Irene Dische: „Schwarz und Weiß“ – Gerd Sonntags Buch des Jahres

„Schwarz und Weiß“ ist die ultimative Liebesgeschichte, und so schön beginnt sie: die hyperintelligente Lili aus Upper West Side trifft den blauäugigen Farbigen Duke aus Florida –, das perfekte amerikanische Paar am dafür geeignetsten Ort und zu gegebener Zeit: nämlich in den frühen 70er Jahren in New York, als es in linksliberalen intellektuellen Kreisen chic wurde, wider den obsoleten Rassenhass zu interagieren.

81Hulb3hWVLDoch den Roman eine Liebesgeschichte zu nennen, ist schon eine ziemlich zynische, wenn nicht gar dreiste Behauptung: Denn was Irene Dische ihren geneigten Lesern auf den folgenden fast 500 von Bosheit triefenden Seiten anrichtet und zumutet, ist nicht weniger als die Vivisektion des amerikanischen Alptraums, und zwar im schmerzhaften Längsschnitt von Norden nach Süden, von New York bis ins disparate rassistische Florida, als würde ein verschmitzt lächelnder Woody Allen auf der Höhe seiner Schaffenskraft seine blutigen Reißzähne zeigen und eine gespaltene Zunge.

„Schwarz und Weiß“ ist ein hoffnungslos nihilistischer Roman; keine liberale politische Idee, keine menschliche Beziehung hält den Egoismen der Beteiligten stand. Irene Dische hat eine brillante Satire geschrieben, die den Leser mitten in das leere Herz einer Nation führt. Und doch ist es ein höchst vergnüglicher und unterhaltsamer Roman, wenn man die nötige Distanz wahrt.

Was diesbezüglich die unauslöschbare, grenzenlose Liebe zwischen Lili und ihrem treuen Duke angeht – wie sagt Mephistopheles so treffend über Lilith: „Adams erste Frau. / Nimm dich in Acht vor ihren schönen Haaren, vor diesem Schmuck, mit dem sie einzig prangt. / Wenn sie damit den jungen Mann erlangt, / So läßt sie ihn so bald nicht wieder fahren.“

Irene Dische: Schwarz und WeißWas mich betrifft, so erschien mir im fortschreitenden Verlauf der Lektüre die beste Lösung für die faszinierend schöne Protagonistin zu sein: ein halber Liter Superbenzin unter Zuhilfenahme eines Zippos.

Gerd Sonntag

 

 

Irene Dische: Schwarz und Weiß. Roman

Hoffmann und Campe, 2017.

488 Seiten

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J. J. Voskuils „Büro“ – Joachim Feldmanns Roman des Jahres

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Am 1. Juli 1957 wird der des Lehrerberufs überdrüssige Maarten Koning zum „Wissenschaftlichen Beamten im unteren Rang“ berufen. Sein künftiger Arbeitsplatz ist ein Büro für Volkskundliche Amsterdam. Er weiß zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass dieses Büro für mehr als die nächsten drei Jahrzehnte sein Leben bestimmen wird. Dies ist umso tragischer, als er von der vollkommenen Sinn-und Nutzlosigkeit volkskundlicher Forschung überzeugt ist. (Das Büro beschäftigt sich unter anderem mit der unterschiedlichen Form von Dreschflegeln in den niederländischen Regionen, übrigens ein Thema, das Maarten Koning bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1987 beschäftigen wird.) Doch weder seine grundlegenden, nicht selten zu depressiven Schüben führenden Zweifel noch die ständige Nörgelei seiner Frau Nicolien, die mit ihm lieber ein Bohèmeleben geführt hätte, verhindern Konings Aufstieg in der wissenschaftlichen Hierarchie.

