„Madame Merkel, Sie begehen einen Völkermord!“

Der algerische Schriftsteller Boualem Sansal im Gespräch über die Migrationskrise, die Rolle des Westens und seinen neuen Roman „2084“

Der algerische Schriftsteller Boualem Sansal im Gespräch über die Migrationskrise, die Rolle des Westens und seinen neuen Roman „2084“

Ist ganzheitliche Bildung möglich?

Über Julian Nida-Rümelins „Philosophie einer humanen Bildung“

Bildung, das ist die andauernde Bereitschaft und das nachhaltige Bemühen, den Menschen und die Menschheit, die Welt und den Kosmos gründlich, im Grundsatz jedenfalls verstehen zu wollen und sie dann so gestalten zu wollen, dass sie lebenswert, noch besser liebenswert wird und bleibt.

Diese Bestimmung von Bildung, wie sie der Pädagoge Otto Herz formuliert hat, betont gleich mehrere Aspekte, die in der Diskussion zum Thema stets bewusst bleiben sollten: Bildung ist niemals fertig und abgeschlossen, sondern höchstens ein andauernder Prozess; ein „gebildeter Mensch“ ist also immer auch einer, der sich selbst in Bildung begreift. Bildung bezieht sich auf das Ganze, nicht nur auf einen einzelnen oder eine Gruppe von Menschen, nicht nur auf einzelne Bereiche wie Fähigkeiten oder Wissen, und ebenso nicht nur auf einzelne Bereiche der Gesellschaft wie z. B. die Welt der akademischen Wissenschaft. Und Bildung geht Hand in Hand der Ausrichtung auf die Außenwelt, mit der Neugier des Begreifen- und der des Wirkenwollens.

Neueren Erscheinungen zum Thema geht es vor allem um die Reform des Schulwesens (R. D. Precht), die Rolle des Lehrers (M. Felten; J. Hattie), den Unterricht selber (A. Gruschka) oder die Neurobiologie des Lernens (G. Hüther); ihnen liegt dabei ein mehr oder weniger expliziertes Verständnis von Bildung zugrunde, wie es oben skizziert wurde. Bei den bildungstheoretischen Grundannahmen sind sich die Diskutanten nämlich erstaunlich einig. Warum aber genau dieses Verständnis von Bildung das rechte sein soll, ist schwer zu begründen, denn Fragen der Entwicklung des Menschen hängen mit dem Menschenbild zusammen, das sich eine Gesellschaft macht – und dies wiederum ist so veränderlich und unbeständig wie die Gesellschaft selbst.

Die Schwierigkeit liegt also darin, zu bestimmen, was der Mensch sei. Noch mehr aber, da seine Unbestimmtheit erst das Wesen des Menschen auszumachen scheint: zu bestimmen, was er sein solle – liegt doch der Frage nach gelingender Bildung immer eine Wertung zugrunde, eine Idealvorstellung von dem, wozu der Mensch im besten Fall in der Lage ist und was man im besten Fall als gelingendes Leben bezeichnen kann.

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Julian Nida-Rümelin, 2012 auf der Lit.Cologne

Auch der Münchener Philosoph Julian Nida-Rümelin, der jetzt eine „Philosophie einer humanen Bildung“ vorlegt, ist sich der Schwierigkeit normativer Anthropologie bewusst; gleichwohl wagt er eine Grundlegung von Bildungstheorie, die sich in ihrer weit ausgreifenden, ausführlich begründenden Art wohltuend von Ad-hoc-Rezepten oder pauschalen Verurteilungen des Bestehenden abhebt.

Er entwirft ein Menschenbild, das den Charakter als Träger von Handlungen in den Vordergrund stellt. Personen, so Nida-Rümelin, handeln nicht zufällig, sondern aus einem Charakter heraus, der ihnen gewisse Gründe gibt, etwas zu tun bzw. etwas zu unterlassen. Ein moralisch gereifter Charakter zeige sich darin, dass er mit sich selbst kohärent ist, was sich wiederum in der Stimmigkeit seiner Gründe und Handlungen niederschlage. Vernunft und Autonomie, aber auch seine eigenen Freiheit seien für den Menschen nur mittels einer kohärenten Lebensführung zu gewinnen. Diese ist zugleich Voraussetzung für ein verantwortungsvolles Leben.

Ziel jeglicher Bildungsanstrengungen soll also sein, diese kohärente Lebensform zu ermöglichen – einen Charakter bilden zu helfen, der sich selbst als Autor eines von Gründen, also von reflektierten Wertungen geleiteten Lebens erkennen kann.

Die Ausführungen stehen in der Nachfolge Humboldts, aber auch John Deweys; der Autor konzentriert sich in seinen Überlegungen nicht allein auf die akademische Bildung – sein Ansatz ist ganzheitlich und will die Grundideen des Humanismus mit denen des Pragmatismus verbinden. Er stellt zum einen fest, dass es bei jeder Bildung um Persönlichkeitsbildung gehen muss – die Idee einer vorrangig berufsspezifischen Ausbildung, wie sie dem deutschen Schulsystem in seiner frühen Ausdifferenzierung noch immer zugrunde liegt, scheint absurd, wenn man der Dynamik heutiger Berufsbilder Rechnung trägt. Der Autor kritisiert zum anderen die Abwertung praktischer Berufe und die Setzung eines akademischen Abschlusses zum Standard, von dem abzuweichen eine Schülerin prinzipiell zur Versagerin macht.

