The Walking Dead und die Flüchtlingskrise

Die Apokalypse wird im Fernsehen übertragen

Nicht erst seit Filmen wie „World War Z“ oder „Exodus“ drängen sich uns die Geschichten und Bilder vom Untergang nicht nur des Abendlandes als Warnungen vor kommenden globalen Krisen auf. All die Katastrophenfilme, von „The Day After Tomorrow“ über „Contagion“ bis „San Andreas“, spielen in den letzten Jahren so häufig und so plakativ mit Ängsten vor einer Apokalypse biblischen Ausmaßes, dass man sich als Kinogänger schon fragen kann: Möchte uns Hollywood vielleicht irgendetwas sagen? Will the apocalypse also doch be televised?
Und tatsächlich holt die Wirklichkeit die Fiktionen der Unterhaltungsindustrie immer wieder ein, sodass man an Zufälle kaum glauben mag. So bemerken viele eine frappierende Ähnlichkeit der Bilder von Menschen auf dem Grenzzaun der spanischen Exklave Melilla, der Menschen von der Einreise nach Europa abhalten soll, mit Szenen aus dem Brad-Pitt-Film „World War Z“, in denen die Hirntoten den mehrere hundert Meter hohen Mauer um Jerusalem herum stürmen. Und überfüllte Flüchtlingsboote auf dem Mittelmeer oder riesige Zeltlager haben wir doch in „2012“ u. ä. schon einmal gesehen …?

The Walking Dead – Die Zombies und die Flüchtlinge

Auch die Serie The Walking Dead wird hin und wieder in Memen oder Videos bemüht, um Parallelen zu ziehen zwischen einer Welt, die von Zombies überrannt wird, und einem von Flüchtlingen überrannten Abendlandes. Auch hier stürmen sie die Zäune, die wir um unsere Festung des Wohlstands gezogen haben. Die Welt, wie wir sie kannten – sie wird bald so aussehen wie das von den Beißern heimgesuchte Georgia aus der Serie! Die Metaphorik scheint nahezulegen, dass Flüchtlinge, wie Hirntote, gewissen primitiven Signalen (in der Serie Lärm, Licht und der Geruch von lebendem Menschenfleisch – in der Realität den Verlockungen des Sozialstaats) folgen und sich willenlos und in beinahe unaufhaltbaren Horden aufmachen, bis sie ihre Bedürfnisse befriedigt haben und den Verursacher der Signale (in der Serie meist: „noch“ gesunde Menschen – in der Realität: die wohlhabenden Steuerzahler der 1. Welt) aufzufressen und ebenfalls zum Walker mutieren zu lassen. Die Folge einer ungebremsten, unkontrollierten Einwanderung (in die Sozialsysteme) wäre nach dieser Vorstellung die Vernichtung auch der letzten Bastion des Prosperität und der Sicherheit. Unkontrollierte Einwanderung würde demnach nicht bedeuten, dass die auf dem Kopf stehende Alterspyramide des Westens auf die Beine gestellt und damit unser aller Rente gesichert würde, ebenso wenig „Wohlstand für alle“, auch für diejenigen, die daran bislang nicht teilnehmen durften, sondern globale und endgültige Verarmung. Wenn man Zombies (Flüchtlinge) ins Land lässt, werden früher oder später alle zu Zombies (Flüchtlingen). Einziges Gegenmittel: hohe Mauern und Stacheldraht.
Zum einen könnte man natürlich sagen, dass viele Menschen, sowohl Bürgerkriegsflüchtlinge als auch Wirtschaftsmigranten, weniger von Signalen angezogen werden als von handfesten Gründen in die Fluchtgetrieben werden: nämlich Bürgerkrieg, Unterdrückung, Terror, Zwang. Und das ist auch die Logik, die viele der als „Gutmenschen“ beschimpften Asylbefürworter den Asylbeschränkungsbefürwortern entgegenhalten: Die Menschen kommen nicht „hierher“, weil es „hier“ so toll ist, sondern weil die Verhältnisse bei ihnen zuhause so miserabel sind.
Man sieht natürlich schnell, dass beide Deutungen aufs Gleiche hinauslaufen, und dass auch die Asylbefürworter die Menschen nicht selten als hirnlose Automaten sehen, mit denen man eben Mitleid haben müsse, anstatt sich vor ihnen zu schützen. Die Flüchtlinge, so die Vorstellung, haben gar keine andere Wahl, sie sind (wie du und ich) programmiert auf bestimmte Reize oder wie eine Herde aufgeschreckter Tiere, die panisch vor einer Gefahr fliehen. „Wir würden nicht anders handeln.“ Der Zombie-Metaphorik sind die Asylbefürworter auch dann noch nicht entkommen.

