Hannah Arendt: Die Freiheit frei zu sein

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Ist Bildung in Freiheit möglich?

Heute sprechen wir über Kinder und Kindheit, Erziehung und Bildung, Lehrerinnen und Schülerinnen, Schulpflicht und Schulanwesenheitszwang, Schulsystem und Unterrichtsmethoden – wie ist das alles in Freiheit möglich?
Mit Sarah Brauer, Peter Müller und Ben Daniel.
Heute im Livestream um 20 Uhr. Ihr seid herzlich willkommen!

Philosophie und Freiheit 

Ein Interview mit freiwilligfrei

Ich war in Berlin und habe Peter Müller von freiwilligfrei im Barist getroffen. Er hat mir ein paar Fragen gestellt – und daraus ist dann ein schönes Gespräch geworden. Zusammen denken wir nach über Krieg und Kapitalismus, Leistung und Gerechtigkeit, Freiheit und Staat, YouTube und KaiserTV

Freiheit? Oder lieber „Freiheit“?

Jean-Claude Michéa lotet in seiner Aufsatzsammlung „Das Reich des kleineren Übels“ die Bedingungen der Möglichkeit eines echten Liberalismus aus

 

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Jean-Claude Michéa

Haben Sie auch manchmal das Gefühl, Freiheit und Freiheit sei noch lange nicht dasselbe? Nein, ich meine diesmal nicht Ihre und die der anderen, sondern zwei Arten von Freiheit, die einander in der politisch-kulturellen Diskussion als Ideale gegenüberstehen. Zwei Liberalismen gewissermaßen, die nicht zusammenfinden wollen, obwohl sie doch beide dasselbe wollen: dem Menschen die Möglichkeit zur Entfaltung seiner eigenen Fähigkeiten und Lebensweise zu geben. Die eine Freiheit, der eine Liberalismus, ist der, den wir mit den Begriffen „linksliberal“, „linksalternativ“, „progressiv“ beschreiben – ein kultureller Liberalismus der Toleranz und Offenheit, eine 68er-Idee von Emanzipation und individueller Selbstbestimmung. Diese Art Liberalismus, entstanden als überfällige Revolte gegen überkommene Traditionen, restriktive Gesellschaften und politische Totalitarismen, hat seine Lehre aus der Geschichte gezogen, und manchen unter denjenigen, die an ihm teilhaben dürfen, ist sein Segen mit der Zeit so selbstverständlich geworden, dass sie sich immer wieder vergegenwärtigen sollten, wie mühsam er errungen wurde, wie labil er als Zustand und wie wie bedroht er als Prozess überall auf der Welt ist.

Von seinen Gegnern wird dieser kulturelle Liberalismus freilich als „linksgrün-versifft“, „politisch korrekt“, seine Auswüchse als gender mainstreaming, Zerstörung der Familie und wertevergessen gebrandmarkt, verantwortlich für mangelnde Identifikation mit der angestammten Tradition und Kultur und manchmal auch für den Untergang des Abendlandes.

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„Das Reich des kleineren Übels“ Matthes & Seitz

Aber dieser Widerspruchsgeist ist ja seinerseits selber Folge liberalen Denkens und es ist nicht der schlechteste Ausweis des großen Wertes des Liberalismus, dass er seine eigene Selbstkritik erst ermöglicht.

Gleichwohl wird der kulturelle Liberalismus in der öffentlichen Diskussion im Grunde genommen aber als alternativlos gesehen. Linksliberalismus ist Mainstream. Ganz anders hingegen die Form der Freiheit, die vom anderen, manche sagen: bösen Liberalismus gefordert wird. Eine Freiheit der Märkte, die paradoxerweise von Rechten und Konservativen gefordert werden soll. Dieser ökonomischen Liberalismus, mit der Vorsilbe „neo-“ als Kampfbegriff gebraucht, propagiert die Freiheit der Märkte, eine laissez-faire-Politik, die in den Augen seiner Gegner schnurstracks zu großen gesellschaftlichen Verwerfungen, zu Ungleichheit und Unfreiheit und schließlich zu einer ungezügelten Herrschaft der Reichen und Starken über die Armen und Schwachen führe. Auch die Vorsilben „Raubtier-“ und „Turbo-“ liegen hier schnell zur Hand.

