Das Paradies wird in der Kunst verteidigt – Thomas von Steinaecker: „Die Verteidigung des Paradieses“

Thomas von Steinaecker schreibt mit Die Verteidigung des Paradieses eine deutsche Dystopie

Thomas von Steinaecker schreibt mit Die Verteidigung des Paradieses eine deutsche Dystopie

 

Nennen Sie ein altes deutsches Volkslied. Ihnen fällt keines ein? Dann wählen Sie unter diesen dreien:

  1. „Am Brunnen vor dem Tore“
  2. „Ich war noch niemals in New York“
  3. „99 Luftballons“

Alles relativ, sagen Sie? Was alt ist, bestimmt Gott Chronos, was ein Volkslied ist, der Volksgeschmack, und was deutsch ist … ja, wer bestimmt das eigentlich? Die Sprache, das Land, die Eltern, die Haltung zur Welt? Oder ist es gar die Erbausstattung? Weiterlesen „Das Paradies wird in der Kunst verteidigt – Thomas von Steinaecker: „Die Verteidigung des Paradieses““

KaiserTV Podcast, Folge 1: Was ist Resonanz?

Auch das Fernsehen hat ja mal klein angefangen, nämlich als Radio, und so geht es auch KaiserTV – erstmal als halbstündiger Podcast über Hartmut Rosas im Frühjahr 2016 bei Suhrkamp erschienene Soziologie der Weltbeziehung – „Resonanz“.

Auch das Fernsehen hat ja mal klein angefangen, nämlich als Radio, und dieses Schicksal teilt nun offenbar auch KaiserTV – Folge 1 erscheint erstmal als halbstündiger Podcast über Hartmut Rosas im Frühjahr 2016 bei Suhrkamp erschienene Soziologie der Weltbeziehung„Resonanz“.

Auf Soundcloud zu hören unter:

 

Depressionen durch zu viel Kapitalismus?

history of the great depression, myths, causes and effects, from Coolidge to Roosevelt

Die Geschichte der Großen Depression – Märchen, Ursachen und Folgen

 

Von Zeit zu Zeit braucht der Mensch, um als guter Untertan funktionieren zu können, eine Gute-Nacht-Geschichte. In diesem Märchen treibt der böse Wolf der menschlichen Freiheit sein Unwesen, wird vom guten Staat aber letztlich doch vertrieben oder zumindest in seine Schranken verwiesen.

Eines dieser Märchen ist dabei das von der Großen Depression von 1929 bis 1941, die sich in Form großer wirtschaftlicher Schwierigkeiten und individueller Not und Armut vor allem auf das Leben von Millionen Amerikanern ausgewirkt hat.

Dieses Märchen erzählt von den Auswirkungen einer allzu freien Marktwirtschaft und von den rettenden Eingriffen durch die Hände des Staates. Und es ist der Grund dafür, dass Menschen heutzutage noch immer glauben, zu viel Freiheit sei schädlich, und dass sich in der freien Marktwirtschaft jederzeit, ohne Vorwarnung, gewaltige Rezessionen ereignen können, die Wohlstand und von heute auf morgen zerstören. Und dass “der Staat” dem eben vorbeugen müsse … und wenn er das dann nicht geschafft hat (wen wundert’s`?), müsse er wenigstens die Folgen so wenig hart wie möglich gestalten.

Das Märchen von der Schuld des Kapitalismus an der Weltwirtschaftskrise, dem Börsencrash von 1929 und der Great Depression ist jedoch nichts weiter als das – ein Märchen. Auch sein Happy End, nämlich die Erzählung davon, dass staatliche Interventionen schließlich zu der wirtschaftlichen Erholung geführt hätten, die sonst niemals oder nur unter sehr großen weiteren Opfern eingetreten wäre, ist ein gerne weitergetragener Mythos.

Da sich Menschen aber, wenn sie beherrscht werden wollen, gerne Märchen und Sagen erzählen lassen, ist es auch schwer, mit Fakten und Indizien ihre Ansichten über den Gang der Geschichte ändern zu wollen.
Gleichwohl ist es notwendig, es zu versuchen.

