Vom Manipulieren und Manipuliertwerden

Der Wille zum Feind – Reinhard Olschanski über Strategien und Merkmale des Populismus

Herr Olschanski, in Ihrem Buch „Der Wille zum Feind“ betrachten Sie den Populismus dort, wo er „bei sich selbst ist“ – in der politischen Rede. Wie kann man denn konkret erkennen, ob eine politische Rede populistisch ist oder nicht?

Reinhard Olschanski: Es gibt in der Rhetorik gewisse Rationalitätsstandards, die teilweise bis zu Aristoteles zurückreichen. In Gerichtsreden z. B. geht es zum einen um die Rekonstruktion eines Sachverhaltes, also um Fakten, und zum anderen um die Bewertung dieser Fakten. In der politischen Rede kommen diese Teile ganz ähnlich vor. Der Populismus aber geht mit den beiden Hauptteilen ganz speziell um. Im Wort „postfaktisch“ lässt sich schon ablesen, dass der Umgang mit den Fakten in der populistischen Rede nicht den üblichen Rationalitätsstandards genügt. Darüber hinaus geht es dem Populismus darum, einen Feind auszudeuten und gegen diesen Feind zu mobilisieren.

 

reinhard olschanski der wille zum feind
Reinhard Olschanski: Der Wille zum Feind (Wilhelm Fink Verlag 2017)

Warum ist der Feind geradezu das Hauptmerkmal des populistischen Sprechens?

So wie es in der Werbung heißt: „Sex sells“, kann man in der Rede mit einem gut konstruierten „Feind“ alles verkaufen. Um diesen Feind herum wird dann die ganze populistische Welt konstruiert.

Gibt es typische Feindbilder? Oder kann prinzipiell jeder ein Feind sein?

Überall wo man Differenzen ausmachen kann, kann man sie zum Feindbild überhöhen. Feindbilder sind aber z. T. sehr flüssig. Wenn eine Partei wie die AfD Feinde ausdeutet, dann geht das von Verkehrspolizisten über farbige Fußballnationalspieler bis hin zu Flüchtlingen oder sogenannten „Brüsseler Eurokraten“. Das ist eine riesige Palette ganz nach dem Motto: „Jeden Tag ein neues Feindbild“.

Dieses Feindbild wird ja nun von den Populisten üblicherweise nicht explizit als solches ausgewiesen. Besteht nicht die Gefahr, dass man dem politischen Gegner unterstellt, er pflege ein solches Feindbild, während er doch nur valide Kritik übt?

Dass der Kerngehalt der Rede gut verkauft wird, ist das A und O. Wenn man einer populistische Kundgebung zuhört, dann hat man den Originalsprech, sozusagen die Muttersprache. Wenn die Leute aber in der Talkshow sitzen, bedienen sie sich einer Zweitsprache. Dann hört sich das oft gar nicht so schlimm an. Das Wort von der „Einwanderung in die Sozialsysteme“ etwa klingt ja erstmal ganz sachlich und trocken; wenn man aber genau nachguckt, wird dort eine Personengruppe identifiziert, z. B. Rumänen und Bulgaren, Menschen aus der Gruppe der Roma, die angeblich zu uns kommen und unsere Sozialsysteme ruinieren. In fast jedem populistischen Statement wird eine Gruppe ausgemacht, die der Feind sein soll.

Wie unterscheidet man aber valide Kritik an Missständen von populistischer Feindbildkonstruktion?

Das ist unter anderem die Aufgabe einer kritischen Faktenrecherche, die sich fragt, ob die Aussagen so stimmen: Wandern hier Gruppen in unser Sozialsystem ein oder sind das nicht vielmehr Gruppen, die Netto-Einzahler sind, weil sie hier arbeiten. So verhält sich das oft nämlich. Man muss dann auch sehen, wie viel Verantwortung den einzelnen Individuen zukommt, wenn sie nämlich nur deswegen auf gewisse Weise handeln, weil die systemischen Zusammenhänge ihnen eigentlich nichts anderes mehr übriglassen. Der Populist tut dies nicht; er trennt die Akteure aus den systemischen Zusammenhängen heraus und gibt ihnen eine personale, moralische Schuld für das, was kritisiert wird.