Zwei Freiheiten, zwei Liberalismen also, die kaum zusammengehen, und das ist mehr als paradox. Wer eine kulturelle Freiheit fordert und damit, dass der Staat sich aus der Lebensgestaltung der Menschen heraushalte (also z. B. Homosexuellen nicht verbiete, zu heiraten), der möchte auf der anderen Seite nur zu gerne in die Lebensgestaltung von Unternehmern, Managern, Besitzenden, kurz von „Kapitalisten“ eingreifen – der Zweck der gesellschatlichen Gleichheit heiligt hier nun eben die Mittel. Als bestünde „der Markt“ nicht vor allem aus Menschen …

Auf der anderen Seite sind Befürworter von Steuererleichterungen und Privatisierung nicht selten Gegner einer zu progressiven Familienpolitik. Dabei wird man konstatieren müssen, dass im Verlauf der Entwicklung zur modernen Gesellschaft sich das eine aus dem anderen entwickelt hat. Die ideologische Henne-oder-Ei-Frage ist nur: Was aus wem? – Hat die ökonomische Befreiung im 19. Jahrhundert eine geistige Freiheit mit sich gebracht, die dann endlich ihren Nutzen auch für Gesellschaft und Individuum zeitigten, oder haben mentale Emanzipationsbewegungen zu seiner Liberalisierung von Handel und Wandel im Ausgang der Beschreibung der Märkte geführt? Waren es erst Rousseau und Kant, oder Adam Smith und Jean Baptiste Say?

Der französische Philosoph Jean-Claude Michéa beschreibt in seiner kleinen Aufsatzsammlung „Das Reich des kleineren Übels. Über liberale Gesellschaft“ den Liberalismus als moderne Ideologie par excellence. Aus der langen Tradition des Utopismus heraus habe sich ein Denken entwickelt, das der der (zuweilen) gutgemeinten „Tyrannei des Guten“ eine negative Politik gegenüberstellt: eine Politik, die sich auf die reine Bereitstellung der technischen Möglichkeiten für freie Unternehmung der Individuen verlegt und keinen Sonnenstaat errichten oder die Philosophen zu Königen machen will, sondern bloß die am wenigsten schlechte Gesellschaft, das titelgebende „Reich des kleineren Übels“ ermöglichen.

Linkes Denken, so Michéa, sehe die Liberalisierung der Sitten stets als unabhängig von der des Marktes. Er jedoch hält dagegen, dass beides nur Hand in Hand gehen könne. Die Frage nach 1789 sei gewesen, wie sich sich eine moderne Gesellschaftsordnung etablieren lasse, die vor dem größten aller Übel schütze. Dieses Fortschrittsideal als Projekt der Moderne sei daher weniger von der Suche nach einem irdischen Paradies geprägt als, und das paradoxerweise eben zum großen Glück des Einzelnen, von der Suche nach einem rein negativen Zustand, nämlich dem der Abwesenheit vom größtmöglichen Übel: Krieg und Bürgerkrieg. Freiheit, so die Vorstellung, ist die einzige Voraussetzung für ein gelingendes Leben, die ein Staat zu besorgen hat, der, wenn es ihn schon geben muss, wenigstens weltanschaulich neutral bleiben soll. Er darf den Menschen keine Auffassung vom guten Leben aufzwingen, keine „Menschheitsbeglückungsmaschine“ sein. Gewissermaßen als liberales, geradezu libertäres Axiom stellt Michéa fest:

„In einer liberalen Gesellschaft steht es demnach dem Einzelnen frei den Lebensstil zu verfolgen, den er mit seiner Vorstellung von Pflicht und Glück am besten für vereinbar hält, mit der einzigen Einschränkung natürlich, dass seine Entscheidungen nicht die entsprechende Freiheit der anderen beeinträchtigen dürfen.“

Daraus leitet sich nach Michéa der Primat vom Gerechten über das Gute her: Der Staat ist der gerechteste, der „nicht denkt“, also jeglicher Ideologie entsagt. Denn er überlässt es den Individuuen, über ihr eigenes Leben zu entscheiden.

