Inventing Philip Roth

Das aktuelle Heft der Zeitschrift „DU“ beschäftigt sich mit dem amerikanischen Starautor.

 (Dieser Text erschien zuerst in Jüdische Allgemeine, Nr. 22, 2003)

 

Aus der Schweiz kommt viel Gescheits, heißt es, und als Beispiel wäre das Kultur-Magazin „DU“ zu nennen, das Monat für Monat aufs Neue den Kampf gegen Verdummung und Seichtheit aufnimmt, mit Beiträgen gleichbleibend hoher Qualität, in schmissigem Gewand und mit den vielfältigsten Themen von Almodóvar über Eiscreme bis zu – Philip Roth. Thema des Monats Oktober nämlich ist der 70-jährige amerikanische Schriftsteller, Pulitzerpreisträger und „National Book Award“-Gewinner, Verfasser von Bestsellern wie „Portnoys Beschwerden“ oder dem kürzlich verfilmten Roman „Der menschliche Makel“.Hans-Heinrich-Verl-Tamedia-AG-Brunold-Coninx+Du-740-Philip-Roth-Amerika-erfinden-Zweisprachige

Mit diesen dürftigen Angaben ist die Person, besser gesagt das Phänomen „Philip Roth“, natürlich nur unzulänglich umschrieben. Eine bessere, feinsinnigere, gedankenreiche und tiefgründige Analyse des Menschen und des Werkes versuchen die zehn Beitragenden des neuen „DU“-Heftes, das den treffenden Titel „Philip Roth. Amerika erfinden.“ trägt und, „als Ausdruck der Unzertrennlichkeit kontinentaler und transatlantischer Literatur“, durchweg als zweisprachige Ausgabe daherkommt. Die hier versammelten Hommagen sind vom Ansatz her äußerst vielförmig und haben miteinander wohl nur den hohen Respekt vor ihrem Gegenstand und die Einsicht gemein, Person und Werk niemals ganz ergründen zu wollen. Unter den Verfassern finden sich namhafte Autoren wie Saul Bellow, Marcel Reich-Ranicki oder Jeffrey Eugenides, wobei die deutsch-amerikanische Zweisamkeit durch die Essays des tschechischen Publizisten Antonín J. Liehm sowie des israelischen Romanciers Yitzhak Laor unterbrochen wird. Laor etwa geht der Frage nach, warum die Bücher des Weltstars Roth im israelischen Literaturbetrieb eines so marginale Rolle spielen, und stellt anlässlich des Israel-Romans „Operation Shylock“ die Vermutung an, dass, wenn man als Jude über eine Gegenwart schreibe, die nicht von Antisemitismus, Gewalterfahrung und dem „Weg nach Jerusalem“ geprägt sei, ein israelisches Publikum dies eher als bedrohlich empfinde.

Auch die anderen Beiträge beschäftigen sich ausführlich mit den verschiedenartigen Wirkungen, die die Lektüre von Roths Romanen nach sich zieht. In einer bekenntnisartigen Selbstanalyse bezeichnet Jeffrey Eugenides seinen älteren Kollegen als „Juden von Newark“, der ihn vom Saulus zum Paulus gemacht habe. Überhaupt das Judentum: Roths große Themen, schreibt Reich-Ranicki, seien die Liebe, die Literatur und die Juden (wobei Roths Kunst darin liegt, diese drei Themen immer wieder miteinander zu vermischen). „In ihm erkennen wir uns alle wieder!“, lautet der Titel des kleinen Aufsatzes, und es ist nicht ganz klar, auf wen sich dieses „uns“ bezieht, wenn Reich-Ranicki auch zugibt, man brauche „nicht mit dem Judentum geschlagen zu sein, um sich in Roths Figuren wiederzuerkennen.“

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Philip Roth

Die feministische Kritik an dem „obszönen und frauenfeindlichen Sexisten“ Roth kommt in dem komplett von Männern verfassten „DU“-Heft kaum zur Sprache, dafür umso mehr die Auseinandersetzung mit dem Jüdischsein sowie die Bestandsaufnahme der amerikanischen Geschichte und Gegenwart. Im Editorial wird Roth sogar als raffinierter Antisemit bezeichnet, der mit seinen niederträchtig gezeichneten, sexbesessenen Juden die gängigen Vorurteile untermaure. Roths deutscher Verleger Michael Krüger hingegen beschreibt seinen Autor als „Historiker einer Gefühlswelt“, der die Veränderungen der amerikanischen Gesellschaft exakt beobachte und mit Hilfe des Schreibens zu begreifen versucht.