Wer sind die wahren Flüchtlinge?

Denn nicht die Zombies sind die Flüchtlinge. Und die Flüchtlinge sind keine Zombies. Trotzdem ist die Bildsprache der Serie hier recht hilfreich, um Zusammenhänge erklären zu können: In The Walking Dead nämlich sind die Menschen um den Protagonisten Rick Grimes, die seit dem Ausbruch des Virus nach Sicherheit und Schutz suchen, die wahren Flüchtlinge. Es handelt sich bei ihnen um die unterschiedlichsten Charaktere, die unter den verschiedensten Voraussetzungen in die Situation geworfen wurden, sich ab sofort nur noch um Leib und Leben sorgen zu müssen. Und diese Sorge ist das Einzige, was sie vereint und überhaupt zu einer definierbaren Gruppe macht. Über all die Staffeln müssen sie von einem Ort zum anderen wandern, müssen plündern, müssen Angehörige zurücklassen, werden dabei voneinander getrennt, sind stets auf der Flucht vor Bedrohung und auf der Suche nach Sicherheit. Sie handeln menschlich, aus freiem Willen und aus Eigeninteresse, dabei aber auch oft altruistisch und selbstlos (weil das eben keine einander ausschließenden Gegensätze sind). Und wenn man die Metaphorik bemühen will, stünden die Walker der Serie eher für die verantwortungslosen Politikerinnen und Politiker, die für alle gesunden Menschen eine Bedrohung darstellen: Sie greifen oft überraschend und aus dem Hinterhalt an, bedeuten aber immer eine sehr reale Gefahr für die bloße Existenz der Menschen. Unterdrückung, Willkürherrschaft, staatliche Gewalt, staatsfinanzierter Terror, Krieg „gegen den Terror“, „gegen Drogen“, „gegen die Armut“, Korruption, Nepotismus, „humanitäre Militäreinsätze“ – all das sind die Mittel der Zombie-Politik, die die gesunden Menschen, die all das bisher überlebt haben, in die Flucht treibt.
(Der einzige Unterschied wäre natürlich, dass man es den Zombies ihr Gefahrenpotential auf den ersten Blick ansieht. Und dass Zombies keine Drohnen steuern können.)