 

Michéas Buch ist, trotz seiner einleuchtenden Argumentation, nicht frei von Missverständlichkeiten, unklarer Begrifflichkeit und logischen Fehlern, die er oft in Fußnoten und Anmerungstexten versteckt. Auch vor Floskeln und Allerweltsurteilen macht er nicht halt, was vielleicht der Anlage des Buches als Aufsatzsammlung geschuldet ist, ebenso wie die fehlende Eindeutigkeit in der Aussage, die allerdings im Vergleich zu allzu vorschnell und kategorisch urteilenden Traktaten auch wohltuend sein kann. Im titelgebenden Aufsatz fragt sich Michéa beispielsweise, ob das Reich des kleineren Übels nicht notwendigerweise zu einer „Schönen Neuen Welt“ führen müsse, in der die Kapitalisten, einfach aus kapitalistischer Logik heraus, den Neuen Menschen formen müssen, damit dieser in Konsum- und Arbeitsverhalten ihren Interessen diene. Im globalisierten Kapitalismus, so Michéa, müssten schließlich immer neue Bedürfnisse erfunden werden, der Mensch dürfe also nie zufrieden sein, wenn das System nicht zugrunde gehen soll. Welche Berechtigung käme dem Liberalismus dann noch zu? Eine eindeutige Stellungnahme zu dieser Problematik und auch zur darin sich äußernden Kritik am Liberalismus ist dem Autor nicht zu entlocken.

 

Bereits mit Kant stand ja schon das Grundproblem des Liberalismus vor Augen: der Mensch selber. Je nach Menschenbild könnte man versucht sein, ihm Freiheit und Selbstbestimmung, wenigstens zu gewissen Graden, abzusprechen – nur zu seinem Besten freilich. Denn wer den Menschen in erster Linie als egoistisch und eine freie Gesellschaft als „ein Volk von Teufeln“ beschreibt, wie kann der die Abwesenheit von initiierendem Zwang weiterhin befürworten? Ferner: Wie kann man dem Menschen freie Entscheidung über seine Lebensumstände gewähren, wenn er selber nur von Neid, Ressentiment, Gier und kurzfristigen Neigungen beherrscht ist?

Michéa stellt sich diesem Grundproblem, in dem er die von uns angangs aufgeworfene Dichotomie von kultureller und ökonomischer Freiheit wieder zuschaufelt. Im Grund nämlich sind sie kein Gegensatz, selbst wenn und vor allem wenn man den Menschen als von Eigeninteresse getrieben ansieht. Denn je eigennutzorientierter (vulgo: egoistisch) die Menschen sind, desto mehr sind sie auch an freiem Handel interessiert, und je freier ihr Handel ist, desto höher ist der Nutzen für die Gesellschaft. Schließlich, so kann man konstatieren, werden in einer absolut freien Gesellschaft zwei Parteien (Menschen, Unternehmen etc.) miteinander nur einen Vertrag eingehen, wenn sie sich selber einen Nutzen davon versprechen – und beide profitieren. Der eine mag diese von unsichtbarer Hand hergestellte gesamtgesellschaftliche Nutzenmaximierung aus Eigeninteresse heraus als paradox und widersprüchlich bezeichnen, dem anderen mag sie logisch vorkommen: Michéa bezeichnet sie ganz richtig als Ursache dafür, dass ökonomische Freiheit geradezu Voraussetzung wird für die Bedingungen einer kulturliberalen Gesellschaft.

Mit dem französichen Ökonomen Frédéric Bastiat folgert Michéa: „dass nämlich die freie und unverfälschte Konkurrenz automatisch ein uneingeschränktes Wachstum bewirkt und das uneingeschränkte Wachstum folglich ebenso automatisch zufolge hat, die leidenden Klassen auf zweierlei Art zu heben: zunächst gibt sie ihnen billigen Lebensunterhalt, dann hebt sie die Löhne. Wenn sich das Los der Arbeiter so natürlich und doppelt verbessert, muss sich notwendig auch ihre moralische Verfassung heben und reinigen.“ Gesellschaftliche Prosperität schützt vor niederen Instinkten wie Neid und Gier.

Wer sich tatsächlich fragt, wo dieses uneingeschränkte Wachstum sowie die Verbesserung der Arbeiter bleibt, möge sich fragen, wo und unter welchen Umständen wir selbst in westlichen Industrieländern wirklich freie, kapitalistische Systeme haben – und auf die Lebenssituation der Menschen in den Ländern sehen, deren Wirtschaften noch viel weniger kapitalistisch sind.