Die Lektüre des Roth-Heftes von „DU“ ist durchweg anregend und ergötzlich. Die exzellenten Photographien von Lars Tunbjørk und Olaf Becker, zum Teil aber auch aus Roths Familienalbum, tragen das Ihre dazu bei. Diese Bilder zeigen den Autor aus einer recht ungewöhnlichen, fast „lebensnahen“ Perspektive. Dennoch bleibt es wohl am Ende bei der Feststellung Yitzhak Laors: Roths Werk „ist zu umfangreich, als dass man auch nur eine vorläufige Arbeitshypothese aufstellen könnte.“

Philip Roth. Amerika erfinden. Zweisprachige Ausgabe.

„Du“-Heft Nr.  740, Zürich 2003, 114 Seiten, 11 Euro.

 

„Unter der Haut“ – erscheint am 1. März 2018

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Gunnar Kaiser: Unter der Haut – Verlagsvorschau

Die atemberaubende Geschichte eines bibliophilen Mörders: Mit seiner bedrohlichen wie verführerischen Atmosphäre beschwört dieses beeindruckende Debüt vieles zugleich: die helle und die dunkle Welt der Bücher, den Sommer 1969 im pulsierenden New York sowie eine unheilvolle Freundschaft, deren Hintergründe vom Berlin der 30er Jahre bis in die Zeit des Mauerfalls führen.

Meinen Roman „Unter der Haut“ (Berlin Verlag) könnt ihr hier bestellen:

Ungleiche Nachbarn – Geschichte des jüdischen Alltags in Deutschland

Ungleich – das waren sie in der Tat, die jüdischen und die nicht-jüdischen Deutschen seit dem Dreißigjährigen Krieg bis zum Holocaust. Aber nur „Nachbarn“, nicht Mitbewohner oder Familienmitglieder gar?