Nida-Rümelins holistische Ausrichtung zeigt sich auch daran, dass er Bildung nicht, wie üblich, als Gegensatz zur Ausbildung sieht, die ihren Sinn im Erwerb von (markttauglichen) Fertigkeiten sieht. Bildung der Persönlichkeit und Ausbildung von Fertigkeiten sind für ihn zwei Merkmale eines Prozesses, durch den der Mensch dazu befähigt wird, seinem Leben Richtung und Sinn zu geben. Er nennt das die Autorschaft des Individuums, also dessen Fähigkeit, sich selbst als der Urheber seiner Handlungen und Ziele, seiner Werte und im weitestgehenden Sinne auch seiner Lebensumstände betrachten zu können. Wo dies nicht gegeben ist, hat der Mensch nicht seine Bestimmung erreicht – ein gelingendes Leben kann es nicht genannt werden, wenn jemand zwar viel weiß und viel kann, sich jedoch ohnmächtig fühlen muss gegenüber der Übermacht der Wirklichkeit. Diese Wirklichkeit gestalten zu können ist Sinn und Zweck eines wahrhaft humanen Lebens – Gestaltungsfähigkeit zeigt sich aber nicht allein in abstraktem Wissen und isolierten, willkürlichen Fähigkeiten, sondern in der Möglichkeit zur Integration des Zufälligen in ein Sinn stiftendes Ganzes. Wer auf die Zufälle des Lebens eine Antwort geben kann, die er als eine eigene, authentische empfindet, wer, wie es bei Paul Fleming heißt, „sein selbst Meister ist“, der ist wahrhaft gebildet zu nennen.

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Nida-Rümelin: Philosophie einer humanen Bildung

Das bedeutet, und dies leitet Nida-Rümelin überzeugend aus anthropologischen Axiomen her, dass der Mensch als Ganzes gesehen werden muss – als kognitives, ästhetisches, emotionales und ethisches Wesen. Bildung, die den Namen verdient, muss diesen Dimensionen Rechnung tragen, muss sich in gleichem Maße auf das Denken, Fühlen, Urteilen und Handeln des Menschen beziehen und die Entwicklung all dieser Fähigkeiten ermöglichen – ihr zumindest nicht im Wege stehen.

Das sind Thesen und Ansichten, die die geneigte Leserin und der geneigte Leser nach Zuklappen des Buches  unmittelbar unterschreiben möchten, die sie aber auch schon irgendwo in anderer Schwerpunktsetzung gelesen und gehört haben. Nida-Rümelins humanistisches Menschenbild und seine Bildungstheorie, so gut sie theoretisch begründet werden und so explosiv für jede Gesellschaft sie praktisch wären, sind doch alles andere als neu und unerhört.

Ein Wort zu Form und Sprache des Buches: Falsche Konjunktive, überflüssige Kommas, verwirrende Satzkonstruktionen, stilistische Fragwürdigkeiten wie „hineinprojizieren“ oder „Väter in Vollzeit“, schlecht recherchierte Behauptungen wie die, in keiner Sprache außer dem Deutschen gebe es die begriffliche Verbindung von Bildung und Bild – Schwedisch beispielsweise scheint der Autor nicht für eine Sprache zu halten – Nida-Rümelins „Philosophie einer humanen Bildung“ ist nachlässig bis gar nicht lektoriert. Gleich auf den ersten Seiten begegnen Ungereimtheiten und Selbstwidersprüche, zum Teil in ein und demselben Satz: Ein Schulwesen wie das deutsche, das darin versagt, einem beträchtlichen Teil der Kinder und Jugendlichen Lesen, Rechnen und Schreiben beizubringen, wird gleichzeitig als in der Vermittlung eben dieser Zivilisationstechniken erfolgreich bezeichnet! Nach PISA seien die Bildungsbemühungen einer Schockstarre ausgesetzt – die Rahmenbedingungen daher noch immer nicht verändert -, eine Seite weiter liest man von den vielfältigen Reformanstrengungen „seit PISA und Bologna“! Diese Unausgegorenheiten trüben das Bild einer ansonsten souveränen Argumentationsführung.

Es ist nicht Nida-Rümelins Ziel, bildungspolitisch Stellung zu nehmen, er will vielmehr „bildungsphilosophisch Orientierung“ geben. Dies gelingt ihm, und man muss ihm eine Vagheit der Umsetzungsvorschläge nicht zum Vorwurf machen. Er konstatiert jedoch eine fehlende kulturelle Leitidee von Bildungspolitik und Bildungspraxis und bemängelt gleichzeitig die kognitive Schlagseite, die unser Bildungssystem angenommen habe und aufgrund derer die physische, soziale, ethische und ästhetische Dimension der Persönlichkeitsentwicklung aus dem Blick geraten sei. Dazu ist anzumerken: Kulturelle Leitideen werden gemeinhin erst im Nachhinein erkannt, wenn nicht gar aus den Zeugnissen  einer Ära mühsam herausgelesen – dann, ex post, erscheint uns das Zeitalter der Aufklärung beispielsweise als Hort von humanistischen Philanthropen voller Idealismus. In Zukunft wird man auch unserer Zeit wohl Leitideen diagnostizieren. Zum zweiten ist es widersprüchlich, ein Fehlen jeglicher Leitidee zu beklagen, gleichzeitig aber kognitive Schlagseiten und den Primat der Ökonomie zu konstatieren. Worum handelt es sich bei den genannten Phänomenen, wenn nicht um mehr oder weniger implizite Ausbildungen kultureller Leitideen?

Unser Schulsystem ist nicht zufällig so geworden, wie es ist. Das Beharren der Gesellschaft auf diesem System ist auch nicht bloßer Faulheit oder einem Mangel an Alternativen geschuldet – sondern eben der Vorherrschaft einer kulturellen Leitidee. Der Autor begeht den Fehler, seine (begründete) Ablehnung gegenüber bestehenden kulturellen Leitideen mit deren gänzlichem Fehlen gleichzusetzen.

Nida-Rümelins Argumentation gewönne an Schärfe, wenn er hier tiefer grübe: Worin sind die eigentlichen Ursachen unseres kognitiv ausgerichteten Bildungssystems zu sehen? Warum leben wir nicht in einer Gesellschaft, die die Bildung des ganzen Menschen mit Kopf, Herz und Hand einer einseitigen Abrichtung auf ökonomische Verwertbarkeit vorzieht und diese Präferenz in ihrem ganzen Wollen und Handeln umsetzt? Ist es nicht seltsam, dass sich die Bildungsforscher grundsätzlich kaum widersprechen, die Tendenzen zum Verharren auf dem Althergebrachten jedoch überwiegen? Eine Antwort auf diese Fragen, die Suche nach den Ursachen der Misere, die Nida-Rümelin wortgewandt konstatiert, hätte dem Buch die Brisanz verliehen, die es aufgrund der Wohlfeilheit seiner Thesen vermissen lässt.