Hershels Gewissenskonflikt

In der zweiten Staffel lernt Ricks Gruppe den Farmer Hershel und seine Familie mitsamt Bediensteten kennen, die zusammen auf einem großen Grundstück leben, das bisher nicht von den „Beißern“ überlaufen zu sein scheint. Hershels Gruppe hat es geschafft, durch günstige Lage, Zäune und Mauern, sich selbst zu beschützen. Sie bauen dort Gemüse an und leben, verglichen mit Ricks Gruppe, in gewissem Wohlstand. Hershel handelt als gottgläubiger Familienvater, der Mitgefühl mit den Ankömmlingen hat, aber auch von Sorge um seine eigene Gruppe, vor allem seine Töchter, getrieben wird.
Als Ricks Sohn Carl angeschossen wird, handelt Hershel selbstlos und ohne nachzudenken – obwohl er „Tierarzt“ ist, für ihn also ein etwaiger hippokratischer Eid noch viel weniger gelten würde als für Allgemeinmediziner, operiert er den Jungen unter großem persönlichen Einsatz – und dem seiner Gruppe. Sobald aber die akute Lebensgefahr für Carl vorüber ist, macht sich Hershel Gedanken darüber, ob und wie lange die Neuankömmlinge auf seinem Grundstück verweilen sollen. Er sieht das Risiko, das er ihnen zumutet, wenn er sie wieder in die Zombiewelt schickt, fühlt sich jedoch in erster Linie der Sicherheit und dem Wohlergehen seiner eigenen Gruppe verpflichtet. Als Konflikte deutlich werden, die Hershels Autorität und damit die Sicherheit seiner Familie bedrohen, setzt er Rick ein Ultimatum. Sie sollen Hershels Farm verlassen.
Ist Hershel nun Asylgegner oder -befürworter? Zuerst einmal ist Hershel ein normaler Mensch. Dies macht sein Handeln so verständlich. Er ist in diesem Sinne ein „besorgter Bürger“. Kein Zuschauer verurteilt Hershel dafür, dass er seine eigene Familie und das Wohlergehen seiner Töchter dem von Fremden vorzieht, wenn er sich vor die Wahl gestellt sieht. Hershel ist nicht selbstsüchtig, sondern verantwortungsvoll. Andererseits hat jeder Zuschauer auch Mitleid mit Ricks Gruppe und freut sich für sie, dass sie nach dem Horror der ersten Staffel nun endlich einen „sicheren Hafen“ erreicht zu haben scheinen. Trotzdem ahnen wir, dass Hershels Entscheidung, die Flüchtlinge „abzuschieben“, zwar schwer, aber alles andere als moralisch verwerflich ist. Vor die Entscheidung gestellt, unsere Kinder oder fremde Menschen zu retten, würden auch wir wie Hershel Werte gegeneinander abwägen und dann verantwortungsvoll handeln.

Besorgter Bürger oder Gutmensch

Wir sehen in Hershels Gewissenskonflikt (der so stark an ihm nagt, dass er wieder zum Alkohol greift) all unsere Bedenken für und wider die Gewährung von Asyl. Zum einen: Wir wissen nicht, ob alle Menschen, die kommen, auch wirklich bedroht sind, wir können es nur schätzen. Bei unmittelbarer, akuter Bedrohung würden die wenigsten anders handeln als Hershel, und immer wieder betonen die „Asylgegner“, dass es ihnen in ihrer Kritik nicht um die vom Bürgerkrieg bedrohten Menschen gehe, sondern um Wirtschaftsflüchtlinge, die (verständlicherweise) „einfach nur“ ein besseres Leben haben wollen. Wir wissen nicht, ob wir ihnen trauen können oder ob unter ihnen nicht Menschen sind, die unsere Situation gefährden. Wir wissen auch nicht, ob es nicht „da draußen“ noch andere Möglichkeiten gäbe, zu überleben.
Zum anderen aber fühlen wir die Notwendigkeit echter Solidarität gegenüber verzweifelten Mitmenschen so sehr, dass wir sogar bereit wären, andere dazu zu zwingen, mit ihrem Geld zur Hilfe beizutragen. Wir wollen nicht nur empathisch handeln, wir wollen, dass jede und jeder empathisch handelt. Wir zeigen unsere Empathie, indem wir uns wünschen, andere Menschen würden uneingeschränkt helfen, und sie verdammen, wenn sie sich nicht dazu bereit finden.
Menschen, die sich selbst „besorgte Bürger“ nennen, sprechen wir dabei ihre Aufrichtigkeit schnell ab, vermuten Fremdenfeindlichkeit und Rassismus hinter ihren Motiven. Die sind nicht wie Hershel, dessen Sorgen wir so gut verstehen. Sie sind eher wie der skrupellose Governor aus Staffel 4, der zum Schutz seiner Gruppe über Leichen geht und nicht das geringste Mitgefühl mit den Notleidenden zeigt …
Oder aber wir sprechen Menschen, die weniger von Bedenken geprägt sind als wir, ihren Realitätssinn ab. Wir nennen sie naive „Gutmenschen“, die am Bahnhof Teddybären verteilen. Sie sind nicht wie Hershel, sondern wie die kleine Lizzie Samuels aus Staffel 4, die so viel Mitleid mit den Zombies hat, dass sie mit ihnen spielt, ihnen Namen gibt und schließlich ihre eigene Schwester umbringt, weil sie zeigen will, dass Zombies auch nur Menschen sind …

