Meine 10 besten Videos 2018

Im Jahr 2018 ist KaiserTV auf über 10.000 Abonnenten und 200 Patreon-Supporter angewachsen. Insgesamt wurden über sieben Millionen Minuten meiner Videos gesehen. Vielen Dank euch allen für die Unterstützung, den Zuspruch und die guten Ideen!

Hier nun die Top 10 der meist abgerufenen Videos, die in diesem Jahr auf KaiserTV erschienen sind:

 

10. Die deutsche Flagge

Auf Sardinien gedreht, wo man die sardische Flagge, die bandera sarda, häufig sieht. Ein paar Wochen zuvor war ich auf dem Hambacher Schloss und habe mich ein wenig mit den politischen Bewegungen des 19. Jahrhunderts beschäftigt. Und dann kam Eva Schulz‘ Video darüber, dass sie die deutsche Flagge irgendwie für anrüchig hält …

9. Die Philosophie des Jordan B. Peterson

Der Held des Intellectual Dark Web, jetzt auch auf deutsch. Ich fasse seine wichtigsten Ideen zusammen und ordne sie wertend ein. Das Video ist so lang geworden, dass ich es ursprünglich in 3 verschiedenen Teilen gesendet habe. Von Hierarchie bis Hummer ….

8. Jenseits von Gut und Böse

Im Herbst begann meine Beschäftigung mit Moral und moralischen Argumenten. Wie setzen wir unser moralisches Empfinden und unsere Rhetorik so ein, dass wir den Gegner ins unmoralische Aus katapultieren? Schon bei Moritz Neumeiers Beschwörung der „guten, menschlichen Seite“ (siehe unten) ist mir das aufgefallen. Godfather ist natürlich Nietzsches  Klassiker der Philosophie und der Ethik, Jenseits von Gut und Böse.

7. John Rawls: Eine Theorie der Gerechtigkeit

Ein weiterer Klassiker der Philosophie, diesmal auf die politische Theorie bezogen. Wie müssen wir uns eine faire und gerechte Gesellschaft vorstellen? Ursprünglich für meine Schüler*innen des Grundkurses Philosophie gedreht …

6. Feminismus und Anarchie

Vor 2 Jahren hat mir ein Unterstützer und Freund eine kleine Schrift von 1979 zugeschickt, die dann einige Zeit im Regal verstaubte. Dann nahm ich sie zur Hand und fand, dass die Verbindung von Anarchismus und modernem Feminismus doch sehr reizvoll ist.

5. Die offene Gesellschaft und ihre Feinde

Aktueller denn je: Sir Karl Raimund Poppers Theorie der offenen Gesellschaft. Eine Antwort auf die Gräuel der Naziherrschaft. Heute in Verruch geraten durch George Soros „Open Society“? Oder schon von Anfang an angelegt als sozialistische Propaganda? Was ist dran am Klassiker der Sozialphilosophie?

4. Die Krise der Männer

Männerthemen gehen immer gut auf Youtube. Vielleicht ist es eine Domäne des Rückzugs und der Selbstbesinnung geworden. MGTOW, Jordan B. Peterson und Anti-SJW-Themen hallen dort von den Wänden des virtuellen Man Cave wider. Ich habe versucht, bei der Betrachtung der Lage des modernen Mannes versöhnliche Töne anzuschlagen. Eine Referenz geht an C. G. Jungs Theorie des puer aeternus.

3. Gesinnungsethik

Eine Fortsetzung meiner Auseinandersetzung mit moralischem Argumentieren. Max Weber, Jonathan Haidt, Moritz Neumeier, Anton Hofreiter, der Gutmensch, das NPC-Meme … sie alle sind meine Leitsterne beim Nachdenken darüber, warum wir so unterschiedlich moralisch empfinden und argumentieren.

2. Jordan B. Peterson: 12 Lebensregeln

Jordan B. Petersons Lebenshilfe-Ratgeber ist mittlerweile (sehr schlecht) ins Deutsche übersetzt. Diese kurze Darstellung seiner 12 rules for life bezieht sich auf die englische Ausgabe.

