Der Zwang zur Selbstverwirklichung und seine Folgen – Alain Ehrenberg: „Das erschöpfte Selbst“

Im Grunde genommen gilt das Wort des Facharztes, das der amerikanische Schriftsteller William Styron im Bericht über die Geschichte seiner Depression vor mehr als fünfzehn Jahren anführt, noch immer: „Wenn wir unseren Kenntnisstand (über die Depression) mit der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus vergleichen, dann ist Amerika nach wie vor nicht entdeckt; wie sitzen noch immer dort unten auf der kleinen Insel in den Bahamas.“ Die Depression ist eine Krankheit, über die man umso weniger definitiv zu wissen scheint, je stärker sie sich verbreitet. Und sie verbreitet sich rasch: Schätzungen sprechen von derzeit 340 Millionen Fällen weltweit.Depressionen treten bei Menschen aller sozialen Schichten, Kulturen und Nationalitäten auf. Etwa zwei Prozent Kinder unter 12 Jahren und fünf Prozent Jungendliche unter 20 Jahren sind betroffen. Allein in Deutschland erkranken ungefähr 20 Prozent aller Bundesbürger einmal in ihrem Leben an einer Depression. Zehn bis fünfzehn Prozent aller Depressionspatienten begehen Selbstmord. Die Depression ist so nicht nur zu einer Krankheit einzelner, sondern auch zu einem Sinnbild für den Zustand ganzer Gesellschaften geworden.

Ehrenberg Depression
Alain Ehrenberg: Das erschöpfte Selbst

Dem Wort „Depression“, geprägt von dem Schweizer Psychiater Adolf Meyer, wohnt nicht der düster lockende Klang inne, der seinen medizinhistorischen Vorläufern, dem Weltschmerz, der Schwermut, der Melancholie noch zukam. Es ist eine Worthülse, die in ihrer Unbestimmtheit geradezu wieder zu dem Syndrom passt, das sie bezeichnet. Der Depression ist auch die „Wonne“ fremd, die der Künstler von einst noch in der Wehmut finden konnte, die Freude an der Melancholie, die adelnde Lust am Kopfhängenlassen. Sie ist nicht mehr Ausweis einer sensiblen, an ihrer Umwelt leidenden Seele, sondern nur noch nüchterne Bezeichnung eines schmerzhaften Krankheitsbildes, dessen einzige und letzte Hoffnung nicht selten im Selbstmord liegt.

In Abgrenzung zur traditionsreichen Melancholie hat der amerikanische Schriftsteller Andrew Solomon die Depression einmal so beschrieben: „Traurigkeit und Melancholie gehören zu den Erfahrungen eines reichen Lebens. Sie folgen auf Verlust, und Verlust ist verbunden mit den Gefühlen von Liebe. Depression ist etwas ganz anderes. Depression heißt, auf eine schmerzhafte Art abgeschnitten zu sein von allen nützlichen Erfahrungen des Menschseins, und das ist keineswegs schön.“

Ihre Erscheinungsformen sind ebenso zahlreich wie schwer zusammenzufassen. Antriebslosigkeit, innere Unruhe und Schlafstörungen, fehlende Lebensfreude, Leere und Traurigkeit, vermindertes Selbstwertgefühl, psychomotorische Verlangsamung, Konzentrationsschwäche, Schuldgefühle, Gedanken an Selbstmord – dies sind nur einige der Kennzeichen einer Krankheit, die von dem Soziologen Alain Ehrenberg mit dem Begriff „fatigue d’être soi“ näher bestimmt wird. Die Mühsal, man selbst zu sein, ist nach Ehrenberg der point commun der „Modekrankheit“ Depression, die in den westlichen Gesellschaften längst die Neurose und die Angst als häufigste Geisteserkrankungen abgelöst habe.