 

Julian Nida-Rümelin: Philosophie einer humanen Bildung

edition Körber-Stiftung, Hamburg 2013. 246 Seiten,  € 18,-
ISBN: 978-3-89684-096-7

 

Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit

Hält dieser Roman, was seine Platzierung auf den Verkaufslisten verspricht? Von Kitsch und großen Wahrheiten …

Hält dieser Roman, was seine Platzierung auf den Verkaufslisten verspricht? Von Kitsch und großen Wahrheiten – eine Besprechung des Romans „Vom Ende der Einsamkeit“ des deutschen Schriftstellers Benedict Wells.

Nicht ganz vollkommen leblos – Über Antonia Baums Roman „Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf …“

Mit Pop-Literatur ist es wie mit gutem Wein: Wenn man sie aufmacht und dann stehen lässt, wird sie schon nach geringer Zeit ungenießbar.

Mit Pop-Literatur ist es wie mit gutem Wein: Wenn man sie aufmacht und dann stehen lässt, wird sie schon nach geringer Zeit ungenießbar. Beim Wein liegt es am Sauerstoff, bei Pop-Romanen ist es die Erwartungshaltung, die den Genuss zu einer Mutprobe werden lässt. Frisch, gleich nach dem Öffnen genossen, mag auch debaumr Roman von Antonia Baum mit dem Titel „Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf, wo ich lernte, mich von Radkappen und Stoßstangen zu ernähren“ für rote Wangen und Schwindelgefühle sorgen. Gleich nach dem Öffnen und vor allem ohne allzu hohe Erwartungen. Wenn man das Buch allerdings nach Wochen erneut liest, kann die unangenehm vergorene Ambitioniertheit, der man Seite auf Seite begegnet, schon mal für Überdruss, ja Widerwillen sorgen. Und für Kopfschmerzen im Nachhinein.

Das liegt vor allem an der Anbiederung, überhaupt einen Pop-Roman zu schreiben. Natürlich sind das alles Labels, und die werden einem Kunstwerk ja meist von anderen aufgeklebt; sie haben mit der eigentlichen Kunst oft gar nichts zu tun, sondern verstellen dem Betrachter (oder der Betrachterin) nur zu häufig den Blick. Wer seinem (oder ihrem) Roman allerdings einen Titel gibt / geben lässt, der so stark nach Soundschmeckt  (laut Vorbemerkung ein abgewandeltes Zitat irgendeiner „Rap-Crew“), bestimmt freilich selber schon zur Genüge die Art und Weise, in der man das Ganze zu genießen hat.

Mit literarischem Sound ist es oft wie mit den Zombies bei Walking Dead. Am Anfang wirkt er interessant und sorgt für Wiedererkennung, dann langweilt er, irgendwann ist er nur noch nervig. Und das sogar, wenn er originell ist. Baums Sound ist nicht originell, das macht es aber auch nicht besser. Seine stilistische Schlichtheit (der Perspektive der zumeist neunjährigen Erzählerin geschuldet) ist ermüdend. Sie kennen ihn wahrscheinlich aus Büchern wie Soloalbum oder Relax: Präsens, Parataxe, Umgangssprache, hier und da ein ausgefallenes sprachliches Bild, hier und da ein Anglizismus, ansonsten: Dialog. Und ein ausgefallener Titel, damit Spiegel-Literaturkritiker dann das Label „Rap auf Romanlänge“ draufkleben können. Wenn das im 21. Jahrhundert noch faszinieren mag … meinetwegen. Ich aber sage euch: Dieser Sound wird beim zweiten Hören nicht besser.

Wen Sound nicht stört, wer ihn überlesen kann, dem mag die Geschichte, dem mögen ihre Figuren und deren ach so unalltäglicher Alltag durchaus zusagen. Natürlich ist das, was da erzählt wird, alles andere als „authentisch“, geschweige denn realistisch. Es ist konstruiert und das merkt man. Auch das wäre  ja nicht das Schlimmste, gäbe es da nicht diesen Gestus des „Greift nur hinein ins volle Menschenleben!“, mit dem derartige Werke überzeugen wollen, ja müssen.

Wer von einer Familie aus einem sozialen Brennpunkt erzählt, behauptet: „Seht her, so war’s, ich erzähle von dem echten Leben, nicht von herbeifantasierten Kunstfiguren, wie es die altbackenen Schriftstellerinnen und Schriftsteller tun. Es ist aus dem Leben, weil es so anders ist als alles, was ihr so kennt und für normal haltet.“ Ein Text, der das behauptet, sollte Wert auf Plausibilität legen. Er sollte einer Neunjährigen keine Wörter wie „quasi“ in den Mund legen, wenn sie das Wort „Deeskalation“ kennt – auch nicht aus der Nacherzählung. Er sollte eine Geschichte zu erzählen haben, die über die gesamte Länge der Erzählung trägt, und das sind hier 400 Seiten! So viel sei verraten: Sie trägt nicht, die Geschichte von Romy, ihrem „verrückten“ Vater Theodor (Arzt, Künstler, Kleinganove) und ihren beiden Geschwistern. Für Rasanz fehlt ein nachvollziehbarer Konflikt, der über das Schlimme-Kindheit-Motiv hinausgeht. Dabei steckt für solche Zwecke in diesem Bericht einer Kindheit in prekären Verhältnissen Potential. Berlin kommt vor, das Jugendamt, ein Wettbüro, Drogen, und eben ein Schrottplatzwohnzimmer. Sogar eine zweite Erzählebene im Schlussteil, wo Romy 25 ist und zusammen mit ihren Geschwistern einen Unfall baut. Der Vater taucht zu ihrem Geburtstag nicht auf, so einer ist er und war er immer gewesen, und trotzdem lieben ihn die drei Kinder und sind groß geworden. Ist das eine Erkenntnis, die am Schluss des Buches bleibt?

