Geschützt: Anarchie und Feminismus

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Geschützt: Die Philosophie des Jordan B. Peterson. Teil 1: Mythen und Archetypen

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Aus der Geschichte der Trennungen – Jeffrey Eugenides’ Roman/Epos „Middlesex“

Zwischen Geschlecht und Charakter – Jeffrey Eugenides’ Roman/Epos „Middlesex“

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Auch wenn ich die Werbestrategie des Rowohlt-Verlages, die dem „unaussprechlichen“ Nachnamen des Autors [ju:’dʒenidəs] die Unvergesslichkeit seines neuesten Werkes [‚midlseks] gegenüber stellt, nicht ganz nachvollziehen kann (es gibt wohl weit zungenbrecherischere Autorennamen als diesen – man denke nur an Stanisław Przybyszewski oder Teixeira de Pascoais), so gebe ich doch zu, dass sich in diesem Namen Belangvolles offenbart: Da trägt nun (so ironischerweise, wie der Protagonist des Gen-Thrillers „Gattaca“ Eugene heißt) der Autor eines (Pseudo-)Hermaphroditenromans den Namen Eugenides, also (ebenso frei wie gewagt übersetzt): „der von einem guten Gen Abstammende“.

Was hier mittels Klammer und Strich von dem Hauptwort abgetrennt wurde, das Präfixoid „Pseudo“, bezieht sich zum einen auf den ersten Wortteil, da es sich bei dem Helden und Erzähler nicht im eigentlichen Wortsinn um einen Hermaphroditen handelt, sondern um einen Mann, dessen primäre Geschlechtsmerkmale denen einer Frau gleichen. Zum anderen ist es auch kein wirklicher Hermaphroditenroman, den Eugenides nach seiner zehnjährigen Arbeit an „Middlesex“, nach seiner Odyssee durch gender-trouble, Genetik und griechisch-amerikanisch-deutsche Geschichte vorgelegt hat. Denn es geht nicht oder nur vordergründig um die Probleme, die ein Hermaphrodit in einer/unserer Gesellschaft hat. Ob es vielleicht nicht einmal ein Roman ist, sondern überhaupt eher ein Pseudo-Roman, ist eine schwierige, aber nebensächliche Frage. Ein postmodernes Epos? Zumindest aufgrund einiger grundlegende Charakteristika wie die „Gestaltung umfassender zeitlicher, biographischer und weltanschaulich-philosophischer Zusammenhänge“, eine „auf die langsame Entfaltung der Fabel gerichtete Erzählweise, breite Schilderungen und ein ruhiger, gemessener Vortrag“ (Volker Meid) kann sich „Middlesex“ mit seinen homerischen Vorgängern und –bildern vergleichen lassen. Roman oder Epos – vielleicht ein Zwitter aus beidem.

Umfassende zeitliche Zusammenhänge: 1922, die „kleinasiatische Katastrophe“, die Türken unter Atatürk erobern Smyrna, ermorden 25.000 Griechen. 200.000 Menschen werden vertrieben, darunter auch die Geschwister Desdemona und Eleutherios „Lefty“ Stephanides, die Großeltern des vierzig Jahre später geborenen Ich-Erzählers. Das Schiff nach Amerika, auf dem die Bruder und Schwester die Seiden- gegen die Inzucht austauschen. Dann (im Zeitraffer hier, was dort mehrere hundert Seiten füllt) die „Einbürgerung“ in die amerikanische Gesellschaft, Prohibition, Zweiter Weltkrieg, die race riots von Detroit, Vietnam, Watergate, die Zypern-Krise.

Biographische Zusammenhänge: Der auch pränatal schon allwissende Erzähler Cal Stephanides kommt 1960 in Detroit als Junge, aber aufgrund eines 5-alpha-Reduktase-Mangelsyndroms mit weiblich aussehenden Geschlechtsorganen zur Welt. Dank des altersweitsichtigen Arztes bleibt die eigentliche Identität unentdeckt und Cal wird als Mädchen („Calliope“, die Muse der ernsten Poesie!) erzogen, bis er/sie im Alter von vierzehn Jahren „als halbwüchsiger Junge, in einer Notfallambulanz in der Nähe von Petoskey, Michigan“ ein zweites Mal geboren wird. Später wird Cal als Diplomat in Berlin leben, wo er seine und seiner Vorfahren Erinnerungen niederschreibt.

