Hugendubel über „Unter der Haut“

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Quelle: https://www.instagram.com/p/BhrrpKtjwNY/?taken-by=hugendubel_buchhandlungen

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Unter der Haut – Lesung in Berlin (Fotos)

Am 22. 3. 2018 durfte ich im Myer’s Hotel in Berlin aus meinem Roman „Unter der Haut“ lesen. Das Myer’s ist ein äußerst stilvolles 4-Sterne-Hotel in Prenzlauer Berg, auf der Metzer Straße, unweit vom Senefelderplatz. Ebenso stilvoll und exquisit war das Ambiente auf der Lesung.

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Gesungen hat Lara von „Lara and the Hammer Kings“ (Foto: Orlando El Mondry)
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Gelesen hat Gunnar Kaiser vom Berlin Verlag (Foto: Orlando El Mondry)
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Foto: Orlando El Mondry
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Foto: Orlando El Mondry
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Foto: Orlando El Mondry

 

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Den Büchertisch hat Buchhandlung „Hundt Hammer Stein“ (Alte Schönhauser Straße, Berlin) organisiert.

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Fotos: Florian Rosch

Was machst du mit dem Rest deiner Zeit? – Bernadette Némeths „Der Rest der Zeit“

„Was machst du mit dem Rest deiner Zeit?“

Normalerweise brauchen wir einen Schockmoment, um uns diese Frage zu stellen – einen Schicksalsschlag. Tünde, die Protagonistin von Bernadette Némeths Roman „Der Rest der Zeit“ (Verlag Wortreich), ereilt ein solcher Schicksalsschlag in Form einer anstehenden Halswirbeloperation; ein Ereignis, das sie veranlasst, sich die Frage zu stellen und ihr Leben zu überdenken. Ihre Reflexionen bilden das Grundgerüst des Romans. Tünde, Österreicherin ungarischer Herkunft, ist selber Ärztin, was den Schilderungen der Krankenhauserlebnisse einen besonderen Realismus verleiht. Diese doppelte Realität (Tündes berufliche Erfahrungen mit dem österreichischen Gesundheitssystem sowie ihre eigene Leidensgeschichte) wird schonungslos, mit medizinischem Blick, wiedergegeben – doch unter Verzicht auf jede Effekthascherei. Auch in der ausführlichen Wiedergabe der Leiden, die die Figuren des Romans (Tündes engere Familie) angesichts der „Kapriolen des Schicksals“ ertragen, entgeht die Erzählerin der Versuchung von Melodramatik und Pathos.515athyYJ+L._SX296_BO1,204,203,200_.jpg

Tündes Erinnerungen an ihre Schwangerschaft, an ihre Fehlgeburt, an den Tod ihres Vaters – es wirkt, als könnte sich aus dem Erinnern und Erzählen eine Art Linderung ergeben. Melinda und Adam, Tündes Geschwister, werden uns in ihrer ganzen Menschlichkeit vorgestellt, die darin liegt, wie sie mit ihren Schwächen und Frustrationen umgehen; ebenso wie die von einer entbehrungsreichen Vergangenheit geprägten Eltern.

Das ist alles sehr innerlich. Anekdoten werden aufgeführt, um das Psychodrama der Protagonisten anschaulich werden zu lassen, und nicht, weil sie für ein Fortkommen der Handlung von großer Bedeutung wären. Trotz allem sind sie lebensnah und in ihrem Detailreichtum authentisch, keine bloßen Kopfgeburten der Autorin. Németh findet für dieses handlungsarme Kammerspiel die angemessene Sprache, die präzise und eindringlich, bisweilen lakonisch, aber nicht unpoetisch ist. Sie weiß, dass die Schicksale dieser Menschen genug tragen, als dass man sie künstlich mit einem theatralischen Stil beschweren müsste. Eine kluge Maßnahme war es, dies alles einen eher neutralen Er-Sie-Erzähler schildern zu lassen. Den Roman durchzieht, wenn man einen Topos bemühen wollte, eine geradezu ungarische Melancholie, ruhig und unaufgeregt wie die Donau Pannoniens.

Es geht dem Roman um die seelischen Konflikte seiner Figuren, um nicht mehr und nicht weniger; wie könnte es anders sein, wenn die Themen Vergänglichkeit und Schuld sind. Er nimmt, und darin liegt seine große Stärke, die Leben der vorgestellten Menschen ernst und nicht als bloße Vorlage für ein abstraktes Reflektieren angesichts des Todes. Zudem stehen die unsichtbaren Verbindungen der Figuren zueinander stets merklich im Hintergrund, ihre gemeinsame Geschichte, ihre Verstrickungen und ihre Suche nach einem Miteinander, und am Ende gibt es sogar ein Geheimnis – „Der Rest der Zeit“ ist ein Familienroman im besten Sinne.

 

Bernadette Németh: Der Rest der Zeit. Roman 

Wortreich Verlag, Wien 2017. 328 Seiten, 19,90 €.