 

Gunnar Kaiser KaiserTV
Reinhard Olschanski im Gespräch

Sodass sie dann als Sündenbock herhalten müssen …?

 

Ja. Es gibt dabei einen biologischen, aber auch einen kulturalistischen Rassismus, der sagt, es soll kein oder nur wenig Austausch stattfinden, die Kulturen und Völker sollen unter sich bleiben etc. Dieser kulturalistische Rassismus findet in der Islamophobie seinen gegenwärtigen Kulminationspunkt, wo der Islam der Hauptfeind ist – also eine Religion, die nicht rassisch definiert wird, sondern als „Ideologie“ ins Auge gefasst wird.

Es ist aber doch in der Politik gang und gäbe, dass man zumindest Gegnerschaft hat. Auch Parteien haben doch mitunter zurecht Feinde, an denen sie sich abarbeiten und ihr Profil schärfen können. Ist denn jeder Politiker schon ein Populist, wenn er einen politischen Feind ausgemacht hat?

Es kommt darauf an. Die Unterscheidung zwischen Gegner und Feind ist hier recht hilfreich. Es ist natürlich auch ein Problem, wenn es in der Politik keine klare Gegnerschaft mehr gibt. Wenn die vertikalen Trennungslinien zwischen den einzelnen Parteien und Lagern nicht mehr sichtbar sind, ziehen viele Leute den Schluss, dass es nur noch die Gegnerschaft zwischen „denen da oben“ und „uns hier unten“ gebe. Das ist sozusagen der Hyperfeind des Populismus. „Die da oben“ stecken angeblich alle unter einer Decke und beschützen uns nicht vor „den Anderen“ – den Verkehrspolizisten, den Flüchtlingen, den Schwulen und Lesben usw.

Gibt es eine Möglichkeit, die Flüchtlings- und Migrationspolitik der Regierung zu kritisieren, ohne Populist zu sein? Wenn man in der Bedrohung durch islamistischen Terror unsere europäische Identität gefährdet sieht – kann man das auf unpopulistische Weise ansprechen?

Ich weiß zwar nicht, inwiefern unsere europäische Identität dadurch gefährdet ist, aber ich glaube, dass wir angesichts dieser Probleme ein Stück weit sprachlos gemacht wurden, weil durch die ständigen Wiederholungen in den Medien die Assoziationsstrukturen und Frames so in den Köpfen verankert sind, dass jedes Aufrufen des Themas Gegensatz-Welten konstruiert, in denen eine rationale Beschäftigung mit dem Problem kaum mehr möglich ist. Vielleicht sollten die Medien und die Teile der etablierten Politik, die das immer wieder bedienen, aufhören, das Thema ständig hochzukochen, und stattdessen an eine lange und mühselige Arbeit der Konfliktlösung gehen.

Ist die Forderung von Volksbegehren in Abgrenzung zu einer Elitenherrschaft auch eine genuin populistische Forderung?

Es ist natürlich gut und richtig, dass man Demokratie weiterentwickelt und nicht nur ein aus der Distanz agierendes Parlament hat. Aber der Populismus weiß auch sehr gut, dass er mittels seiner Feindkonstruktionen bei solchen Volksabstimmungen mitunter ganz gute Karten hat.

Das heißt, es gibt eine Art gute direkte Demokratie und eine schlechte, wenn sie den Populisten in die Hände fällt?

Sie ist dann schlecht, wenn sie zulässt, dass Grundwerte von demokratisch-liberalen Verfassungen in Frage gestellt werden oder wenn ohne Rücksicht auf Verfassung und Menschenrechte die Einführung der Todesstrafe propagiert wird.

