Geht das Abendland unter? – Nizza, Würzburg, München und die Politik des Charles Manson

Der Amoklauf in München hat, selbst wenn er kein islamistischer Anschlag war, gezeigt, wie groß die Angst, die Panik, die Hysterie, aber auch die Hilfsbereitschaft und der Wille ist, die Gesellschaft nicht auseinanderdriften zu lassen.

Spätestens den islamistischen Attentaten von Paris, Brüssel, Orlando, in Magnanville, Nizza, Würzburg, nach denen von Kabul, von Baghdad, in Bangladesh ist klar, dass wir uns im Krieg befinden. Eine neue Zeitrechnung hat in den letzten Tagen begonnen. Vielleicht wird man diese Epoche später auch – nach dem Motto des Serienmörders Charles Manson – „Helter Skelter“ nennen.

Meine Gedanken zu den Ereignissen der letzten Wochen. Der Amoklauf in München hat, selbst wenn er kein islamistischer Anschlag war, gezeigt, wie groß die Angst, die Panik, die Hysterie, aber auch die Hilfsbereitschaft und der Wille ist, die Gesellschaft nicht auseinanderdriften zu lassen.
Ich mache mir Gedanken zu den wahren Ursachen der Krise und zu möglichen Lösungen.

[Das Video war bereits fertig, bevor der Anschlag von Ansbach und der Mord von Reutlingen (24. 7. 16) geschahen.]

Welzer lesen! – KaiserTV liest „Die smarte Diktatur“ (Teil 1)

Die modernen Kommunikationsmedien verschlechtern unser Leben. Sie verdummen uns, machen uns zu Sklaven des Marktes und sind auch irgendwie verbunden mit Flüchtlingskrise, Umweltzerstörung und Klimawandel. Sagt Harald Welzer

Das neue Buch des Soziologen Harald Welzer trifft einen Nerv. „Die smarte Diktatur“ verkauft sich gut, wird diskutiert. Die These ist so simpel wie erwartbar: Die modernen Kommunikationsmedien verschlechtern unser Leben. Sie verdummen uns, machen uns zu Sklaven des Marktes und sind auch irgendwie verbunden mit Flüchtlingskrise, Umweltzerstörung und Klimawandel. Unternehmen wie google, facebook und amazon sammeln unsere Daten und wir verlieren die Kontrolle über unser Leben – Privatsphäre wird wertlos und zugleich steigt die Macht der Überwacher.

Welzers Band ist ebenso meinungsstark wie anregend zu lesen. Tatsächlich ist es selber aber genau das, was sein Untertitel verspricht: Ein „Angriff auf unsere Freiheit“.
Ich habe mir einen Kaffee gemacht und ein paar Seiten durchgeblättert, stets auf der Suche nach fragwürdigen Stellen …

 

Man darf dem Volk nicht die Schuld für die Dummheiten seiner Herrscher geben

„Die Wirkung der Medien ist gewaltig. Sie haben eine große Verantwortung für die Unordnung in der Welt.“

Die Wirkung der Medien ist gewaltig. Sie haben eine große Verantwortung für die Unordnung in der Welt. – Boualem Sansal

Über die Rolle der Medien bei Revolutionen wie dem arabischen Frühling und die Möglichkeiten, die das Internet für eine freie Gesellschaft bietet.

Über die Unterstützung der westlichen Regierungen für arabische Despoten, über die Chancen auf eine arabische Zivilgesellschaft und über die Gefahr, sich von Rechtsextremen instrumentalisieren zu lassen.

Der vierte und letzte Teil meines Interviews mit dem algerischen Schriftsteller Boualem Sansal.

Die Staaten instrumentalisieren die Religion – Boualem Sansal im Gespräch

Soll Deutschland mehr Moscheen bauen, um den Moslems Versammlungsorte zu schaffen, wie es kürzlich eine Politikerin der Grünen vorschlug? Und dürfen sich westliche Intellektuelle in islamische und arabische Angelegenheiten einmischen, oder ist das herablassend?

Teil 3 meines Gesprächs mit dem algerischen Schriftsteller Boualem Sansal. 

Soll Deutschland mehr Moscheen bauen, um den Moslems Versammlungsorte zu schaffen, wie es kürzlich eine Politikerin der Grünen vorschlug? Und dürfen sich westliche Intellektuelle in islamische und arabische Angelegenheiten einmischen, oder ist das herablassend?

Die Menschen haben Angst, sich zu äußern – Boualem Sansal im Gespräch

Wie soll man über das Problem der Migration sprechen? Was wäre wahre Hilfe für die Menschen in Syrien, im Irak, in Algerien?

Teil 2 meines Gespräches mit dem algerischen Schriftsteller Boualem Sansal:

Wie soll man über das Problem der Migration sprechen? Was wäre wahre Hilfe für die Menschen in Syrien, im Irak, in Algerien?

Boualem Sansal:

Wir sind in keiner normalen Situation. Man nutzt einen Kriegszustand aus um ein Volk auszurauben. Um ein Volk für ein Jahrhundert in eine  erbärmliche Situation zu stürzen.

Wir hatten das schon im Verlauf der Geschichte: Völker, die entwurzelt wurden und dann verschwanden.