Fragen wir also: Was waren die wirklichen Ursachen der Großen Depression? Welche Folgen hat sie gezeitigt? und: Was haben die staatlichen Eingriffe tatsächlich gebracht?

Wie kam es zur Depression?

Nach Frederic Bastiat ist Ökonomie auch die Lehre „von dem, was man sieht, und von dem, was man nicht sieht“. Um das Offensichtliche zu erklären, muss man also erst das Verborgenen aufdecken.

Obwohl das moderne Märchen behauptet, dass der freie Markt sich im Verlauf der Zwanziger Jahre selbst zerstört habe, ist doch das Regierungshandeln der eigentliche Motor der Depression. Die Rezessionen, die zuvor stattfanden, dauerten nicht länger als 3 bis 4 Jahre, viele waren sogar um einiges kürzer, und es ist wahrscheinlich, dass auch sie sich bei einem Ausbleiben staatlicher Eingriffe nicht länger erstreckt hätten. Stattdessen wurde die Krise zu einer über ein Jahrzehnt anhaltenden Depression verstärkt.

Was war geschehen? Nun, das Jahrzehnt zuvor nennt man die Goldenen Zwanziger, die „Roaring Twenties“. Der Große Gatsby, das Model T von Ford, Al Capone und die Prohibition, der Caesar’s Salad wird erfunden, Charleston und Irving Berlins „Blue Skies“ … eine Zeit, an dem sich ein Boom an den anderen anschloss.

Es ist ein ehernes Gesetz, das wir in der Historie wie im persönlichen Leben nur zu oft beobachten können: Was aufsteigt, wird irgendwann fallen. Nach einem Aufschwung kommt der Abschwung, und der wird umso stärker sein, je höher und schneller sein Vorgänger war. Gerne blicken wir ja auf ein ganz bestimmtes Datum, hier den 24. 10. 1929, an dem wir alles festmachen zu können glauben. Doch dieses Ereignis, das so viel Aufmerksamkeit auf sich zieht, war nur ein weiteres Datum in einer Reihe von bewussten und unbewussten Aktionen, die sich dem Blick der Öffentlichkeit entziehen.

Nun ist die Frage, ob der Aufschwung, dessen Wirkungen wir im Aufblühen der Kultur der 20er Jahre sehen, nur eine Folge von zu großer wirtschaftlicher Freiheit, von rücksichtslosem Spekulieren und Investieren ist, oder ob auch der Staat dafür gesorgt hat, dass das Leben der Menschen sich innerhalb so kurzer Zeit so umfassend geändert hat.

Die eine staatliche Aktion, die den größten Einfluss auf das gesamte Leben der Menschen hat, ist die, das Geld zu drucken.
Und tatsächlich gibt es Schätzungen, dass die Federal Reserve die Dollar-Geldmenge von 1921 bis 1918 um mehr als 60 % erhöht hat. Dies musste unweigerlich zu geringeren Zinsraten führen – weil es ein größeres Angebot an Geld gab, wurde das Geld billiger. Denn Zins ist nichts anderes als der Preis des Geldes. In einer freien Wirtschaft zeigt der Zins an, wie viel Geld von den Menschen benötigt wird im Verhältnis zum Angebot. Wenn nun Geld billig ist, ist der Anreiz, zu investieren, viel stärker, als er normalerweise wäre. Die Börsenkurse steigen und die Aktienbesitzer und Unternehmer denken, es gäbe eine reale Nachfrage nach den Produkten des Unternehmens. Es wird also mehr und mehr produziert – während eine reale Nachfrage gar nicht in dem angenommenen Maße existiert.

Der österreichische Ökonom Ludwig von Mises hatte diesen Mechanismus schon 1924 beschrieben:

Der naive Inflationismus fordert Vermehrung der Geldmenge ohne zu ahnen, dass [dies] die Kaufkraft der Geldeinheit vermindert. Er will mehr Geld sehen, weil Geldfülle in seinen Augen schon Reichtum ist. Fiat money!

Als die Fed nach sieben Jahren des Aufblähens der Geldmenge zwischen 1929 und 1933 schließlich die Zinsen wieder in die Höhe trieb und den Geldhahn zudrehte, nämlich um 30%, wurde es den Anlegern klar, dass, wenn das Geld knapp wird, man die Aktien lieber vorher als zu spät verkaufen sollte. Eine Lawine brach los.