Welches sind die rhetorischen Kniffe der populistischen Rede?

Populisten versuchen in besonderer Weise, ihre Hörerschaft als homogene Gruppe, als „das Volk“ etwa, anzusprechen. Es gibt dann auch den Versuch von Rednern, sich als „Mann aus dem Volke“ zu präsentieren – „ich bin einer von euch“. Es wird ein Mythos erzählt – des Volkes, des Abendlandes, der christlichen Familie, was immer das im einzelnen sein mag. Aber auch der Mythos des „Jedermann“ gehört dazu – des einfachen, durchschnittlichen, normalen Bürgers, der Andersheit angeblich ablehnt.

Sind nicht auch Anti-Kapitalismus, Anti-Globalisierung oder Anti-Faschismus Gegenbewegungen, die einen Feind brauchen? In Ihrem Buch sprechen Sie viel vom Rechtspopulismus. Gibt es dementsprechend auch einen Linkspopulismus und hat er auch ein ausgedeutetes Feindbild?

Eigentlich ist die gesellschaftliche Linke ja die politische Strömung, die stärker an Rationalität orientiert ist. Sie ist von der Untersuchung dessen getrieben, was faktisch ist. Marx und Engels haben ihre Lehre als wissenschaftlichen Sozialismus bezeichnet, und vieles in ihren ökonomischen Arbeiten ist faktisch harte Fachwissenschaft – und nicht die Mythisierung, die Sie etwa in einer Höcke-Rede finden.

Aber faktisch hält die Linke – oder das, was manchmal nur so genannt wird – das nicht durch. Hugo Chávez etwa hatte ein klar ausgedeutetes Feindbild; oder nehmen sie den Stalinismus mit seinen brutalen Feindbildkonstruktionen.

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Bei der durch Marx und Engels inspirierten Ideologie gibt es doch auch ein klares Freund-Feind-Schema – die Kapitalisten gegen das Proletariat …

Da muss man unterscheiden, denn Marx spricht ja vom personifizierten Kapital, von Charaktermasken, die den Marktprozess sozusagen widerspiegeln. Kapitalisten tun das, was der Markt ihnen auferlegt, so dass dort eigentlich kein Feind konstruiert werden kann.

Aber Sie haben natürlich recht, dass das in der Praxis nicht immer und überall so ist. Sartre hat untersucht, wie die Klassen-Antagonismen im Frankreich des 19. Jahrhunderts zu Hass-Antagonismen geworden sind: Arbeiter und Unternehmer haben sich bis aufs Blut bekämpft, gesellschaftliche Konflikte wurden nicht rational gelöst, sondern es ging nur darum, den anderen vollkommen zu negieren, während in anderen, kapitalistischeren Ländern die Konflikte nicht so auf die Spitze getrieben wurden. Es geht auch in harten Konflikten darum, die Gesprächsebene aufrechtzuerhalten.

Es ist auch eine Tendenz zu beobachten, den, mit dem man nicht einer Meinung ist, als Populisten zu diffamieren – ihn gleichsam als Feind zu konstruieren. Macht der Populismus-kritiker sich nicht dessen schuldig, was er kritisiert und wird selber zum Populisten?

Es gibt tatsächlich eine Inflationierung des Populismusbegriffs: Oft wird auch nur der, der jemandem nicht passt, als Populist bezeichnet. Aber ich hoffe, mein Versuch den Populismus als Bewegung zu bestimmen, die eine Gruppe als Feind ausdeutet, der moralisch abgestempelt wird und mit dem kein Gespräch mehr möglich sein soll, kann hier einen Beitrag zu einer genaueren Bestimmung leisten.

Herr Olschanski, ich danke Ihnen für das Gespräch.

 

 

Reinhard Olschanski: Der Wille zum Feind. Über populistische Rhetorik.