Man muss also den Menschen helfen, in ihren Ländern zu bleiben.

Es ist gut, das genau so zu sagen. Aber wenn man sagt: „Wir müssen sie von hier verjagen!“ … Nein. Man verjagt keine Menschen! Denn es handelt sich um Menschen, denen es schlecht geht, also muss man sie empfangen, ihnen zu trinken geben. Das ist doch normal.

„Madame Merkel, Sie begehen einen Völkermord!“

Der algerische Schriftsteller Boualem Sansal im Gespräch über die Migrationskrise, die Rolle des Westens und seinen neuen Roman „2084“

Der algerische Schriftsteller Boualem Sansal im Gespräch über die Migrationskrise, die Rolle des Westens und seinen neuen Roman „2084“

Über Flüchtlinge sprechen – Warme Welt, kalte Welt

Über die Probleme unseres Sprechens über Menschen, Immigration und Flucht – und warum eine Verständigung so schwer erscheint

Über die Probleme unseres Sprechens über Menschen – und warum eine Verständigung so schwer erscheint  

Wir leben in zwei Welten. Jeder von uns wechselt von der einen in die andere und zurück, täglich, stündlich, ohne es zu bemerken. Die erste Welt, die wir als Menschen in unserem Leben kennenlernen, ist die der persönlichen Berührung, des direkten Austauschs mit anderen Individuen, der engen interpersonalen Beziehung. Wir kennen sie individualgeschichtlich in Familie und in Freundschaften, in kleineren, oft freiwillig eingegangenen Gemeinschaften.

Die Handlungen in dieser Welt sind von sozialen Sanktionen im doppelten Sinne gesteuert: von Belohnungen (z. B. Lob oder Glückwünsche) für willkommene und Strafen (z. B. Drohungen, Beleidigungen, Ausgrenzung) für unwillkommene Aktionen. Sie sind reziprok im soziologischen Sinne, das heißt, sie beziehen sich aufeinander und stehen in einem Wechselverhältnis, wie es vor allem für den Tausch signifikant ist, eine durch Freiwilligkeit und gegenseitigen Vorteil geprägte Aktivität, die den Menschen vom Tier unterscheidet. Auch das Teilen oder soziologische Phänomene wie Gabe und Gegengabe gehören in diesen Bereich. Kooperation steht also in dieser ersten Welt im Vordergrund. Sympathie und Antipathie, aber auch Hierarchie, z. B. in Familie und Stamm, sowie Autorität beeinflussen unsere Handlungen innerhalb dieser Welt. Weil sie uns natürlich zu sein scheint, weil sie unseren Instinkten so entgegenkommt, weil sie von Emotion geprägt ist, nenne ich sie hier „die warme Welt“.

Weil diese warme Welt das Reich ist, in dem wir sowohl individuell als auch evolutionsgeschichtlich aufgewachsen sind, prägen ihre Gesetze und Mechanismen alle Beziehungen in unserem Leben ebenso entscheidend wie unbewusst.

Während nun der vormoderne Mensch nur dieser einen Welt angehörte, dem Reich der Sippe, in der jeder jeden kannte, sind wir heutigen Menschen zugleich Angehörige einer weiteren Welt. Diese „kalte Welt“ ist die der anonymen Beziehung, in der jeder zwar seinen individuellen Plänen folgt, aber in der (oft indirekten) Interaktion keine Gefühlsebene vonnöten ist, sondern allein Selbstinteresse und Rationalität in der Wahl der Mittel ausreichen. Es ist die Welt des Marktes und der Öffentlichkeit, in der die Beziehungen sich entpersonalisiert haben. Es ist eine Welt, in der Distanz und kaltes Abwägen nicht nur als hilfreich, sondern auch als überlebenswichtig empfunden werden. Während in der warmen Welt Unmittelbarkeit und Kurzfristigkeit wertvoll sind, gelten in der kalten Welt langfristige Überlegungen mehr. Während die warme Welt den belohnt, der spontan und ohne Abwägen von Zweck und Mittel agiert, wird gleiches Verhalten in der kalten Welt als sozialromantisch, weltfremd und naiv verurteilt.

Dieses „Zwei-Welten-Theorem“ wurde von dem österreichischen Ökonomen und Philosophen Friedrich August von Hayek formuliert. Seine Überlegungen können auch angesichts der Diskussion über Einwanderung Licht ins Dunkel bringen, prägt die Unterscheidung zwischen warmer und kalter Welt doch den privaten und öffentlichen Austausch auch über dieses Thema, wie täglich deutlich wird.

Die für uns bedeutendste Feststellung dürfte sein, dass geradezu unüberwindbare Probleme dort entstehen, wo der Mensch beide Welten miteinander vertauscht. Sowohl die warme als auch die kalte Welt bildet je ein selbstregulierendes System, das eigenen Gesetzen folgt. Sobald nun jemand die Logik der warmen Welt auf die kalte überträgt, macht er sich quasi eines Kategorienfehlers schuldig, ebenso wie derjenige, der es umgekehrt macht. Wer familiäre Konflikte und Beziehungen angeht, wie er Börsenwerte liest, handelt ebenso „ver-rückt“ wie der, der gesamtgesellschaftliche Entwicklungen wie einen weihnachtlichen Familienzwist lösen will.