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Neue Synagoge, Berlin
„Ungleiche Nachbarn“ ist der Titel des Symposions, das anlässlich des Erscheinens einer ersten großen „Geschichte des jüdischen Alltags in Deutschland“ in Berlin stattfand. Am 1. Juli 2004 versammelten sich die Beitragenden dieses über 600 Seiten starken, vor Details aus dem jüdischen Leben fast berstenden Werks im Jüdischen Museum, um die Problematik der deutsch-jüdischen Geschichte zu erörtern. Ob der Strich zwischen den Wörtern „deutsch“ und „jüdisch“ eher verbinden soll oder nicht doch beide Parteien auf einer Distanz hält, die im Holocaust nur ihre größte Anschaulichkeit erlangte, dies will das im Auftrag des Leo-Baeck-Institutes entstandene Buch mithilfe einer Vielzahl von Informationen aus den unterschiedlichsten Bereichen erörtern.
Wie man geahnt hat, ist diese Frage nicht so eindeutig zu beantworten, wie sie gestellt ist. Doch die Autoren des von Marion Kaplan herausgegebenen Bandes, namhafte Historiker aus Israel, den USA und Deutschland, bemühen sich, soziale Ausgrenzung wie auch gelungene Integration auf großem Raum zu schildern, obgleich sie konzedieren, dass sie mit ihrer Arbeit nicht mehr als ein Vorwort und einen Anstoß zu wissenschaftlicher Arbeit über eine noch zu schreibende Geschichte des Alltags vorlegen wollten.
Dieser auf den Alltag des „einfachen“ Juden in Deutschland fokussierte Ansatz unterscheidet den Band von der Mehrzahl der bereits vorliegenden Kompendien deutsch-jüdischer Vergangenheit. Die Autoren dieser „Geschichte von unten“ haben eine Unmenge an Archivmaterial, darunter Memoiren, Briefe, Tagebücher, Zeitungen und rabbinische Responsen zu Rate gezogen und lassen so das alltägliche Leben der jüdischen Minderheit in Deutschland über mehr als drei Jahrhunderte hinweg vor dem geistigen Auge entstehen. Sie richten ihren Blick auf die sich verändernden Strukturen und ihre Einflüsse auf Wohnsituation, Familienleben, Bildung, Arbeit, Religionspraxis und Freizeit, wobei sie vor allem der Frage nachgehen, inwieweit die historischen Veränderungen die subjektiven Erfahrungen der Juden, teilweise im Vergleich zu den nicht-jüdischen „Nachbarn“, beeinflusst haben.
„Die deutsche Gesellschaft“, resümiert Marion Kaplan in der Einführung, „hielt sich im achtzehnten Jahrhundert von den Juden fern, öffnete sich ihnen uneinheitlich im neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert und wurde in der Nazi-Zeit mörderisch.“
Doch die Autoren betrachten die Vergangenheit nicht als bloße Vorgeschichte eines als unausweichlich zu bewertenden Genozids, der im Wesen der Deutschen „seit Luther“ angelegt sei. Dadurch gelingt es ihnen, die Zweideutigkeit der Assimilation genauer und vorurteilsfreier in den Blick zu nehmen. Denn trotz des Antisemitismus, der vor allem in der Kaiserzeit nach 1873 virulent wird, aber auch schon vorher große soziale Verwerfungen produzierte, entdecken die Autoren immer wieder erstaunliche Erfolge der Juden vom Beginn der Emanzipation bis zur Weimarer Republik.
Nicht zuletzt handelt es sich bei diesem Buch auch um eine genuin deutsche Angelegenheit. So bringt die jüdische Alltagsgeschichte „etliche Verhaltensweisen von Deutschen zutage, die man aus einer anderen Perspektive kaum wahrnehmen würde.“ Denn die Geschichte der Nachbarn, ob ungleich oder nicht, betrifft auch immer die eigene Vergangenheit, vor allem dann, wenn sie in eine Katastrophe mündet, mit der auch das Buch schließt.
 

Verlag C. H. Beck, München 2003. 638 S. mit 20 Abbildungen, 39,90 €.

Gefährliche Nähe – Deutsche und Juden. Gespräch mit Dietz Bering (TEIL 2)

2017 feiern die evangelischen Kirchen 500 Jahre Reformation. Martin Luthers Verhältnis zu den Juden darf dabei nicht verschwiegen werden. Bering gibt im Gespräch Auskunft über die Frage, ob Martin Luther Antisemit war. Gibt es Entwicklungen in Luthers Ansichten über die Juden? Wie waren die zeitgeschichtlichen Voraussetzungen, welche Gründe gab es für anti-judaische Ressentiments?
In seinem Buch „War Luther Antisemit?“ stellt Bering die brisante These auf, gerade die besondere Nähe Luthers zum Judentum lasse seinen Antisemitismus erklären. Es wirft ein Licht auf das deutsch-jüdische Verhältnis insgesamt, das Bering als „Tragödie der Nähe“ beschreibt.
Prof. Dr. Dietz Bering lehrte an der Universität zu Köln historische Sprachwissenschaften. 1981 gehörte er zu den Gründungsfellows des „Wissenschaftskollegs zu Berlin“. Grundlegende Werke: „Der Name als Stigma – Alltagsantisemitismus 1812-1933“ (1987), „Kampf um Namen. Bernhard Weiß gegen Joseph Goebbels“ (1991). „Die Epoche der Intellektuellen. 1889-2001“ (2010) und „Die Intellektuellen im Streit der Meinungen“ (2011).