1. Ist Moritz Neumeier der Auserwählte?

In Cornwall gedreht. Wie mein allererfolgreichstes Video beschäftigt sich der Spitzenreiter 2018 mit Moritz Neumeier und seiner Argumentationsweise. Getriggert hat mich vor allem seine Aussage, er gehöre zur guten Seite, zur Seite der Menschlichkeit, während die anderen zum Team Unmenschlichkeit gehören. Im Interview mit mir, das 2019 erscheint, hat er diese Ansicht noch einmal differenziert.

Der junge Marx oder Was man sieht und was man nicht sieht

Eine kurze Kritik

Wer ist der Hauptdarsteller dieses Films? August Diehl, weil er den Titelhelden spielt? Stefan Konarske, weil er den sympathischeren Engels verkörpert? Vicky Krieps, weil sie der Misere der Frau um 1848 ein Gesicht gibt? Oder doch Peter Benedict, weil er als Engels‘ ausbeuterischer Kapitalistenvater den diabolischen Antagonisten verkörpert, der den Kampf für die Arbeiterklasse erst anstößt? Oder ist gar gleich die ganze Arbeiterklasse als revolutionäres Subjekt der Held eines Films, der doch nicht nur die Anfechtungen und Nöte eines idealistischen Materialisten zeigen will?

Es gibt eine Szene in der Mitte des Films, da taucht der heimliche Hauptfigur einmal auf. Es ist das Leinentuch, in das Marx‘ neugeborene Tochter gewickelt ist, bevor sie in die Arme ihres Vaters gelegt wird. Dies ist nämlich die einzige Szene, wo das Produkt der Arbeit tatsächlich „zum Tragen kommt“. Ansonsten sieht man von dem, was Kapitalistenschwein Engels sen. herstellt, wenig bis nichts. Die Szenen, die in der Leinenfabrik spielen, zeigen nur die ausgebeutelten Arbeiterinnen und die gesichtslos-kalten Maschinen. Das „was hinten raus kommt“, bleibt unsichtbar.

Es ist das Tuch, das sich Marx und der vierte Stand nun schneller und billiger leisten kann, weil der Räuberbaron es maschinell herstellt. Es ist die saubere Decke, in die das Baby gewickelt wird – kein filziger Lumpen mehr. Es ist der Gehrock, den sich nun auch der Revolutionär leisten kann, wenn er wie Proudhon vor den Arbeitern steht und in Reden die Abschaffung des Privateigentums fordert. „Eigentum ist Diebstahl“ sagt er, doch seinen Gehrock darf er anbehalten …

Das Tuch

Es ist dieses Tuch, das – in Massen produziert – den Massen den Alltag bequemer und leichter macht. Es ist Engels‘ Kapital, das das Leben der Arbeiterklasse angenehmer macht. Angenehmer zumindest, als die Lektüre des „Kapitals“ es vermag.

Daher ist es auch fast unsichtbar. Nach Frédéric Bastiat erkennt man einen guten Sozialphilosophen daran, dass er unterscheiden kann zwischen dem, was man sieht, und dem, was man nicht sieht. Man sieht das Elend der Arbeiterklasse. Nicht jedoch sieht man, wie die Produkte des Kapitalisten Wohlstand produzieren. Man sieht die Bettler auf der Straße. Man sieht jedoch nicht die bettelnden Arbeiter, weil es sie nicht gibt. Weil die nämlich von Engels sen. von der Straße geholt wurden und nicht mehr betteln müssen, wie es die Natur eigentlich für Sie vorgesehen hatte.

Man sieht das Leinentuch nicht, man sieht den Ursprung des Wohlstands nicht, man sieht die Quelle des Geldes nicht, das Marx sein Schreiben finanzierte.

Ein kleines idyll

Bis auf eine Szene: Jenny Marx wird von Gläubigern belagert, die die Begleichung ihrer Schulden fordern. Auftritt Karl, der sie mit jovialer Geste ausbezahlt. Kuz darauf hält er der glücklichen Ehefrau einen Hummer vor die Nase, und die nächste Szene zeigt, wie die Familie im Garten den gekochten Hummer isst (Bezüge zu Sara Wagenknecht sind rein zufällig …).

Ein Idyll. Bezahlt von Engels‘ Vater, dem Ausbeuter der Arbeiterklasse.

