Mein Jahr mit Shakespeare

2016 – das Jahr, in dem ich Shakespeare entdeckte. Das Jahr, in dem er 400 Jahre lang tot ist. Das Jahr, in dem ich jeden Tag ein paar Seiten aus seinen Werken lese …

Kann man etwas entdecken, was schon so lange so berühmt ist? Kann man Freude daran haben, etwas zu lesen, zu dem so viele schon so viel Kluges gesagt haben? Kann man einen Kontinent neu entdecken?

Wenn ich das heute lese und so tue, als wäre ich der erste (und als wüsste ich gar nichts über Shakespeare, seinen Ruf, seinen Ruhm), ist das irgendwas Besonderes? Wahrscheinlich nicht – vielleicht besteht auch eher die Gefahr, sich lächerlich zu machen … in diesem bildungsbürgerlichen Reich aus Zitaten, Anspielungen, Wissensfragmenten, Namedropping, vergilbten Theatertickets in alten (nie gelesenen?) Shakespeare-Ausgaben?

Und bringt es was? Warum soll man Shakespeare überhaupt noch lesen, heute, 400 Jahre nach seinem Tod? Nur um angeben zu können? Oder macht es Freude? Ist es eine Qual? Oder können seine Figuren, seine Gedichte, seine Sprache mir – irgendsoeinem Typen aus dem Deutschland des 21. Jahrhunderts, noch irgendetwas sagen?

 

„Das Unsägliche sagen“ – Huml/Rappenecker: „Jüdische Intellektuelle im 20. Jahrhundert“

Über die Suche nach einer Identität ,nach Auschwitz’ und die Formen des Erinnerns

 

„Wer Jude ist, bestimme ich“, hat der Wiener Bürgermeister Karl Lueger auf die Frage geantwortet, warum denn in seinem, eines Antisemiten Freundeskreis so viele Juden seien. Wenn es doch nur so einfach wäre, wird man sich denken, und im selben Augenblick: Bloß gut, dass es komplizierter ist. Denn Identität, kollektive zumal, ist nicht erst seit den Zeiten, da sie zu einem Modebegriff der Kulturtheorie avancierte, eine heikle Angelegenheit. Welche Instanz bestimmt, wer oder was jemand sei, wie er sich selbst verstehen, welchem Milieu er zugehören solle und welchem nicht, auf welche Weisen er sich von Mitgliedern anderer Kollektive zu unterscheiden habe? Um die Virulenz dieser Problematik für ein ,jüdisches’ Selbstverständnis zu verdeutlichen, muss man nicht erst auf die fatalen Bemühungen der Nazis verweisen, mittels Zwangszuweisung der Namen „Israel“ und „Sara“ oder des Davidsterns vermeintliche Klarheit in das Chaos zu bringen.

In diesem Sinne stellen die Autorinnen und Autoren des von Ariane Huml und Monika Rappenecker herausgegebenen Bandes „Jüdische Intellektuelle im 20. Jahrhundert“ die Frage nach dem Standort des jüdischen Denkens heute und suchen sie auf vielfältige, zwangsläufig unabgeschlossene Weise zu beantworten. Wollte man die Ergebnisse der 17 Einzelstudien zusammenfassen, die das thematische Feld von den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts bis zur Gegenwart abstecken, so könnte es wohl nur in der Einsicht geschehen, dass jüdische Identität weder je fest umrissen war noch ist. Gerade diese Tatsache aber, so sind sich die Beitragenden einig, begründet den seismographischen Wert nicht nur eines jeden der geschilderten Schicksale von Karl Kraus über Hannah Arendt bis zu Ruth Klüger oder Hilde Domin, sondern überhaupt der gesamten neueren jüdischen Geschichte für die Entwicklungen der Moderne und Nach-Moderne.

