den Aufschwung des globalen Handels und für die Anfänge des modernen Staats – zugleich aber auch für Kolonialismus und die Strategie des Wachstums durch Ausbeutung. Fällt ihr Fazit zur Entwicklung der Moderne eher freundlich oder kritisch aus?

Das ist nicht so einfach zu beantworten. In den letzten vierhundert Jahren sind unglaubliche und erstaunliche Dinge geschehen und vieles ist alltäglich geworden, was kurz zuvor noch als völlig unmöglich galt. Ich glaube, dass die Kernideen der Aufklärung – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – und die Idee von Toleranz und der Herrschaft des Gesetzes tatsächlich entscheidend dafür sind, zahllosen Menschen ein besseres Leben zu ermöglichen, ganz zu schweigen von den technologischen und wissenschaftlichen Fortschritten. Gleichzeitig aber ist diese Geschichte noch nicht zu Ende. Sie hat nicht nur unglaublich viele Opfer gefordert, sie hat auch so viel Zerstörung, Müll und so immense Probleme geschaffen, dass es noch viel zu früh ist, um Bilanz zu ziehen.

Sie schreiben: „Der heraufdämmernde Kapitalismus und der intensiver werdende Kolonialismus erlaubten es Britannien, zur ökonomisch führenden Weltmacht aufzusteigen. Bekanntlich war dieser Wandel mit Krieg, Unterdrückung und Ausbeutung verbunden.“ Wie beurteilen Sie die Verbindung unseres heutigen Wirtschaftssystems mit Krieg, Unterdrückung und Ausbeutung?

Es besteht leider kein Zweifel daran, dass unser Wohlstand nicht nur aus Pünktlichkeit, Fleiß und Emsigkeit resultiert, sondern auch daraus, dass wir direkt und indirekt von Unterdrückung, Sklavenarbeit und der Zerstörung natürlicher Lebensräume profitieren – vom Anbau von Palmöl und Soja bis hin zum Abbau von Schwermetallen, Teersanden und Erdöl, von der Unterstützung blutiger aber effektiver Diktatoren und den Arbeitsplätzen, die der Waffenhandel bringt, bis hin zum Agrardumping auf afrikanischen Märkten. Die Hände der Mächtigen sind immer blutig. Und wenn unsere weniger blutig sind, als die unserer Vorfahren, so macht uns unser tägliches Konsumverhalten uns doch wissentlich oder unwissentlich zu Komplizen von Verbrechen, aus denen wir Nutzen ziehen.

Sie sind der Ansicht, unser heutiges Wirtschaftswachstum beruhe noch stärker auf Ausbeutung von Menschen und natürlichen Ressourcen, als es im Europa der Kleinen Eiszeit der Fall war. Wo sehen Sie die Ursachen dafür, dass die Menschheit sich trotz allen Fortschritts noch nicht von ausbeuterischen Methoden befreit hat?

Das scheint mir sehr einfach: Das Streben nach individuellem Nutzen ist meistens stärker als das solidarische Handeln. Nur haben wir im Vergleich zu vergangenen Jahrhunderten viel mehr technologische Reichweite, will sagen: Wir können mehr kaputtmachen.

Ich lese aus Ihrem Buch eine Verachtung für freie Märkte und Wirtschaftsliberalismus heraus. In Wirtschaftswachstum scheinen Sie stets die Gefahr von Ausbeutung zu wittern. Was befürchten Sie eher: einen neuen Autoritarismus oder den Neoliberalismus?

Ich weiß nicht, ob beide unterschiedlich wären! Aber nein, ich verachte den Markt nicht. Der Kapitalismus ist eine wunderbare Weise, wie Menschen unterschiedlicher Überzeugungen und Kulturen in einer diversen aber regelbasierten Gesellschaft zusammenleben können. Die Demokratie entsteht aus dem Austausch und Wettbewerb des Marktes. Aber hören wir auf, vom Freien Markt zu sprechen! Ein Markt ist nicht frei und kann es nicht sein, er braucht Regeln, Gesetze, Verträge, Gerichte, eine Polizei – ein Markt braucht einen Staat, eine Gesellschaft, um existieren zu können. Weil aber die Gesellschaft seine Existenz erst möglich macht, sollte sie auch stärker darauf achten, dass der Markt zum Allgemeinwohl beiträgt, und nicht andersrum. Und die Idee des ewigen Wirtschaftswachstums: Wer ist je auf die wahnsinnige Idee gekommen, dass eine Wirtschaft ewig wachsen kann und muss, um nicht zusammenzubrechen? Jeder Organismus in der Natur wächst, wenn es möglich ist, und schrumpft in Momenten, wenn die Umstände schwieriger sind. Der Wachstumszwang schafft nur einen Zwang zum dauernden und unnötigen Konsum, zum Kultivieren künstlicher Bedürfnisse und der Eroberung neuer Märkte. Was trägt all das dazu bei, dass Menschen im Sinne der aufgeklärten Ideale besser, freier, selbstbestimmter und solidarischer leben?