Doch das Setting bleibt bemüht skurril und die Figuren blass, austauschbar, zu distanziert. Wenn der Konflikt nicht im Vordergrund stehen soll und die Sprache es nicht kann, dann müssten schon die Figuren Identifikation, zumindest ein gewisses Mitempfinden ermöglichen. Die Erzählerin Romy wäre eigentlich eine Kandidatin dafür, altklug und verletzlich, trotzig und hoffnungsvoll zugleich. Aber sie ist zu sehr Marionette für das Anliegen, im Gepäck des Romans eine Sozialstudie aus Prekaristan mitzuschleppen, so wie der Vater zu sehr Typ Lebenskünstler ist, als das man Mitleid mit oder Hass auf ihn haben könnte. Die Nebenfiguren sind verschwunden, ehe man sie besser kennenlernen konnte. Es ist, um den auch schon aus ausgefallen Titel von Antonia Baums erstem Roman zu bemühen „vollkommen leblos“.

Ganz vollkommen leblos? Nein. Aber alles an Baums Roman ist entweder zu wenig oder zu viel. Er spielt im Milieu und erzählt davon aus der Perspektive eines seiner „Insassen“ – aber der Roman kann sich trotzdem nicht entscheiden, wer spricht. Ist es die kleine Romy, dann verzeihen wir ihr die vielen sprachlichen Unzulänglichkeiten und ihre Unfähigkeit, und ärgern uns, dass man sie auf 400 Seiten ausbreiten muss. Oder ist es die ältere Psychologiestudentin, die auf ihre Kindheit zurückblickt? Dann ärgern wir uns über ihre Naivität und sprachliche Ohnmacht und über die 400 Seiten, auf der sie sie ausbreiten muss. So oder so, Antonia Baums Roman ist entweder unausgegoren oder bereits vergoren.

Antonia Baum: Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf, wo ich lernte, mich von Radkappen und Stoßstangen zu ernähren.
Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2015.
400 Seiten, 22,00 €
ISBN: 978-3455403374

 

Die Angst der Gesellschaft

Warum kämpfen die Menschen für ihre Knechtschaft, als ginge es um ihr Heil?

Die Gesellschaft und die Seele zu vergleichen, die Ähnlichkeit ihrer Struktur und ihrer Ziele aufzuzeigen, ihr Funktionieren mit dem Gleichgewicht ihrer Organe gleichzusetzen – dies hat Tradition bereits seit Platons Staatsdenken. Bei beiden kann man feststellen, dass sie mehr sein müssen als nur die Summe ihrer einzelnen Teile, und das eine Störung des schwächsten Teils auf kurze oder lange Sicht eine Störung des Gesamtorganismus hervorruft.

angst gesellschaftDie Metapher des Flusses scheint auf beide zu passen: werden Gesellschaft und Seele von irgendeiner Seite gestaut oder eingedämmt, kommt es auf einer anderen Seite zu einer Reaktion, da die Energie irgendwohin fließen muss. Werden ihre vitalsten Bedürfnisse nicht befriedigt (bei einer zu rigiden Eindämmung der Energie also), erfolgt früher oder später ein Ausbruch ins Unkontrollierbare. Eine Neurose, eine Depression, eine psychosomatische Erkrankung kann sowohl im individuell-psychischen als auch im sozialen Bereich die Folge sein.

Dem Psychologen Wilhelm Reich verdanken wir die Metapher des Charakterpanzers, die das Streben der Seele nach Immunität gegenüber Veränderung beschreibt, sobald diese sich einer zu großen Blockierung ihrer natürlichen Funktionen gegenübergestellt sieht. Reichs Forschung bezog sich auf Phänomene, die in einer Kultur der Triebunterdrückung zur Stauung sexueller Energie und damit von Lebenskraft führen. Er untersucht das Verhältnis von psychischen und physischen Verkrampfungen und stellte fest, dass dauerhafte Triebunterdrückung eine Verengung des Bewegungsspielraums zur Folge hat, die die Ausdrucksmöglichkeiten des Charakters beschränkt, ja geradezu verarmen lässt. All dies als Reaktion auf tief empfundene Angst davor, seinen ureigensten, spontanen Bedürfnisse nicht gerecht werden zu dürfen.

Der Zusammenhang von körperlicher Expansion und Kontraktion gilt Reich als allgemeines Lebensprinzip. Dementsprechend zeigt sich auf der körperlichen Seite eine Verengung, eine Verpanzerung und Verkrampfung, die auf eine seelische Funktionsstörung Rückschluss gibt. Krebs ist für Reich eine Art Ausdruck dieser totalen Blockierung des Gesamtorganismus – das Krebsgeschwür entwickelt sich jeweils an seiner schwächsten Stelle und ist charakterisiert durch ein ungehemmtes Zellwachstum – ein Ausbruch ins Unkontrollierbare.

Bereits Reich untersuchte die gesellschaftlichen Hintergründe, vor denen Triebunterdrückung den Mitgliedern der Gesellschaft als sinnvolle Strategie des Überlebens und des Erfolgs vorkommen kann: die Anpassung der Individuen an die rigiden und autoritären Strukturen der modernen Arbeitsprozesse verlangt Wege, die eigene Spontaneität zugunsten von Pflichterfüllung einzuschränken. Dies führt – da spontanes Triebleben sich immer im Sexuellen ausdrückt – zu einer Stauung sexueller Energie, die die Quelle neurotischer Symptome und psychosomatischer Krankheiten wird. Orgastische Potenz findet sich in solchen Strukturen nur noch in ihrer Schwundstufe, der erektiven Potenz, wieder. Qualität des Seelenlebens, auch der Triebäußerung, wird durch pure quantifizierbare Erlebnisse ersetzt.