ehren2Sie wird verursacht, so die Hauptthese von Ehrenbergs Buch „Das erschöpfte Selbst“, von dem seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts herrschenden Diktat der Individualität. Während die Neurose noch zu Beginn des Jahrhunderts als Ausweis einer unter der Forderung nach Anpassung leidenden Psyche diagnostiziert wurde, kann nunmehr die Depression als Niederschlag gesellschaftlicher Veränderungen angesehen werden. „Freud fasste unter dem Begriff Neurose eine ganze Reihe von Dilemmata zusammen, die Menschen in einer Gesellschaft erlebten, die durch strenge Normen und Regeln gekennzeichnet war, durch Konformität zur gängigen Meinung, Verbote, Disziplin, bis hin zu blindem Gehorsam.“ Die Paradigmen der westlichen Gesellschaften haben sich jedoch mittlerweile dahingehend geändert, dass der Konflikt wegfiel, vor dem sich das Individuum mit seinen je eigenen Bedürfnissen angesichts einer restriktiven Gesellschaft befand. Die Dichotomie erlaubt – verboten hat ihre Wirkung verboten. An ihre Stelle ist die Unterscheidung zwischen möglich – unmöglich getreten. Nicht mehr Unterwerfung unter die Normen ist seither gefragt, sondern die Entwicklung einer „reichen Persönlichkeit“, die Arbeit am Selbst. An die Stelle sozialer Repression treten Unverbindlichkeit, ein Zuviel an Sinnangeboten und daher ein Mangel an Orientierung, nicht bloß das Recht, sondern auch die Pflicht zum „pursuit of happiness“.

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Alain Ehrenberg

Autonomie, Selbstständigkeit und Verantwortung sind die Schlagworte, die den Menschen der modernen Gesellschaft vor die schwierige und ermüdende Aufgabe stellen, um jeden Preis er selbst zu sein. Das souveräne Individuum bestimmt nun die übliche Lebensweise. Das Ich ist zu einer einzigen Großbaustelle geworden. Diese Ermüdung diagnostiziert Ehrenberg in seinem bereits vor sieben Jahren in Frankreich erschienenen Buch als Negativ der gesellschaftlichen Forderung nach Aktivität. Der Zwang zur Individualität habe eine Einsamkeit der Selbstverantwortung (Beck-Gernsheim) hervorgerufen, die sich mehr und mehr in den benannten Symptomen äußere. Dort, wo die Seele dem Anspruch auf Selbstverwirklichung nicht mehr nachkommen kann, reagiert sie mit einem Rückzug auf ganzer Linie, mit innerer Leere, Antriebsschwäche und Erschöpfung. War die Neurose bei Freud die Krankheit der Schuld (gegenüber den gesellschaftlichen Ge- und Verboten), so ist die Depression nach Ehrenberg eine Krankheit der Verantwortung (gegenüber seinem eigenen Ich).

Ehrenberg zeigt in einer detailreichen psychiatriehistorischen Analyse, wie sich das Sprechen über psychische Erkrankung (von Hysterie und Neurasthenie über manisch-depressive Psychose und Schizophrenie bis hin zur Depression) entlang den Linien entwickelt, die von den Entdeckungen der Medizin vorgezeichnet werden. Vor allem der Elektroschock und die Psychopharmakologie haben in Bezug auf die Definition der Depression Revolutionäres geleistet – bis hin zum diagnostischen Umkehrschluss, depressiv sei, was durch Antidepressiva geheilt werde.

Was aber, so lautet Ehrenbergs Frage, bedeutet Heilung im Zusammenhang mit einer möglich gewordenen Symptomreparatur? Ist die Krankheit mehr als die Summe ihrer Symptome? Ist Leiden nützlich? Ist Heilung nicht mehr als persönliches Wohlbefinden, das mit der Verabreichung von Psychopharmaka oder der Elektroschockmethode erzielt werden kann?

ehren1In einem früheren Buch, „L’individu incertain“, hatte der Autor die Depressiven, die ihre Krankheit mit ausschließlich pharmazeutischen Mitteln behandeln ließen, noch plakativ als „Pillenschlucker“ bezeichnet und sie in die Nähe von Drogensüchtigen gerückt, hatte die Hochpreisung von Antidepressiva als Folgestufe des Bodybuildungkults gedeutet („psycho building“). Solcherart Generalisierungen sind dem Buch „Das erschöpfte Selbst“ weitgehend fremd. Gleichwohl ist Ehrenbergs Ablehnung einer Verabsolutierung rein biologischer „Heilmethoden“ auch aus der nüchternen, sich zuweilen im Detail verlierenden Sprache des neuen Werks nicht zu überhören.