Denn zwischen 1929 und 1933 fiel die nationale Produktion um mehr als die Hälfte. Der Einkommensdurchschnitt fiel um 28 %, die Börsenkurse fielen auf ein Zehntel des ursprünglichen Werts, 1933 schließlich gab es 12,8 Millionen Arbeitslose. Betrug die Arbeitslosigkeit 1929 noch 3,2%, waren es 1933 bereits 25%!

Da aber der Mann auf der Straße die Eingriffe des Staates nicht sehen kann, steht er ratlos vor dem Trümmerhaufen seiner eigenen Existenz und singt, wie später Bruce Springsteen:

lately there ain’t been much work, on account of the economy

Ja, wegen der Wirtschaft halt, das muss als Begründung ausreichen.

Es scheint also, dass die Fed, eine private Bank, die vom Staat das Monopol zum Gelddrucken erhalten hat, den Boom künstlich erzeugt hat. Ben Bernanke, Präsident der Fed bis 2014, hat dies zugegeben:

You’re right, we did it. We’re very sorry. But thanks to you, we won’t do it again.


Was geschah dann?

Dann kam die Präsidentschaft Herbert Hoovers, eines Mannes, der oft als Laissez-faire-Politiker dargestellt wird. Er habe sich geweigert, zu intervenieren, sondern wollte alles den freien Märkten überlassen, so geht dieser Teil des Märchens.

Doch nicht einmal sein politischer Gegner in den 1932er Wahlen hätte Hoover so bezeichnet. Im Gegenteil: Franklin. D. Roosevelt beschuldigte Hoover, er führe das Land durch rücksichtslose extravagantes Ausgeben in den Abgrund, er sei verantwortlich für die größten Ausgaben in Friedenszeiten, die das Land zum auf die Ebene des Sozialismus runterziehen werden.

Was nun würde ein Laissez-faire-Politiker, neben vielen anderen Dingen, niemals machen? Den Markt beschränken, indem er über bestimmte Güter Zolltarife verhängt. Was Hoover aber, neben vielen anderen Dingen, tat, war genau das. Der Smoot-Hawley-Tariff Act von 1930 beschränkte den Import auf den höchsten Level seit 100 Jahren, und zwar so stark, dass die Preise fielen, die Banken schlossen, die Farmer ihre Farmen aufgaben, die Arbeitslosigkeit z. B. in Cleveland auf 50 % stieg, der Dow Jones Index erst ein Vierteljahrhundert später wieder den Stand von 1929 erreichte und die ausländischen Wirtschaften, vor allem die den Verpflichtungen des Versailler Vertrags unterworfene Wirtschaft der Weimarer Republik, darunter litten.

Das Gesetz hatte einen großen Anteil am Rückgang des US-amerikanischen Außenhandels, und damit am Zusammenbruch des Welthandels während derWeltwirtschaftskrise. Es verschärfte die protektionistischenTendenzen in der Welt. Die Importe der USA sanken zwischen 1929 und 1933 um 66 % von 4,4 Milliarden Dollar auf 1,5 Milliarden Dollar. Die Exporte fielen um 61 % von 5,4 Milliarden Dollar auf 2,1 Milliarden Dollar. Die Importe aus Europa fielen von 1,334 Milliarden im Jahr 1929 auf 390 Millionen Dollar im Jahr 1932, und die Exporte nach Europa von 2,341 Milliarden auf 784 Millionen Dollar. (Quelle: Wikipedia)

Sogar der Wirtschaftslehrer im Film „Ferris macht blau“ wusste das! Es ist eine Voodoo-Ökonomie!

 

Hoover also war alles andere als ein Non-Interventionist. Der Anteil der Staatsausgaben am Bruttosozialprodukt betrug beispielsweise 1931 über 20% – nicht gerade rein kapitalistisch. Und als ob mit Subventionen, hohen Zöllen und einer verfehlten Geldpolitik noch nicht genug getan worden wäre, um die Menschen davon abzuhalten, in Ruhe ihren Geschäften nachzugehen, wurde 1932 der Revenue Act verabschiedet, der die Einkommenssteuer verdoppelte!