Dem Einzelnen erscheint es sinnvoll, in einer Kultur des Verzichts seine Triebe nicht oder nur sublimiert auszuleben, da er sich soziale Akzeptanz davon verspricht. Folge sind stabile Gesellschaften, deren Subjekte sich berechenbar und affirmativ verhalten. Ein System, das auf massenhafter Ausbeutung von Lebenskraft beruht, kann nur unter solchen Voraussetzungen entstehen und erhalten werden. Trotzdem bliebt es Reich schon damals rätselhaft, warum „die Massen nicht den Weg der Befreiung aus den repressiven gesellschaftlichen Strukturen gewählt haben, sondern großenteils den Faschismus mitgetragen haben.“

Auch heute muss es rätselhaft scheinen, warum angesichts der Zustände in unseren Gesellschaften nicht mehr Menschen den Weg des Umsturzes gehen. Das System zeigt sich deutlich in seinem faschistischen Charakter, in dem Konsum und Status die Surrogate des Sadomasochismus sind, die den autoritären Charakter von heute befriedigen, freilich nur kurzzeitig, süchtig machend und mit fatalen Konsequenzen für andere Menschen und Tiere.

Warum kämpfen die Menschen für ihre Knechtschaft, als ginge es um ihr Heil? […]. Wie Reich sagt, liegt das Erstaunliche nicht darin, daß Leute stehlen, andere streiken, vielmehr darin, daß die Hungernden nicht immer stehlen und die Ausgebeuteten nicht immer streiken. – Gilles Deleuze / Félix Guattari

Die Antwort – in vertrauter Gleichsetzung von Seele und Gesellschaft – könnte in der Angst liegen, die beiden gemacht wird. Angst, stetig und dauerhaft lastend, erzeugt den Panzer, der eine freie Bewegung unmöglich macht. Eine freie Bewegung aber, selbstbewusst und furchtlos, ist die Voraussetzung für Änderung und Befreiung, ja sogar erst für ein Bewusstsein von deren Notwendigkeit.

Angst wird gesellschaftlich hergestellt, um Kontrolle auszuüben. Dieser Zusammenhang ist zur Genüge festgestellt und untersucht worden. Eine Körperpanzerung scheint heute kein gesellschaftliches Symptom zu sein. Lässt dies nicht auch auf eine verringerte seelische Panzerung schließen? Die Möglichkeiten, sich ausleben, scheinen in unserer Erlebnisgesellschaft doch beinahe unbegrenzt vorhanden zu sein. Mehr noch, es fällt dem Individuum als Aufgabe zu, für sein körperliches und seelisches Wohl selber zu sorgen, um zur Herstellung von Waren und Dienstleistungen sowie zu deren Verbrauch fähig zu sein. Burn-Out und Depression können von demjenigen als Menetekel gelesen werden, der nicht aus dem System von Produktion und Konsum, der Anerkennung und Zugehörigkeit schafft, herausfallen will.

Gleichwohl – der Druck auf den Einzelnen, dies zeigt der Soziologe Richard Sennett in seinem Buch „Der flexible Mensch“, steigt auch heute immens. Hinzu kommt die nun deutlich am Leib jedes einzelnen zu spürende engmaschige Überwachung der gesamten Produktionsprozesse durch den Einsatz moderner Kommunikationsmittel.

Die größte Angst scheint nach wie vor diejenige zu sein, abgehängt – von „den anderen“ nicht akzeptiert zu werden. Doch die Mittel, die zur Verhinderung dieses Szenarios eingesetzt werden müssen, sind heute diejenigen des Individuums, das für sein Glück, seinen Erfolg und seine Selbstverwirklichung allein verantwortlich ist. Seine Zeit nicht genutzt zu haben, um aus sich selbst das Beste gemacht zu haben, kommt beinahe dem sozialen Tod gleich. An dieser Verantwortung zugrunde zu gehen, ist die heutige Angst der Gesellschaft.

Je größer die Angst der Gesellschaft, desto größer ist auch ihr Charakterpanzer. Körperlich diagnostiziert wird er vielleicht seltener in Verspannung und Verkrampfung, da die Angebote zur (sexuellen) Triebbefriedigung vielfältig und verfügbar sind. Aber psychosomatische Erkrankungen erscheinen uns heute deutlicher als Zeichen eines „erschöpften Selbst“, wie es der Soziologe Alain Ehrenberg beschreibt.

Je mehr Angst herrscht, desto stärker wird das Vertrauen denjenigen gegenüber, die vor der Gefahr zu schützen vorgeben. Diese – vornehmlich Status, Sicherheit, Vorhersagbarkeit – sind jedoch Repräsentanten des gleichen Systems, das die Angst erst hat entstehen lassen.

Die Schriftstellerin Juli Zeh schreibt dazu:

Es geht nicht nur um Typisierung, sondern vor allem um Prognose. Wir unterliegen einem sagenhaften Glauben an die Quantifizierbarkeit, mit anderen Worten: An die Vorhersagbarkeit der Zukunft (bzw zukünftigen Verhaltens) aufgrund von Datenauswertung. Die ultimative Bedrohung der Freiheit liegt in einem Ummünzen des Sicherheitsbegriffs von einer repressiven (= Verbrechen werden bestraft) in eine präventive (= Verbrechen werden verhindert) Idee. Das Gleiche ereignet sich im Gesundheitssektor (Krankheiten müssen nicht geheilt, sondern verhindert werden). Je mehr Daten die Illusion aufblähen, dass wir künftige Kriminalität oder künftige Krankheit (als die beiden wichtigsten menschlichen Störfälle) vorhersagen können, desto größer wird der Druck auf den Einzelnen werden – von der Notwendigkeit, bestimmte Verhaltensweisen zu unterlassen, bis hin zu Verhaftungen zur Verbrechensverhinderung.