Heilung bedeutet, so Ehrenbergs abschließende Behauptung, dass ein Individuum an seinen Erfahrungen wächst und lernt, seine Konflikte auszuhalten und als konstituierenden Teil der Persönlichkeit zu akzeptieren. Hierin liegen zugleich die wichtigen politischen Implikationen der Thesen Ehrenbergs. Die demokratische Gesellschaft beruhe auf dem Konstrukt eines politischen Subjekts, das sich in Konflikten selbst-gebildet hat und das somit in der Lage ist, von seinen Befindlichkeiten abzusehen und an seiner Umwelt zu arbeiten. Fällt dieses Subjekt aus – die steigende Nachfrage nach Psychopharmaka und die relative Abdankung der Psychotherapie lassen solches befürchten –, so bewegt sich unsere Gesellschaft auf eine gefährlich instabilen Zustand zu.

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Alain Ehrenberg: Das erschöpfte Selbst. Depression und Gesellschaft in der Gegenwart.

Campus, Frankfurt a. M. 2004.

305 Seiten, 24,90 EUR

ISBN 3-593-37593-1

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Geht das Abendland unter? – Nizza, Würzburg, München und die Politik des Charles Manson

Der Amoklauf in München hat, selbst wenn er kein islamistischer Anschlag war, gezeigt, wie groß die Angst, die Panik, die Hysterie, aber auch die Hilfsbereitschaft und der Wille ist, die Gesellschaft nicht auseinanderdriften zu lassen.

Spätestens den islamistischen Attentaten von Paris, Brüssel, Orlando, in Magnanville, Nizza, Würzburg, nach denen von Kabul, von Baghdad, in Bangladesh ist klar, dass wir uns im Krieg befinden. Eine neue Zeitrechnung hat in den letzten Tagen begonnen. Vielleicht wird man diese Epoche später auch – nach dem Motto des Serienmörders Charles Manson – „Helter Skelter“ nennen.

Meine Gedanken zu den Ereignissen der letzten Wochen. Der Amoklauf in München hat, selbst wenn er kein islamistischer Anschlag war, gezeigt, wie groß die Angst, die Panik, die Hysterie, aber auch die Hilfsbereitschaft und der Wille ist, die Gesellschaft nicht auseinanderdriften zu lassen.
Ich mache mir Gedanken zu den wahren Ursachen der Krise und zu möglichen Lösungen.

[Das Video war bereits fertig, bevor der Anschlag von Ansbach und der Mord von Reutlingen (24. 7. 16) geschahen.]

Donald Trump ist ein Milgram-Experiment

… und DU bist das Versuchskaninchen. Wann steigst du aus?

… und DU bist das Versuchskaninchen. Wann steigst du aus?

Meine Gedanken zu Donald Trumps Kandidatur, zu Hillary Clinton und Bernie Sanders – und CR7. Über kognitive Dissonanz und versunkene Kosten. Und warum Politik ein Milgram-Experiment ist, aus dem wir aussteigen müssen. Es ist nie zu spät!

 

Depressionen durch zu viel Freiheit? – Podcast #3

Über die Geschichte der Great Depression 1929 bis 1941 – Mythos und Wahrheit über die Ursachen und Folgen.

Über die Geschichte der Great Depression 1929 bis 1941 – Mythos und Wahrheit über die Ursachen und Folgen.

 

Als Youtube-Video hier

 

Als Soundcloud-Podcast hier

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Viktor E. Frankl: Es kommt der Tag, da bist du frei – Podcast #2

Zeugnis der menschlichen Würde – im Kösel Verlag erscheinen bisher unveröffentlichte Texte des Psychologen Viktor E. Frankl

Auf jeden Fall ist alles Glücksstreben des Menschen insofern verfehlt, als ein Glück ihm nur in den Schoß fallen kann, niemals jedoch sich erjagen lässt.

Viktor E. Frankl

Zeugnis der menschlichen Würde – im Kösel Verlag erscheinen bisher unveröffentlichte Texte des Psychologen Viktor E. Frankl

https://soundcloud.com/gunnar-kaiser/viktor-e-frankl-es-kommt-der-tag-da-bist-du-frei

Eine Vorstellung des Bandes „Es kommt der Tag, da bist du frei“ von Viktor E. Frankl. Unveröffentlichte Briefe, Texte und Reden. Erschienen 2015 im Kösel Verlag.