Die Furcht vor einem Volk von Teufeln ist nach Michéa und Bastiat in einer freien Gesellschaft unberechtigt, solange sie auch ökonomisch und nicht bloß kulturell frei ist.

300 – Die Gefahr des Eigensinns

Wer die Freiheit gewinnen will, muss die Freiheit aufgeben.

Wer die Freiheit gewinnen will, muss die Freiheit aufgeben

 

In dem Film 300 – Rise of an Empire gibt es eine Szene, die das Paradox des modernen Verhältnisses zur Freiheit veranschaulicht. Im Krieg gegen den Terror finsterer Turbanträger versammelt Themistokles seine griechischen Heldenkrieger um sich, um sie auf die bevorstehende Schlacht einzustimmen. Die Grundstimmung seiner Rede ist die eines nachdenklichen In-sich-Gehens – ein retardierendes Moment vor der letzten halben Stunde hemmungsloser Blutrauschästhetik.

Themistokles, seelisch angeschlagen durch die vergangene Niederlage, stellt es seinen Mannen frei, weiterhin an seiner Seite zu kämpfen:
Ihr seid freie Männer.
Aber es geht ja nicht etwa um niedere materielle Ziele. Freiheit ist es immerhin, was sie – neben der obligatorischen Demokratie – gegen die Barbaren aus dem Osten, gegen das „Ungeheuer, dessen Schatten sich auf unser Land legt“, verteidigen wollen.
Welche Freiheit Themistokles genau meint, muss nicht näher ausgeführt werden, dieser Begriff ist an sich schon genug Pawlow’sche Klingel, um den Speichelfluss des auf westliche Werte konditionierten Konsumenten und Verbrauchers anzuregen. Diese Freiheit scheint nur auf als Gegenbild zu den unguten Vorstellungen, die wir vage und schemenhaft von den Sitten und Gebräuchen der düsteren Perser serviert bekommen: Die können ihr Leben nicht selbst bestimmen, weil ihr Herrscher ein Diktator ist. Sie dürfen nicht mal wählen gehen! Und ihre Persönlichkeitsentfaltung unterliegt bestimmt großen staatlichen Repressionen, genau so wie ihr Recht zur freien Meinungsäußerung!

Wie zu erwarten war, reagieren die Soldaten des Themistokles mit braver Einmütigkeit. Niemand denkt auch nur im Entferntesten daran, sich dem Kampf um Freiheit und Demokratie zu verweigern. Trotz drohender Todesgefahr kommt es niemandem in den Sinn, nicht für die Gruppe, die Gemeinschaft und das Vaterland zu handeln:
Unsere Wahl ist ein aufrechter Tod.
Die Griechen, schon äußerlich nicht voneinander zu unterscheiden, reagieren auf das Angebot ihres Heerführers, der Schlacht fernzubleiben, in beeindruckender Konformität: gleichgeordnet, gleichgerichtet, gleichgesinnt.

Es mutet paradox an, dass es dem modernen Bürger nicht freigestellt ist, für seine Freiheit und die seiner Mitbürger zu kämpfen. Es ist vielmehr eine Pflicht, wenn auch keine gesetzlich sanktionierte. Wer frei sein will, muss in Übereinstimmung mit der Gruppe denken und handeln, die seine Freiheit garantiert.

Um die Freiheit zu verteidigen, müssen wir unsere Freiheit freiwillig einschränken. Wer nicht mitmacht – also seine Freiheitsrechte nicht nur theoretisch einfordert, sondern sie aktiv ausübt – ist ein Feind der Freiheit.

Wir sind alle Individuen – der Massenindividualismus

Für den modernen westlichen Menschen besteht seine Freiheit in erster Linie darin, zu kaufen und zu konsumieren, was er will.

Dass wir keine größere politische Freiheit mehr besitzen, die des Begriffs Demokratie würdig wäre, als die Möglichkeit, alle vier Jahre irgendwo ein Kreuz zu machen und Petitionen einzureichen, dass die wirklichen Entscheidungen weder im Sinne noch im Namen der Mehrheit gemacht werden, sondern intransparenten und korruptionsverdächtigen Entscheidungsprozessen unterliegen, damit hat sich der Mensch der westlichen Demokratien weitgehend abgefunden – solange er nur frei und individuell konsumieren kann, wird es schon in Ordnung sein, was „die da oben“ so treiben.