Sie stellen es als Dilemma dar, dass der Zustand unserer Gesellschaft zugleich auf einem Traum von universellen Menschenrechten und Demokratien beruht wie auf wirtschaftlichen Wachstum, das auf Ausbeutung beruht. Inwiefern kann uns diese Einsicht heute leiten? Ist sie mehr als ein Versuch, dem Menschen des Westens ein schlechtes Gewissen angesichts seines privilegierten Lebensverhältnisse zu machen?

Vielleicht wäre ja Einsicht der erste Schritt zu Besserung. Um ein schlechtes Gewissen geht es nicht, aber es ist richtig, dass wir selbstverständlich Rechte und Freiheiten für uns selbst in Anspruch nehmen, die wir anderen Menschen zum Teil direkt vorenthalten.

Der Klimawandel damals war nicht menschengemacht, hat aber zu einer insgesamt positiven Entwicklung geführt: Aufklärung, Emanzipation von Autoritäten, Fortschritt und Wohlstand. Sie prophezeien jedoch:
„Alles wird anders. Die Migrationsbewegungen, Verteilungskämpfe , Kriege und Konfrontationen der kommenden Jahrzehnte werden unsere Gesellschaften erschüttern und transformieren.“
Gibt es dabei überhaupt Möglichkeiten, zu steuern, ob ein erneuter Klimawandel in die Katastrophe oder oder zum Besseren führen wird?

Insgesamt positiv – sicherlich anders, aber es war eben auch kein direkter Weg. Ja. Im heutigen, globalen Kontext wird sich wesentlich mehr ändern, weil viel mehr Menschen auf der Welt leben, weil sie besser informiert und mobiler sind und weil unsere Lebensweise enorme Umweltauswirkungen und eine große technologische Reichweite hat. Wir machen uns noch keinen Begriff von diesen einschneidenden Änderungen, aber sie kommen sicher.

Herr Blom, ich danke Ihnen für das Gespräch.

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Gibt es Gott? Dawkins: „Der Gotteswahn“ [RadioSchau 13]

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»Religion ist irrational, fortschrittsfeindlich und zerstörerisch.« Richard Dawkins, einer der einflussreichsten Intellektuellen der Gegenwart, zeigt, warum der Glaube an Gott einer vernünftigen Betrachtung nicht standhalten kann.

Gefährliche Nähe – Deutsche und Juden. Gespräch mit Dietz Bering (TEIL 2)

2017 feiern die evangelischen Kirchen 500 Jahre Reformation. Martin Luthers Verhältnis zu den Juden darf dabei nicht verschwiegen werden. Bering gibt im Gespräch Auskunft über die Frage, ob Martin Luther Antisemit war. Gibt es Entwicklungen in Luthers Ansichten über die Juden? Wie waren die zeitgeschichtlichen Voraussetzungen, welche Gründe gab es für anti-judaische Ressentiments?
In seinem Buch „War Luther Antisemit?“ stellt Bering die brisante These auf, gerade die besondere Nähe Luthers zum Judentum lasse seinen Antisemitismus erklären. Es wirft ein Licht auf das deutsch-jüdische Verhältnis insgesamt, das Bering als „Tragödie der Nähe“ beschreibt.
Prof. Dr. Dietz Bering lehrte an der Universität zu Köln historische Sprachwissenschaften. 1981 gehörte er zu den Gründungsfellows des „Wissenschaftskollegs zu Berlin“. Grundlegende Werke: „Der Name als Stigma – Alltagsantisemitismus 1812-1933“ (1987), „Kampf um Namen. Bernhard Weiß gegen Joseph Goebbels“ (1991). „Die Epoche der Intellektuellen. 1889-2001“ (2010) und „Die Intellektuellen im Streit der Meinungen“ (2011).

TEIL 1 ;  TEIL 3; auf SoundClound an einem Stück hören

Was heißt es, religiöse Gefühle zu verletzten?