Weltanschaulich-philosophische Zusammenhänge: Mythologische Anspielungen (wie Teiresias, der blinde Seher, den Calliope auf einer Schulaufführung spielt, war Cal „erst das eine, dann das andere“; Homer, Platon, Ovid etc.), gender-Problematik, Men’s Studies, die Macht der Gene und der Genetik, postmodernes Erzählen. Das ist viel für ein einzelnes Buch, auch für 734 Seiten, und eine derart breite Palette an „Diskursen“ wurde schon weit ungeschickter mit dem plot der Geschichte verbunden. Manchmal schimmert das Geschichtslexikon oder der fachwissenschaftliche Artikel unter den Seiten von „Middlesex“ noch durch, aber der Erzähler, vielleicht gar der Autor, scheint das zu ahnen und sich nicht daran zu stören. Dann kehrt er „die Werkstatt“ geradezu heraus, ohne jedoch allzu angestrengt postmodern zu wirken. Wenn er beispielsweise vom Weihnachtsmann und Rentier der Zwanziger Jahre erzählt, führt er Angelesenes zur Erläuterung an: „Rudolph gab es da noch nicht, daher hat das Rentier eine schwarze Nase.“ An anderen Stellen wiederum zitiert er geschichtswissenschaftliche Aufsätze, als könnte er his story und history nur mittels solcher Tricks in glaubwürdige Verbindung bringen. Wie Cal selber zugibt: „Das kleinste Bröckchen Wahrheit ließ die größten Lügen glaubhaft werden.“

Überhaupt die Glaubwürdigkeit. „Was soll ein Roman?“ hat Fontane einmal gefragt und geantwortet: „Er soll uns, unter Vermeidung alles Übertriebenen und Hässlichen, eine Geschichte erzählen, an die wir glauben.“ Und so tut der Erzähler sein Bestes, die zahlreichen Episoden, die zu seiner Geburt führen, so zu schildern, dass der Leser von ihrer Plausibilität überzeugt sein kann. Tristram-Shandy-esk kommt er vor lauter Hinführung erst nach der Hälfte des Buches zu dem, wohin die Episoden führen sollten, und es scheint bisweilen, als werde das alles nur erzählt, um klar zu machen, dass es eigentlich viel zu wenig (bis auf das durch Inzucht mutierte Gen) mit dem zu tun hat, was es erklären will. Aber, mit Jean Paul gesprochen, die Episode ist im epischen Roman kaum Episode, da er das Leben episodisch nimmt. Da Calliope für Cal eine, wenn auch nicht unbedeutende Episode ist.

Man darf das im deutschen Sprachraum von Gegenwartsliteratur kaum noch uneingeschränkt behaupten, aber „Middlesex“ mit seinen detaillierten und lebensnah wirkenden Geschichtsszenen, seiner ungeheuren Einfühlungskraft in das disparate Personal des Romans und mit seinen voller Sympathie für die Heldin/den Helden entworfenen Entwicklungsepisoden ist sicher so etwas wie ein Bildungsroman. Es geht um die Bildung des „Geschlechts“, und doch wieder nicht. Die Geschichte des Romans kommt gewissermaßen darauf hinaus, wie Musil sagt, dass die Geschichte, die in ihm erzählt werden sollte, nicht erzählt wird. Cals pränatale Vergangenheit, sein Aufwachsen in einer upper-middle-class-Familie griechisch-amerikanischen Zuschnitts, seine Identität als (scheinbar) spätpubertierendes Mädchen, das vergeblich auf die Menarche wartet und sich in (scheinbar) andere Mädchen verliebt, seine ganze Lebensgeschichte gleicht zuweilen mehr einer Familienaufstellung, einer interessanten therapeutischen Sitzung, einem „mutigen Befreiungsakt“, wie der Erzähler zugibt.