Es war ja eh nie anders. Es wird sich eh nichts ändern. Und eine Alternative gibt es ja eh nicht, das hat die Vergangenheit bewiesen.

 

Die Schrecken des „real existierenden Sozialismus“ sind in der Nachbetrachtung in erster Linie die von ökonomischer Austerität – von oben verordnete Entbehrung und Einschränkung, die dazu führe, dass Kreativität und Innovationskraft nicht aufblühen können.

Es ist schon seltsam. Im Westen leben wir in den freiheitlichsten Zeiten seit Menschengedenken, tragen unsere Einzigartigkeit vor uns her wie eine Monstranz, beten die Werte des Individualismus und des freien Wettbewerbs an wie Götzen und gleichen einander in den wirklich wichtigen Punkten doch wie ein Ei dem anderen. Die Unterschiede betonen wir, niemand möchte als Kopie eines anderen gelten.
Aber für die Gemeinsamkeiten unseres Alltags und Handelns sind wir fast blind:
Man geht zur Schule, geht arbeiten, verdient Geld, zahlt Steuern, konsumiert, kauft in Supermärkten und Kaufhäusern, wohnt in einem Haus, hat ein Wochenende und Ferien und bezieht eine Rente im Alter.
Die Frage, warum man das so macht, kommt einem nicht in den Sinn, weil sie sinnlos erscheint: Was soll man denn sonst tun? Dass all diese Gemeinsamkeiten in ihrer Wirkkraft viel mächtiger sind als die Unterschiede, die wir durch Mode, Stil, Berufswahl und Freizeitverhalten an den Tag legen, kommt uns nicht in den Sinn.
War das Wort „Aussteiger“ in früheren Zeiten einmal ein Schimpfwort, dann eine Bezeichnung für heimlich beneidete Lebensform, so existiert es heute kaum noch. Das Ziel sich der Gesellschaft anzupassen, ein funktionierendes Mitglied zu werden, scheint vor allem bei der Masse der Jugendlichen, traditionell Träger von Protest und Rebellion gegen Überkommenes, sakrosankt geworden zu sein.
Zu groß die Ängste, die mit Nonkonformität in dieses prekären Zeiten einhergehen: abgehängt und bis zum Existenzminimum marginalisiert zu werden.
Höchste Anpassung bei höchster Freiheit also. Eine Masse von Individuen – das Brian-Paradox: „Wir sind alle Individuen“, ruft die Menge einstimmig, und wer widerspricht, widerspricht sich selbst.

 

Der Nutzen des Individualismus

Der moderne Mensch leidet an einer geschwächten Persönlichkeit

heißt es in Nietzsches Schrift Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben. Er kritisiert die Instinktlosigkeit des Menschen, der sich selber nicht mehr vertrauen kann. So bleibt ihm als einziges Instrument, mit dem Leben zurecht zu kommen, nur das kümmerliche analytische Denken, auf das er sich auch verlassen muss, wenn das Leben ganz andere Vorgehensweisen fordert. Der Mensch von heute kann

nun nicht mehr, dem ,göttlichen Tiere‘ vertrauend, die Zügel hängen lassen, wenn sein Verstand schwankt und sein Weg durch Wüsten führt.

Aber  wie kann ein Mensch das aushalten? Wie kann ein Mensch überhaupt so ein Leben ohne Selbstbestimmung und Eigenständigkeit führen, ohne völlig verrückt zu werden und an sich selbst zu verzweifeln? Die Lösung könnte doch in der Propagierung von Persönlichkeit liegen und all der Werte, die mit ihr zusammenhängen: eigenständiges Denken, kritische Reflexionsfähigkeit, Ausbildung der Intuition, Vertrauen auf die eigenen Fähigkeiten, Authentizität, Entwicklung und freie Entfaltung von Kreativität und Eigensinn. Diese Vorstellungen von einer echten ganzheitlichen Persönlichkeit und den Weg dahin könnte man in dem Begriff zusammenfassen, der seit Jahrhunderten die Diskussion um den Sinn von Kultur und Erziehung prägt: Bildung. Aber wo sehen wir noch wahre Bildung? Wahren Eigensinn, den Hermann Hesse beschwört:

Der Mensch aber, der einmal den Mut zu sich selber gefühlt und die Stimme seines eigenen Schicksals gehört hat, ach, dem ist an Politik nicht das mindeste mehr gelegen, sei sie nun monarchisch oder demokratisch, revolutionär oder konservativ. Ihn kümmert anderes. Sein “Eigensinn” ist wie der tiefe, herrliche, gottgewollte Eigensinn jedes Grashalms auf nichts anderes gerichtet als auf sein eigenes Wachstum. “Egoismus”, wenn man will. Allein dieser Egoismus ist ein ganz und gar anderer als der verrufene des Geldsammlers oder des Machtehrgeizigen.