Was wäre ein selbstbestimmtes Leben? – Welzer / Pauen: „Autonomie“

Michael Pauens und Harald Welzers Schrift verteidigt den Mut, sich seiner eigenen Autonomie zu bedienen.

rosaMichael Pauens und Harald Welzers Schrift verteidigt den Mut, sich seiner eigenen Autonomie zu bedienen.

nachhören auf Soundcloud:

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Michael Pauen / Harald Welzer: Autonomie. Eine Verteidigung

 

Haben Sie auch manchmal das Gefühl, Sie hätten, in anderen Zeiten, bloß zu den Mitläufern gehört? Und dass, obwohl Sie sich selber heute selbstbestimmt, urteilsfest und als kritischer Geist vorkommen? Wer gibt uns die Gewissheit, wir hätten damals zu denjenigen gehört, die aufgestanden wären und nein gesagt hätten, wenn es uns Heutigen im Westen (noch) so gefahrlos möglich ist, Widerspruchsgeist und körperliche Unversehrtheit miteinander zu vereinigen? Wenn unsere Anti-Haltung vergleichsweise bequem ist und nicht einmal unser individueller Wohlstand auf dem Spiel steht?

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Andererseits: Hätten Sie, in anderen Zeiten, zu den hellsichtigen Warnern gehört, zu denen, die sensibel waren, die Zeichen der Zeit erkannten und frühzeitig Alarm schlugen, als es noch möglich war? Möglich, aber nicht eben opportun, weil man Sie als pessimistischen Spinner und Katastrophisten gebrandmarkt hätte? Zu Zeiten, da Dissidenz noch wirklich uncool war?

Zwischen derartigen Gewissensfragen erstreckt sich der Handlungsspielraum, um den es Michael Pauen und Harald Welzer in ihrem Buch „Autonomie. Eine Verteidigung“ geht: Selbstbestimmung trotz Gefahr für das eigene Leben und das der Liebsten, innere Unabhängigkeit und Mündigkeit trotz der Gefahr der sozialen Isolation. Diese Erörterung ist so notwendig wie schwierig. Denn so notwendig und wertvoll Autonomie auf der einen Seite ist, so schwierig zu begreifen ist sie auf der anderen. Zwei Beispiele unter vielen: Handelt ein Veganer autonom? Vor 40 Jahren vielleicht, aber heute? Denkt jemand, der nicht an die offizielle Theorie vom 11. September glaubt, autonom? Heute vielleicht, aber in 40 Jahren? Man sieht also: Autonomie ist wie Farbempfinden – sie kann im Grunde kaum festgestellt werden, denn sie hängt erstens von den Umständen ab und ist zweitens als geistige Einstellung eben nie allein durch Verhalten oder Äußerungen nachweisbar.

Der Schweizer Philosoph Peter Bieri fragt in einer Vorlesung, was ein selbstbestimmtes Leben wäre. Welzer und Pauen nun nähern sich von der negativen Seite und fragen: „Was tun gegen den Zwang zur Anpassung?“ Man kann sich derzeit keine viel brennendere Frage vorstellen, da der Verlust der Privatsphäre, die Erosion einer kritischen Öffentlichkeit, die Allmacht der täglichen Überwachung, der Zweifel an unabhängiger Berichterstattung in den Medien, die Möglichkeit von Manipulation und Propaganda und ein Abstimmungsverhalten von gewählten Volksvertretern, auf das Honecker stolz gewesen wäre, zu einer Melange geführt haben, die uns eine eigene Haltung und ein selbstständiges Urteil über die Lage der Dinge beinahe unmöglich machen.

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Allein darum ist dieses Buch ein Kleinod, das in den Bücherschrank jedes Menschen gehört, der heute und in Zukunft ausloten will, wo der Spielraum seiner Mündigkeit und der seiner Zeitgenossen verläuft, wo er gefährdet ist und unter welchen Umständen er sich erweitern ließe. In den Bücherschrank gleich neben Welzers kluger Anleitung zum Widerstand mit dem Titel „Selbst denken“.

