Gunnars BuchClub: Woche 2

Zur Wahl stehen diesmal Sachbücher zum Thema Bildung.

  • Julian Nida-Rümelin: Philosophie einer humanen Bildung
  • Konrad Paul Liessmann: Theorie der Unbildung
  • Neil Postman: Die zweite Aufklärung

Abstimmen könnt ihr wie immer hier.

Leidenschaftliche Bildung

Der Gebildete ist an seinen heftigen Reaktionen auf alles zu erkennen, was Bildung verhindert. Die Reaktionen sind heftig, denn es geht um alles: um Orientierung, Aufklärung und Selbsterkenntnis, um Phantasie, Selbstbestimmung und moralische Sensibilität, um Kunst und Glück. Gegenüber absichtlich errichteten Hindernissen und zynischer Vernachlässigung kann es keine Nachsicht geben und keine Gelassenheit. Boulevardblätter, die aus purer Profitgier alles zerstören, wovon ich gesprochen habe, können nur den heftigsten Ekel hervorrufen. Überhaupt ist der Gebildete einer, der vor bestimmten Dingen Ekel empfindet: vor der Verlogenheit von Werbung und Wahlkampf; vor Phrasen, Klischees und allen Formen der Unaufrichtigkeit; vor den Euphemismen und der zynischen Informationspolitik des Militärs; vor allen Formen der Wichtigtuerei und des Mitläufertums, wie man sie auch in den Zeitungen des Bürgertums findet, die sich für den Ort der Bildung halten. Der Gebildete sieht jede Kleinigkeit als Beispiel für ein grosses Übel, und seine Heftigkeit steigert sich bei jedem Versuch der Verharmlosung. Denn wie gesagt: Es geht um alles.

Peter Bieri: Wie wäre es gebildet zu sein?

Ist Bildung in Freiheit möglich?

Heute sprechen wir über Kinder und Kindheit, Erziehung und Bildung, Lehrerinnen und Schülerinnen, Schulpflicht und Schulanwesenheitszwang, Schulsystem und Unterrichtsmethoden – wie ist das alles in Freiheit möglich?
Mit Sarah Brauer, Peter Müller und Ben Daniel.
Heute im Livestream um 20 Uhr. Ihr seid herzlich willkommen!

[BUCH DES JAHRES] Tim Parks, Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen

Bis Jahresende erscheinen auf KaiserTV in lockerer Folge ein paar Buchempfehlungen: Leserinnen und Leser schreiben über ihr ganz eigenes BUCH DES JAHRES 2016.

Den Anfang macht Thomas Brasch mit seiner Vorstellung des neuen Buches von Tim Parks:

„Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen“

 

 

Es ist seit langem das Klügste, was ich über die zeitgenössische Literaturrezeption gelesen habe. Tim Parks Buch „Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen.“ wünsche ich mir als Basislektüre für ein literaturwissenschaftliches Proseminar. Ungeeignet ist es jedoch für angehende Buchhändler, die in ihrem Glauben an den Mehrwert ihres Handelsobjektes erschüttert werden könnten. Jeder, der sich in dem Diskurs über „Literatur, Stand heute“ einbringen will, kann sich mit diesem Buch perfekt munitionieren9783956141300. Denn es bestätigt sicher nicht nur viele Thesen, die man schon selbst gerne mal in den Raum stellte, sondern erweitert auch den Einblick, da Tim Parks jede Menge handwerkliche Erfahrungen aus seiner Arbeit als Romancier, Übersetzer, Literaturkritiker und Dozent einbringt.

Mit allerhand Fragen leitet Tim Parks sein Buch ein, die man sich eigentlich innerhalb eines mehrjährigen Literaturstudiums als Leitfaden aufhängen sollte. Hier eine willkürliche Auswahl:

„Was versprechen sich Autoren vom Schreiben? Geld? Anerkennung? Einen Platz in der Gesellschaft? Ist es Therapie?“

Oder:

„Möchte ich lesen, was die anderen lesen, damit ich mich mit ihnen unterhalten kann? Welche anderen sind das? Lese ich, um meine Sicht auf die Welt zu bestätigen, oder um sie infrage zu stellen? Warum sind wir so oft unterschiedlicher Meinung über die Bücher, die wir lesen?“

Und schwergewichtiger:

„Können Bücher überhaupt irgendetwas verändern? Haben sie bei all ihrem angeblichen Liberalismus die Welt tatsächlich liberaler gemacht? Oder sind sie nur das Feigenblatt,…?“

In vier Teilen arbeitet sich Tim Parks an den eingangs gestellten Fragen ab. Nein, „abarbeiten“ ist ein unpassender Begriff für dieses sehr angenehm und schlüssig gegliederte Buch, das man nicht Sachbuch nennen mag, um ihm bloß nicht den Anschein trockener Wissenslektüre zu geben. Man schmunzelt beim Lesen dieser akademisch unverkrampft verfassten Prosa fast unentwegt.