„Warme“ Regeln der Solidarität, mit denen man Gutes tun will, können den unpersönlichen Markt ins Wanken bringen. Selbstinteresse und Profitstreben, die für den Erfolg von Märkten verantwortlich sind, können hingegen Familien und kleine Gruppen zersetzen.

Es fängt dort an, wo dem Phänomen ein Name gegeben wird, denn mit der Benennung beginnt der Versuch, Herrschaft über den Diskurs zu erlangen. Daher sollten wir unser Augenmerk auf die Zugehörigkeit der Wörter lenken, mit denen wir derzeitige Phänomene beschreiben: generell gehört „Flüchtlinge“, „Verfolgte“, „Kriegsopfer“ zur warmen Welt, während „Migranten“, „Asylanten“, „Einwanderer“ eher zur kalten zu zählen wären. Je nach Sprachgebrauch kann man davon ausgehen, dass ein Diskursteilnehmer seine Position bezüglich des Themas damit untermauern möchte, dass er an Gefühl, Menschlichkeit und Nähe bzw. an Vernunft, Kaltblütigkeit und Distanz appelliert.

In der aktuellen Diskussion sehen wir die Problematik dort auftreten, wo Menschen aus unterschiedlichen „Welten“ heraus auf die Phänomene blicken. Für diese Konflikte bilden sich dann jeweils Kampfbegriffe aus, die dem Gesprächspartner seine „Herkunft“ unbewusst vorwerfen. Es erscheint den Angehörigen der warmen Welt derjenige, der beispielsweise für Obergrenzen, Abschiebung oder geschlossene Grenzen plädiert, als Nazi, Wutbürger und reaktionär. Wer etwa Statistiken zum Thema Migrantenkriminalität anführt, wird von der anderen Seite schnell als fremdenfeindlich diffamiert; dies mitunter mit dem Kommentar: Es geht doch um Menschen, nicht um bloße Zahlen!

Vice versa gilt der Befürworter einer Willkommenskultur, die fremde Menschen wie nahe Angehörige behandelt oder kulturelle Unterschiede für bereichernd oder nichtig erklärt, in der kalten Welt als Gutmensch.

Kurz: Reaktionär ist für den einen der, der kalte Logik auf das Warme bezieht; Gutmensch ist für den anderen der, der die warme Logik auf das Kalte bezieht.

Die Markierung von „Gutmensch“ als Unwort (2011 auf dem zweiten, 2015 endlich auf dem ersten Platz) zielt übrigens in die Richtung, den Kritikern eines naiven Einwanderungsbegriffs die Macht der Etikettierung ihrer Gegner zu entziehen. „Wutbürger“ hingegen wurde zum Wort des Jahres 2010 gewählt – diese abwertend gemeinte Bezeichnung Andersdenkender ist also nicht als zu vermeiden markiert, sondern den Kritikern der „Festung Europa“ zur Etikettierung ihrer Gegner geradezu ans Herz gelegt.

Beide Seiten begehen jedoch einen Kategorienfehler, wenn sie sich auf Dinge beziehen, die der einen Welt zugehören, sie aber mit der Logik der anderen zu beschreiben und zu lösen versuchen. Hayek schreibt:

Unsere Schwierigkeit besteht zum Teil darin, daß wir unser Leben, unsere Gedanken und Gefühle unentwegt anpassen müssen, um gleichzeitig in verschiedenen Arten von Ordnungen und nach verschiedenen Regeln leben zu können. Wollten wir die unveränderten, uneingeschränkten Regeln des Mikrokosmos (d. h. die Regeln der kleinen Horde oder Gruppe oder beispielsweise unserer Familien) auf den Makrokosmos (die Zivilisation im großen) anwenden, wie unsere Instinkte und Gefühle es uns oft wünschen lassen, so würden wir ihn zerstören. Würden wir aber umgekehrt immer die Regeln der erweiterten Ordnung auf unsere kleineren Gruppierungen anwenden, so würden wir diese zermalmen. Wir müssen also lernen, gleichzeitig in zwei Welten zu leben.

Beide Seiten können aber auch die Argumente des Gegners aushebeln, indem sie sie auf die andere Welt hinüberziehen. Deswegen ist es so wichtig, in den Hinterköpfen die passenden Bilder entstehen zu lassen. Ob man im „dem Flüchtling“ vor allem ein kleines Kind sieht, eine junge Frau oder alte Menschen, oder auf der anderen Seite „den Migranten“ als starken Mann im wehrpflichtigen Alter beschreibt, beeinflusst mit den passenden Bildern eben auch die Höhe der Hemmschwelle in der Diskussion, deren Überschreitung unmittelbar ins Reich des politischen Inkorrekten führt.