Wer nicht blind ist, ist entweder kurz- oder weitsichtig

Warum aber können wir Hershels restriktive „Asylpolitik“ verstehen, die Forderungen der „besorgten Bürger“ aber nicht?
Der Grund dafür sind – einzig und allein – die Ressourcen. Die Ressourcen, über die Hershels Gruppe verfügt, sind endlich. Sowohl Wohnraum als auch Lebensmittel sind knapp auf der Farm. Eine Abwägung zwischen der Endlichkeit der eigenen Ressourcen und der Notwendigkeit und Möglichkeit, sie im Sinne von Nächstenliebe und Nothilfe zu teilen, ist vollkommen natürlich und wird von allen vernünftig denkenden Wesen verstanden. Zwar gibt es nicht wenige, die eine moralische Verpflichtung des Westens sehen, Flüchtlinge aufzunehmen, weil er die Katastrophe erst hervorgebracht habe (interessanterweise hilft Hershel Ricks Gruppe ja deswegen, weil sein eigener Angestellter, Otis, Carl angeschossen hat – allerdings aus Versehen). Doch niemand verlangt von anderen, sich selbst in Gefahr zu bringen um eine Schlägerei zu schlichten. Niemand verlangt von den anderen, wie Franz von Assisi sein Hab und Gut aufzugeben, Freunde und Familie zu verlassen und sein zukünftiges Leben in Armut zu verbringen.
Oder doch? Sind nicht unsere Ressourcen auch endlich?
Stellen wir uns vor, wir hätten einen so genauen Überblick über die uns zur Verfügung stehenden Güter und Mittel, wie er Hershel auf seiner Farm möglich ist. Jede und jeder würde sofort einsehen, dass ein bestimmter Zeitpunkt kommen wird, an dem die Grenze zwischen dem Schutz der Angehörigen und der Rettung Fremder erreicht ist. Da unser Wissen über die Endlichkeit unserer Ressourcen jedoch nur abstrakt ist, fällt es uns sehr schwer, Begrenzungen zu ziehen. Wir wissen nicht, wo die Grenze genau verläuft. Wenn wir sie zu eng setzen, wir also Menschen abweisen, obwohl wir sie mit ein wenig Selbsteinschränkung hätten aufnehmen können, machen wir uns der Hartherzigkeit und der unterlassenen Hilfeleistung schuldig. Setzen wir die Grenze zu weit, geben wir also mehr, als wir haben, dann gefährden wir die eigene Familie. (Auch Rick hat in der Serie immer wieder unter dem Dilemma zu leiden, ob er Fremden helfen oder seine Gruppe schützen soll.)
Die Asylbefürworter werfen den Asylgegnern diese zu enge Grenzziehung vor, und die Asylgegner den -befürwortern eine unverantwortlich weite Grenzziehung.
Warum aber wissen wir nicht, wie viele Ressourcen zur Verfügung stehen? Dieser Zustand ist doch höchst unnatürlich. Jeder einzelne Mensch hat einen relativ genauen Überblick über seine eigenen Ressourcen: Zeit, Energie, Besitz. Auch kleine Gruppen haben, wie Hershel, diesen Überblick so gut, dass sie mit großer Selbstsicherheit entscheiden, wann und wie lange sie helfen können. Und sogar große Gruppen wie Staatsgebilde könnten sich diesen Überblick verschaffen, indem sie Ein- und Ausgaben des Staatsapparats gegenüberstellen. Warum ist uns das aber nicht ohne Weiteres möglich? Warum gelingt uns kein Konsens darüber, wo die Grenze zwischen Hartherzigkeit und Nächstenliebe und Selbstaufopferung verläuft? Warum sind die wenigen, die zumindest noch sehen können, entweder kurz- oder weitsichtig?