Was sind religiöse Gefühle überhaupt, wie bekommt man sie, wie bekommt man sie wieder weg, und wie verletzt man sie bei anderen? Wie schützt man seine eigenen religiösen Gefühle vor der Verletzung durch andere?
Müssen religiöse Menschen alles hinnehmen, was im Namen von Meinungs- und Pressefreiheit als Urteil über das, was ihnen heilig ist, ergeht? Und wenn sie es nicht hinnehmen – welche Rechte haben sie, sich zur Wehr zu setzen? Andersherum gefragt: Muss unsere Gesellschaft auf jedes dahergelaufene Gefühl Rücksicht nehmen, nur weil es sich religiös nennt, und aus ebendieser Rücksicht vermeiden, Seife mit Minarettaufdruck zu verkaufen?
In diesem Sinne sollte man auch fragen: Was hat das Verletzen von religiösen Gefühlen mit der Gewährung von Grundrechten in einer offenen Gesellschaft zu tun? Ist es erlaubt, religiöse Gefühle zu verletzen, oder gar geboten? Eine Art heilige Pflicht des Säkularismus? Und wo verläuft die Grenze zwischen freier Meinungsäußerung und persönlicher Beleidigung?

 

Ein Gedankenexperiment: Wie hätte die Öffentlichkeit, wie hätten die Medien reagiert, wären bei Charlie Hebdo nicht fortwährend „islamische Gefühle“, sondern „jüdische“ verletzt worden (in Anführungsstrichen, weil ich mir nicht im Klaren darüber bin, was islamische bzw. jüdische Gefühle überhaupt sein sollen)? Wären wir auch alle Charlie, wenn die Karikaturen fortlaufend Juden gezeigt und ihren Glauben verunglimpft hätten?
Dem deutschen Betrachter zumindest muss die Erinnerung an die antisemitischen Zeichnungen eines Philipp Rupprecht (Hauptzeichner der Hetzzeitschrift „Der Stürmer“), die gerade die neueste Karikatur vom weinenden Mohammed mit seiner Hakennase und seinen Schwulstlippen evoziert – Unwohlsein bereiten  – wo liegt der Unterschied?
Auf der Hand, wird man antworten, denn: der Islam ist eine Religion und als solche eine Ideologie, die wie alle anderen Ideologien auch der Möglichkeit der Kritik ausgesetzt sein muss, wenn die Behauptung von Presse- und Meinungsfreiheit nicht nur eine leere Phrase sein soll. Juden dagegen werden von Antisemiten nicht als Glaubensmitglieder einer Religion verunglimpft, sondern pauschal als Angehörige einer Ethnie – daher ist Antisemitismus Rassismus und erfüllt als solcher den Tatbestand der Volksverhetzung (in Frankreich initiation à la haine raciale), während Karikaturen, die religiöse Attribute von Moslems stereotyp darstellen, notwendige Mittel der Satire sind.
Das Problem liegt vielleicht im Begriff Ideologie und der Sicht auf die individuelle Freiwilligkeit religiöser Zugehörigkeit. Weil ethnische Zugehörigkeit nicht freiwillig ist, ist die Diskriminierung, die auf ihrer Grundlage stattfindet, in unserem Empfinden moralisch verwerflicher als die Diskriminierung aufgrund weltanschaulicher Ansichten – man könnte ja eine andere Religion wählen -, obwohl dieser Unterschied in entsprechenden Gesetzestexten nicht gemacht wird:
Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden. Grundgesetz, Art. 3 (3)
Die wenigsten Fanatiker werden allerdings ihre persönlichen Weltanschauungen, ob religiös oder politisch, als Ideologien und als frei gewählt betrachten. Darin scheint der Grund des Übels zu liegen, das religiös motivierter Terrorismus über uns bringt. Fanatiker sehen den Kern ihrer eigenen Identität verletzt oder bedroht, wenn jemand sich über ihre Anschauung lustig macht – eine Vorstellung, die dem weltanschaulichen Fragen gegenüber üblicherweise eher indifferenten aufgeklärten Atheisten fremd bis lächerlich vorkommt. Daher sind auch Kommentare wie der Christoph Siebers so verständlich wie nicht hilfreich: Wenn religiöse Gefühle durch das Titelbild einer Zeitung verletzt werden, dann kaufe man diese einfach nicht – diese Aufforderung kommt nicht nur für religiöse „Extremisten“ dem Rat gleich, man solle sich eben stillschweigend abwenden, wenn die eigene Familie in der Öffentlichkeit beleidigt wird.
Nun könnte uns diese ganze Überlegung kalt lassen ebenso wie Menschen, die sich angesprochen und persönlich beleidigt fühlen, wenn man ihre Überzeugungen aufs Korn nimmt (von denen sie sich nicht einmal für einen Moment selbstironisch distanzieren können) – schließlich könnten sie diese ja auch ändern. Zumal diese Menschen, sobald sie Gewalt als Mittel in Erwägung ziehen, keinen Anspruch auf Rücksichtnahme ihrer Argumente im intellektuellen Diskurs mehr haben.
Aber vielleicht sind das gar nicht die richtigen Fragen. Vielleicht blendet die derzeitige Diskussion um religiösen Fanatismus vs. aufgeklärten Pluralismus, um das Gewaltpotential, das in einer Religion steckt, und lenkt vom Wesentlichen ab. Was aber wäre das?
Ein nächstes Gedankenexperiment: Wie wäre es, in einer Welt zu leben, in der eine Gruppe von Staaten nicht seit Jahrzehnten eine andere Gruppe von Staaten angreift – sei es mit Bomben und Drohnen, sei es mit Sanktionen, Putschen und installierten Regimes? Wie wäre es, wenn es keine Gruppe von Staaten gäbe, die behauptet, in der Sorge um die Sicherheit ihrer Bürger und um den globalen Fortschritt von Menschenrechten und Demokratie fremde Staatsgebiete in ihrer Souveränität zu bedrohen, dort unzählige Menschen zu töten und das ganze Unternehmen „Friedenseinsatz“ und „war on terror“ zu nennen? Wäre die Religion, die in den überfallenen Gegenden vorherrscht, noch immer eine gewalttätige – besser gefragt: Hätten extremistische Kräfte, die vielleicht jeder Religion – mal mehr, mal weniger genuin – innewohnen, in dieser Welt überhaupt eine Chance? Würde sich in den unterdrückten Ländern vielleicht noch viel stärker eine Zivilgesellschaft herausbilden, deren Eigenkräfte jeglichen Fanatismus (die Ideologie der Schwachen) zurückweisen würden?
Ist die Blasphemie, die religiöse Beleidigung, nur die Speerspitze, die harmlos bliebe, gäbe es da nicht die Lanze des westlichen Interventionismus, die nicht nur im Irak mit Uran ummantelt ist? Die nicht nur in Syrien und Libyen für die Zerstörung lebensnotwendiger Infrastruktur und jahrtausendealter Kulturstädte gesorgt hat? Die nicht nur in Pakistan und im Jemen ohne Anklage und Anhörung Todesurteile gegen Menschen vollstreckt?
In den westlichen Medien werden die Anschläge von Paris und die Aggressionen vonseiten der Muslime selten in Verbindung mit dem Handeln westlicher Regierungen in deren Herkunftsländern gebracht. Vielleicht ist das unschicklich angesichts der Toten, die die Terroristen auf dem Gewissen haben. Und seltsam ist es schon: Da richtet sich der Terror gegen ein Satireblatt und es werden Menschen ermordet, die Karikaturen gezeichnet haben, während diejenigen, die nicht nur vage religiöse Gefühle verletzen, sondern ganz handgreiflich Menschen, die guten Sitten und das Völkerrecht, ungeschoren davonkommen. Sind die Terroristen in ihrem Feindbildschema genauso verblendet wie einige Leitartikler, oder richtet sich ihr Hass nur deswegen auf andere Wehrlose, weil sie der wahrhaft Verantwortlichen nicht habhaft werden können – weder durch Gewalt noch durch friedlichen Protest? Ist die Ehrwiederherstellung, die das schmerzende religiöse Gefühl lindern soll, nur ein Ventil für Hass und Wut, die sich aufgrund realer Ohnmacht aufgestaut haben?
Wie dem auch sei: Wundert sich denn wirklich jemand, dass das Töten von unschuldigen Menschen durch westliche Regierungen bei den Angehörigen irrwitzige Reaktionen hervorruft?