Der niederländische Autor J. J. Voskuil (1926 – 2008), dessen Biografie viele Parallelen zu der seines Helden aufweist, war selbst dreißig Jahre am Meertens-Institut für Volkskunde in Amsterdam beschäftigt. 1990 begann er damit, seine Aufzeichnungen in einen monumentalen Romanzyklus zu verwandeln, dessen sieben Bände zwischen 1996 und 2000 in den Niederlanden erschienen und zu unerwarteten Bestsellern wurden. Seit 2017 liegt „Das Büro“ komplett in deutscher Übersetzung vor und hat auch hierzulande begeisterte Leser gefunden. Ist es die Faszination des Immergleichen, die Menschen dazu treibt, immerhin etliche tausend Seiten mit Figuren von geradezu grotesker Alltäglichkeit zu verbringen? Mir ging es so. Kaum hatte der verdienstvolle Verbrecher-Verlag einen neuen Band angekündigt, musste ich ihn haben. Eifersüchtig registrierte ich, wenn andere Fans bei Facebook bereits von der Ankunft des Buchpaketes berichteten, während ich noch einen oder zwei Tage ausharren musste. Hielt ich das Buch dann endlich in Händen, war an andere Lektüre nicht mehr zu denken. Muss man das erklären? Vielleicht reicht ein Zitat aus dem siebten und letzten Band, „Der Tod des Maarten Koning“. „Es war noch hell, doch die Laternen waren bereits an, eine regelmäßige Reihe orangefarbener Lichter beiderseits des Wassers bis zum Turm der Westerkerk. Es rührte ihn. Wenn dies nun einmal der Sinn des Lebens wäre: die Beobachtung kleiner Variationen in immer demselben kleinen Teil der Welt, in dem man zufällig lebte.“

Joachim Feldmann ist Lehrer und Gelegenheitskritiker. Er ist Mitbegründer und Herausgeber der Literaturzeitschrift Am Erker

„So tun als ob es regnet“ – Katja Kutschs Roman des Jahres

„So tun als ob es regnet“ von Iris Wolff ist ein echter Hochgenuss für alle diejenigen, die Freude an einer poetisch sinnlichen Sprache haben. Dazu gehöre ich in jedem Fall. Ich freue mich immer, wenn es jemand fertig bringt, mit Worten derart toll umzugehen, dass es mir fast schon e51uy6MmFCeL._SX312_BO1,204,203,200_.jpggal ist, was erzählt wird, Hauptsache sie oder er erzählt überhaupt – am liebsten mit schönen langen Sätzen, die eine eigene Melodie erzeugen und einem zeigen, wie tief Sprache einen berühren kann – Hemingway mal ausgenommen, der kann das auch in knappen Sätzen. Genau wegen der virtuosen Sprache aber konnte ich nun das Buch „So tun als ob es regnet“ nicht mehr aus den Händen legen, als mir der Titel zufällig in einer Buchhandlung in die Hände fiel. Und wie das bei einer richtig tollen Autorin nun mal so ist, ist es am Ende dann doch nicht so egal, was sie erzählt. Iris Wolff bringt es fertig eine Familiengeschichte, die sich über mehrere Jahrzehnte erstreckt auf nur 160 Seiten zu erzählen, in vier Episoden, die sehr leise und gleichzeitig sehr einfühlsam beschrieben sind. Manche Szenen wie die des Motorradfahrers, der davon überzeugt ist, jeden Moment zu sterben oder die der Frau, die auf die Rückkehr eines Bootes wartet, gehen mir nicht mehr aus dem Kopf. Es geht dabei um nicht weniger als den Zufall, das Schicksal und um Entscheidungen, die man trifft und die das Leben und die Persönlichkeit der nachfolgenden Generationen prägen. Definitiv meine schönste Leseüberraschung in 2017.

 

Katja Kutsch

„Albert Speer“ von Magnus Brechtken – Michael Klugers Sachbuch des Jahres

„Ich lese gern Bücher über die Nazis und das „Dritte Reich“. Weil ich glaube, dass ich immer noch nicht verstanden habe, wie sie möglich waren und das, was sie taten. Über Albert Speer, Hitlers Architekt und Rüstungsminister, habe ich schon viel gelesen: die Biografien von Gitta Sereny und Joachim Fest, des früheren FAZ-Herausgebers. Speers „Erinnerungen“ und die „Spandauer Tagebücher“, an denen Joachim Fest mitgeschrieben hat.