Giftige Medizin

Als FDR dann Präsident wurde, führte er genau das fort, wogegen er sich zuvor immer gestellt hatte: Hoovers Interventionismus. Nun, 1933, war auch in seiner Antrittsrede nicht mehr die Rede von verfehltem Regierungshandeln – er gab den skrupellosen Geldwechslern die Schuld!

Plötzlich war jemand, der Gold besaß, ein Verbrecher. Die Menschen durften sich nicht mehr frei aussuchen, wie sie ihr Geld sparten. Roosevelt beschränkte den Goldbesitz und entwertete den Dollar damit um 40%. Bis 1936 stiegen die Staatsausgaben um 83%, die Staatsschulden auf 73%! 1933 zwang man die meisten Industrien in regierungsgesteuerte Kartelle, regulierte Preise und Löhne und trieb so die Kosten um 40 % nach oben. Die industrielle Produktion fiel so um ein Viertel.

Das Mindestlohngesetz von 1938 verhinderte, dass gering ausgebildete und junge Menschen in den Arbeitsmarkt einsteigen konnten – machte auf diese Weise viele von ihnen wiederum abhängig von der Sozialhilfe, die 1935 eingerichtet worden war. Landwirtschaftliche Produkte mussten zerstört werden, um die Preise künstlich zu erhöhen – Weizen und Mais wurden verbrannt, gesunde Schafe, Rinder und Schweine wurden in Massengräbern verscharrt. Sechs Millionen Ferkel wurden geschlachtet, ohne dass ihr Fleisch verkauft worden wäre. Farmer wurden vom Staat für ihre Untätigkeit bezahlt.

Schließlich kamen drastische Steuererhöhungen (Einkommenssteuerraten bis über 90 %) und die krypto-faschistischen Bestimmungen der National Recovery Administration (NRA), die Eingriffe noch in die kleinsten Teile des wirtschaftlichen Lebens vorsahen, bald aber vom Obersten Gerichtshof für verfassungswidrig erklärt wurden. 1941 plante Roosevelt sogar eine Einkommenssteuer von 99,5%!
Wie Roosevelts Finanzminister Henry Morgenthau in seinem Tagebuch schrieb:

Wir haben es mit Geldausgeben versucht, wir geben mehr aus als je zuvor, und es hat nicht funktioniert … Nach acht Jahren in der Regierung haben wir genauso viel Arbeitslosigkeit wie als wir begannen, und eine enorme Staatsschuld obendrein.

Und dann kam der Krieg, aber das ist eine andere Geschichte …
Obwohl FDR also das Amt von Hoover übernahm, mit dem Versprechen, weniger zu regulieren, tat er genau das Gegenteil, und dies verlängerte die Depression auf mehr als ein ganzes Jahrzehnt! Was also mit einer unverantwortlichen Geldpolitik der Regierung begann, wurde verlängert und verschlimmert mit Tarifen, Steuern, Regulationen von Produktion, Konsum und Arbeit, Fehlsubventionen und Zerstörung von Natur und persönlichem Eigentum.

Es ist wichtig, dass das Märchen von der bösen Freiheit nicht mehr erzählt wird – sondern Fakten und logische Schlussfolgerungen aufzeigen, wer für Arbeitslosigkeit, Armut und Hunger verantwortlich ist. Denn je öfter wir uns eine Geschichte erzählen, die dem Staat die Rolle des edlen Ritters zuschreibt, wird er stärker und mächtiger werden – und irgendwann sein wahres Wesen auch den schlafenden Kindern offenbaren.

Literatur:

Burton W. Folsom jr.: New Deal or Raw Deal?: How FDR’s Economic Legacy Has Damaged America

Jim Powell: FDR’s Folly: How Roosevelt and His New Deal Prolonged the Great Depression

Lawrence W. Reed: Great Myths of the Great Depression. Popular Accounts of the Depression Belong in a Book of Fairy Tales

Murray N. Rothbard: America’s Great Depression

Vom Zauberwort zur Knechtschaft – H. Rosa: Resonanz – Teil 2: Kritik

Noch mehr Macht – für einen guten Zweck!