Public Enemy No. 1: Das Geldsystem

Der Grund liegt, wie alle anderen derzeitigen Übel auf der Welt, im Geldsystem. Das staatliche System, Geld aus dem Nichts schaffen zu können, indem Papier mit Zeichen bedruckt und in Umlauf gebracht werden kann, ist die Ursache für unsere Fehlsichtigkeit.  Es ist dem Staat möglich, endlos Geld zu drucken, und tatsächlich geschieht das auch seit Jahrzehnten. Das verführt zu der Annahme, unsere Ressourcen wären unendlich. Zumindest verwischt diese Tatsache uns die Sicht darauf, wer wann für die Hilfe aufkommen muss. Wenn wir helfen wollen, können wir doch einfach mehr Schulden aufnehmen! Wir müssen also entweder denken, dass (staatliche) Hilfe prinzipiell endlos sein kann, weil ja auch das staatliche Geld prinzipiell endlos ist, oder wir denken, dass Hilfe beschränkt werden muss, weil das Drucken von Geld letztlich von irgendjemandem bezahlt werden wird. Da wir aber nicht genau angeben können, wer das sein wird, können wir auch nicht anschaulich begründen, warum wir nicht mit dem Drucken von Geld anderen Menschen helfen sollten.
Das Geldsystem ist, auch in der Flüchtlingsfrage, public enemy no. 1, und das ist hier nicht mit „Staatsfeind“ zu übersetzen. Es ist eine ökonomische Binsenweisheit, dass Geldinflation zu Preissteigerung, damit zur schleichenden Enteignung der Menschen und auf mittelfristige Sicht zu Verarmung und einer noch größeren Schere zwischen Arm und Reich führt. Vor allem für zukünftige Generationen wird dies in Verbindung mit den Staatsschulden und den Zinsen auf diese Schulden zu so katastrophalen Ergebnissen führen, dass sich mancher einen schmerzvollen, aber endgültigen Tod durch einen gezielten Messerstich ins Gehirn wünschen wird … ich übertreibe nur unwesentlich.

Nach der Apokalypse

Hershel verfügt nicht über eine Druckerpresse, mit dem er seine Gruppe und sich selbst über die wahren Verhältnisse und die Menge der Ressourcen hinwegtäuschen könnte. Hätte auch unser Oberhaupt dieses Instrument nicht, wüssten wir, dass wir uns Ressourcen erst erarbeiten müssen, bevor wir sie verteilen können. Wir wüssten auch, wie viele das sein müssten und in welchem Verhältnis dazu wir helfen könnten. Wenn wir eine Währung hätten, die an einen Wert gebunden wäre, könnten wir niemals der naiven Versuchung erliegen, jemandem mehr zu bieten, als wir, unsere Angehörigen und unsere Kindeskinder haben. Andererseits müssten wir niemandem aus Angst die Hilfe verwehren, dem wir relativ bequem hätten helfen können. Es könnte sogar sein, dass wir uns mehr anstrengen, Güter zu erwirtschaften, weil wir nur mit diesen realen Gütern dann Notleidenden helfen können.

Wir wären nicht im Unklaren darüber, wo die Grenzen zu ziehen sind. Wir könnten einander weder fremdenfeindliche Hartherzigkeit noch gutmenschelnde Selbstaufopferung unterstellen, weil wir realitätsnah und vernünftig abwägen könnten. Auch Hershel nimmt schließlich Rick und seine Gruppe auf, nachdem er vernünftig abwägen konnte – zu seinem eigenen Vorteil und dem seiner Familie! Vielleicht könnten wir uns nach solcher realistischer Abwägung sogar mit den Menschen, denen wir freiwillig und guten Gewissens geholfen haben, zusammenschließen, das Ackerland bestellen und beginnen, eine neue, friedliche Gesellschaft aufzubauen, nachdem wir die Welt von den Zombies befreit haben.

Verona? Dein Ernst? – #shakespeareprojekt

Vielleicht wäre es einfacher, wenn ich GAR nichts über Shakespeare wüsste. Gar nichts – oder bereits alles. Aber dieses Viertel- bis Halbwissen macht mir eine echte, unvoreingenommene Begegnung mit ihm natürlich unmöglich. Und trotzdem soll das das Ziel sein, oder zumindest ein Vorhaben: eine echte Auseinandersetzung, eine authentische Begegnung mit dem Werk Shakespeares. Eine Entdeckung. william-shakespeare_5029159247682_w1500

Ich weiß nicht viel, aber was ich zu wissen glaube, ist genug, um mir diese Entdeckung zu einer Farce zu machen. Ich komme mir vor wie jemand, der 400 Jahre nach Columbus Amerika entdeckt … während die halbe Welt schon da gewesen ist und die andere Hälfte davon gehört hat.