Nach Auskunft des Autors hat es ihn größte Mühe gekostet, eine Erzählstimme zu finden, die gleichzeitig „weiblich“ und „männlich“ ist. Es ist ihm nicht gelungen, aber er hat damit deutlich gemacht, dass es vielleicht gar nicht möglich ist. Gleichwohl ist es erstaunlich, wie „einfühlsam“ der „männliche“ Erzähler von seiner „weiblichen“ Vergangenheit erzählt. Als Kind wirkte er auf Eltern, Freundinnen und Jungen weiblich, ohne dass jedoch das eintrat, was ihm seine Identität als „Frau“ bestätigt hätte. In der Gegenwartsebene des Romans flaniert der Vierzigjährige durch Berlin, trägt handgefertigte Schuhe und lässt seinen männlichen Habitus auf das andere Geschlecht wirken, ohne dass er jedoch das, was ihn gemeinhin als „Mann“ ausweisen würde, vollführen kann. Es bleibt bei „unvollständigen Verführungen“.

Der Roman „Middlesex“, die Metapher bietet sich an, ist sicher auf eine ganz spezielle Weise ein Zwitterwesen. Seine Erzählhaltung schwankt zwischen „Tolstoj und Pynchon“, wie Eugenides sagt. Er entscheidet sich nicht zwischen (Immigranten-)Familienroman und (Hermaphroditen-)Bildungsroman. Er entscheidet sich nicht zwischen männlichem und weiblichem Helden, zwischen der Macht der Gene und der des Milieus, zwischen „Geschlecht und Charakter“. Diese Unentschiedenheit, dieser vergebliche Wille, alle binären Trennungen hinter sich zu lassen, machen die Stärke und die Einzigartigkeit von Eugenides’ Werk aus. Denn Trennungen gibt es in Cals Welt (es handelt sich schließlich um das 20. Jahrhundert) eine ganze Menge, angefangen beim griechisch-türkischen Konflikt über „die geteilte Stadt“ Berlin-Ost-West, Mann-Frau, Calliope-Cal, und noch lange nicht endend wiederum beim griechisch-türkischen Konflikt der Zypern-Krise. An diesen Trennungen schreibt Cal seine Geschichte entlang, die er als „Kampf um Vereinigung, um Einheit“ begreift. Über Berlin schreibt er: „Diese einst geteilte Stadt erinnert mich an mich.“

Jeffrey Eugenides scheint tatsächlich aus einem guten Genpool zu stammen, demselben vielleicht, dem auch so verschiedene Schriftsteller wie Saul Bellow, Philip Roth oder Jonathan Franzen ihre erzählerische Leistungskraft zu verdanken haben. Man muss schon staunen, wie es dem Autor gelingt, die einzelnen „Ungeheuerlichkeiten“ so zu erzählen, dass sie alles andere als „pervers“ wirken. Schon Desdemonas und Eleutherios’ Liebe zueinander wird so eindringlich und mitfühlend geschildert, dass man sie für das Natürlichste auf der Welt hält. Denn auch darum geht es in „Middlesex“: um Natürlichkeit, Normalität, Wahrhaftigkeit. Das Mädchen Calliope kommt dem Leser nach mehreren hundert Seiten in all ihrer Abnormalität gewöhnlicher und unaufregender, mithin normaler vor, als viele anderen Figuren des Romans. Und das ist nicht das geringste Verdienst dieses auf seine Art unvergesslichen Romans.

 

 

Jeffrey Eugenides: Middlesex. Roman.

Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2003.

735 Seiten, 24,90 EUR.

ISBN 3498016709

 

 

Die männliche Herrschaft – Rezension zu Pierre Bourdieu

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Pierre Bourdieu: Die männliche Herrschaft

Jede geschichtliche Herrschaft findet irgendwann einmal ihr Ende. Erstaunlich langlebig scheint dagegen die Herrschaft des Mannes über die Frau, so langlebig und unabhängig von allen sozialen Veränderungen, dass sie ahistorisch erscheint, gleichsam natürlich, biologisch. Und noch mehr: Die Gewalt, in der sich das Herrschaftsverhältnis Tag für Tag manifestiert, wird als solche nicht nur kaum bemerkt, sondern von den Beteiligten unterstützt und dadurch reproduziert. Gründe hierfür erörtert der Soziologe Pierre Bourdieu in seinem 1998 erschienenen Spätwerk „Die männliche Herrschaft“. Implizit vorausgesetzt ist hier die Annahme, dass die Permanenz der männlichen Vormachtstellung konstruiert ist – nicht also biologisch sinnvoll oder gar notwendig. Wie viel Einsicht in diese Überlegung versteckt sich doch selbst in der Forderung des alten Briest: „Weiber weiblich, Männer männlich.“ – vermittelt sie doch indirekt, dass es auch anders gehen könnte.