Wilhelm Fink Verlag: Paderborn 2017.

200 Seiten, 24,90 EUR.

ISBN-13: 9783770562169

 

 

Das Interview wurde am 17. 6. 2017 geführt und kann hier in voller Länge gesehen werden:

 

 

 

 

 

Was ist die Scharia? – Lutz Jäkel im Gespräch

Was ist eigentlich Scharia? Wie wird sie ausgelegt, was sind ihre Grundlagen? Ist sie mit Grundgesetz, Menschenrechten und Aufklärung vereinbar?
Der Journalist, Buchautor und Islamwissenschaftler Lutz Jäkel gibt Auskunft.
Website: http://ift.tt/2tedooD

Angriff der Social Justice Warriors

Mit Philosophie Workout, Meine WikiWelt und UNBLOGD diskutieren wir über das Phänomen „Social Justice Warrior“.

Gibt es Gott? Dawkins: „Der Gotteswahn“ [RadioSchau 13]

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»Religion ist irrational, fortschrittsfeindlich und zerstörerisch.« Richard Dawkins, einer der einflussreichsten Intellektuellen der Gegenwart, zeigt, warum der Glaube an Gott einer vernünftigen Betrachtung nicht standhalten kann.

President Trump – Pro & Contra

Courtney and Bernie (ANKA Medien) are talking about Donald Trumps presidency.
Topics:
– economics
– social security system
– illegal immigration
– Is Donald Trump sexist?
– Mainstream media and fake news
– Alt right movement and free speech
– radical Islam

Bernie’s Channel: https://www.youtube.com/channel/UCbsBqh5TSIgYrNU5c-zNhbA

Was heißt es, religiöse Gefühle zu verletzten?

Was sind religiöse Gefühle überhaupt, wie bekommt man sie, wie bekommt man sie wieder weg, und wie verletzt man sie bei anderen? Wie schützt man seine eigenen religiösen Gefühle vor der Verletzung durch andere?
Müssen religiöse Menschen alles hinnehmen, was im Namen von Meinungs- und Pressefreiheit als Urteil über das, was ihnen heilig ist, ergeht? Und wenn sie es nicht hinnehmen – welche Rechte haben sie, sich zur Wehr zu setzen? Andersherum gefragt: Muss unsere Gesellschaft auf jedes dahergelaufene Gefühl Rücksicht nehmen, nur weil es sich religiös nennt, und aus ebendieser Rücksicht vermeiden, Seife mit Minarettaufdruck zu verkaufen?
In diesem Sinne sollte man auch fragen: Was hat das Verletzen von religiösen Gefühlen mit der Gewährung von Grundrechten in einer offenen Gesellschaft zu tun? Ist es erlaubt, religiöse Gefühle zu verletzen, oder gar geboten? Eine Art heilige Pflicht des Säkularismus? Und wo verläuft die Grenze zwischen freier Meinungsäußerung und persönlicher Beleidigung?

 