Die Satire-Zeitschrift Charlie Hebdo hat dies im Januar 2016 mit ihrer Karikatur auf die Spitze getrieben, indem sie unter der Überschrift „Was wäre aus dem kleinen Aylan geworden, wenn er groß geworden wäre?“ beide Vorstellungen in ein einziges Bild gepresst hat. Die Unerträglichkeit, die in dieser Darstellung liegt, die den erwachsenen Mann, der deutsche Frauen belästigt, mit dem tot am Strand liegenden Jungen in bildliche Beziehung setzt, dürfte neben der Pietätlosigkeit Aylan Kurdi und seinen Angehörigen gegenüber in der Verwirrung liegen, in die uns eine solche Engführung stürzen muss. Mit der Vorstellung eines kleinen Kindes im Hinterkopf sind wir psychologisch geradezu gezwungen, in der Logik der warmen Welt zu denken, während die eines erwachsenen Mannes uns solche Hemmschwellen nicht auferlegt.

Die Diskursherrschaft ist so auch immer eine Frage der medialen Macht. Ob man für bestimmte Gruppen von Menschen innere Bilder wie die von gebeugten Familien mit kleinen Kindern evoziert oder solche von jubelnden Männern mit ungewöhnlich dunklem Bartwuchs, verändert zum einen unsere Sicht der Dinge. Vielleicht ist dies deutlich geworden bei dem Umschwung in Angela Merkels Haltung zur „Flüchtlingsfrage“ im Herbst 2015: Einige Beobachter sehen einen Kausalzusammenhang dieses Umschwungs mit ihrem Gespräch mit einem weinenden (!) Flüchtlings(!!)mädchen (!!!), dem sie mitteilen musste, dass nicht alle bleiben können, die zu uns kommen. Der Vorwurf der Kaltherzigkeit blieb in den Medien nicht aus – die Regeln der warmen Welt, an denen wir uns angesichts eines weinenden Mädchens instinktiv orientieren, wurden auf die kalte Welt übertragen, in der Menschen notwendigerweise auch auf Zahlen reduziert werden und abstraktes Denken und unbarmherziges Rechnen vonnöten sind.

Doch nicht nur unsere Sichtweise, sondern auch unsere Verständigung über diese wird mit den jeweiligen Assoziationen verändert. Die Gefahr liegt dabei darin, dass uns angesichts der disparaten Bilder, die die Diskutanten jeweils mit dem Phänomen assoziieren, und angesichts ihrer unbewussten Implizitheit, uns die Möglichkeit verloren geht, sinnvoll miteinander über ein und dasselbe ins Gespräch zu kommen.

Dies merkt man beispielsweise auch bei dem anscheinend erfolgreichen Versuch, die Position der AfD zur Einwanderungsdebatte mit dem Begriff „Schießbefehl“ und insbesondere „Schießbefehl auf Frauen“ zu verbinden. Ungeachtet der Tatsache, dass ja jedes Gesetz in der ultima ratio ein Schießbefehl ist, also auch etwa die Befürworter von Mindestlohn oder von Schulpflicht per definitionem Befürworter eines Schießbefehls sind (letzten Endes und ja: auch auf Frauen), gelingt es einigen Diskutanten, die Stellungnahme fürdie AfD-Position durch ihre Assoziierung mit allem, was dem Terminus „Schießbefehl auf Frauen“ anhaftet (Todesstreifen, Sexismus), geradezu unmöglich zu machen. Allerdings nur, wenn man sich in dieser Hinsicht Logik der warmen Welt unterwirft – niemand will als Unmensch gelten, niemand will auf Menschen schießen lassen müssen etc. Es ist eine geradezu pathologische Sehnsucht nach vormoderner Unmittelbarkeit, ja Unschuld, die aus dieser Kritik spricht.

In der kalten Welt wiegen diese Argumente aber viel weniger: Wenn Gesetze nötig sind, ist auch ihre Durchsetzung nicht bloß irgendeine vage Empfehlung. In der kalten Welt ist es rational und folgerichtig, vor den Folgen eines befürworteten Gesetzes nicht die Augen zu verschließen.

Gegen eine solche Markierung kommt man argumentativ nur schwer an. Es liegt tief verwurzelt in unserem Steinzeit-Instinkt, nicht als kaltherzig gelten zu wollen. Das Englische hat seit kurzem dafür das Wort „virtue signalling“, das im Grunde beschreibt, was mit dem Begriff „Gutmensch“ gemeint ist: Für Menschen, die die warmen Regeln in die kalte Welt übertragen, ist es bisweilen wichtiger, als gut zu gelten als tatsächlich Gutes zu tun. Dies allein kann die erstaunliche Tatsache erklären, dass die schon rein logisch und ethisch völlig unsinnige, geradezu an Realitätsverleugnung grenzende Vorstellung, Sozialstaat und für alle Welt offene Grenzen seien miteinander vereinbar, nicht als solche erkannt, sondern als menschlich, herzlich, vorbildlich empfunden wird. Diese Übertragung warmer Regeln auf die kalte Welt ist auch, wie Roland Baader schreibt:

der hauptsächliche Urquell für den aller Erfahrung und aller Vernunft widersprechenden und geradezu unausrottbaren Hang unserer Spezies zu sozialistischen Gesellschaftsmodellen.

Ebenso wie es nun geradezu die Erbsünde der Sozialisten ist, die Differenzen zwischen den unterschiedlichen Welten und ihren eigensinnigen Gesetzmäßigkeiten in unserer modernen Gesellschaft nicht als solche anzuerkennen, liegen die Probleme in der Verständigung über das Flüchtlings-Immigrationsthema in dieser Ignoranz. Hier aber scheint sie auf beiden Seiten zu bestehen. Die warme Welt hat zwar in der Diskussionen einen gewissen Vorteil, da sie uns als Privatmenschen, die wir in erster Linie sind, näher und vertrauter ist. Doch keine der beiden Welten ist per se die moralischere.