Bourdieu versteht Herrschaft im Weber’schen Sinne: „daß ein bekundeter Wille (,Befehl‘) des oder der ,Herrschenden‘ das Handeln anderer (des oder der ,Beherrschten‘) beeinflussen will und tatsächlich in der Art beeinflußt, daß dies Handeln, in einem sozial relevanten Grade, so abläuft, als ob die Beherrschten den Inhalt des Befehls, um seiner selbst willen, zur Maxime ihres Handelns gemacht hätten.“ (Max Weber: „Wirtschaft und Gesellschaft“) Dass die Herrschenden für ihre Befehle bei den Beherrschten Gehorsam finden, begründet folglich überhaupt erst ihre Herrschaft.

Um aber Herrschaftsstrukturen erkennen zu können, müssen Erkenntnismittel zur Verfügung stehen, die sich aus anderen Kategorien speisen als aus denen, die von diesen Herrschaftsstrukturen produziert wurden. „Den Wahn erkennt natürlich niemals, wer ihn selbst noch teilt“, heißt es bei Sigmund Freud – wer androzentrisch denkt, also in Einteilungsprinzipien, die dem Natürlichen gleichsam abgelauscht scheinen, kann nicht die Willkür erkennen, die hinter Zuordnungen wie „träumerisch“ gleich „weiblich“ oder „zupackend“ gleich „männlich“ wirkt.

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Pierre Bourdieu

Die Methoden, mit denen erreicht wird, dass die Beherrschten ihre Herrschaft annehmen und unterstützen, grenzen an Magie – und es ist eine Magie der Verinnerlichung: Die Bewertungs- und Wahrnehmungsschemata sind uns unbewusst, so dass sie unsere Erkenntnis erschweren, wenn nicht gar verunmöglichen. Institutionen wie Schule, Kirche und Staat sind derart verfasst, dass sie die Muster der Erkenntnis verstärken und stets aufs Neue in ihren Untergebenen produzieren. Diese Schemata aufzudecken hat sich Bourdieu in seiner Schrift zur Aufgabe gemacht. Bewusst werden soll, dass die von unserem Erkenntnisapparat vorgenommene Dichotomie der Dinge und Aktivitäten wiederum willkürlich ist. Dass wir den Sphären männlich/weiblich homologe Gegensätze zuordnen wie hoch/tief, oben/unten, rechts/links, hart/weich, will uns zwar objektiv notwendig erscheinen, ist aber doch „nur“ ein konventionelles Spiel von Metaphern, die alles andere als von der Natur vorgegeben sind. Sinn und Ziel dieser nicht nur sprachlich sich niederschlagenden Einteilung ist nach Bourdieu die Rechtfertigung von Herrschaft: „Die soziale Ordnung funktioniert wie eine gigantische symbolische Maschine zur Ratifizierung der männlichen Herrschaft, auf der sie gründet.“ Die sprachliche Seite ist gleichsam Ausdruck und Bewahrer einer solchen Struktur, die sich im Leben der Menschen äußerst handfest offenbart, ihnen den Bereich ihrer Möglichkeiten vorschreibt, sie zugleich ausrichtet und einschränkt auf die soziale Rolle, die sie gemäß der Ordnung einzunehmen haben.

Bourdieu geht hier vor allem auf die geschlechtliche Arbeitsteilung ein, nicht nur im Beruf, sondern auch im Haus. Wer welche Tätigkeiten verrichtet, sei nicht seinen oder ihren jeweiligen Fähigkeiten geschuldet, sondern den körperlichen Geschlechtsmerkmalen, die er oder sie aufweist. Somit diene der rein biologische Unterschied zwischen den Geschlechtern (sexes) als quasi natürliche Rechtfertigung eines konstruierten Unterschieds im Sinne des Begriffs genre. Gemeinhin spricht man der genetischen Ausstattung, die sich in Anatomie, Seelenleben und Sozialverhalten eines Menschen zeige, die Hauptursache dafür zu, dass „Männer männlich“ und „Weiber weiblich“ sind (und sein sollen), also vernünftig, stark, äußerlich, aktiv beziehungsweise sensibel, schwach, innerlich, passiv. Bourdieu aber spricht dieser Dichotomie den Status einer gesellschaftlichen Konstruktion zu, die ihre Kategorien wiederum aus Denkweisen generiert, die wiederum in den verschiedenartigen sozialen Status wurzeln, der Mann und Frau jeweils traditionell zugewiesen werden. Ein Teufelskreis der Verschleierung und somit der Reproduktion von Herrschaft.