Dieser Egoismus wäre es auch, der die Krieger des Themisktokles hätte sich besinnen lassen können, statt dem Ruf der Freiheit blind zu folgen. Nietzsche beklagt dieses Paradox:

Während noch nie so volltönend von der „freien Persönlichkeit“ geredet worden ist, sieht man nicht einmal Persönlichkeiten, geschweige denn freie, sondern lauter ängstlich verhüllte Universal-Menschen.

Die Gefahr des Eigensinns

Warum aber ist das so? Warum gibt es so wenig freie Persönlichkeiten, wenn doch unser Schul- und Bildungssystem, unsere kulturellen Institutionen und überhaupt der ganze Anspruch, der mit den Begriffen Freiheit und Demokratie verbunden ist, die Erreichung und Erhaltung von wahrer Bildung seit Jahrhunderten auf Spruchbändern vor sich herträgt?

Sind das alles nur hohle Phrasen? Ist es eine nützliche Illusion, die dem Konsumenten und Verbraucher eingeimpft wurde, damit er sich nicht ganz so sinnlos fühlt in seinem Massendasein? Damit er sich individuell fühlen kann, ohne es wahrhaft zu sein?

Liegt denn in wahrem Eigensinn eine solche Gefahr für die Gesellschaft? Der kanadische Ökonom John Kenneth Galbraith schreibt dazu:

Es handelt sich in jeder Hinsicht um ein bemerkenswert subtiles Regulativ im Aufbau der Gesellschaft. Es wirkt nicht auf das Individuum, sondern auf die Masse. Jedes Individuum kann aussteigen und entgegen seinem Einfluss handeln. Daher kann niemand behaupten, dass irgendein Individuum zum Kauf irgendeines Produktes gezwungen wird. Jedem, der widerspricht, kann man doch ganz einfach entgegnen: Niemand zwingt dich! Dennoch besteht kaum die Gefahr, dass jemals genug Menschen auf ihre Individualität bestehen und dadurch die Steuerung des Verhaltens der Masse beeinträchtigen.

Eine Mechanik, die in der anfangs angeführten Szene aus 300 treffend bebildert wird. Dass die Soldaten gehen dürfen, ist genau der Trick, der sie da hält, wo sie sein sollen. Dass sie theoretisch frei sind, hält sie zusammen und bindet sie. Massen, die sich nicht individuell fühlen dürfen, fangen früher oder später an zu rebellieren. Sie wollen auch bunte Kleidung tragen wie die Bürger westlicher Demokratien. Sie wollen auch Bananen essen und Rockmusik hören. Andererseits ist eine Gesellschaft von eigensinnigen Individuen eine contradictio in adiecto. Eine Unmöglichkeit … wie soll eine Gesellschaft bestehen bleiben und höheren Zwecken dienen, wenn sie ihre Mitglieder gar nicht darum kümmern, was die anderen sagen und tun?

Eine Gesellschaft aber, deren Mitglieder im Geiste Untertanen bleiben, dabei aber durch uneingeschränkten Konsum, uneingeschränkte Presse und uneingeschränkte Meinungsäußerung das Gefühl von Freiheit, Demokratie und Individualität haben können, zudem noch das Feindbild des armen unfreien Barbaren (wahlweise Russen, Araber, Iraner, Ostdeutschen, Chinesen …) und des Totalitarismus zum Zwecke gemeinschaftsbildenden Gruselns als Fetisch pflegen, hat beste Aussichten auf lange Zeit zu bestehen.

Scheint es doch fast, als wäre es die Aufgabe, die Geschichte zu bewachen, dass nichts aus ihr heraus komme als eben Geschichten, aber ja kein Geschehen!, zu verhüten, dass durch sie die Persönlichkeiten ,frei‘ werden, soll heissen wahrhaftig gegen sich, wahrhaftig gegen andere, und zwar in Wort und Tat. – Friedrich Nietzsche