Als ich siebzehn war, haben wir im Deutsch-LK Was ihr wollt gelesen – ich habe kein Wort verstanden, kann mich zumindest nicht erinnern. Dann gab’s da die Viel-Lärm-um-nichts-Verfilmung von und mit Kenneth Branagh – eine romantische Schnulze, von der ein paar Mädchen in der Schule schwärmten, weshalb ich sie natürlich sehen musste. Damals schon fragte ich mich: warum sind das alles Italiener?

Im ersten Semester Germanistik habe ich Macbeth, Othello und Hamlet gelesen, alle in der damals neuen Übersetzung von Frank Günther bei dtv. Im gleichen Jahr sah ich Othello im Kölner Schauspielhaus. Später habe ich noch König Lear, Verlorene Liebesmüh und Der Kaufmann von Venedig gelesen. Dann ein paar Sonette, von denen ich eins versuchte auswendig zu lernen: natürlich Sonett 18, Shall I compare thee to a summer’s day …

Dann noch ein paar Filme, ein paar Aufführungen, darunter zwei im Globe Theatre, London, und zwei im Globe Neuss; einen Besuch im Geburtshaus in Stratford-upon-Avon, am Grabstein und im Haus seiner Schwester und eine Aufführung von Othello von der Royal Shakespeare Company ebendort. Im letzten Jahr las ich noch Bill Brysons Monographie Shakespeare – wie ich ihn sehe, von der ich nicht viel behielt als: Eigentlich weiß man über Shakespeare gar nichts.

Passt doch prima: Also weiß auch ich tatsächlich gar nichts über Shakespeare … ich kann getrost vergessen, was ich zu wissen glaubte!

Es wundert mich nicht, dass meine ersten Probleme bereits anfangen, bevor ich überhaupt eine Zeile echten Shakespeares für dieses Projekt aufgeschlagen habe. Eines dieser Probleme lautet freilich: Womit beginnen? Da wir ja nichts über ihn wissen, ist auch nicht sicher, welches Drama sein erstes war.

Establishing the chronology of Shakespeare’s plays is a most frustrating and difficult task,

lese ich auf shakespeare-online.com. Man kann zudem nach der Entstehungszeit gehen oder nach der Erstaufführung – oder auch nach dem ersten Druck. Da ich mich entschieden habe, die Werke so zu lesen, wie sie wahrscheinlich aus der Feder des Mannes (der Männer? der Frau? der Frauen?) geftumblr_nmcw9usNu51uqg4zmo1_1280lossen sind, den/die wir „Shakespeare“ nennen, muss ich also mit The Two Gentlemen of Verona anfangen. Die zwei Herren aus Verona.

Und da begegnet mir direkt das nächste Problem: Da ich Übersetzungen lesen will und noch dazu heute, an einem Sonntag im April, beginnen will, muss ich mich entscheiden: zwischen einer alten Übersetzung von Karl Simrock, einer noch älteren von Dorothea Tieck, der Erich Frieds von 1970 und der „aktuellen“ von Frank Günther, die aber 33 € kostet!

Ich entscheide mich also für Schnell & Billig … die 99-Cent-iBook-Ausgabe vom jazzybe

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Dorothea Tieck, die Tocher Ludwig Tiecks

e-Verlag, übersetzt im Jahre 1832 von Dorothea Tieck! Vielleicht nicht die beste Wahl, um sich auf die Reise mit Shakespeare zu begeben – eine uralte Übertragung ohne Anmerkungen, ohne Fußnoten, ohne kritischen Kommentar, bloß der reine Text …

Also ein Stück, von dem ich nichts kenne als den Titel (und nicht nur ich, wie ich lese: „Es wird bis heute selten gespielt und findet unter Gelehrten wenig Beachtung„), geschrieben 1589, eine vielleicht hoffnungslos überholte Übersetzung, und dann spielt es auch noch in Italien … Dein Ernst, William?

Aber was soll’s? Los geht’s!