Man hat ja beim Lesen von Büchern, die von Sozialwissenschaftlern geschrieben sind, deren Gesellschaftsanalyse sich an Marx, an die Frankfurter Schule, an Habermas anlehnt (Rosas Ansatz bezieht sich zudem explizit auf Axel Honneths Anerkennungsbegriff und Charles Taylors Kommunitarismus), auf jeder Seite die Befürchtung, dass beim Umblättern eine politische Forderung aufgestellt wird, die einen noch stärkeren bürokratischen Apparat, noch mehr Zwang und noch mehr politische Macht rechtfertigt und zur Notwendigkeit macht.

Weiterlesen „Vom Zauberwort zur Knechtschaft – H. Rosa: Resonanz – Teil 2: Kritik“

… und die Welt hebt an zu singen – Hartmut Rosa: „Resonanz“

Teil 1: Was ist Resonanz?

Stellen Sie sich vor, Sie wachen morgen früh auf und besitzen genau das Doppelte von dem, was Sie heute besitzen. Wären Sie glücklicher? Fürs erste schon, werden Sie vielleicht sagen, aber wir wissen auch, dass eine bloße Verdopplung von Ressourcen, über die wir verfügen, nicht automatisch dazu führen wird, dass wir ein glücklicheres und zufriedeneres Leben leben. Zumindest nicht auf lange Sicht. Irgendwann stellt sich auch bei dem reichsten Menschen Gewöhnung ein und wir merken: das Glück ist anderswo.
Weiterlesen „… und die Welt hebt an zu singen – Hartmut Rosa: „Resonanz““

Auf der Suche nach dem besseren Leben – „Das kommunistische Amerika“

Rudolf Stumbergers Reisebericht über „Das kommunistische Amerika“ zeigt die mannigfaltigen hoffnungsvollen Versuche von alternativen Lebensformen im Kollektiv, aber auch ihr mannigfaltiges Scheitern

Träumen auch Sie manchmal von einem Leben, das weder Stress noch Konkurrenzdenken kennt, fern von Existenzangst oder Profitgier, jenseits von Burn-Out auf der einen und Bore-Out auf der anderen Seite? Von einem Leben, in dem Sie heute dies, morgen jenes tun können, morgens jagen, nachmittags fischen, abends Viehzucht treiben, nach dem Essen Kritiker sein? Wünschen auch Sie sich manchmal, kein Lohnsklave im Schweinesystem mehr zu sein, entfremdet vom Produkt ihrer Tätigkeit und ausgebeutet von der Klasse der Besitzenden? Wünschen auch Sie sich manchmal eine Welt, in der die Menschen verstanden haben, dass man Geld nicht essen kann, und in der Teilen, Gemeinschaft und Solidarität tatsächlich gelebt werden anstatt nur Floskeln der Parteiprogramme zu sein? Und halten auch Sie eine solche Vorstellung angesichts der herrschenden Verhältnisse für utopisch?

Im Verlauf der Geschichte haben Menschen mit ähnlichen Vorstellungen immer wieder versucht, ihre Utopien Wirklichkeit werden zu lassen. Von hinduistischen und buddhistischen Orden über mittelalterliche Klöster bis hin zu modernen Ashrams, Hippie-Gemeinschaften wie Drop City, den Kibbuzim und Ökodörfern reicht die lange Liste der Versuche, ein Leben abseits des Mainstream, im Schutze räumlicher und ideeller Separierung von der als schädlich empfundenen Welt in größerem Maßstab zu gestalten. Dabei zeigt bereits diese Liste, was auch das Buch „Das kommunistische Amerika“ von Rudolf Stumberger bestätigt: Gemeinschaftliche Lebensformen beruhen fast immer auf starken ideologischen Grundlagen, und je fester diese sind, desto andauernder ist der Erfolg der Kommune.