Auch ohne diese Zeichnungen hätten die Jihadisten, die ein gewalttätiges Islamverständnis haben, früher oder später zugeschlagen.

schreibt Heiner Hug wahrscheinlich zurecht, und fährt fort: „Die Karikaturen waren nur der Auslöser.“ Die Frage ist nur, ob sich dieses gewalttätige Islamverständnis ohne das aktive Zutun des Westens in den islamischen Regionen der Erde überhaupt ein solches Übergewicht hätte sichern können. Welche Gefahr würde ein Auslöser darstellen, wenn es keinen Sprengstoff gäbe?
Ein letztes Gedankenexperiment: Wer wären wir, wenn ein Terroranschlag nicht Redaktionen, sondern Regierungsgebäude treffen würde? Für wen würden wir auf die Straße gehen, wenn Gewalttaten nicht religiös, sondern als Akt der Rache für Mord und Totschlag motiviert wären? Mit wem würden wir uns solidarisieren, wenn die Opfer nicht Künstler und Journalisten, sondern Politiker und Lobbyisten der Waffenindustrie wären? Welche Werte sähen wir uns gezwungen zu verteidigen, wenn nicht die Pressefreiheit, sondern der politisch-militärisch-industrielle Komplex Ziel von Anschlägen wäre?
Dieser Artikel wurde zuerst veröffentlicht am 17. 1. 2015 auf derintellektuelle.de