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Fest schien den Schauer zu lieben, sich in der Nähe eines NS-Großverbrechers aufzuhalten, der in Nürnberg nur 20 Jahre Haft bekam und nicht den Tod, und sein Vertrauen zu gewinnen. Fest nahm Speer – wie viele Deutsche – die Geschichte ab, er, Speer, sei ein verführter Künstler und Idealist gewesen, der mit Hitler einen Teufelspakt geschlossen habe, um seinen Traum von großer Architektur zu verwirklichen. Speer war in dieser Geschichte immer der gute Nazi, ein Ästhet und Träumer, der einzige in der Nazi-Mischpoke mit Geist und Niveau. Er war Hitlers Freund, weil der eigentlich ein Künstler war und auch von großer Architektur träumte. Von den Verbrechen mag er geahnt und gewusst haben, interessiert hat er sich dafür nicht. Ein „Faust“-Stoff, wie man ihn in Deutschland mag. Die Geschichte stimmt aber nicht. Magnus Brechtkens „Albert Speer – Eine deutsche Karriere“ zeigt, dass die Geschichte anders ging. Sie handelt von einem Opportunisten und Karrieristen, der keine Skrupel kannte, wenn es um seine Interessen ging. Sie handelt von einem Überzeugungstäter, von einem fanatischen Nazi, der Fremdarbeiter und KZ-Häftlinge für seine Bauten und in seinen Rüstungsbetrieben zu Tode schinden ließ. Alles hat er gewusst. Er hat tatkräftig und in vollem Bewusstsein geholfen, das Monströse ins Werk zu setzen. Nach dem Untergang hat er sich eine neue Geschichte erlogen. Und die Deutschen wollten belogen werden. Magnus Brechtken erzählt dieses ernüchternde, vollends desillusionierende Geschichte in einem atemberaubenden Buch, und er kann sie belegen. Es gibt keinen guten Nazi. Keinen einzigen.

Der FAZ-Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki hat einmal erzählt, wie es zum Bruch zwischen ihm und Joachim Fest kam: Fest hatte Speer zu einer Party eingeladen, zusammen mit dem Holocaust-Überlebenden Reich-Ranicki. Intuitiv hat der Speers Lügen nie geglaubt.“

 

 

Michael Kluger ist Journalist und schreibt für die Frankfurter Neue Presse.

 

Magnus Brechtken: Albert Speer. Eine deutsche Karriere.

Siedler Verlag 2017, 912 Seiten

ISBN: 978-3827500403

Planet Planlos – Frank Odenthals Sachbuch des Jahres

„Mein Sachbuch des Jahres 2017 ist „Planet Planlos“ von Anne Weiss und Stefan Bonner.

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Frank Odenthals Sachbuch des Jahres: Planet Planlos

Ich hatte mich beruflich in diesem Jahr selbst mit dem Klimawandel beschäftigt, hatte also schon gewisse Vorkenntnisse. Und trotzdem hat mich dieses Buch umgehauen.

Denn es trägt zusammen, was wir momentan über den Klimawandel wissen, und entwirft darauf aufbauend ein schonungsloses Szenario dessen, was uns erwartet: Wie unsere Welt in wenigen Jahren wahrscheinlich aussehen wird, wenn wir nicht jetzt – also: heute! – reagieren.

Und das Tollste an dem Buch: Die beiden Autoren benutzen eine Sprache, die die eigentlich eher dröge Wissenschaft greifbar und packend macht wie einen guten Krimi.

Mich hat dieses Buch ebenso schockiert wie es mich fasziniert hat. „Wir haben ja nicht gewusst, wie schlimm es werden wird“ zählt nach diesem Buch jedenfalls nicht mehr, wenn uns unsere Enkel später einmal zur Rede stellen sollten, warum wir nichts unternommen haben, als noch Zeit dazu war. „Ich hättet es wissen können“, werden sie nämlich entgegnen, „Ihr hättet doch ‚Planet Planlos‘ lesen können.“

Frank Odenthal

Frank Odenthal ist freischaffender Journalisten und Autor aus Köln

Stefan Bonner / Anne Weiss: Planet Planlos.

Knaur Verlag 2017, 320 Seiten

ISBN-13: 978-3426214329