„Die geliebten Schwestern“ von Dominik Graf

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Dieser Film ist ein Zwitterwesen. Nicht Fisch, nicht Fleisch. Zu ambitioniert für ein B-Movie, zu naiv für ernstzunehmendes Autorenkino. Man kann Regisseur Dominik Graf, mehrfacher Grimme-Preisträger, momentan nicht gut kritisieren, und wenn man es tut, sieht es nach Querulantentum aus Prinzip aus. Und tatsächlich braucht es nach „Fack ju, Göhte“ anscheinend nur ein das deutsche Bildungserbe nicht mit Füßen tretendes Werk, um es als Segen für das Publikumbezeichnen zu können.
Aber Grafs neuester Film, eine Art freischwebendes Biopic über Friedrich Schiller und seine Beziehung zu den beiden Schwestern von Lengefeld, deren jüngere er ehelicht, während er mit der älteren eine Liebesbeziehung unterhält, die in die Geburt eines unehelichen Sohnes mündet – Grafs Film ist eine eigenartige Mischung aus gut gemeint und nicht gekonnt verfilmter Literaturgeschichte auf der einen Seite und prächtigem Kostüm- und Historienfilm auf der anderen.
Die Misere beginnt und endet mit der Erzählerstimme aus dem Off, die gleich zu Beginn so penetrant und neunmalklug, als spräche der Béla Réthy des Kunstfilms, jegliches ästhetische Einfühlen in Figuren, Bilder, Dialoge und Plot zu verhindern weiß, dass man ab der Mitte des Films, wenn dem Kommentator die Ideen ausgegangen zu sein scheinen, bei jeder etwas ruhigeren Szene seine Hände in die Kinolehne verkrampft findet vor Angst, „die Stimme“ möchte noch einmal ihre Lebensweisheiten zu Gehör bringen wollen. Und das lässt sie sich, wenn auch in ertragbarerer Frequenz, bis zum Ende nicht nehmen, sodass man endlich Robert McKees in „Adaption“ zitiertes Gebot für Drehbuchschreiber versteht: Auf Voice Over verzichten!
That’s flaccid, sloppy writing. Any idiot can write a voice-over narration to explain the thoughts of a character.
Wer nicht mit Bildern und den Taten und Worten seiner Figuren nicht zu transportieren vermag, worum es ihm geht, der kann diese Aufgabe auch und erst recht nicht einem allwissenden Erzähler überlassen, der seinen Zuhörern die wahre Lesart erklärt.
Es ist die Stimme keines Geringeren als des Regisseurs selber, eine warme und charaktervolle Stimme, von der man sich gern mal den „Stechlin“ vornuscheln ließe. Und da ist wohl auch die Wurzel des Problems zu suchen: Es ist nicht klar, welcher Teufel Graf geritten haben mag, die Macht seiner so wundervoll ausgewählten Bilder durch diesen „Kunstgriff“ derart zu schwächen, dass ungetrübter ästhetischer Genuss nicht mehr möglich ist. Aber es ist klar, dass der Film eher als Bewerbungsvideo für die Filmschule daherkommt – im besten Fall auch als ein Erklärvideo wie beim Schiedsrichterlehrgang.
Ach, gäbe es doch schon die Möglichkeit, die Kommentarfunktion per Tastendruck zu pausieren und ohne den geschwätzigen Märchenonkel auszukommen, der hier die Aufgabe hat, Zeitsprünge zu füllen, da dem Zuschauer die Funktion einer Szene erklärt, dort – Tiefpunkt des Films – uns über das Wesen der Liebe aufklärt – und schließlich im Proseminarton über die Rezeptionsgeschichte doziert.
