Zehn literarische Videos auf KaiserTV (und ein Extra)

Videos mit rein literarischen Themen werden generell etwas weniger gesehen und nachgefragt. Ob es sich um Neuerscheinungen der Gegenwartsliteratur, neue Übersetzungen oder um die Klassiker der Weltliteratur handelt – im Vergleich zu philosophischen und gesellschaftspolitischen Themen haben meine Literaturvideos ein bisschen weniger Erfolg beim Publikum.

Gleichwohl hatte ich immer Lust, über die alten und neuen Titel der Belletristik zu berichten, sie zu rezensieren, zu kritisieren, und werde das wohl auch weiterhin tun.

Hier folgt nun die Top 10 der erfolgreichsten Literaturvideos auf KaiserTV:

10. Die BücherSendung

Dieses Format war ein sehr früher Versuch, eine Art literarisches Quartett auf Youtube zu etablieren. Kerstin Eiwen, Simone Scharbert und ich besprachen Jonathan Safran Foers „Hier bin ich“ und Isabelle Lehns „Und binde zwei Vögel zusammen“. Leider blieb es nicht nur beim Trio, sondern auch bei dieser ersten Sendung …

9. Paul Auster: 4 3 2 1

Paul Auster fasziniert mich schon seit langem, nämlich seit Silvester 2003, als ich zum ersten Mal „Mond über Manhattan“ las. 2017 folgte dann meine Rezension zu Paul Austers Mammut-Werk „4 3 2 1“.

8. Das Gilgamesh-Epos

An meinem Geburtstag im Jahr 2018 begann ich eines meiner vielen Langzeitprojekte, die ich dann irgendwann aus Unlust oder anderweitiger Motivation aufgegeben habe. Ich wollte 52 Bücher der Weltliteratur innerhalb eines Jahres vorstellen. Jede Woche eins. Bis zum dritten Buch bin ich gekommen, vielleicht wird die Reihe ja irgendwann fortgesetzt. Das zweite Buch war Homers „Odyssee“.

https://youtu.be/rUQg-DVTkEM

7. Jana Hensel: Keinland

Hier mal ein Interview mit der Autorin selber. Mit Jana Hensel spreche ich über ihren ersten Roman „Keinland“.

6. Eckhart Nickel: Hysteria

Ein weiteres Mittelzeitprojekt war der literarische Adventskalender, in dem ich täglich eines des besten Bücher des Jahres vorstellen wollte, die mir Menschen aus der Literaturwelt vorschlugen – das Projekt läuft noch bzw. ich dehne es auf die Zeit nach Weihnachten aus, aber ein paar Türchen habe ich tatsächlich verpasst. Ijoma Mangolds Vorschlag war der Roman „Hysteria“ von Eckhart Nickel.

5. T. C. Boyle: Die Terranauten

Immer wieder fruchtbar ist das Gespräch über Bücher mit David Eisermann – mehrere Interviews haben wir bislang geführt, so zum Beispiel über Tom Wolfe. In diesem Video sprechen wir über T. C. Boyles neuen Roman „Die Terranauten“.

4. Isherwood, Aciman, Mishima, E. M. Forster

2018 war ich auf drei Gay Pride Parades, in Köln, in Hamburg und in London. Am Flughafen von London dachte ich dann, ich könnte mal spontan meine Lieblingsromane über schwule Liebe vorstellen. Nicht zuletzt unter dem Eindruck des faszinierenden „Call me by your name“ von André Aciman, das 2018 zur Liste hinzugekommen war. Bei den anderen Romanen handelt es sich um Klassiker wie „A Single Man“ von Christopher Isherwood oder Yukio Mishimas „Confessions of a Mask“.

3. Philip Roth: Der menschliche Makel

2018 starb der zweite amerikanische Schriftsteller, der mich stark beeinflusst hat: Philip Roth. Beim Vorstellen eines seines besten Romane merkte ich, wie aktuell viele seiner Themen heute noch sind.

2. Hermann Hesse: Der Steppenwolf

Mein zweiterfolgreichstes Video ist die Lesung von Hesses Essay (einem Hessay, sozusagen) über „Eigensinn“. Aber auch meine Rezension eines seiner bekanntesten Romane hat mit über 10.000 Abrufen einige Aufmerksamkeit auf sich gezogen.

1. Virginia Woolf: Ein Zimmer für sich allein

Eigentlich kein literarisches Werk, sondern ein Essay, geht es Woolf doch hier ums Schreiben generell und um weibliches Schreiben im Speziellen, sodass ich meine Vorstellung von „A Room of One’s Own“ zu den literarischen Videos zähle.

Und ein Extra: Noch ein Interview mit einem Bestsellerautor!

Viel Freude hat es mir gemacht, mit Takis Würger über seinen Erfolgsroman „Der Club“ zu sprechen. Im Jahr 2019 kommt dann auch das Gespräch mit ihm über seinen neuen Roman „Stella“.

Inventing Philip Roth

Das aktuelle Heft der Zeitschrift „DU“ beschäftigt sich mit dem amerikanischen Starautor.