Die Gefahr besteht eben in der Übertragung der warmen Ethik auf die kalte Welt und umgekehrt. Die unbedingte Selbstaufgabe und Solidarität im Privaten kann im Anonymen zerstörerisch, und damit gerade unmoralisch sein.

Wir sollten uns bewusst machen, welcher Welt wir wann angehören und zu welchem Zeitpunkt es nötig ist, sich welcher Logik zu bedienen. Wir sollten dabei bedenken, dass unsere politischen Gegner oft „nur“ andere Bilder im Hinterkopf haben, über die uns auszutauschen ein gegenseitiges Verständnis noch am ehesten ermöglichen kann.

The Walking Dead und die Flüchtlingskrise

Die Apokalypse wird im Fernsehen übertragen

Nicht erst seit Filmen wie „World War Z“ oder „Exodus“ drängen sich uns die Geschichten und Bilder vom Untergang nicht nur des Abendlandes als Warnungen vor kommenden globalen Krisen auf. All die Katastrophenfilme, von „The Day After Tomorrow“ über „Contagion“ bis „San Andreas“, spielen in den letzten Jahren so häufig und so plakativ mit Ängsten vor einer Apokalypse biblischen Ausmaßes, dass man sich als Kinogänger schon fragen kann: Möchte uns Hollywood vielleicht irgendetwas sagen? Will the apocalypse also doch be televised?
Und tatsächlich holt die Wirklichkeit die Fiktionen der Unterhaltungsindustrie immer wieder ein, sodass man an Zufälle kaum glauben mag. So bemerken viele eine frappierende Ähnlichkeit der Bilder von Menschen auf dem Grenzzaun der spanischen Exklave Melilla, der Menschen von der Einreise nach Europa abhalten soll, mit Szenen aus dem Brad-Pitt-Film „World War Z“, in denen die Hirntoten den mehrere hundert Meter hohen Mauer um Jerusalem herum stürmen. Und überfüllte Flüchtlingsboote auf dem Mittelmeer oder riesige Zeltlager haben wir doch in „2012“ u. ä. schon einmal gesehen …?

The Walking Dead – Die Zombies und die Flüchtlinge

Auch die Serie The Walking Dead wird hin und wieder in Memen oder Videos bemüht, um Parallelen zu ziehen zwischen einer Welt, die von Zombies überrannt wird, und einem von Flüchtlingen überrannten Abendlandes. Auch hier stürmen sie die Zäune, die wir um unsere Festung des Wohlstands gezogen haben. Die Welt, wie wir sie kannten – sie wird bald so aussehen wie das von den Beißern heimgesuchte Georgia aus der Serie! Die Metaphorik scheint nahezulegen, dass Flüchtlinge, wie Hirntote, gewissen primitiven Signalen (in der Serie Lärm, Licht und der Geruch von lebendem Menschenfleisch – in der Realität den Verlockungen des Sozialstaats) folgen und sich willenlos und in beinahe unaufhaltbaren Horden aufmachen, bis sie ihre Bedürfnisse befriedigt haben und den Verursacher der Signale (in der Serie meist: „noch“ gesunde Menschen – in der Realität: die wohlhabenden Steuerzahler der 1. Welt) aufzufressen und ebenfalls zum Walker mutieren zu lassen. Die Folge einer ungebremsten, unkontrollierten Einwanderung (in die Sozialsysteme) wäre nach dieser Vorstellung die Vernichtung auch der letzten Bastion des Prosperität und der Sicherheit. Unkontrollierte Einwanderung würde demnach nicht bedeuten, dass die auf dem Kopf stehende Alterspyramide des Westens auf die Beine gestellt und damit unser aller Rente gesichert würde, ebenso wenig „Wohlstand für alle“, auch für diejenigen, die daran bislang nicht teilnehmen durften, sondern globale und endgültige Verarmung. Wenn man Zombies (Flüchtlinge) ins Land lässt, werden früher oder später alle zu Zombies (Flüchtlingen). Einziges Gegenmittel: hohe Mauern und Stacheldraht.
Zum einen könnte man natürlich sagen, dass viele Menschen, sowohl Bürgerkriegsflüchtlinge als auch Wirtschaftsmigranten, weniger von Signalen angezogen werden als von handfesten Gründen in die Fluchtgetrieben werden: nämlich Bürgerkrieg, Unterdrückung, Terror, Zwang. Und das ist auch die Logik, die viele der als „Gutmenschen“ beschimpften Asylbefürworter den Asylbeschränkungsbefürwortern entgegenhalten: Die Menschen kommen nicht „hierher“, weil es „hier“ so toll ist, sondern weil die Verhältnisse bei ihnen zuhause so miserabel sind.
Man sieht natürlich schnell, dass beide Deutungen aufs Gleiche hinauslaufen, und dass auch die Asylbefürworter die Menschen nicht selten als hirnlose Automaten sehen, mit denen man eben Mitleid haben müsse, anstatt sich vor ihnen zu schützen. Die Flüchtlinge, so die Vorstellung, haben gar keine andere Wahl, sie sind (wie du und ich) programmiert auf bestimmte Reize oder wie eine Herde aufgeschreckter Tiere, die panisch vor einer Gefahr fliehen. „Wir würden nicht anders handeln.“ Der Zombie-Metaphorik sind die Asylbefürworter auch dann noch nicht entkommen.