Sowie sich die Seele panzert, um sich Veränderung gegenüber zu immunisieren, panzert sich auch die Gesellschaft, wenn die Angst von ihr Besitz ergreift. Diese Einengung, die in erster Linie eine der Vorstellungskraft ist, zeigt sich heute in vielen Bereichen: von der quasi-freiwilligen Einengung der pädagogischen Imagination auf das Ziel, wirtschaftliches Abgehängtsein zu vermeiden (anstelle eines Vertrauens in die Vorstellung von einem selbstbestimmten, freiwilligen und intrinsischen Lernen); über die gedankliche Verkrampfung, dank der die Idee eines anderen Geldsystems utopisch genannt wird; bis hin zur massenmedialen Kontraktion, die ein alternatives Wirtschaften von vornherein undenkbar macht („Wie soll denn eine andere Gesellschaft aussehen?“) – anstatt die vorhandenen Vorschläge beherzt weiterzudenken und umzusetzen.

Je stärker der gesellschaftliche Charakterpanzer, desto unvorstellbarer erscheint eine Alternative, desto ungangbarer eine Abweichung vom gewohnten Weg und desto unmöglicher auch nur der erste Schritt abseits. Obwohl es mittlerweile klar sein sollte, dass der Weg, den die modernen Gesellschaften gehen, nicht nur ins Abseits, sondern geradewegs in den Abgrund führt.

Venezuela, das sozialistische Paradies

Sie wollen auch fünf Tage Wochenende und nur zwei Tage arbeiten? In einem Land leben, wo jeder Geld hat wie Heu? – Das können Sie nun in Venezuela – dem Sozialismus des 21. Jahrhunderts sei Dank!

Sie wollen auch fünf Tage Wochenende und nur zwei Tage arbeiten? In einem Land leben, wo jeder Geld hat wie Heu? – Das können Sie nun in Venezuela – dem Sozialismus des 21. Jahrhunderts sei Dank! – Über die Zustände in Venezuela 2016, Ursachen und Folgen mein Video auf Youtube:

 

Und auf Soundcloud:

Die digitale Gefahr – Über Byung-Chul Hans „Im Schwarm. Ansichten des Digitalen“

Es ist nicht schwer, Medienkritik zu kritisieren. Gibt sie sich optimistisch und preist die medialen Innovationen als förderlich für Individuum und Gesellschaft, wirft man ihr Naivität und den Verlust eines auf festen Werten gründenden Menschenbildes vor. Kommt die Medienkritik skeptisch daher und warnt vor den schädlichen Einflüssen, der unreflektierten Übernahme in den Alltag, so muss sie sich den Stempel des Ewiggestrigen gefallen lassen. Zu leicht kann man diesem Ansatz eine Wiederholung des immergleichen Arguments vorwerfen, das durch den Fortgang der Geschichte längst entkräftet scheint. Schon immer wurde das neue Medium zugunsten des alten abgelehnt, aus Furcht vor dem Neuartigen an sich und vor der Unsicherheit, die es mit sich bringt.

hanKulturkritische Ablehnung offenbart sich schnell als ressentimentgeladener Konservativismus um seiner selbst willen: Der Schrift wurde vorgehalten, sie mache das Einüben von Gedächtnistechniken überflüssig; der Buchdruck wurde zum Feind klerikaler Deutungshoheit, somit zum Feind der Einen Wahrheit; das Fernsehen gefährdete gleich das Lesen und die gesamte Kultur an sich. Kritik am Romanlesen wird zur Verteidigung desselben, sobald die ersten Comics zur kollektiven Lektüreerfahrung jüngerer Schichten werden. Heutzutage gilt das Comiclesen selbst unter Oberstudienrätinnen und -räten nicht mehr als anrüchig, sondern als Teilhabe an einer als künstlerisch innovativ geschätzten Literaturform – sowie als Ausweis des eigenen weltoffeneren Kulturbegriffs.

Oft fehlte medienkritischen Ansätzen dieser Art ein volles Bewusstsein für die Möglichkeiten, die die neuen Medien mit sich bringen, sowie für den klugen Umgang, den eine Gesellschaft mit ihnen zu lernen in der Lage ist. Dass das neue Medium das alte selten verdrängt, sondern mit ihm koexistiert, synergetisch gar, ist eine weitere Erfahrung, die einer einseitig warnenden Kritik von vornherein den Wind aus den Segeln nehmen müsste.

Heute sind es eben das schnell produzierte eBook, der Tweet, das youtube-Video, das facebook-Like usw., die den Zusammenhalt der Gesellschaft bedrohen. Der Traktat „Im Schwarm. Ansichten des Digitalen“ des Berliner Philosophen Byung-Chul Han versammelt Vorwürfe wie diese in geschliffener, philosophisch grundierter Weise zu einem Frontalangriff auf alles, was an innovativen medialen Phänomenen ausgemacht werden kann. Er gefällt sich in der Pose des Rufers in der Wüste, des Verteidigers von Kulturwerten wie Respekt, Distanz, Dialog etc., die er als für den Fortbestand einer lebenswerten Gesellschaft unabdingbar sowie gleichzeitig aufs Höchste gefährdet sieht.

Mit der Behauptung zu beginnen, es gebe eine Krise, ist für einen Traktat immer von Vorteil, da dem zu keiner Zeit widersprochen wird. Stets empfinden die Zeitgenossen ihre eigene rasante Epoche als krisenhaft und vergleichen sie mit einer als idyllisch(er) vorgestellten Vergangenheit, die es so wahrscheinlich nie gab. Wenn Han nun behauptet, die heutige Krise werde von unserer Blindheit für die Auswirkungen der realen Medien ausgemacht, so gibt er zugleich die Tonart an, in der seine Kulturkritik zu spielen ist: wer uns die Benommenheit durch den unreflektierten Gebrauch neuer Medien nähme, nähme uns auch die gesellschaftliche Krise.