 (Dieser Text erschien zuerst in Jüdische Allgemeine, Nr. 22, 2003)

 

Aus der Schweiz kommt viel Gescheits, heißt es, und als Beispiel wäre das Kultur-Magazin „DU“ zu nennen, das Monat für Monat aufs Neue den Kampf gegen Verdummung und Seichtheit aufnimmt, mit Beiträgen gleichbleibend hoher Qualität, in schmissigem Gewand und mit den vielfältigsten Themen von Almodóvar über Eiscreme bis zu – Philip Roth. Thema des Monats Oktober nämlich ist der 70-jährige amerikanische Schriftsteller, Pulitzerpreisträger und „National Book Award“-Gewinner, Verfasser von Bestsellern wie „Portnoys Beschwerden“ oder dem kürzlich verfilmten Roman „Der menschliche Makel“.Hans-Heinrich-Verl-Tamedia-AG-Brunold-Coninx+Du-740-Philip-Roth-Amerika-erfinden-Zweisprachige

Mit diesen dürftigen Angaben ist die Person, besser gesagt das Phänomen „Philip Roth“, natürlich nur unzulänglich umschrieben. Eine bessere, feinsinnigere, gedankenreiche und tiefgründige Analyse des Menschen und des Werkes versuchen die zehn Beitragenden des neuen „DU“-Heftes, das den treffenden Titel „Philip Roth. Amerika erfinden.“ trägt und, „als Ausdruck der Unzertrennlichkeit kontinentaler und transatlantischer Literatur“, durchweg als zweisprachige Ausgabe daherkommt. Die hier versammelten Hommagen sind vom Ansatz her äußerst vielförmig und haben miteinander wohl nur den hohen Respekt vor ihrem Gegenstand und die Einsicht gemein, Person und Werk niemals ganz ergründen zu wollen. Unter den Verfassern finden sich namhafte Autoren wie Saul Bellow, Marcel Reich-Ranicki oder Jeffrey Eugenides, wobei die deutsch-amerikanische Zweisamkeit durch die Essays des tschechischen Publizisten Antonín J. Liehm sowie des israelischen Romanciers Yitzhak Laor unterbrochen wird. Laor etwa geht der Frage nach, warum die Bücher des Weltstars Roth im israelischen Literaturbetrieb eines so marginale Rolle spielen, und stellt anlässlich des Israel-Romans „Operation Shylock“ die Vermutung an, dass, wenn man als Jude über eine Gegenwart schreibe, die nicht von Antisemitismus, Gewalterfahrung und dem „Weg nach Jerusalem“ geprägt sei, ein israelisches Publikum dies eher als bedrohlich empfinde.

Auch die anderen Beiträge beschäftigen sich ausführlich mit den verschiedenartigen Wirkungen, die die Lektüre von Roths Romanen nach sich zieht. In einer bekenntnisartigen Selbstanalyse bezeichnet Jeffrey Eugenides seinen älteren Kollegen als „Juden von Newark“, der ihn vom Saulus zum Paulus gemacht habe. Überhaupt das Judentum: Roths große Themen, schreibt Reich-Ranicki, seien die Liebe, die Literatur und die Juden (wobei Roths Kunst darin liegt, diese drei Themen immer wieder miteinander zu vermischen). „In ihm erkennen wir uns alle wieder!“, lautet der Titel des kleinen Aufsatzes, und es ist nicht ganz klar, auf wen sich dieses „uns“ bezieht, wenn Reich-Ranicki auch zugibt, man brauche „nicht mit dem Judentum geschlagen zu sein, um sich in Roths Figuren wiederzuerkennen.“

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Philip Roth

Die feministische Kritik an dem „obszönen und frauenfeindlichen Sexisten“ Roth kommt in dem komplett von Männern verfassten „DU“-Heft kaum zur Sprache, dafür umso mehr die Auseinandersetzung mit dem Jüdischsein sowie die Bestandsaufnahme der amerikanischen Geschichte und Gegenwart. Im Editorial wird Roth sogar als raffinierter Antisemit bezeichnet, der mit seinen niederträchtig gezeichneten, sexbesessenen Juden die gängigen Vorurteile untermaure. Roths deutscher Verleger Michael Krüger hingegen beschreibt seinen Autor als „Historiker einer Gefühlswelt“, der die Veränderungen der amerikanischen Gesellschaft exakt beobachte und mit Hilfe des Schreibens zu begreifen versucht.

Die Lektüre des Roth-Heftes von „DU“ ist durchweg anregend und ergötzlich. Die exzellenten Photographien von Lars Tunbjørk und Olaf Becker, zum Teil aber auch aus Roths Familienalbum, tragen das Ihre dazu bei. Diese Bilder zeigen den Autor aus einer recht ungewöhnlichen, fast „lebensnahen“ Perspektive. Dennoch bleibt es wohl am Ende bei der Feststellung Yitzhak Laors: Roths Werk „ist zu umfangreich, als dass man auch nur eine vorläufige Arbeitshypothese aufstellen könnte.“

Philip Roth. Amerika erfinden. Zweisprachige Ausgabe.

„Du“-Heft Nr.  740, Zürich 2003, 114 Seiten, 11 Euro.