Für seinen im mandelbaum-Verlag erschienenen Band hat Rudolf Stumberger auf einer Reise quer durch die USA, von Massachusetts bis nach Oregon, die Spuren utopischer Kommunen verfolgt und einen äußerst informativen Bericht zusammengestellt. Er zeichnet dabei die Reise des deutschstämmigen Journalisten Charles Nordhoff nach, die dieser im Jahre 1874 gemacht hat, um die sozialen Experimente, die auf dem Kontinent entstanden waren, aus erster Hand kennenzulernen. Nordhoff und Stumberger besuchen so unterschiedliche Kommunen wie die von den amerikanischen Transzendentalisten wie Emerson und Thoreau inspirierte Brook Farm bei Boston, die Shaker in New Hampshire, die Sex-Kommune von Oneida, die Rappisten in Pennsylvania, Zoar in Ohio, Amana am Iowa-River, die Hutterer in Montana und schließlich die Kommune von Aurora an der Westküste. Seit ihrem Entstehen haben sich die Kommunen stark gewandelt – von den meisten ist nicht mehr als ein Museum oder eine Infotafel übrig, andere wurden in Gemeinschaften mit Privatbesitz oder in Aktiengesellschaften umgewandelt und eine, die der Hutterer, existiert noch heute.

Stumberger zeichnet dabei ihre Geschichte so umfassend wie kurzweilig nach, versammelt Reiseinformationen und fügt seinen Abrissen über die Geschichte des jeweiligen Ortes historische und aktuelle Fotografien hinzu.

Die Idee ist also ebenso bekannt wie beliebt und erweist sich im Kleinen alles andere als utopisch. Mit Gleichgesinnten Räume gemeinschaftlichen Handelns zu schaffen, die auf Freiwilligkeit beruhen, wurde immer dort umsetzbar, wo die Umstände so viel Wohlstand produziert hatten, dass es auch kleineren Gruppen von etwa 100 Menschen möglich ist, in relativer Existenzsicherheit zu leben – musste doch der Boden oft mit Maschinen bearbeitet werden, die nicht in der Kommune selbst produziert werden konnten, weil ihre Herstellung einen zu komplexen Grad an Arbeitsteilung benötigte und Ressourcen, die nicht im Grundbesitz der Kommune waren. Zum anderen wurde die Umsetzung immer dort möglich, wo der Staat den Menschen genug Freiheit gewährte, dass sie ihre Vorstellungen vom Glück auf eigene Faust verfolgen konnten. In der Tatsache, dass es immer die freiesten, individualistischsten, kapitalistischsten Gesellschaften sind, die eine solche kommunitaristische Selbstverwirklichung durch Gemeinbesitz erst erlauben, während die kommunistischen Gesellschaften für derartige Experimente keinen Platz bereithalten dürfen, liegt die bereits im Titel des Buches aufscheinende Ironie.

Leitende Ideale, die den Mitgliedern der Kommunen Identität und Zusammenhalt verschaffen, gibt es viele, und Stumberger zeigt, dass sich übergreifend vor allem folgende als besonders konstituierend herausgestellt haben: Alle Kommunen trieb die Aussicht auf ein Arbeiten und Leben an, das dem der (idealisierten) Familie gleicht: Verzicht auf Lohn und Geld, Abwesenheit von Privatbesitz zugunsten nominell gemeinschaftlichen Eigentums, Sozialisierung der Produktionsmittel, solidarisches Arbeiten im Kollektiv, Negierung einer reinen Profitorientierung. Die Mitglieder werden nicht nur mit dem Lebenswichtigsten versorgt: Neben Essen, Kleidung, Unterkunft und medizinischer Versorgung spielen auch Bildung und Unterhaltung in einigen Kommunen eine gewisse Rolle.

Basisdemokratische Strukturen geraten dabei eher in den Hintergrund; nicht wenige Kommunen werden stattdessen durch eine starke Führungspersönlichkeit, deren Autorität in ihrem Charisma gründet, oder durch eine feste Rangordnung zusammengehalten. Dieser Zusammenhalt schwindet dementsprechend, wenn die Gründungs- und Leitfigur abgetreten oder gestorben ist. Auf individuelle Entfaltung wird traditionell wenig Wert gelegt, ja sie wird mitunter als schädlich für die Gemeinschaft empfunden.