Diese Krise ist für ihn eine des Respekts, da unsere heutige „Skandalgesellschaft“ von einem Verlust an Distanz geprägt sei. Es herrsche die „totale Distanzlosigkeit, in der die Intimität öffentlich ausgestellt wird und das Private öffentlich wird.“ Gerade diese Vermischung von privater und öffentlicher Sphäre verursache einen Verlust an politischer Gestaltungskraft – mit den Shitstorms gehe eine Empörungskultur einer, die den öffentlichen Raum nicht gestalten kann, weil sie selber unkontrollierbar ist. Von Fluidität und Volatilität beherrscht sei ein Diskurs, der sich nur nach der je nächsten Erregung richte. Öffentlichkeit aber benötige Contenance, Dialog, Diskretion, damit sie eine „gesamtgesellschaftliche Sorgestruktur“ aufweisen kann. Diese sei heute zugunsten einer „Sorge um sich“ verloren gegangen.

Verlust allenthalben also. Ähnliche Argumente kennt man nicht erst seit Neil Postman. Wer Hans Schrift in der U-Bahn einer beliebigen westlichen Stadt liest, mag sich fragen, wann und wo die ganze Distanzlosigkeit nun endlich zum Vorschein treten mag. Auch ein Gang durch die Fußgängerzone offenbart nicht, wo hier Intimität und Privatsphäre verloren gegangen wären. Handelt es sich vielleicht bloß um aufgeblasene mediale Phänomene, an denen nur eine bestimmte Schicht teilhat (die in früheren Zeiten zu Gladiatorenkämpfen und zum Pranger auf dem Marktplatz ging), während sich die Mitte der Gesellschaft allgemein akzeptierte Umgangsformen von Respekt und Höflichkeit bewahrt? Man hat heute zwar ungehindertere Möglichkeiten, seine Intimitäten öffentlich auszuleben und an denjenigen anderer zu partizipieren, aber macht uns das schon zu einer Gesellschaft, die im Begriff ist den Sinn für Privatheit zu verlieren? Umso erstaunlicher ist es doch, wie viel Distanz die Mitglieder der Gesellschaft doch Tag für Tag einander zukommen lassen.

Und die propagierte „kritische Öffentlichkeit“: War sie je mehr als – im schlechtesten Sinne – ein Popanz, errichtet von denen, die mediale Macht besitzen, zu dem Zweck, der Gesellschaft die Illusion von Teilhabe zu geben? Und im besten Sinne: eine Utopie, die zu verwirklichen eben erst die Teilhabe einer „kritischen Masse“ zur Voraussetzung hat? Aber Hans Denken ist zu elitär, als dass er sich auf den zurzeit sich verwirklichenden Gedanken einlassen möchte, aus massenhaftem Zugang zu Information und Kommunikation könnte sich auch qualitativ Neues und Besseres ergeben. Ist der öffentliche Diskurs nicht nur ein Scheindiskurs, in dem Relevanz von denjenigen bestimmt wird, die es sich leisten können? Und Öffentlichkeit nur eine Illusion, die mittels Web 2.0 endlich durchbrochen wird? Wer im Zeitalter von Shitstorms den Verlust an Sinnproduktionsfähigkeit bei den herkömmlichen Medien konstatiert, muss sich fragen, wer denn bestimmen soll, was gesellschaftliche Relevanz besitzt – wenn nicht die Gesellschaft selbst. Und sei es mittels Empörung und Skandalisierung. „Besser ist’s, es gibt Skandal, als die Wahrheit kommt zu kurz.“ (Gregor der Große)

Hans Argument lautet, durch die allgemeine Zerstreuung komme der gesellschaftsverändernde Zorn gar nicht mehr auf, da der Skandalgesellschaft dafür die nötige Gravitation und Richtung fehle. Ein „Wir“, zur gemeinsamen Handlung befähigt, die das bestehende Herrschaftsverhältnis frontal anzugreifen vermag, gebe es nicht mehr. Es sei zu einer Schwundstufe verkommen, dem digitalen Schwarm, dem jede Entschlossenheit fehlt.

Die Frage ist nur, ob es dieses Wir je gegeben hat. Worin sieht Han dieses Wir? In der veröffentlichten Meinung, in den Kommentarspalten überregionaler Zeitungen, in den Aufsätzen der Philosophieprofessorinnen oder in den Sonntagsreden der Gewerkschaftsführer? Kommen oder kamen aus dieser Richtung etwa gravierende gesellschaftsverändernde Tendenzen? Wird man allen Ernstes behaupten wollen, den Erzeugnissen der Mainstream-Medien komme irgendein kritischer, innovativer Impuls zu? Hat sich das System dieses „Wir“, dem Han nachtrauert, nicht längst, zumindest nach 1968, manipulativ einverleibt, um es unschädlich zu machen?

Unfreiwillig komisch wird es dann, wenn Han von der Abschaffung der Repräsentation zugunsten der Präsenz spricht. Heute, so sein Argument, wolle jeder selbst direkt präsent sein, anstatt sich von fern „Priestern der Meinung“, den Journalisten und Politikern, repräsentieren zu lassen. Diese Entmediatisierung, der Prozess des Verlusts einer vermittelnden, filternden Elite, führe – so der kulturpessimistische Gemeinplatz – zur Verflachung von Sprache und Kultur. Im gleichen Zug verschwinde auch der Politiker, der seiner Wählerschaft mit einer Vision vorausgehe. Angesichts der Realität in Medien und Politik kann man sich wirklich nicht sicher sein, ob dieses Lob auf den beinahe heroischen Journalisten/Politiker nicht doch ironisch gemeint ist.

Dass aus dem Verlust an Repräsentationsmacht auch eine befreiende Wirkung, nämlich von Zensur und Manipulation, einhergehen kann, zeigen die zahlreichen, durch Crowdfunding finanzierten und durch soziale Vernetzung an Vielfalt und Qualität gewinnenden investigativen Blogs, deren aufklärerischen und emanzipatorischen Wert Han nicht anerkennen kann. Wer sich heutzutage z. B. über die Lage der Gesellschaft in Russland informieren möchte, ist eben nicht mehr nur auf die doch recht einseitige Darstellung westlicher Medien angewiesen.