Wer sind die wahren Flüchtlinge?

Denn nicht die Zombies sind die Flüchtlinge. Und die Flüchtlinge sind keine Zombies. Trotzdem ist die Bildsprache der Serie hier recht hilfreich, um Zusammenhänge erklären zu können: In The Walking Dead nämlich sind die Menschen um den Protagonisten Rick Grimes, die seit dem Ausbruch des Virus nach Sicherheit und Schutz suchen, die wahren Flüchtlinge. Es handelt sich bei ihnen um die unterschiedlichsten Charaktere, die unter den verschiedensten Voraussetzungen in die Situation geworfen wurden, sich ab sofort nur noch um Leib und Leben sorgen zu müssen. Und diese Sorge ist das Einzige, was sie vereint und überhaupt zu einer definierbaren Gruppe macht. Über all die Staffeln müssen sie von einem Ort zum anderen wandern, müssen plündern, müssen Angehörige zurücklassen, werden dabei voneinander getrennt, sind stets auf der Flucht vor Bedrohung und auf der Suche nach Sicherheit. Sie handeln menschlich, aus freiem Willen und aus Eigeninteresse, dabei aber auch oft altruistisch und selbstlos (weil das eben keine einander ausschließenden Gegensätze sind). Und wenn man die Metaphorik bemühen will, stünden die Walker der Serie eher für die verantwortungslosen Politikerinnen und Politiker, die für alle gesunden Menschen eine Bedrohung darstellen: Sie greifen oft überraschend und aus dem Hinterhalt an, bedeuten aber immer eine sehr reale Gefahr für die bloße Existenz der Menschen. Unterdrückung, Willkürherrschaft, staatliche Gewalt, staatsfinanzierter Terror, Krieg „gegen den Terror“, „gegen Drogen“, „gegen die Armut“, Korruption, Nepotismus, „humanitäre Militäreinsätze“ – all das sind die Mittel der Zombie-Politik, die die gesunden Menschen, die all das bisher überlebt haben, in die Flucht treibt.
(Der einzige Unterschied wäre natürlich, dass man es den Zombies ihr Gefahrenpotential auf den ersten Blick ansieht. Und dass Zombies keine Drohnen steuern können.)

Hershels Gewissenskonflikt

In der zweiten Staffel lernt Ricks Gruppe den Farmer Hershel und seine Familie mitsamt Bediensteten kennen, die zusammen auf einem großen Grundstück leben, das bisher nicht von den „Beißern“ überlaufen zu sein scheint. Hershels Gruppe hat es geschafft, durch günstige Lage, Zäune und Mauern, sich selbst zu beschützen. Sie bauen dort Gemüse an und leben, verglichen mit Ricks Gruppe, in gewissem Wohlstand. Hershel handelt als gottgläubiger Familienvater, der Mitgefühl mit den Ankömmlingen hat, aber auch von Sorge um seine eigene Gruppe, vor allem seine Töchter, getrieben wird.
Als Ricks Sohn Carl angeschossen wird, handelt Hershel selbstlos und ohne nachzudenken – obwohl er „Tierarzt“ ist, für ihn also ein etwaiger hippokratischer Eid noch viel weniger gelten würde als für Allgemeinmediziner, operiert er den Jungen unter großem persönlichen Einsatz – und dem seiner Gruppe. Sobald aber die akute Lebensgefahr für Carl vorüber ist, macht sich Hershel Gedanken darüber, ob und wie lange die Neuankömmlinge auf seinem Grundstück verweilen sollen. Er sieht das Risiko, das er ihnen zumutet, wenn er sie wieder in die Zombiewelt schickt, fühlt sich jedoch in erster Linie der Sicherheit und dem Wohlergehen seiner eigenen Gruppe verpflichtet. Als Konflikte deutlich werden, die Hershels Autorität und damit die Sicherheit seiner Familie bedrohen, setzt er Rick ein Ultimatum. Sie sollen Hershels Farm verlassen.
Ist Hershel nun Asylgegner oder -befürworter? Zuerst einmal ist Hershel ein normaler Mensch. Dies macht sein Handeln so verständlich. Er ist in diesem Sinne ein „besorgter Bürger“. Kein Zuschauer verurteilt Hershel dafür, dass er seine eigene Familie und das Wohlergehen seiner Töchter dem von Fremden vorzieht, wenn er sich vor die Wahl gestellt sieht. Hershel ist nicht selbstsüchtig, sondern verantwortungsvoll. Andererseits hat jeder Zuschauer auch Mitleid mit Ricks Gruppe und freut sich für sie, dass sie nach dem Horror der ersten Staffel nun endlich einen „sicheren Hafen“ erreicht zu haben scheinen. Trotzdem ahnen wir, dass Hershels Entscheidung, die Flüchtlinge „abzuschieben“, zwar schwer, aber alles andere als moralisch verwerflich ist. Vor die Entscheidung gestellt, unsere Kinder oder fremde Menschen zu retten, würden auch wir wie Hershel Werte gegeneinander abwägen und dann verantwortungsvoll handeln.