Ein Gedankenexperiment: Wie hätte die Öffentlichkeit, wie hätten die Medien reagiert, wären bei Charlie Hebdo nicht fortwährend „islamische Gefühle“, sondern „jüdische“ verletzt worden (in Anführungsstrichen, weil ich mir nicht im Klaren darüber bin, was islamische bzw. jüdische Gefühle überhaupt sein sollen)? Wären wir auch alle Charlie, wenn die Karikaturen fortlaufend Juden gezeigt und ihren Glauben verunglimpft hätten?
Dem deutschen Betrachter zumindest muss die Erinnerung an die antisemitischen Zeichnungen eines Philipp Rupprecht (Hauptzeichner der Hetzzeitschrift „Der Stürmer“), die gerade die neueste Karikatur vom weinenden Mohammed mit seiner Hakennase und seinen Schwulstlippen evoziert – Unwohlsein bereiten  – wo liegt der Unterschied?
Auf der Hand, wird man antworten, denn: der Islam ist eine Religion und als solche eine Ideologie, die wie alle anderen Ideologien auch der Möglichkeit der Kritik ausgesetzt sein muss, wenn die Behauptung von Presse- und Meinungsfreiheit nicht nur eine leere Phrase sein soll. Juden dagegen werden von Antisemiten nicht als Glaubensmitglieder einer Religion verunglimpft, sondern pauschal als Angehörige einer Ethnie – daher ist Antisemitismus Rassismus und erfüllt als solcher den Tatbestand der Volksverhetzung (in Frankreich initiation à la haine raciale), während Karikaturen, die religiöse Attribute von Moslems stereotyp darstellen, notwendige Mittel der Satire sind.
Das Problem liegt vielleicht im Begriff Ideologie und der Sicht auf die individuelle Freiwilligkeit religiöser Zugehörigkeit. Weil ethnische Zugehörigkeit nicht freiwillig ist, ist die Diskriminierung, die auf ihrer Grundlage stattfindet, in unserem Empfinden moralisch verwerflicher als die Diskriminierung aufgrund weltanschaulicher Ansichten – man könnte ja eine andere Religion wählen -, obwohl dieser Unterschied in entsprechenden Gesetzestexten nicht gemacht wird:
Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden. Grundgesetz, Art. 3 (3)
Die wenigsten Fanatiker werden allerdings ihre persönlichen Weltanschauungen, ob religiös oder politisch, als Ideologien und als frei gewählt betrachten. Darin scheint der Grund des Übels zu liegen, das religiös motivierter Terrorismus über uns bringt. Fanatiker sehen den Kern ihrer eigenen Identität verletzt oder bedroht, wenn jemand sich über ihre Anschauung lustig macht – eine Vorstellung, die dem weltanschaulichen Fragen gegenüber üblicherweise eher indifferenten aufgeklärten Atheisten fremd bis lächerlich vorkommt. Daher sind auch Kommentare wie der Christoph Siebers so verständlich wie nicht hilfreich: Wenn religiöse Gefühle durch das Titelbild einer Zeitung verletzt werden, dann kaufe man diese einfach nicht – diese Aufforderung kommt nicht nur für religiöse „Extremisten“ dem Rat gleich, man solle sich eben stillschweigend abwenden, wenn die eigene Familie in der Öffentlichkeit beleidigt wird.
Nun könnte uns diese ganze Überlegung kalt lassen ebenso wie Menschen, die sich angesprochen und persönlich beleidigt fühlen, wenn man ihre Überzeugungen aufs Korn nimmt (von denen sie sich nicht einmal für einen Moment selbstironisch distanzieren können) – schließlich könnten sie diese ja auch ändern. Zumal diese Menschen, sobald sie Gewalt als Mittel in Erwägung ziehen, keinen Anspruch auf Rücksichtnahme ihrer Argumente im intellektuellen Diskurs mehr haben.
Aber vielleicht sind das gar nicht die richtigen Fragen. Vielleicht blendet die derzeitige Diskussion um religiösen Fanatismus vs. aufgeklärten Pluralismus, um das Gewaltpotential, das in einer Religion steckt, und lenkt vom Wesentlichen ab. Was aber wäre das?
Ein nächstes Gedankenexperiment: Wie wäre es, in einer Welt zu leben, in der eine Gruppe von Staaten nicht seit Jahrzehnten eine andere Gruppe von Staaten angreift – sei es mit Bomben und Drohnen, sei es mit Sanktionen, Putschen und installierten Regimes? Wie wäre es, wenn es keine Gruppe von Staaten gäbe, die behauptet, in der Sorge um die Sicherheit ihrer Bürger und um den globalen Fortschritt von Menschenrechten und Demokratie fremde Staatsgebiete in ihrer Souveränität zu bedrohen, dort unzählige Menschen zu töten und das ganze Unternehmen „Friedenseinsatz“ und „war on terror“ zu nennen? Wäre die Religion, die in den überfallenen Gegenden vorherrscht, noch immer eine gewalttätige – besser gefragt: Hätten extremistische Kräfte, die vielleicht jeder Religion – mal mehr, mal weniger genuin – innewohnen, in dieser Welt überhaupt eine Chance? Würde sich in den unterdrückten Ländern vielleicht noch viel stärker eine Zivilgesellschaft herausbilden, deren Eigenkräfte jeglichen Fanatismus (die Ideologie der Schwachen) zurückweisen würden?
Ist die Blasphemie, die religiöse Beleidigung, nur die Speerspitze, die harmlos bliebe, gäbe es da nicht die Lanze des westlichen Interventionismus, die nicht nur im Irak mit Uran ummantelt ist? Die nicht nur in Syrien und Libyen für die Zerstörung lebensnotwendiger Infrastruktur und jahrtausendealter Kulturstädte gesorgt hat? Die nicht nur in Pakistan und im Jemen ohne Anklage und Anhörung Todesurteile gegen Menschen vollstreckt?
In den westlichen Medien werden die Anschläge von Paris und die Aggressionen vonseiten der Muslime selten in Verbindung mit dem Handeln westlicher Regierungen in deren Herkunftsländern gebracht. Vielleicht ist das unschicklich angesichts der Toten, die die Terroristen auf dem Gewissen haben. Und seltsam ist es schon: Da richtet sich der Terror gegen ein Satireblatt und es werden Menschen ermordet, die Karikaturen gezeichnet haben, während diejenigen, die nicht nur vage religiöse Gefühle verletzen, sondern ganz handgreiflich Menschen, die guten Sitten und das Völkerrecht, ungeschoren davonkommen. Sind die Terroristen in ihrem Feindbildschema genauso verblendet wie einige Leitartikler, oder richtet sich ihr Hass nur deswegen auf andere Wehrlose, weil sie der wahrhaft Verantwortlichen nicht habhaft werden können – weder durch Gewalt noch durch friedlichen Protest? Ist die Ehrwiederherstellung, die das schmerzende religiöse Gefühl lindern soll, nur ein Ventil für Hass und Wut, die sich aufgrund realer Ohnmacht aufgestaut haben?
Wie dem auch sei: Wundert sich denn wirklich jemand, dass das Töten von unschuldigen Menschen durch westliche Regierungen bei den Angehörigen irrwitzige Reaktionen hervorruft?