Stumberger kommt bisweilen auf den Zusammenhang zwischen der Innenwelt der Kommune mit ihren ganz eigenen Gesetzen und der Außenwelt zu sprechen. Bisweilen überleben die Kommunen die ersten Jahrzehnte nur, weil die Gründungsfamilien oder Dazugekommene eigenen Besitz und Wohlstand in die Gemeinschaft mit einbringen. Notwendige Arbeiten müssen nicht selten nach außen vergeben werden, da entweder Material oder Spezialisten fehlen. Oft werden anfallende Aufgaben auch von Lohnarbeitern erledigt, die auf dem Anwesen der Kommune leben, sich ihr aber nicht angeschlossen haben, sondern eine eigene Kaste bilden – eine Art Arbeiterklasse für die Kommunisten. Einige Gemeinschaften können nur überleben, indem sie einen gewissen Kommunentourismus zulassen, der ihrem Geist eigentlich widerspricht. Man lebt vom Verkauf von Mahlzeiten, Getränken, Handwerksarbeiten an die Außenwelt, ähnelt so einem genossenschaftlichen Betrieb, mit dem Unterschied freilich, dass der persönliche Profit nicht im Vordergrund steht.

Es waren die USA des 19. Jahrhunderts, die den religiös Verfolgten eine Möglichkeit boten, nach ihren Vorstellungen zu leben. „Es ist ein Beispiel dafür“, schreibt Stumberger, „wie damals in den USA auch Freiräume möglich waren, auch gesellschaftliche Freiräume, in denen man derartige Experimente durchführe konnte, ohne dass man vertrieben oder unterdrückt oder dergleichen wurde.“ Die Freiheit der kapitalistischen Gesellschaft ermöglichte es ihren Mitgliedern also, eigene Lebensweisen auszuprobieren, ein anderes Wirtschaften zu erproben, unter der Maßgabe, dass sie erstens niemanden zwangen, ebenso zu leben, und zweitens die Folgen ihrer Experimente selber zu verantworten hatten. Der persönliche und ökonomische Misserfolg, den viele Kommunen über kurz oder lang zu erleiden hatten, ist, wie Stumberger zeigt, sowohl von ihnen allein verursacht als auch von ihnen allein getragen worden. Insofern ist jede kommunitarische Gemeinde innerhalb eines echten kapitalistischen Systems eine Werbemaßnahme für eben dieses System. Liegt darin vielleicht auch der Grund, warum derartige Experimente von Marx abwertend als utopischer Sozialismus bezeichnet wurden?

Nur die weit verbreitete historische Unkenntnis über die Ursachen etwa der Großen Depression kann zu Fehlurteilen wie dem führen, das Stumberger über das Ende der Kommune von Amana, Iowa, fällt:

Es ist eine kleine Ironie der Geschichte, dass Amana und ihre Wirtschaftsbetriebe auch daran zugrunde gingen, dass die Weltwirtschaftskrise über die Ökonomie hereinbrach. Das kommunistische Experiment ist sozusagen an der kapitalistischen Wirtschaft gescheitert.

Dass die Weltwirtschaftskrise von 1929 durch Staatseingriffe hervorgerufen und verstärkt wurde, wie schon Murray Rothbard und in Folge Thomas J. DiLorenzo  gezeigt haben, muss ausblenden, wer die Überlegenheit eines Weltsozialismus gegenüber einer nicht-zentralisierten, auf Eigentumsrechten und persönlicher Freiheit des Individuums beruhenden „Systems“ propagieren will, selbst wenn all seine Beispiele sogar im Kleinen für das Gegenteil sprechen. Stumberger tut dies zwar nicht, lädt mit seinen Fehldeutungen allerdings dazu ein.

Ein Beispiel dafür ist das Schicksal der Kommune von Zoar. Stumberger schreibt, ihre Produkte hätten durch die Entwicklung der modernen Industriegesellschaft nicht mehr mit Konkurrenzprodukten mithalten können und sei deshalb ihrem Ende geweiht gewesen. Was das impliziert: Während in einem auf Privateigentum und Eigentum an Produktionsmitteln basierten Wirtschaftssystem die Produkte für die Menschen (durch Wettbewerb und Innovation) immer billiger werden, entweder also das Leben der Menschen tendenziell einfacher und stressfreier wird oder ihr materieller Wohlstand steigt, muss ein sozialisiertes Wirtschaften entweder hohe Preise oder sinkende Qualität seiner Produkte hervorbringen, das Leben der Menschen also tendenziell verschlechtern, schlechtere Ausgangsmaterialien verwenden, die eigenen Arbeiter zu längerer, härterer Arbeit anhalten oder sie entlassen.