Geschwätzig ist überhaupt das Stichwort dieses Films, denn nicht nur der Erzähler, auch die Dialoge selber und leider auch die Bilder schwätzen den Zuschauer während der 138 Minuten voll, dass man sich fragt, ob das Drehbuch von zwei verschiedenen Menschen geschrieben wurde.
Alles muss zwei und drei Mal gesagt werden, damit es der Zuschauer auch versteht. Seelische Konflikte lieber doppelt begründen und zur Erinnerung noch einmal eine zweisekündige Rückblende, falls jemand es vergessen hat. Carolines und Charlottes Mutter plaudert zu Beginn darüber, dass sie ihrer Tochter gesagt habe, wenn die Familie nur noch ein Service besitze, dann betrachte sie sich als arm. Am Schluss reicht es dann natürlich nicht, die Familie mit nur einem Service in Jena ankommen zu lassen, es reicht nicht mal, Frau von Lengefeld dies einmal erwähnen zu lassen, schließlich sind schon zwei Stunden vergangen! Die arme Mutter muss alles noch einmal wiederholen und das so geschickt vorbereitete Motiv zerdeppern wie die Teller und Tassen, die schließlich von ihren Töchtern als „Erregungsrequisite“ (Sven Regener) missbraucht werden. Geschwätzig.
Schöne Motive lässt sich das Drehbuch einfallen, und eine Freude ist es, wie sie in Szene gesetzt werden: der Rheinfall bei Schaffhausen dient als stimmungsvoller Hintergrund für den Schwesternschwur, sich immer alles sagen zu wollen. Die Szenen in Rudolstadt strahlen die Atmosphäre eines noch unbeschwerten Sommers der Liebelei aus. Wenn es doch dabei bleiben könnte – aber die Geschwätzigkeit der Dialoge, die unnatürlich schnelle Schnittfolge, die im weiteren Verlauf den Eigenwert der Bilder zunichte macht und dem Flair eines romantischen Ménage-à-trois-Dramas so entgegenkommt wie ein Streichquartett einem Eminem-Film (wie sich überhaupt der Film bei der Entwicklung seiner Figuren und Konflikte so wenig Zeit und so wenig Rätsel offen lässt, als wären wir bei Michael Bay), die historischen Ungereimtheiten und die lachhaft aufdringlichen, offenbar von einem überambitionierten und unterbezahlten Grafikdesignstudenten im ersten Semester mit Power Point erstellten Einblendungen, und das in einer Schrift, die Comic Sans als Inbegriff von Understatement erscheinen lässt – all das zerstört jegliches Einfühlen in das tragische Sujet (das dem Publikum allerdings herzlich schnuppe bliebe, ginge es nicht um unseren Schiller und wären da nicht die überzeugenden Schauspieler, allen voran Henriette Confurius).
Doch all das ließe sich vielleicht noch verkraften, verlöre der Film nicht so bald schon seinen Fokus, dass man sich fragen würde, ob er je einen hatte – wäre da nicht der Titel. Aber viel eher noch als ein Film über Schillers imaginierte Dreiecksbeziehung scheint es sich um eine Spielfilm-Doku über das zeitgenössische Post-, Druck- und Verlagswesen zu handeln – mit Exkursen zur Auswirkungen der französischen Revolution auf das deutsche Geistesleben im Allgemeinen und Schillers Zahnweh im Besonderen. Ob es aber um das Verhältnis der Schwestern untereinander oder zu Schiller oder dessen Seelenpein in diesem Dilemma oder um die Unmöglichkeit der Liebe gehen soll, bleibt in den Tiefen und Untiefen des Drehbuchs verborgen. Wahrscheinlich gleich um alles zusammen. Aber das sagt einem ja leider auch keine Stimme aus dem Off mehr.