Besorgter Bürger oder Gutmensch

Wir sehen in Hershels Gewissenskonflikt (der so stark an ihm nagt, dass er wieder zum Alkohol greift) all unsere Bedenken für und wider die Gewährung von Asyl. Zum einen: Wir wissen nicht, ob alle Menschen, die kommen, auch wirklich bedroht sind, wir können es nur schätzen. Bei unmittelbarer, akuter Bedrohung würden die wenigsten anders handeln als Hershel, und immer wieder betonen die „Asylgegner“, dass es ihnen in ihrer Kritik nicht um die vom Bürgerkrieg bedrohten Menschen gehe, sondern um Wirtschaftsflüchtlinge, die (verständlicherweise) „einfach nur“ ein besseres Leben haben wollen. Wir wissen nicht, ob wir ihnen trauen können oder ob unter ihnen nicht Menschen sind, die unsere Situation gefährden. Wir wissen auch nicht, ob es nicht „da draußen“ noch andere Möglichkeiten gäbe, zu überleben.
Zum anderen aber fühlen wir die Notwendigkeit echter Solidarität gegenüber verzweifelten Mitmenschen so sehr, dass wir sogar bereit wären, andere dazu zu zwingen, mit ihrem Geld zur Hilfe beizutragen. Wir wollen nicht nur empathisch handeln, wir wollen, dass jede und jeder empathisch handelt. Wir zeigen unsere Empathie, indem wir uns wünschen, andere Menschen würden uneingeschränkt helfen, und sie verdammen, wenn sie sich nicht dazu bereit finden.
Menschen, die sich selbst „besorgte Bürger“ nennen, sprechen wir dabei ihre Aufrichtigkeit schnell ab, vermuten Fremdenfeindlichkeit und Rassismus hinter ihren Motiven. Die sind nicht wie Hershel, dessen Sorgen wir so gut verstehen. Sie sind eher wie der skrupellose Governor aus Staffel 4, der zum Schutz seiner Gruppe über Leichen geht und nicht das geringste Mitgefühl mit den Notleidenden zeigt …
Oder aber wir sprechen Menschen, die weniger von Bedenken geprägt sind als wir, ihren Realitätssinn ab. Wir nennen sie naive „Gutmenschen“, die am Bahnhof Teddybären verteilen. Sie sind nicht wie Hershel, sondern wie die kleine Lizzie Samuels aus Staffel 4, die so viel Mitleid mit den Zombies hat, dass sie mit ihnen spielt, ihnen Namen gibt und schließlich ihre eigene Schwester umbringt, weil sie zeigen will, dass Zombies auch nur Menschen sind …

Wer nicht blind ist, ist entweder kurz- oder weitsichtig

Warum aber können wir Hershels restriktive „Asylpolitik“ verstehen, die Forderungen der „besorgten Bürger“ aber nicht?
Der Grund dafür sind – einzig und allein – die Ressourcen. Die Ressourcen, über die Hershels Gruppe verfügt, sind endlich. Sowohl Wohnraum als auch Lebensmittel sind knapp auf der Farm. Eine Abwägung zwischen der Endlichkeit der eigenen Ressourcen und der Notwendigkeit und Möglichkeit, sie im Sinne von Nächstenliebe und Nothilfe zu teilen, ist vollkommen natürlich und wird von allen vernünftig denkenden Wesen verstanden. Zwar gibt es nicht wenige, die eine moralische Verpflichtung des Westens sehen, Flüchtlinge aufzunehmen, weil er die Katastrophe erst hervorgebracht habe (interessanterweise hilft Hershel Ricks Gruppe ja deswegen, weil sein eigener Angestellter, Otis, Carl angeschossen hat – allerdings aus Versehen). Doch niemand verlangt von anderen, sich selbst in Gefahr zu bringen um eine Schlägerei zu schlichten. Niemand verlangt von den anderen, wie Franz von Assisi sein Hab und Gut aufzugeben, Freunde und Familie zu verlassen und sein zukünftiges Leben in Armut zu verbringen.
Oder doch? Sind nicht unsere Ressourcen auch endlich?
Stellen wir uns vor, wir hätten einen so genauen Überblick über die uns zur Verfügung stehenden Güter und Mittel, wie er Hershel auf seiner Farm möglich ist. Jede und jeder würde sofort einsehen, dass ein bestimmter Zeitpunkt kommen wird, an dem die Grenze zwischen dem Schutz der Angehörigen und der Rettung Fremder erreicht ist. Da unser Wissen über die Endlichkeit unserer Ressourcen jedoch nur abstrakt ist, fällt es uns sehr schwer, Begrenzungen zu ziehen. Wir wissen nicht, wo die Grenze genau verläuft. Wenn wir sie zu eng setzen, wir also Menschen abweisen, obwohl wir sie mit ein wenig Selbsteinschränkung hätten aufnehmen können, machen wir uns der Hartherzigkeit und der unterlassenen Hilfeleistung schuldig. Setzen wir die Grenze zu weit, geben wir also mehr, als wir haben, dann gefährden wir die eigene Familie. (Auch Rick hat in der Serie immer wieder unter dem Dilemma zu leiden, ob er Fremden helfen oder seine Gruppe schützen soll.)
Die Asylbefürworter werfen den Asylgegnern diese zu enge Grenzziehung vor, und die Asylgegner den -befürwortern eine unverantwortlich weite Grenzziehung.
Warum aber wissen wir nicht, wie viele Ressourcen zur Verfügung stehen? Dieser Zustand ist doch höchst unnatürlich. Jeder einzelne Mensch hat einen relativ genauen Überblick über seine eigenen Ressourcen: Zeit, Energie, Besitz. Auch kleine Gruppen haben, wie Hershel, diesen Überblick so gut, dass sie mit großer Selbstsicherheit entscheiden, wann und wie lange sie helfen können. Und sogar große Gruppen wie Staatsgebilde könnten sich diesen Überblick verschaffen, indem sie Ein- und Ausgaben des Staatsapparats gegenüberstellen. Warum ist uns das aber nicht ohne Weiteres möglich? Warum gelingt uns kein Konsens darüber, wo die Grenze zwischen Hartherzigkeit und Nächstenliebe und Selbstaufopferung verläuft? Warum sind die wenigen, die zumindest noch sehen können, entweder kurz- oder weitsichtig?