Bourdieu nutzt seine Erfahrungen über die ethnologischen Strukturen bei den algerischen Kabylen als Folie für seine soziologische Analyse, allerdings nicht stringent und dadurch in ihrer Erhellungskraft vermindert. Gleichwohl muss es einer ehrgeizigen Zivilisationskritik zur Bestätigung gereichen, dass die Strukturen nordafrikanischer Berbervölker für einen erkenntnisfördernden Vergleich mit modernen westlichen Gesellschaften herhalten können. Bestechend sind Bourdieus Analysen über die sichtbare und die unsichtbare Gewalt, die sich den Körpern nicht nur der Beherrschten, sondern auch der Herrschenden, einschreiben – wie viel Gewalt liegt doch in der Fähigkeit der Gesellschaft, ihren Akteurinnen und Akteuren körperliche Haltungen vorzuschreiben oder zu untersagen. Bourdieu nennt auch die praktischen Prinzipien, in denen sich die Struktur der geschlechtlichen Teilung im Arbeitsleben zeige: Frauen fänden ihr Betätigungsfeld in einer Erweiterung des häuslichen Bereichs (Krankenhaus, Schule); ihre Arbeit sei untergeordnet und habe Hilfscharakter; der Mann habe das Monopol auf den Umgang mit Maschinen und Technik.

Heute, fünfzehn Jahre nach ihrem ersten Erscheinen, sind Bourdieus Erkenntnisse, wenn nicht veraltet, so auf seltsame Weise unspektakulär, scheinen sich doch die analysierten Strukturen in einigen Bereichen westlicher Kulturen langsam zu verändern. So zutreffend für die weitaus meisten Gesellschaften der Erde seine Beobachtungen auch heute noch sein mögen, so verblasst in ihrer Originalität wirken sie auf die deutschsprachigen gender-sensiblen Leserinnen und Leser. Das mag auch daran liegen, dass die Erkenntnisse in „Die männliche Herrschaft“ sich vorwiegend auf das Heimatland ihres Verfassers beziehen, das kenntnisreiche Beobachterinnen und Beobachter noch immer als paternalistischer und patriarchaler strukturiert beurteilen als das heutige Deutschland. Wie anachronistisch mögen Bourdieus Beobachtungen erst dem skandinavischen Auge erscheinen?

Gleichwohl herrscht auch hierzulande und heutzutage die Ansicht vor, die Einteilung der Gesellschaft und ihrer Akteurinnen und Akteure sei nicht nur biologisch motiviert, sondern gewissermaßen determiniert. Dass eine Frau sich nach der Geburt um das Kind kümmere, sei eben von der Evolution vorgesehen – da sie eine engere Verbindung zu dem Kind aufbauen könne, von Natur her sensibler sei und es in ihrem Wesen verankert sei, sich um andere zu kümmern. Wie befreiend die Einsicht sein kann, dass auch evolutionär begründet anmutende Strukturen durchaus sozial konstruiert und kontrolliert sein könnten, somit also willkürlich wären, lässt die Lektüre von Bourdieus Traktat erahnen. Welch ungeahnten Möglichkeiten könnten einer Gesellschaft, könnten sowohl Herrschenden und als auch Beherrschten aus einer Befreiung vom Gehorsam erwachsen?

 

Zuerst veröffentlicht 2013 auf literaturkritik.de: http://literaturkritik.de/id/17820

Das andere Geschlecht – Simone de Beauvoir [Feminismus] (TEIL 1)

Ist die Frau das schwächere Geschlecht? Woher stammen unsere Vorstellungen, wie Frauen zu sein haben? Sind sie natürlich oder kulturell? Wird man als Frau geboren, oder wird man zur Frau gemacht? Und wenn man zur Frau gemacht wird: Wie geschieht das genau?

Ich stelle das Grundlagenwerk des Feminismus, Simone de Beauvoirs „Das andere Geschlecht“, vor (TEIL 1).

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