Im Kino mit Peter Handke

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Der Film „Peter Handke. Bin im Wald, kann sein, daß ich mich verspäte“ von Corinna Belz zeigt den Schriftsteller im Jahr 2014. Die neunzig Minuten werden ganz und gar von der Person Handkes getragen, ohne dass der Zuschauer ihm auch nur für einen Moment nah käme – wie könnte es auch anders sein. Rückblicke auf Princeton oder die Publikumsbeschimpfung unterbrechen den Einblick in den Alltag (wenn man das bei Handke so nennen kann) nur selten; Musik wird eher spärlich eingesetzt. Der einzige Rivale für die Rolle der Hauptfigur könnten die Miniaturen sein, die die Kamera einfängt: detailversessen, stimmungsvoll, melancholisch – das Wetter um das Chaviller Haus, die Buchrücken, Handke beim Pilzeschneiden, Handke beim Muschelnlegen …

mv5bmgvkmdu5m2qtzgnmmy00y2q3lwflytmtytgxnwexyje3owm4xkeyxkfqcgdeqxvyndkzntm2odg-_v1_sy1000_cr007071000_al_Das ist auch das Schönste am ganzen Film: die Bedächtigkeit, mit der er sich auf die Aura Handkes einlässt. Dabei ist er fern von jeder Gefahr der Überhöhung. Handke wird hier als zwar kauziger, doch beinahe gewöhnlicher, nicht allzu mürrischer älterer Mann dargestellt, der zwar in jeder Sekunde die Pose des Solitärs einnimmt, wie sie beispielsweise die Erzählung „Nachmittag eines Schriftstellers“ auf jeder Seite atmet. Doch nichts daran scheint im engeren Sinne gestellt – Handkes Einzelgänger-Pose ist in vielen Jahren so eingeübt, dass sie ihm in Fleisch und Blut übergegangen ist.

Wenn er spricht, kann man sich teilweise ein Schmunzeln nicht verkneifen. Köstlich die Szene, in der er versucht, einen widerspenstigen Faden in ein Nadelör zu bugsieren – Metapher für alles Mögliche zwar, für die Probleme des Schriftstellers, das richtige Wort zu finden („Ein Schriftsteller ist jemand, dem das Schreiben schwer fällt.“), für Handkes politische Stellungnahmen oder für die Schwierigkeit, als Einzelgänger ein verantwortlicher Vater zu sein.

Diese Ebene wird, mit Auftritten der Töchter Amina und Léocadie, zurückhaltend beleuchtet. Familiäre Konflikte, Konstellationen, Kindheitstrauma – darüber hätte Handke sowieso keine Auskünfte gegeben und so verlässt die Regisseurin dieses Terrain auch wieder, ohne dass der Zuschauer wüsste, ob er aus dem Ganzen etwas Bedeutsames für das literarische Werk ziehen kann.

handke-1Überhaupt bleibt unklar, was das Ziel dieses Biopics sein soll – es ist keine Auseinandersetzung, weder mit der Person, noch mit seinem Werk, noch mit seiner Wirkung. Das tut dem Film im Grund genommen gut – er erschöpft sich im Einfangen von Impressionen. Hier liegt Handke auf dem Sofa, da geht er durch den Garten, dort spricht er mit seiner Tochter. Weltbewegendes etwa im poetologischen Sinne darf man hier nicht erwarten.

Zwischen banal und bedenkenswert freilich pendeln seine ein wenig abgerungen klingenden Aphorismen zum Schreiben und zum Leben als Schreibender:

„Eine wirkliche Erfindung ist etwas ganz und gar Außergewöhnliches.“

„Phantasie ist das Erwärmen des Vorhandenen.“

„Ich spüre nie so sehr, was Leben ist, mit mir und mit andren, wie wenn ich schreibe.“

„Schreiben ist ein Tabubruch. Das darf man nicht. Irgend­etwas ist in einem, das einem sagt, dass man nicht schreiben darf.“

Ansonsten aber hält sich Handke mit Weisheiten zurück und die Fragestellerin (selber nie im Bild), auf die er liebevoll-grantig reagiert, insistiert nur selten. Auf diesem Pfad kommen wir dem Handke’schen Werk nicht auf die Schliche. Auch andere Beschäftigungen oder Stellungnahmen – warum er gerne spazieren geht, Statements zur Kunst, zu Filmen, zur Literatur – sind so spärlich und im Ganzen unspektakulär, dass sich daraus kaum Erhellendes gewinnen lässt. Musik scheint in seinem Leben keine Rolle zu spielen, auch Eine Flaubert-Referenz hier, ein Satz über Michelangelo Antonioni da … das war’s dann auch schon. Es hat den Eindruck, dass Handke, eine Verlängerung der Linie Stifter – Heidegger, lieber Bauer geworden wäre. Die körperliche Arbeit, das Draußensein, das Werk der eigenen Hände: wenn man nach dem Film ginge, sieht es so aus, als wäre Handke stolz darauf, wenn es vor allem das wäre, was er zurücklässt. Der Hauch des Vergänglichen, der alles überzieht, gibt diesem Einblick in das Leben des Schriftstellers das Überpersönliche, das ihn erst sehenswert macht.

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Wir müssen uns Peter Handke als Nähenden vorstellen

Im Grunde führt Handke, wie der Film ihn porträtiert, eine recht gewöhnliche Existenz. Seine Verweigerung technischer Neuerungen ist nichts Ideologisches, eher nur eine Gewohnheit. Sein zurückgezogenes Leben unterscheidet ihn kaum von vielen anderen Käuzen – bloß, dass wir diese nicht im Kino sehen.