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Zunächst betrachtet er „Die Welt des Buches“ und fragt sich, ob wir überhaupt Geschichten bedürfen. „Menschen tendieren dazu, Geschichten, egal welcher Art, zu benutzen, um ihren Glauben zu untermauern, nicht, um ihn infrage zu stellen.“

Eine These, die ich unterschreibe und gegen die sich aber viele fundamentalistische Leser wehren werden. Betrachten wir lang tradierte Werte unserer Kultur, so werden sie jedoch einzig in der Romanliteratur stetig manifestiert. Im realen Leben werden sie ständig von uns unterlaufen. Beziehungen können im Roman nur glücklich werden, wenn sie auf gegenseitig begehrender Liebe gegründet sind. Glück stelle sich für die Protagonisten nur ein, wenn ihnen ein freier Wille attestiert werden kann. Macht, so suggeriert man uns, sei per se immer ein Unterdrückungsmittel, um egoistische Interessen durchzusetzen. Und Freiheit ein Gut, für das zu sterben es sich lohne. Wahre Selbstverwirklichung ist den vielen Geschichtenerzählern nur vorstellbar, wenn Individualität entwickelt und toleriert wird. Und so fort.

Die Wirklichkeit sieht jedoch anders aus: Macht erweist sich hier als ein notwendiges Mittel, um Dinge zum Guten zu wenden oder Sicherheit zu bewahren. Beziehungen sind weitaus glücklicher, wenn das gemeinsame Vermögen in dem Maße wächst wie die Liebe abnimmt. Und die Beschneidung der Freiheit führt nicht zu Kämpfen, sondern wird weit eher gefordert, um sich in Sicherheit zu wiegen. Ein Robin Hood ist in unserer Realität ein Terrorist, Romeo und Julia sind naive Pubertiere und Pippi Langstrumpf eine wohlstandverwahrloste Göre. Da der Idealismus in Romanen sich diametral zur Realität verhält, setzen wir bei einem seriösen, anspruchsvollen Roman voraus, dass er unglücklich bzw. traurig endet. Nur dann können wir das Ende halbwegs glaubhaft finden.

Dann betrachtet Tim Parks ein jüngeres Phänomen, das die Leserschaft ebenfalls gerne ignoriert: Der langweilige neue globale Roman. Exemplarisch dafür las ich vor kurzemLeon de Winters „Geronimo“. „Seit einigen Jahren höre ich von Autoren …, wie enttäuscht sie seien, keinen englischsprachigen Verlag für ihre Werke gefunden zu haben; interessanter Weise beklagen sie sich darüber, dass dieser Misserfolg ihrem Prestige im eigenen Land schadet:…“ bemerkt Parks.

geronimo-9783257069716Auf das Phänomen der Globalisierung der Literatur geht er im Buch noch häufiger ein. So auch auf den Aspekt, warum immer mehr angelsächsische Literatur übersetzt und begeistert gelesen wird, obwohl hier inhaltlich und sprachlich kaum global geglättet wird, sondern alles sehr amerikanisch bleiben soll. Die Werke von Jonathan Franzen, den Parks nicht besonders schätzt, sind dafür ein zunächst irritierender Beleg. Doch bei tieferer Rückschau auf unser Leben, wird uns bald klar, dass wir die Generation sind, die von Kindheit an Englisch lernte und durch unzählige US-Filme, TV-Serien sowie Musik Amerika als eine uns vertraute, parallele Kultur verinnerlicht haben. Wir tauchen also – was viele Leser ja bevorzugen, statt auch mal befremdet zu lesen – bei US-Literatur in eine Parallelwelt ein, die wir wohlig exotisch fern finden, jedoch zugleich auch gut zu kennen glauben. Das ist bislang anderen „Kulturnationen“ nur sehr eingeschränkt gelungen.