Die beiden Veroneser

Ein Platz in Verona also und offenbar begegnen uns die beiden Helden direkt zu Beginn – die Freunde Valentin und Proteus. Valentin ist eher so Typ Draufgänger, Proteus eher der emotionale. Valentin verlässt Verona und seinen Freund, Proteus bleibt, denn er ist in Julia verliebt … ich ahne schon, worauf das Ganze hinausläuft, ist schließlich eine Komödie.

Proteus vergeht vor Liebe und Verliebtsein, und das kann nicht gut enden. Seine Haltung scheint ein wenig selbstbezogen zu sein, und das macht ihn nicht gerade glücklich. Wenigstens weiß er es selbst:

Trotz biet ich gutem Rat, die Welt nichts achtend;

Krank ist mein trüber Sinn, in Leid verschmachtend

Mein Jahr mit Shakespeare

2016 – das Jahr, in dem ich Shakespeare entdeckte. Das Jahr, in dem er 400 Jahre lang tot ist. Das Jahr, in dem ich jeden Tag ein paar Seiten aus seinen Werken lese …

Kann man etwas entdecken, was schon so lange so berühmt ist? Kann man Freude daran haben, etwas zu lesen, zu dem so viele schon so viel Kluges gesagt haben? Kann man einen Kontinent neu entdecken?

Wenn ich das heute lese und so tue, als wäre ich der erste (und als wüsste ich gar nichts über Shakespeare, seinen Ruf, seinen Ruhm), ist das irgendwas Besonderes? Wahrscheinlich nicht – vielleicht besteht auch eher die Gefahr, sich lächerlich zu machen … in diesem bildungsbürgerlichen Reich aus Zitaten, Anspielungen, Wissensfragmenten, Namedropping, vergilbten Theatertickets in alten (nie gelesenen?) Shakespeare-Ausgaben?

Und bringt es was? Warum soll man Shakespeare überhaupt noch lesen, heute, 400 Jahre nach seinem Tod? Nur um angeben zu können? Oder macht es Freude? Ist es eine Qual? Oder können seine Figuren, seine Gedichte, seine Sprache mir – irgendsoeinem Typen aus dem Deutschland des 21. Jahrhunderts, noch irgendetwas sagen?

 

„Das Unsägliche sagen“ – Huml/Rappenecker: „Jüdische Intellektuelle im 20. Jahrhundert“

Über die Suche nach einer Identität ,nach Auschwitz’ und die Formen des Erinnerns

 

„Wer Jude ist, bestimme ich“, hat der Wiener Bürgermeister Karl Lueger auf die Frage geantwortet, warum denn in seinem, eines Antisemiten Freundeskreis so viele Juden seien. Wenn es doch nur so einfach wäre, wird man sich denken, und im selben Augenblick: Bloß gut, dass es komplizierter ist. Denn Identität, kollektive zumal, ist nicht erst seit den Zeiten, da sie zu einem Modebegriff der Kulturtheorie avancierte, eine heikle Angelegenheit. Welche Instanz bestimmt, wer oder was jemand sei, wie er sich selbst verstehen, welchem Milieu er zugehören solle und welchem nicht, auf welche Weisen er sich von Mitgliedern anderer Kollektive zu unterscheiden habe? Um die Virulenz dieser Problematik für ein ,jüdisches’ Selbstverständnis zu verdeutlichen, muss man nicht erst auf die fatalen Bemühungen der Nazis verweisen, mittels Zwangszuweisung der Namen „Israel“ und „Sara“ oder des Davidsterns vermeintliche Klarheit in das Chaos zu bringen.

In diesem Sinne stellen die Autorinnen und Autoren des von Ariane Huml und Monika Rappenecker herausgegebenen Bandes „Jüdische Intellektuelle im 20. Jahrhundert“ die Frage nach dem Standort des jüdischen Denkens heute und suchen sie auf vielfältige, zwangsläufig unabgeschlossene Weise zu beantworten. Wollte man die Ergebnisse der 17 Einzelstudien zusammenfassen, die das thematische Feld von den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts bis zur Gegenwart abstecken, so könnte es wohl nur in der Einsicht geschehen, dass jüdische Identität weder je fest umrissen war noch ist. Gerade diese Tatsache aber, so sind sich die Beitragenden einig, begründet den seismographischen Wert nicht nur eines jeden der geschilderten Schicksale von Karl Kraus über Hannah Arendt bis zu Ruth Klüger oder Hilde Domin, sondern überhaupt der gesamten neueren jüdischen Geschichte für die Entwicklungen der Moderne und Nach-Moderne.