TEIL 1 ;  TEIL 3; auf SoundClound an einem Stück hören

War Luther Antisemit? – Gespräch mit Dietz Bering (TEIL 1)

Nah, aber doch in einem wesentlichen Punkt verschieden, waren sich Luther und die Juden, so die These des Kölner Sprachwissenschaftlers und Historikers Dietz Bering. Im ersten Teil des Gesprächs geht es um die Gründe für Luthers Judenfeindschaft.
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2017 feiern die evangelischen Kirchen 500 Jahre Reformation. Martin Luthers Verhältnis zu den Juden darf dabei nicht verschwiegen werden. Bering gibt im Gespräch Auskunft über die Frage, ob Martin Luther Antisemit war. Gibt es Entwicklungen in Luthers Ansichten über die Juden? Wie waren die zeitgeschichtlichen Voraussetzungen, welche Gründe gab es für anti-judaische Ressentiments?
In seinem Buch „War Luther Antisemit?“ stellt Bering die brisante These auf, gerade die besondere Nähe Luthers zum Judentum lasse seinen Antisemitismus erklären. Es wirft ein Licht auf das deutsch-jüdische Verhältnis insgesamt, das Bering als „Tragödie der Nähe“ beschreibt.

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Dietz Bering

Prof. Dr. Dietz Bering lehrte an der Universität zu Köln historische Sprachwissenschaften. 1981 gehörte er zu den Gründungsfellows des „Wissenschaftskollegs zu Berlin“. Grundlegende Werke: „Der Name als Stigma Alltagsantisemitismus 1812-1933“ (1987), „Kampf um Namen. Bernhard Weiß gegen Joseph Goebbels“ (1991). „Die Epoche der Intellektuellen. 1889-2001“ (2010) und „Die Intellektuellen im Streit der Meinungen“ (2011).

 

„Das Unsägliche sagen“ – Huml/Rappenecker: „Jüdische Intellektuelle im 20. Jahrhundert“

Über die Suche nach einer Identität ,nach Auschwitz’ und die Formen des Erinnerns

 

„Wer Jude ist, bestimme ich“, hat der Wiener Bürgermeister Karl Lueger auf die Frage geantwortet, warum denn in seinem, eines Antisemiten Freundeskreis so viele Juden seien. Wenn es doch nur so einfach wäre, wird man sich denken, und im selben Augenblick: Bloß gut, dass es komplizierter ist. Denn Identität, kollektive zumal, ist nicht erst seit den Zeiten, da sie zu einem Modebegriff der Kulturtheorie avancierte, eine heikle Angelegenheit. Welche Instanz bestimmt, wer oder was jemand sei, wie er sich selbst verstehen, welchem Milieu er zugehören solle und welchem nicht, auf welche Weisen er sich von Mitgliedern anderer Kollektive zu unterscheiden habe? Um die Virulenz dieser Problematik für ein ,jüdisches’ Selbstverständnis zu verdeutlichen, muss man nicht erst auf die fatalen Bemühungen der Nazis verweisen, mittels Zwangszuweisung der Namen „Israel“ und „Sara“ oder des Davidsterns vermeintliche Klarheit in das Chaos zu bringen.

In diesem Sinne stellen die Autorinnen und Autoren des von Ariane Huml und Monika Rappenecker herausgegebenen Bandes „Jüdische Intellektuelle im 20. Jahrhundert“ die Frage nach dem Standort des jüdischen Denkens heute und suchen sie auf vielfältige, zwangsläufig unabgeschlossene Weise zu beantworten. Wollte man die Ergebnisse der 17 Einzelstudien zusammenfassen, die das thematische Feld von den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts bis zur Gegenwart abstecken, so könnte es wohl nur in der Einsicht geschehen, dass jüdische Identität weder je fest umrissen war noch ist. Gerade diese Tatsache aber, so sind sich die Beitragenden einig, begründet den seismographischen Wert nicht nur eines jeden der geschilderten Schicksale von Karl Kraus über Hannah Arendt bis zu Ruth Klüger oder Hilde Domin, sondern überhaupt der gesamten neueren jüdischen Geschichte für die Entwicklungen der Moderne und Nach-Moderne.

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