Wenn Tim Parks dann der Frage nachgeht, warum wir uns bei Romanen so selten über deren Wertschätzung einig sind, stellt er eine sehr faszinierende und schlüssige These auf und zwar, „dass die Art, wie wir auf Romane reagieren, vor allem etwas mit der Art von „System“ (z.B. Familienkonstellation, Anm. von mir) oder „Gesprächen“ zu tun haben könnte, mit denen wir aufwuchsen und innerhalb derer wir uns eine Position suchen und eine Identität aufbauen mussten.“

Erläutert wird das u.a. anhand der eigenen Kindheitserfahrung: „In meiner Familie zum Beispiel zählten Mut oder Unabhängigkeit, Erfolg oder Gemeinschaftssinn nie besonders viel, sondern Güte, unter der gewöhnlich Verzicht verstanden wurde.“ Seine beiden Geschwister hätten sich dazu mit ihren literarischen Präferenzen entweder in Opposition begeben (Bruder), also wurde besonders abenteuersüchtig, oder brav angepasst (Schwester) und es dann bevorzugt, heile Welten zu betreten. Die Untermauerung seiner These kann ich aus Längengründen an dieser Stelle nicht weiter erörtern. Sie ist im Buch sehr plausibel.

Alle vier Teile (1. Die Welt des Buches, 2. Das Buch in der Welt, 3. Die Welt des Schriftstellers und 4. Schreiben rund um die Welt) sind überzeugende, jeweils andere interessante Perspektiven auf das betitelte Thema. Er widmet sich auch der kuriosen Wandlung im Auge der Betrachter, sobald sich ein Möchtegern-Schriftsteller als veröffentlichter Schriftsteller entpuppt, also aus der belächelten Autorenlarve ein im Buchhandel zu erwerbender Schmetterling wird: „…welche Auswirkungen hat dieses Umschwenken von Spott zu Verehrung auf den Autor und sein Werk, und auf die Literatur im Allgemeinen?“

Die Bedeutung des Geldes für das Schaffen wird ebenfalls erörtert, wie auch der Einfluss und die Bedeutung der Literaturagenten, Lektoren und Übersetzer, die in diesem Fall Ulrike Becker und Ruth Keen waren und m. E. sehr gut die Tonalität Tim Parks ins Deutsche übertragen konnten. Abgeschlossen wird das brillante Buch, indem Tim Parks amüsiert und kritisch die deutsche Verfilmung seines Romans „Cleaver“betrachtet:

„Ich habe das Gefühl, die Produzenten haben sowohl ästhetisch als auch angesichts des Rahmens, in dem sie das Projekt umsetzen mussten, die richtigen Entscheidungen getroffen. Der größenwahnsinnige Tim Parks allerdings hätte seinen Namen lieber auf den Leinwänden der großen weiten Welt gelesen.“

Tim Parks geht mit sich, seinen Kollegen sowie mit den von ihnen geschaffenen Werken sehr offen, nüchtern und klärend um. Er nimmt keine Rücksicht auf die häufige Verklärung, die sich gerne mit der Person des Schriftstellers als auch mit dessen Arbeiten bei vielen Lesern einstellt. Manch einer mag das schon als zynisch befinden, ich finde es erhellend, anregend und sicher nicht widerspruchsfrei:

„In einer Welt, die einerseits allergrößten Wert auf die Emanzipation des Individuums legt, die anderseits aber so komplex und vernetzt ist, dass sie ein gewisses Maß an Verhaltenskonformität verlangt, ist es sicher einleuchtend, dass wir uns gerne Erzählungen ausdenken, die unserem individuellen „fortschrittlichen“ Geist schmeicheln, aber uns davor abschrecken, in seinem Sinne zu handeln.“

Mir leuchtet das ein.

Ebenfalls lesenswert fanden das Buch Sophie auf Literaturenjulesbarrois, SL Leselust,Jelmuki und Querleserin

Und Uwe Kalkowski traf Tim Parks mit Peter Stamm vor kurzem bei Zürich liest und fand: „Es war ein großes Vergnügen, diese beiden charmanten, witzigen und brillanten Autoren live zu erleben.“

 