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Philosophie in Sprechblasen – „Nietzsche“ als Comic

Die Graphic Novel “Nietzsche” von Michel Onfray und Maximilien Le Roy erzählt vom Leben und Denken des Philosophen

Speist sich die Faszination für Nietzsches Werk vor allem aus dem Wissen über sein Leben oder ist es eher umgekehrt: Erklärt sich das Interesse für sein Leben aus dem Unerhörten seiner Schriften? Oft handelt es sich wohl um einen Teufelskreis: Man findet, einmal angesteckt, nicht mehr heraus aus der Beschäftigung mit Nietzsches Leben und Werk. Dieser Teufelskreis erhält zusätzliche Verstärkung durch die verschiedensten Veröffentlichung der letzten Jahrzehnte, die sich des Faszinosums bedienen und es fruchtbar machen für Eigenes: Irvin D. Yaloms psychotherapeutischer Lebenshilferoman „Und Nietzsche weinte“, Martin Walsers Rechenschaft ablegender Essay „Nietzsche lebenslänglich“, popkulturelle Zitate (Kelly Clarksons „Stronger“) etc.
Und seit dem letzten Jahr auch eine Graphic Novel: die von dem französischen Philosophen Michel Onfray geschriebene und von dem französischen Zeichner Maximilien Le Roy illustrierte Comic-Biographie „Nietzsche“.

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Zeugnis der menschlichen Würde – Viktor Frankls „Es kommt der Tag, da bist du frei“

Im Kösel Verlag erscheinen bisher unveröffentlichte Texte des Psychologen Viktor E. Frankl

Vielleicht ist es das wichtigste Buch des 20. Jahrhunderts: Viktor E. Frankls „… trotzdem Ja zum Leben sagen“. Der 1946 erschienene Bericht über die Erfahrungen, die der Begründer der Logotherapie in den Konzentrationslagern Theresienstadt, Auschwitz, Kaufering und Türkheim gemacht hat, auf dem angloamerikanischen Markt unter dem Titel „Man’s Search for Meaning“ ein Longseller, ist ein bewegendes Zeugnis der menschlichen Fähigkeit, noch unter brutalsten und erbarmungslosesten Bedingungen dem eigenen Leben Sinn zu verleihen. Diese Fähigkeit ist es, so Frankl, die die Würde und Glücksmöglichkeit des Menschen erst begründet, indem sie ihn in den unscheinbarsten Momenten, ja selbst im Leiden und im Sterben noch Sinnhaftigkeit erfahren lässt.

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Unheimliches Verschwinden – Über Peter Stamms Roman „Weit über das Land“

Arthur Rimbaud, J. D. Salinger oder B. Traven; Raymund Gregorius aus „Nachtzug nach Lissabon“, Amy Dunne aus dem Thriller „Gone Girl“ oder Christopher McCandless aus „Into the Wild“ – das Schicksal von Menschen, die verschwinden, hat seine ganz eigene Anziehungskraft. Als ob ihr Weggehen in uns eine Sehnsucht nach etwas ganz Anderem anstößt, einem zweiten oder dritten Leben, einer vorgestellten Möglichkeit, einer anderen Identität, einem „Was wäre wenn?“. Ob sie real oder fiktiv sind, ob sie gewollt oder gezwungen fliehen, ob sie von etwas getrieben werden oder von etwas angezogen – in dem Fortleben dieser Figuren liegt für uns oft das Exempel von Menschen, die ihr Leben noch einmal auf den Prüfstand gestellt haben. Die Selbstprüfung zeigt sich in dieser einen existenzialistischen Entscheidung des Weggehens, da sie vor allem die beiden Fragen aufwirft, die unausgesprochen unser ganzes Leben beherrschen. Da ist zum einen die Frage nach der Vorgeschichte, nach den Gründen, nach individuellen Anlässen: „Was war geschehen?“ Zum anderen ist da die Frage nach der Zukunft, nach der Alternative, nach dem Leben danach: „Was soll nun werden?“

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