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Philosophie in Sprechblasen – „Nietzsche“ als Comic

Die Graphic Novel “Nietzsche” von Michel Onfray und Maximilien Le Roy erzählt vom Leben und Denken des Philosophen

Speist sich die Faszination für Nietzsches Werk vor allem aus dem Wissen über sein Leben oder ist es eher umgekehrt: Erklärt sich das Interesse für sein Leben aus dem Unerhörten seiner Schriften? Oft handelt es sich wohl um einen Teufelskreis: Man findet, einmal angesteckt, nicht mehr heraus aus der Beschäftigung mit Nietzsches Leben und Werk. Dieser Teufelskreis erhält zusätzliche Verstärkung durch die verschiedensten Veröffentlichung der letzten Jahrzehnte, die sich des Faszinosums bedienen und es fruchtbar machen für Eigenes: Irvin D. Yaloms psychotherapeutischer Lebenshilferoman „Und Nietzsche weinte“, Martin Walsers Rechenschaft ablegender Essay „Nietzsche lebenslänglich“, popkulturelle Zitate (Kelly Clarksons „Stronger“) etc.
Und seit dem letzten Jahr auch eine Graphic Novel: die von dem französischen Philosophen Michel Onfray geschriebene und von dem französischen Zeichner Maximilien Le Roy illustrierte Comic-Biographie „Nietzsche“.

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Zeugnis der menschlichen Würde – Viktor Frankls „Es kommt der Tag, da bist du frei“

Im Kösel Verlag erscheinen bisher unveröffentlichte Texte des Psychologen Viktor E. Frankl

Vielleicht ist es das wichtigste Buch des 20. Jahrhunderts: Viktor E. Frankls „… trotzdem Ja zum Leben sagen“. Der 1946 erschienene Bericht über die Erfahrungen, die der Begründer der Logotherapie in den Konzentrationslagern Theresienstadt, Auschwitz, Kaufering und Türkheim gemacht hat, auf dem angloamerikanischen Markt unter dem Titel „Man’s Search for Meaning“ ein Longseller, ist ein bewegendes Zeugnis der menschlichen Fähigkeit, noch unter brutalsten und erbarmungslosesten Bedingungen dem eigenen Leben Sinn zu verleihen. Diese Fähigkeit ist es, so Frankl, die die Würde und Glücksmöglichkeit des Menschen erst begründet, indem sie ihn in den unscheinbarsten Momenten, ja selbst im Leiden und im Sterben noch Sinnhaftigkeit erfahren lässt.

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Unheimliches Verschwinden – Über Peter Stamms Roman „Weit über das Land“

Arthur Rimbaud, J. D. Salinger oder B. Traven; Raymund Gregorius aus „Nachtzug nach Lissabon“, Amy Dunne aus dem Thriller „Gone Girl“ oder Christopher McCandless aus „Into the Wild“ – das Schicksal von Menschen, die verschwinden, hat seine ganz eigene Anziehungskraft. Als ob ihr Weggehen in uns eine Sehnsucht nach etwas ganz Anderem anstößt, einem zweiten oder dritten Leben, einer vorgestellten Möglichkeit, einer anderen Identität, einem „Was wäre wenn?“. Ob sie real oder fiktiv sind, ob sie gewollt oder gezwungen fliehen, ob sie von etwas getrieben werden oder von etwas angezogen – in dem Fortleben dieser Figuren liegt für uns oft das Exempel von Menschen, die ihr Leben noch einmal auf den Prüfstand gestellt haben. Die Selbstprüfung zeigt sich in dieser einen existenzialistischen Entscheidung des Weggehens, da sie vor allem die beiden Fragen aufwirft, die unausgesprochen unser ganzes Leben beherrschen. Da ist zum einen die Frage nach der Vorgeschichte, nach den Gründen, nach individuellen Anlässen: „Was war geschehen?“ Zum anderen ist da die Frage nach der Zukunft, nach der Alternative, nach dem Leben danach: „Was soll nun werden?“

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