Der Text erschien zuerst auf Thomas Braschs Blog „brasch & buch“

Mit freundlicher Genehmigung des Autors

Nietzsche und die Bildung

Und überall herrscht eine unanständige Hast, wie als ob etwas versäumt wäre, wenn der junge Mann mit 23 Jahren noch nicht „fertig“ ist, noch nicht Antwort weiß auf die „Hauptfrage“: welchen Beruf? – Eine höhere Art Mensch, mit Verlaub gesagt, liebt nicht „Berufe“, genau deshalb, weil sie sich berufen weiß. … Sie hat Zeit, sie nimmt sich Zeit, sie denkt gar nicht daran, „fertig“ zu werden – mit dreißig Jahren ist man, im Sinne hoher Kultur, ein Anfänger, ein Kind. – Unsre überfüllten Gymnasien, unsre überhäuften, stupid gemachten Gymnasiallehrer sind ein Skandal: um diese Zustände in Schutz zu nehmen […] dazu hat man vielleicht Ursachen – Gründe dafür gibt es nicht.

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Friedrich Nietzsche – Ein paar Wahrheiten über die Deutschen. In: F. N.: Götzen-Dämmerung, 5.

Ist ganzheitliche Bildung möglich?

Über Julian Nida-Rümelins „Philosophie einer humanen Bildung“

Bildung, das ist die andauernde Bereitschaft und das nachhaltige Bemühen, den Menschen und die Menschheit, die Welt und den Kosmos gründlich, im Grundsatz jedenfalls verstehen zu wollen und sie dann so gestalten zu wollen, dass sie lebenswert, noch besser liebenswert wird und bleibt.

Diese Bestimmung von Bildung, wie sie der Pädagoge Otto Herz formuliert hat, betont gleich mehrere Aspekte, die in der Diskussion zum Thema stets bewusst bleiben sollten: Bildung ist niemals fertig und abgeschlossen, sondern höchstens ein andauernder Prozess; ein „gebildeter Mensch“ ist also immer auch einer, der sich selbst in Bildung begreift. Bildung bezieht sich auf das Ganze, nicht nur auf einen einzelnen oder eine Gruppe von Menschen, nicht nur auf einzelne Bereiche wie Fähigkeiten oder Wissen, und ebenso nicht nur auf einzelne Bereiche der Gesellschaft wie z. B. die Welt der akademischen Wissenschaft. Und Bildung geht Hand in Hand der Ausrichtung auf die Außenwelt, mit der Neugier des Begreifen- und der des Wirkenwollens.

Neueren Erscheinungen zum Thema geht es vor allem um die Reform des Schulwesens (R. D. Precht), die Rolle des Lehrers (M. Felten; J. Hattie), den Unterricht selber (A. Gruschka) oder die Neurobiologie des Lernens (G. Hüther); ihnen liegt dabei ein mehr oder weniger expliziertes Verständnis von Bildung zugrunde, wie es oben skizziert wurde. Bei den bildungstheoretischen Grundannahmen sind sich die Diskutanten nämlich erstaunlich einig. Warum aber genau dieses Verständnis von Bildung das rechte sein soll, ist schwer zu begründen, denn Fragen der Entwicklung des Menschen hängen mit dem Menschenbild zusammen, das sich eine Gesellschaft macht – und dies wiederum ist so veränderlich und unbeständig wie die Gesellschaft selbst.

Die Schwierigkeit liegt also darin, zu bestimmen, was der Mensch sei. Noch mehr aber, da seine Unbestimmtheit erst das Wesen des Menschen auszumachen scheint: zu bestimmen, was er sein solle – liegt doch der Frage nach gelingender Bildung immer eine Wertung zugrunde, eine Idealvorstellung von dem, wozu der Mensch im besten Fall in der Lage ist und was man im besten Fall als gelingendes Leben bezeichnen kann.

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Julian Nida-Rümelin, 2012 auf der Lit.Cologne

Auch der Münchener Philosoph Julian Nida-Rümelin, der jetzt eine „Philosophie einer humanen Bildung“ vorlegt, ist sich der Schwierigkeit normativer Anthropologie bewusst; gleichwohl wagt er eine Grundlegung von Bildungstheorie, die sich in ihrer weit ausgreifenden, ausführlich begründenden Art wohltuend von Ad-hoc-Rezepten oder pauschalen Verurteilungen des Bestehenden abhebt.