Auch heute kann es ja schon karrieregefährdend sein, den falschen Autor zu zitieren, die falschen facebook-Seiten geliket oder dem falschen Staat im Nahen Osten seine Sympathie bekundet zu haben. Mit den Autoren werfen wir daher gerne einen Blick auf die aktuellen Gefahren für individuelle und gesellschaftliche Autonomie, aber auch auf die Bedingung ihrer Möglichkeit. Autonomie, so die Prämisse von und Pauen/Welzer, sei erstens eine Errungenschaft und zweites als solche stets wiederherzustellen. Dabei machen sie nicht den Fehler, Autonomie als moralischen Wert an sich zu verteidigen – autonom kann auch der sein, der eine ganz und gar irrige und verwerfliche Weltsicht hat. Abwegig sein bedeutet selbst heute nicht, Recht zu haben.

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Autonomie, als „Fähigkeit zu selbstbestimmtem Handeln gegen Widerstände“, ist nicht gleichzusetzen mit sittlicher Vorbildlichkeit, gleichwohl aber ihre Voraussetzung. Im Grunde bewundern wir Menschen, deren Handeln uns autonom vorkommt, aber angesichts ihrer fragwürdigsten oder einfach nervigsten Exemplare wünschen wir uns manchmal, sie wären ein wenig öfter dem Zwang zur Konformität erlegen. Dieser Impetus allerdings, wenn wir ihm nachgehen und ihn öffentlich machen (indem wir uns z. B. an Shitstorms beteiligen), führt auf der anderen Seite dazu, den Druck auf kritisches, neuartiges, vorurteilsfreies, unabhängiges Denken zu verstärken und die Pflänzchen echten Widerspruchsgeistes, der vielleicht einfach hellsichtiger ist als wir, im Keim zu ersticken.

Des Weiteren erweist sich absolute Autonomie den Autoren nicht durchweg als Ideal für Menschen, die in einer modernen Gesellschaft leben wollen. Ein vollkommen selbstbestimmter Mensch sei nicht willens oder nicht in der Lage, an einer arbeitsteiligen, kooperativen Ordnung teilzunehmen – die im Gegenzug seine faktische Freiheit erst ermöglicht.

In einer geistesgeschichtlichen Erörterung der Geschichte von Autonomievorstellungen gelingt es den Autoren, den Bogen zu schlagen von antikem Denken (handelt Antigone autonom, wo sie doch „nur“ das göttliche Gesetz erfüllen will?) über Kant und Hegel bis Stirner und Nietzsche und schließlich zu den russischen Utopisten des 20. Jahrhunderts, bei denen individuelle Autonomie in menschenfeindlichen Totalitarismus umschlägt.

Hier wie auch in seinem empirischen Teil nehmen die Autoren eine nachvollziehbare Perspektive auf das Problem autonomen Denkens und Handelns ein. Historische Fallstudien wie die zum Verhalten der Männer des Polizeibattaillons 101 im Jahre 1943, die (Neu-)bewertung bekannter Konformitätsexperimente von Asch oder Milgram oder die Ergebnisse ihres eigenen Forschungsprojekt über „Handlungsspielräume des Selbst“ ergeben ein breites Panorama, das auf vielerlei Ebenen nützliche Einsichten in die Ursachen sowohl von konformen als auch von abweichendem Verhalten bietet. Auch auf aktuellere Phänomene wie Shitstorms, Cybermobbing, mediale Hypes und Hysterie gehen Pauen und Welzer ein, denn sie erkennen, dass die zur Erhaltung einer freien Gesellschaft notwendige kritische Öffentlichkeit sich unter den Vorzeichen moderner Kommunikationtechnik nur durch neue Antworten auf derartige Phänomene bilden kann.

Es scheint, dass die Fähigkeit zu Selbstreflexion und – distanz eng verzahnt ist mit der Fähigkeit, zwischen Konformität und Autonomie je nach Situation zu wechseln. Eine solche Fähigkeit wiederum hat günstige Wachstumsbedingungen in einem liebevollen Umfeld, das Bindung und Freiraum vereint.

 

Nicht allen Schlussfolgerungen kann und muss und soll man folgen. Fragwürdig wird das Buch aber dort, wo es weder die Notwendigkeit von Staaten an sich hinterfragt noch die eigentlichen Ursachen der Hörigkeit der Menschen gegenüber Gesetzen und ihren Vertretern reflektiert. Seine Kritik etwa an Google und Facebook und am Verhalten von Menschen, die ihnen ihre privaten Daten bereitwillig überlassen, läuft da ins Leere, wo die Autoren sich nicht im Klaren darüber sind, dass derartige Unternehmen und derartiges Verhalten einzig und allein dort gefährlich ist, wo es staatliche Strukturen gibt, die mit Geheimdiensten und Gewaltmonopol in der Lage sind, einen handfesten Vorteil daraus zu ziehen.