Han führt eine Vielzahl weiterer Angriffe gegen die neuen Medien, die in ihrer Stoßrichtung zwar vorhersagbar, in der Originalität ihres Ansatzes jedoch oft erhellend sind. Skype, facebook, Google Glass, die Technik des Touchscreens – alles wird dem kulturkritischen Blick des Phänomenologen unterworfen. Bemüht werden zu Deutungszwecken Heidegger, Sartre, Lacan … die üblichen Verdächtigen. Gerade was Sartres Blick-Theorie angeht, kann Han diese Referenzen geschickt nutzen. Dieser Part ist dementsprechend auch der stärkste des Traktats.

Doch argumentative Ausgewogenheit ist Hans Sache nicht. Auf mögliche Gegeneinwände zu reagieren, dazu lässt er sich nicht herab. Hier wird nicht erörtert, hier wird keine Gegenseite wahr- und ernst genommen und deren Contra abgewägt. Han sieht seine Aufgabe offenbar darin, das Digitale von allen Seiten her zu attackieren und demjenigen, der sich schon immer einmal über die wahrlich enervierende Art der Teilnehmer des öffentlichen Nahverkehrs, nur noch auf Bildschirme zu starren, aufgeregt hat, Kanonenfutter für seine Hasstiraden zu liefern. Kanonenfutter mit philosophiegeschichtlicher Provenienz. Nie ist es die Absicht, das ahnte man bereits nach der Lektüre der zuvor erschienenen Traktate „Transparenzgesellschaft“ oder „Müdigkeitsgesellschaft“ und weiß es jetzt nach den ersten Sätzen: nie ist es die Absicht, eine Reihe von Argumenten logisch aufeinander aufzubauen, die in der Lage wären, das Behauptete zu beweisen. Und so bleibt es aufs Ganze gesehen nicht mehr als eben das.

Auch empirische Überprüfung von Thesen und Argumenten ist Hans Sache nicht. Wie seine Vorgänger ist auch dieses Bändchen schmal und mit Vergnügen zu lesen, weil es gut geschrieben ist und seine im Grunde sympathische Anti-Haltung recht originell an den Tag legt. Doch mit Fakten über den tatsächlichen Gebrauch neuer Medien, mit psychologischen, neurobiologischen, soziologischen oder pädagogischen Untersuchungen über den Umgang mit Computer und Internet, gar mit Statistiken, möchte sich der Philosoph nicht abgeben. Er bekräftigt damit diejenigen, die seine Schriften (und die Philosophie gleich mit) für vorurteilsbeladene Besserwisserei ohne Anker in der Empirie halten. Die Bücher Nicholas Carrs oder Manfred Spitzers machen zumindest in dieser Hinsicht vor, dass es auch anders geht.

Wichtigstes Argument Hans ist die Behauptung, mit den neuen Medien gehe ein Verlust der Fähigkeit einher, etwas ganz Anderes, Singuläres zu erzeugen. Mit der digitalen Kultur ziehe eine Positivität ein, die Han exemplarisch am „Gefällt mir“ von facebook festmacht. Ein „Gefällt mir nicht“ ist nicht vorgesehen; es wäre Ausweis kritischer Negativität. (So gibt es also keinen Button, der es dem facebook-Nutzer erleichtern würde, das Fehlen eines „Gefällt mir nicht“-Buttons kritisch und mit einem Klick zu beanstanden. Er müsste dafür schon ein paar Zeilen in seine Statuszeile schreiben. Da er dafür zu bequem ist, bleibt die Kritik aus.) Der Möglichkeitssinn, der dem Faktischen ein utopisches Element entgegenhält, verliere sich somit unter dem größer werdenden Druck des Digitalen.

An diesem Argument lässt sich der Haupteinwand gegen Hans neuestes Buch festmachen. War Negativität denn je irgendwo vorgesehen? War Kritik je „bequem“ – musste man nicht immer wenigstens ein paar Zeilen schreiben, um die herrschenden Verhältnisse anzuprangern? Gibt oder gab es etwa je ein Medium, das per se Alterität und utopisches Denken fördert? Ist Stille, Distanz, das Singuläre nicht immer – singulär?

Han scheint Angst vor dem Verlust einer Vergangenheit zu haben, die es so nie gab. Ihn scheint Furcht vor einer Welt umzutreiben, in der die Masse der Menschen so wird, wie sie bereits ist und wohl stets war. Das Anderssein (das ist fast ein analytisches Urteil) war zu allen Zeiten eine Sache der Wenigen, und diese werden sich auch zu allen Zeiten den Verdummungsangeboten widersetzen müssen, um anders zu bleiben. Neues zu schaffen, im emphatischen Sinne zu denken und zu handeln, sich ins Unbekannte, Unbegangene zu wagen, wie Han heideggernd formuliert – wann waren das je gesellschaftlich geförderte und praktizierte Tugenden? Dass dies im Gegenteil stets eine solitäre Angelegenheit war, dafür ist die Ursache wohl nicht in den medialen Umgebungen zu suchen. Und dass es irgendwann einmal keine begnadeten Einzelgänger geben wird, die diese Kunst der Einsamkeit, Stille und Abwesenheit beherrschen, dafür ist nach der Machtergreifung des Digitalen die Gefahr genauso groß wie jederzeit zuvor.

Was es braucht, wäre eine Tugend des klugen Umgangs mit den neuen Möglichkeiten, anstelle einer kategorischen Verteufelung. Auch der Einzelgänger, gerade er, braucht die Fähigkeit des souveränen Wechsels zwischen Distanz und Nähe, Besinnung und Kommunikation, und ein Wissen darüber, welche Möglichkeiten wie anzuwenden sind. Dies ginge in die Richtung einer spekulativ reflektierenden und empirisch begründenden Philosophie der Lebenskunst, für die Han in öffentlichen Äußerungen nur Spott übrig hat. Ob seine ablehnende Skepsis da allerdings eine nützlichere Haltung einnimmt, ja, ob sie wirklich ernsthaft von Nutzen sein will, sind zwei der Fragen, die sich der Leserin und dem Leser nach der Lektüre von „Im Schwarm“ stellen.