Er entwirft ein Menschenbild, das den Charakter als Träger von Handlungen in den Vordergrund stellt. Personen, so Nida-Rümelin, handeln nicht zufällig, sondern aus einem Charakter heraus, der ihnen gewisse Gründe gibt, etwas zu tun bzw. etwas zu unterlassen. Ein moralisch gereifter Charakter zeige sich darin, dass er mit sich selbst kohärent ist, was sich wiederum in der Stimmigkeit seiner Gründe und Handlungen niederschlage. Vernunft und Autonomie, aber auch seine eigenen Freiheit seien für den Menschen nur mittels einer kohärenten Lebensführung zu gewinnen. Diese ist zugleich Voraussetzung für ein verantwortungsvolles Leben.

Ziel jeglicher Bildungsanstrengungen soll also sein, diese kohärente Lebensform zu ermöglichen – einen Charakter bilden zu helfen, der sich selbst als Autor eines von Gründen, also von reflektierten Wertungen geleiteten Lebens erkennen kann.

Die Ausführungen stehen in der Nachfolge Humboldts, aber auch John Deweys; der Autor konzentriert sich in seinen Überlegungen nicht allein auf die akademische Bildung – sein Ansatz ist ganzheitlich und will die Grundideen des Humanismus mit denen des Pragmatismus verbinden. Er stellt zum einen fest, dass es bei jeder Bildung um Persönlichkeitsbildung gehen muss – die Idee einer vorrangig berufsspezifischen Ausbildung, wie sie dem deutschen Schulsystem in seiner frühen Ausdifferenzierung noch immer zugrunde liegt, scheint absurd, wenn man der Dynamik heutiger Berufsbilder Rechnung trägt. Der Autor kritisiert zum anderen die Abwertung praktischer Berufe und die Setzung eines akademischen Abschlusses zum Standard, von dem abzuweichen eine Schülerin prinzipiell zur Versagerin macht.

Nida-Rümelins holistische Ausrichtung zeigt sich auch daran, dass er Bildung nicht, wie üblich, als Gegensatz zur Ausbildung sieht, die ihren Sinn im Erwerb von (markttauglichen) Fertigkeiten sieht. Bildung der Persönlichkeit und Ausbildung von Fertigkeiten sind für ihn zwei Merkmale eines Prozesses, durch den der Mensch dazu befähigt wird, seinem Leben Richtung und Sinn zu geben. Er nennt das die Autorschaft des Individuums, also dessen Fähigkeit, sich selbst als der Urheber seiner Handlungen und Ziele, seiner Werte und im weitestgehenden Sinne auch seiner Lebensumstände betrachten zu können. Wo dies nicht gegeben ist, hat der Mensch nicht seine Bestimmung erreicht – ein gelingendes Leben kann es nicht genannt werden, wenn jemand zwar viel weiß und viel kann, sich jedoch ohnmächtig fühlen muss gegenüber der Übermacht der Wirklichkeit. Diese Wirklichkeit gestalten zu können ist Sinn und Zweck eines wahrhaft humanen Lebens – Gestaltungsfähigkeit zeigt sich aber nicht allein in abstraktem Wissen und isolierten, willkürlichen Fähigkeiten, sondern in der Möglichkeit zur Integration des Zufälligen in ein Sinn stiftendes Ganzes. Wer auf die Zufälle des Lebens eine Antwort geben kann, die er als eine eigene, authentische empfindet, wer, wie es bei Paul Fleming heißt, „sein selbst Meister ist“, der ist wahrhaft gebildet zu nennen.

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Nida-Rümelin: Philosophie einer humanen Bildung

Das bedeutet, und dies leitet Nida-Rümelin überzeugend aus anthropologischen Axiomen her, dass der Mensch als Ganzes gesehen werden muss – als kognitives, ästhetisches, emotionales und ethisches Wesen. Bildung, die den Namen verdient, muss diesen Dimensionen Rechnung tragen, muss sich in gleichem Maße auf das Denken, Fühlen, Urteilen und Handeln des Menschen beziehen und die Entwicklung all dieser Fähigkeiten ermöglichen – ihr zumindest nicht im Wege stehen.

Das sind Thesen und Ansichten, die die geneigte Leserin und der geneigte Leser nach Zuklappen des Buches  unmittelbar unterschreiben möchten, die sie aber auch schon irgendwo in anderer Schwerpunktsetzung gelesen und gehört haben. Nida-Rümelins humanistisches Menschenbild und seine Bildungstheorie, so gut sie theoretisch begründet werden und so explosiv für jede Gesellschaft sie praktisch wären, sind doch alles andere als neu und unerhört.