Auch ohne diese Zeichnungen hätten die Jihadisten, die ein gewalttätiges Islamverständnis haben, früher oder später zugeschlagen.

schreibt Heiner Hug wahrscheinlich zurecht, und fährt fort: „Die Karikaturen waren nur der Auslöser.“ Die Frage ist nur, ob sich dieses gewalttätige Islamverständnis ohne das aktive Zutun des Westens in den islamischen Regionen der Erde überhaupt ein solches Übergewicht hätte sichern können. Welche Gefahr würde ein Auslöser darstellen, wenn es keinen Sprengstoff gäbe?
Ein letztes Gedankenexperiment: Wer wären wir, wenn ein Terroranschlag nicht Redaktionen, sondern Regierungsgebäude treffen würde? Für wen würden wir auf die Straße gehen, wenn Gewalttaten nicht religiös, sondern als Akt der Rache für Mord und Totschlag motiviert wären? Mit wem würden wir uns solidarisieren, wenn die Opfer nicht Künstler und Journalisten, sondern Politiker und Lobbyisten der Waffenindustrie wären? Welche Werte sähen wir uns gezwungen zu verteidigen, wenn nicht die Pressefreiheit, sondern der politisch-militärisch-industrielle Komplex Ziel von Anschlägen wäre?
Dieser Artikel wurde zuerst veröffentlicht am 17. 1. 2015 auf derintellektuelle.de