Dieser blinde Fleck in der Argumentation zeigt sich insofern, als „Autonomie. Eine Verteidigung“ den Staat nur in seinen sichtbaren Auswüchsen, als totalitäres Regime oder Überwachungsstaat, kritisiert, nicht aber die Unfreiheit, die Menschen auch in und durch „ganz normale“ und demokratische Systeme erfahren. Eine bisweilen massive Einschränkung persönlicher Handlungsspielräume, die wir oft als „notwendiges Übel“ zu akzeptieren zu müssen glauben. Die Begriffe Demokratie und Rechtsstaat gelten den Autoren, hierin ganz konform zum kulturellen Mainstream, als Patentrezept, ohne dass sie auf die Schwierigkeiten, die in solchen Konzepten liegen, eingehen. Ja, sie befürworten sogar ein zwischenstaatliches Gewaltmonopol, das nur ein weiterer Schritt auf dem Weg zur Weltregierung sein kann – wer schützt uns dann vor dieser Weltregierung, die sich ja wohl kaum selber als Unrechtsstaat bezeichnen wird? Ein Beispiel: Die Autoren plädieren sinnvollerweise dafür, man solle seine Zustimmung verweigen, wenn das Bargeld abgeschafft werden soll. Bargeld sichert Autonomie. Wenn nun andererseits eine demokratisch gewählte Regierung oder ein Volksentscheid sich gegen Bargeld entscheidet – wer hat dann Recht? Ist derjenige, der dagegen opponiert und heimlich am Tausch mit einer „Untergrundwährung“ teilnimmt, ein Widerstandskämpfer, oder doch eher ein Feind von Demokratie und Rechtsstaat? Dass auch die Herrschaft der Mehrheit über den Einzelnen eine Herrschaft ist und seine Autonomie einschränkt, scheint den Autoren in voller Konsequenz nicht in den Sinn zu kommen.

Einen Folgeband würde man sich wünschen, in dem Welzer und Pauen Auskunft darüber geben, was genau sie sich unter ihrem vielbeschworenen Rechtsstaat denn vorstellen und auf welche Weise eine Gesellschaft dem augenscheinlichen Problem entgehen kann, dass jeder Staat sich selbst als Rechtsstaat bezeichnet – und ob es Möglichkeiten gibt, wie man nicht erst in der Rückschau feststellen kann, ab wann genau sich ein legitim als solcher bezeichneter in einen faktischen Unrechtsstaat zu verwandeln begann.

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Klappentext


Michael Pauen, Harald Welzer: Autonomie. Eine Verteidigung. 

S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2015.

328 Seiten, 19,99 €

ISBN: 978-3-10-002250-9

Zeugnis der menschlichen Würde – Viktor Frankls „Es kommt der Tag, da bist du frei“

Im Kösel Verlag erscheinen bisher unveröffentlichte Texte des Psychologen Viktor E. Frankl

Vielleicht ist es das wichtigste Buch des 20. Jahrhunderts: Viktor E. Frankls „… trotzdem Ja zum Leben sagen“. Der 1946 erschienene Bericht über die Erfahrungen, die der Begründer der Logotherapie in den Konzentrationslagern Theresienstadt, Auschwitz, Kaufering und Türkheim gemacht hat, auf dem angloamerikanischen Markt unter dem Titel „Man’s Search for Meaning“ ein Longseller, ist ein bewegendes Zeugnis der menschlichen Fähigkeit, noch unter brutalsten und erbarmungslosesten Bedingungen dem eigenen Leben Sinn zu verleihen. Diese Fähigkeit ist es, so Frankl, die die Würde und Glücksmöglichkeit des Menschen erst begründet, indem sie ihn in den unscheinbarsten Momenten, ja selbst im Leiden und im Sterben noch Sinnhaftigkeit erfahren lässt.

Weiterlesen „Zeugnis der menschlichen Würde – Viktor Frankls „Es kommt der Tag, da bist du frei““