Der Provokateur, der Störenfried, sogar der Menschenfeind scheinen in ihm abgestorben zu sein; man sieht ihn noch als ferne Erinnerung im hier und da eingestreuten Archivmaterial. Wäre er nicht der berühmte Schriftsteller – was würde einen Film wie diesen rechtfertigen?

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Peter Handke – Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte

Deutschland 2016 · 89 min. · FSK: ab 0
Regie: Corinna Belz
Drehbuch: Corinna Belz
Kamera: Nina Wesemann, Axel Schneppat, Piotr Rosolowski
Schnitt: Stephan Krumbiegel

Die Utopie des dionysischen Lebens – „Hangover“ (I und II)

2_-rubens-two-satyrsDer Reiz von „Hangover“ besteht neben aller Absurdität der Witze und Situationen vor allem darin, dass der Film mit der Suche seiner Helden nach Abenteuer in Las Vegas einen aufschlussreichen Blick auf unsere Wertungen und Haltungen gegenüber Kultur, Zivilisation und Gesellschaft eröffnet.

Das Wesen all dieses Zivilisatorischen, wie es dem Bereich des Natürlichen ideell entgegengesetzt ist, offenbart sich in „Hangover“ in den kleinen Lebensausschnitten aus Hochzeitsvorbereitungen, Familienleben, Beziehungszwist, der Öde der Arbeitsverhältnisse – es ist das der Normalität und Konventionalität, zu der nur Alans Anomalien einen spannungsreichen Gegensatz bilden. In diese Verhältnisse finden sich die Protagonisten von Beginn an eingebunden, sie erscheinen gleichsam als Sinn eines sozial konformen Lebens, zu dem man sich affirmativ verhält, ohne dass man sich erinnern könnte, wie man da hineingeraten wäre.
Aber als Verlockung und Verheißung winkt von Beginn an ebenfalls „das Andere der Gesellschaft“, das den Konventionen entgegengesetzte Prinzip, verortet in der US-amerikanischen Version der „Hure Babylon“: dem Glücksspielparadies Las Vegas. Dieser Moloch ist Wirklichkeit und doch Utopie, ein Nicht-Ort, Sodom und Gomorrha in der nevadischen Wüste; seine Gestalten  sind mythisch und doch bis zur Handgreiflichkeit physisch real.  Die Reise der Männer, die sich anfangs in einem Zwischenzustand befinden zwischen den Erfordernissen des Alltags und der Sehnsucht nach Vergnügen, Bewährung und Befriedigung – ihre Reise konfiguriert eine archaische Situation: den befristeten Austritt aus dem gesellschaftlich Akzeptierten in eine andere Welt, deren Besonderheit durch das Fehlen jeglicher Regeln gekennzeichnet ist. (Selbst die Polizei, Hüter des Gesetzes, interpretiert ihre Regeln in Las Vegas höchst freisinnig und eigenwillig.)
Dieser Ausbruch aus der Zivilisation, hier zeitlich vor die vermeintlich ewige Bindung an das Regelhafte (die monogame Ehe) gesetzt, soll noch einmal gewährleisten, dass sich der Mann als solcher fühlen und von anderen erlebt werden kann. Die Erinnerung an derartige dionysische Momente der Ekstase soll später in der verwalteten und verregelten Welt des appollinisch gemäßigten Alltags als Trost und als Schutzmittel gegen die gesellschaftlich geforderte Triebunterdrückung und Langeweile dienen.
Latent zum Ausdruck kommt dabei die Ansicht, dass der gesellschaftliche Mensch zu seinem eigentlichen Wesen nur noch kommen kann, wenn er durch den Gebrauch von Alkohol und Drogen jegliche Hemmung abgelegt hat. (Noch latenter behauptet der Film dabei, dass es sich bei dieser Art Mensch nur um Männer handeln kann. Das enthemmte Handeln ist entsprechend männlich konnotiert: Gefahr, Mutprobe, Männerfreundschaft, Aggression, Autoaggression, Sex.) Der erinnernde Nachvollzug dieser Enthemmung stellt sich dem Zuschauer als großes befreiendes Fest dar, in dem auf Konsequenzen des Tuns, Verantwortung für das eigenen Handeln, Gewissenhaftigkeit und Kohärenz mit allgemein anerkannten Wertvorstellungen kein Wert mehr gelegt wird. Die Feier des unmittelbaren Moments, des Körpers und seiner Bedürfnisse steht im Vordergrund, seine wiederkehrenden Attribute sind Tiger, Babys, Prosituierte, Waffen, Autos, Mike Tyson.