Ein Wort zu Form und Sprache des Buches: Falsche Konjunktive, überflüssige Kommas, verwirrende Satzkonstruktionen, stilistische Fragwürdigkeiten wie „hineinprojizieren“ oder „Väter in Vollzeit“, schlecht recherchierte Behauptungen wie die, in keiner Sprache außer dem Deutschen gebe es die begriffliche Verbindung von Bildung und Bild – Schwedisch beispielsweise scheint der Autor nicht für eine Sprache zu halten – Nida-Rümelins „Philosophie einer humanen Bildung“ ist nachlässig bis gar nicht lektoriert. Gleich auf den ersten Seiten begegnen Ungereimtheiten und Selbstwidersprüche, zum Teil in ein und demselben Satz: Ein Schulwesen wie das deutsche, das darin versagt, einem beträchtlichen Teil der Kinder und Jugendlichen Lesen, Rechnen und Schreiben beizubringen, wird gleichzeitig als in der Vermittlung eben dieser Zivilisationstechniken erfolgreich bezeichnet! Nach PISA seien die Bildungsbemühungen einer Schockstarre ausgesetzt – die Rahmenbedingungen daher noch immer nicht verändert -, eine Seite weiter liest man von den vielfältigen Reformanstrengungen „seit PISA und Bologna“! Diese Unausgegorenheiten trüben das Bild einer ansonsten souveränen Argumentationsführung.

Es ist nicht Nida-Rümelins Ziel, bildungspolitisch Stellung zu nehmen, er will vielmehr „bildungsphilosophisch Orientierung“ geben. Dies gelingt ihm, und man muss ihm eine Vagheit der Umsetzungsvorschläge nicht zum Vorwurf machen. Er konstatiert jedoch eine fehlende kulturelle Leitidee von Bildungspolitik und Bildungspraxis und bemängelt gleichzeitig die kognitive Schlagseite, die unser Bildungssystem angenommen habe und aufgrund derer die physische, soziale, ethische und ästhetische Dimension der Persönlichkeitsentwicklung aus dem Blick geraten sei. Dazu ist anzumerken: Kulturelle Leitideen werden gemeinhin erst im Nachhinein erkannt, wenn nicht gar aus den Zeugnissen  einer Ära mühsam herausgelesen – dann, ex post, erscheint uns das Zeitalter der Aufklärung beispielsweise als Hort von humanistischen Philanthropen voller Idealismus. In Zukunft wird man auch unserer Zeit wohl Leitideen diagnostizieren. Zum zweiten ist es widersprüchlich, ein Fehlen jeglicher Leitidee zu beklagen, gleichzeitig aber kognitive Schlagseiten und den Primat der Ökonomie zu konstatieren. Worum handelt es sich bei den genannten Phänomenen, wenn nicht um mehr oder weniger implizite Ausbildungen kultureller Leitideen?

Unser Schulsystem ist nicht zufällig so geworden, wie es ist. Das Beharren der Gesellschaft auf diesem System ist auch nicht bloßer Faulheit oder einem Mangel an Alternativen geschuldet – sondern eben der Vorherrschaft einer kulturellen Leitidee. Der Autor begeht den Fehler, seine (begründete) Ablehnung gegenüber bestehenden kulturellen Leitideen mit deren gänzlichem Fehlen gleichzusetzen.

Nida-Rümelins Argumentation gewönne an Schärfe, wenn er hier tiefer grübe: Worin sind die eigentlichen Ursachen unseres kognitiv ausgerichteten Bildungssystems zu sehen? Warum leben wir nicht in einer Gesellschaft, die die Bildung des ganzen Menschen mit Kopf, Herz und Hand einer einseitigen Abrichtung auf ökonomische Verwertbarkeit vorzieht und diese Präferenz in ihrem ganzen Wollen und Handeln umsetzt? Ist es nicht seltsam, dass sich die Bildungsforscher grundsätzlich kaum widersprechen, die Tendenzen zum Verharren auf dem Althergebrachten jedoch überwiegen? Eine Antwort auf diese Fragen, die Suche nach den Ursachen der Misere, die Nida-Rümelin wortgewandt konstatiert, hätte dem Buch die Brisanz verliehen, die es aufgrund der Wohlfeilheit seiner Thesen vermissen lässt.

 

Julian Nida-Rümelin: Philosophie einer humanen Bildung

edition Körber-Stiftung, Hamburg 2013. 246 Seiten,  € 18,-
ISBN: 978-3-89684-096-7