Gleichwohl ist Stumbergers kleines Buch in vielerlei Hinsicht ein Schatz. Reisebericht, Reiseführer und sozioökonomischer Traktat in einem, verbindet es geschichtliches Hintergrundwissen mit reportagehaftem Erzählen, dem man das persönliche Erlebnis anmerkt. Seine Sichtweise ist auf weiten Strecken wohltuend neutral, jeder Verklärung abhold, kann und will aber eine gewisse ideologische Sympathie für den Gegenstand nicht immer leugnen.

Der Autor unterschätzt beispielsweise die eigentliche Gestaltungskraft der Kommunen, ohne sie jedoch zu verschweigen. Dass nur den religiösen Gemeinschaften wie den Amischen und den Hutterern eine längere Existenzdauer beschieden war, während die weltlich ausgerichteten entweder an persönlichem Versagen oder wirtschaftlichem Misserfolg scheiterten, kann nicht genug betont werden. Offenbar bedarf ein Leben im Kollektiv immer einer großen Erzählung, gemeinhin handelt es sich dann um eine religiöse Grundlage, die die Mitglieder auf die Regeln der Kommune einschwört und so das gemeinsame Haus auf Felsen bauen lässt. Fehlt diese oder wird sie brüchig, haben die rein persönlichen Vorteile (Existenzsicherung, geringere Arbeitsbelastung, Aufgehobensein in der Gruppe) eines Lebens im Kollektiv offenbar nicht mehr genug Gewicht, um die Nachteile der fehlenden persönlichen Freiheit und Selbstverwirklichung aufzuwiegen.

Auf perverse Weise veranschaulicht dies das Schicksal der Kommune von Oneida. Diese „Sex-Kommune“ im Staat New York wurde während des 19. Jahrhunderts drei Jahrzehnte lang durch die guru-hafte Anmaßung ihres Gründers Humphrey Noyes, einer starken Hierarchie und menschenverachtenden Psychopraktiken aufrechterhalten. Die Mädchen der Kommune hatten oft vor ihrem 13. Lebensjahr erzwungenen Sexualkontakt mit den geistlichen Oberhäuptern, zumeist mit Noyes selber, der sich das „Recht der ersten Nacht“ im Sinne einer „Einweisung“ in das Leben der Kommune vorbehielt. Diese Praktiken, zu denen auch eugenische Zuchtexperimente gehörten, zielten neben dem persönlichen Lustgewinn auf die Kontrolle und Macht über die Mitglieder. Nach dem Abtreten des Sektenführers schwanden Arbeitsmoral und Zusammengehörigkeitsgefühl und schließlich endete die kommunistische Utopie in einer Aktiengesellschaft. Hier zeigt sich, zu welchen Maßnahmen kollektivistische Systeme zu greifen bereit sind, wenn ihnen die Möglichkeit religiöser Indoktrination (und damit die Nötigung durch die Erzählung vom Höllenfeuer, das Kindern vom jüngsten Alter an als Strafe für ein non-konformes Leben angedroht wird) fehlt.

Stumbergers Buch ist angesichts dieser Fakten mit einem abschließenden Urteil zu zurückhaltend. Die von ihm besuchten Kommunen sind entweder kläglich (bereits nach Monaten!) gescheitert oder haben ihren Mitgliedern ein Leben in Würde und Freiheit verweigert und sich ein Weiterleben nur durch psychische und physische Kontrolle erpressen können. Dabei zeigen Stumbergers Ausführungen deutlich: So spannend soziale Experimente wie die utopischen Kommunen in den USA auch sein mögen, so vorsichtig muss man sein, sie zum Ideal eines Lebens jenseits von Ausbeutung, Entfremdung und Stress zu verklären.

Rudolf Stumberger: Das kommunistische Amerika. Auf den Spuren utopischer Kommunen in den USA.

Mandelbaum Verlag, Wien 2015.

240 Seiten, 19,90 €.

ISBN: 3854766476

LESEN: Nur noch der Kapitalismus kann uns retten