Am Ende steht jedoch die Rückkehr in die Normalität des Alltags, am Ende findet entgegen allen Widrigkeiten die Trauung des wiedergefundenen Doug mit seiner Verlobten Tracy statt, am Ende finden die Protagonisten wieder zurück in ihre Beziehungen – die Hochzeitsgesellschaft als Sinnbild der  öffentlich bestätigten Rückbindung des Mannes in Verpflichtung und Verantwortung. Die Zivilisation geht zwar in ihren Ansprüchen an den Mann so unmenschlich vor, dass er sich befristeten Urlaub nicht verkneifen kann, um durchzuhalten (dass er sich sogar gesellschaftlich akzeptierte Räume des gesellschaftlich Nicht-Akzeptierten installiert – „what happens in Las Vegas, stays in Las Vegas“), doch nach allem, was passiert ist, bleibt sie, die Zivilisation, die Grundlage für das menschliche Leben, weil wir es uns anders nicht vorstellen können und wollen als gesellschaftlich, d. h. hierarchisch geregelt.
Eine Kultur definiert sich für Foucault erst über das Zurückweisen von außerhalb Liegendem. Der Mensch (hier: der Mann) sehnt sich offenbar stets, mehr oder weniger bewusst, nach diesem außerhalb Liegendem, nach einem Ausbruch aus den Normen der alles in Zwecke und Mittel kategorisierenden Zivilisation. Als Antwort darauf hat sich die Zivilisation eines dialektischen Kniffes bedient und Orte und Zeiten eingerichtet, die dem „alten Adam“ einen Ausbruch, einen Urlaub von Form und Maß gewähren, dem Animalischen und Kindlichen Erlaubnis zur befristeten Machtübernahme erteilen. (In unseren von Gesundheitswahn und political correctness faszinierten Zeiten sind es allerdings immer häufiger Filme, die uns Abstinentlern durch Szenen der Ekstase – so äußerst plastisch in Project X, aber auch in den Partyszenen von The Great Gatsby, stellvertretend diesen Urlaub nacherleben lassen – alles andere wäre zu gefährlich und unverantwortlich.)
Anders, so die Pointe, kann Zivilisation nicht gelebt werden, da das Unbehagen in ihr sonst zu groß würde. Am Ende jedoch gewinnt die Kultur wieder die Überhand, der Mann kehrt zurück in die Gesellschaft und trägt zwischen Stolz und Scham schwankend seine Narben in Form von verlorenen Zähnen, Sonnenbränden oder Tattoos zur Schau. Alles bleibt jedoch beim Alten, so die Logik des sozial sanktionierten Ausbruchs – die Logik jedes Junggesellenabends. Es bleibt  als Residuum am Schluss, in der Kärglichkeit von fotografischen Beweisen, nur noch die in kurz aufflackernde Bestätigung, einmal richtig gelebt zu haben, bevor alles zu Ende ist.
Gleichwohl scheint im Film hier und da die Hoffnung auf eine Veränderung des Alltäglichen durch den Einbruch des Dionysischen auf, beispielsweise als der unterm Pantoffel stehende Stu der überzogenen Ansprüche, die seine Frau an ihn stellt, gewahr wird und er sich gegen sie auflehnt. In seiner zwischenzeitlichen Verheiratung mit der Stripperin Jade, einer durch ihren Beruf am Rande des gesellschaftlich Normalen situierten Figur, wird eine Alternative zu den bestehenden Verhältnissen in dem ambivalenten Sinn des Begriffs „Utopie“ deutlich: sie ist gleichzeitig möglich – sie scheint auf am Horizont des Denkbaren – wie unmöglich – sie wird aufgrund der Unvorstellbarkeit, eine solche Beziehung in den Alltag zu überführen, verworfen.