Public Enemy No. 1: Das Geldsystem

Der Grund liegt, wie alle anderen derzeitigen Übel auf der Welt, im Geldsystem. Das staatliche System, Geld aus dem Nichts schaffen zu können, indem Papier mit Zeichen bedruckt und in Umlauf gebracht werden kann, ist die Ursache für unsere Fehlsichtigkeit.  Es ist dem Staat möglich, endlos Geld zu drucken, und tatsächlich geschieht das auch seit Jahrzehnten. Das verführt zu der Annahme, unsere Ressourcen wären unendlich. Zumindest verwischt diese Tatsache uns die Sicht darauf, wer wann für die Hilfe aufkommen muss. Wenn wir helfen wollen, können wir doch einfach mehr Schulden aufnehmen! Wir müssen also entweder denken, dass (staatliche) Hilfe prinzipiell endlos sein kann, weil ja auch das staatliche Geld prinzipiell endlos ist, oder wir denken, dass Hilfe beschränkt werden muss, weil das Drucken von Geld letztlich von irgendjemandem bezahlt werden wird. Da wir aber nicht genau angeben können, wer das sein wird, können wir auch nicht anschaulich begründen, warum wir nicht mit dem Drucken von Geld anderen Menschen helfen sollten.
Das Geldsystem ist, auch in der Flüchtlingsfrage, public enemy no. 1, und das ist hier nicht mit „Staatsfeind“ zu übersetzen. Es ist eine ökonomische Binsenweisheit, dass Geldinflation zu Preissteigerung, damit zur schleichenden Enteignung der Menschen und auf mittelfristige Sicht zu Verarmung und einer noch größeren Schere zwischen Arm und Reich führt. Vor allem für zukünftige Generationen wird dies in Verbindung mit den Staatsschulden und den Zinsen auf diese Schulden zu so katastrophalen Ergebnissen führen, dass sich mancher einen schmerzvollen, aber endgültigen Tod durch einen gezielten Messerstich ins Gehirn wünschen wird … ich übertreibe nur unwesentlich.

Nach der Apokalypse

Hershel verfügt nicht über eine Druckerpresse, mit dem er seine Gruppe und sich selbst über die wahren Verhältnisse und die Menge der Ressourcen hinwegtäuschen könnte. Hätte auch unser Oberhaupt dieses Instrument nicht, wüssten wir, dass wir uns Ressourcen erst erarbeiten müssen, bevor wir sie verteilen können. Wir wüssten auch, wie viele das sein müssten und in welchem Verhältnis dazu wir helfen könnten. Wenn wir eine Währung hätten, die an einen Wert gebunden wäre, könnten wir niemals der naiven Versuchung erliegen, jemandem mehr zu bieten, als wir, unsere Angehörigen und unsere Kindeskinder haben. Andererseits müssten wir niemandem aus Angst die Hilfe verwehren, dem wir relativ bequem hätten helfen können. Es könnte sogar sein, dass wir uns mehr anstrengen, Güter zu erwirtschaften, weil wir nur mit diesen realen Gütern dann Notleidenden helfen können.

Wir wären nicht im Unklaren darüber, wo die Grenzen zu ziehen sind. Wir könnten einander weder fremdenfeindliche Hartherzigkeit noch gutmenschelnde Selbstaufopferung unterstellen, weil wir realitätsnah und vernünftig abwägen könnten. Auch Hershel nimmt schließlich Rick und seine Gruppe auf, nachdem er vernünftig abwägen konnte – zu seinem eigenen Vorteil und dem seiner Familie! Vielleicht könnten wir uns nach solcher realistischer Abwägung sogar mit den Menschen, denen wir freiwillig und guten Gewissens geholfen haben, zusammenschließen, das Ackerland bestellen und beginnen, eine neue, friedliche Gesellschaft aufzubauen, nachdem wir die Welt von den Zombies befreit haben.