ISBN: 978-3903091238

 

 

Irene Dische: „Schwarz und Weiß“ – Gerd Sonntags Buch des Jahres

„Schwarz und Weiß“ ist die ultimative Liebesgeschichte, und so schön beginnt sie: die hyperintelligente Lili aus Upper West Side trifft den blauäugigen Farbigen Duke aus Florida –, das perfekte amerikanische Paar am dafür geeignetsten Ort und zu gegebener Zeit: nämlich in den frühen 70er Jahren in New York, als es in linksliberalen intellektuellen Kreisen chic wurde, wider den obsoleten Rassenhass zu interagieren.

81Hulb3hWVLDoch den Roman eine Liebesgeschichte zu nennen, ist schon eine ziemlich zynische, wenn nicht gar dreiste Behauptung: Denn was Irene Dische ihren geneigten Lesern auf den folgenden fast 500 von Bosheit triefenden Seiten anrichtet und zumutet, ist nicht weniger als die Vivisektion des amerikanischen Alptraums, und zwar im schmerzhaften Längsschnitt von Norden nach Süden, von New York bis ins disparate rassistische Florida, als würde ein verschmitzt lächelnder Woody Allen auf der Höhe seiner Schaffenskraft seine blutigen Reißzähne zeigen und eine gespaltene Zunge.

„Schwarz und Weiß“ ist ein hoffnungslos nihilistischer Roman; keine liberale politische Idee, keine menschliche Beziehung hält den Egoismen der Beteiligten stand. Irene Dische hat eine brillante Satire geschrieben, die den Leser mitten in das leere Herz einer Nation führt. Und doch ist es ein höchst vergnüglicher und unterhaltsamer Roman, wenn man die nötige Distanz wahrt.

Was diesbezüglich die unauslöschbare, grenzenlose Liebe zwischen Lili und ihrem treuen Duke angeht – wie sagt Mephistopheles so treffend über Lilith: „Adams erste Frau. / Nimm dich in Acht vor ihren schönen Haaren, vor diesem Schmuck, mit dem sie einzig prangt. / Wenn sie damit den jungen Mann erlangt, / So läßt sie ihn so bald nicht wieder fahren.“

Irene Dische: Schwarz und WeißWas mich betrifft, so erschien mir im fortschreitenden Verlauf der Lektüre die beste Lösung für die faszinierend schöne Protagonistin zu sein: ein halber Liter Superbenzin unter Zuhilfenahme eines Zippos.

Gerd Sonntag

 

 

Irene Dische: Schwarz und Weiß. Roman

Hoffmann und Campe, 2017.

488 Seiten

„Unter der Haut“ – erscheint am 1. März 2018

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Gunnar Kaiser: Unter der Haut – Verlagsvorschau

Die atemberaubende Geschichte eines bibliophilen Mörders: Mit seiner bedrohlichen wie verführerischen Atmosphäre beschwört dieses beeindruckende Debüt vieles zugleich: die helle und die dunkle Welt der Bücher, den Sommer 1969 im pulsierenden New York sowie eine unheilvolle Freundschaft, deren Hintergründe vom Berlin der 30er Jahre bis in die Zeit des Mauerfalls führen.

Meinen Roman „Unter der Haut“ (Berlin Verlag) könnt ihr hier bestellen:

J. J. Voskuils „Büro“ – Joachim Feldmanns Roman des Jahres

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Am 1. Juli 1957 wird der des Lehrerberufs überdrüssige Maarten Koning zum „Wissenschaftlichen Beamten im unteren Rang“ berufen. Sein künftiger Arbeitsplatz ist ein Büro für Volkskundliche Amsterdam. Er weiß zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass dieses Büro für mehr als die nächsten drei Jahrzehnte sein Leben bestimmen wird. Dies ist umso tragischer, als er von der vollkommenen Sinn-und Nutzlosigkeit volkskundlicher Forschung überzeugt ist. (Das Büro beschäftigt sich unter anderem mit der unterschiedlichen Form von Dreschflegeln in den niederländischen Regionen, übrigens ein Thema, das Maarten Koning bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1987 beschäftigen wird.) Doch weder seine grundlegenden, nicht selten zu depressiven Schüben führenden Zweifel noch die ständige Nörgelei seiner Frau Nicolien, die mit ihm lieber ein Bohèmeleben geführt hätte, verhindern Konings Aufstieg in der wissenschaftlichen Hierarchie.

Der niederländische Autor J. J. Voskuil (1926 – 2008), dessen Biografie viele Parallelen zu der seines Helden aufweist, war selbst dreißig Jahre am Meertens-Institut für Volkskunde in Amsterdam beschäftigt. 1990 begann er damit, seine Aufzeichnungen in einen monumentalen Romanzyklus zu verwandeln, dessen sieben Bände zwischen 1996 und 2000 in den Niederlanden erschienen und zu unerwarteten Bestsellern wurden. Seit 2017 liegt „Das Büro“ komplett in deutscher Übersetzung vor und hat auch hierzulande begeisterte Leser gefunden. Ist es die Faszination des Immergleichen, die Menschen dazu treibt, immerhin etliche tausend Seiten mit Figuren von geradezu grotesker Alltäglichkeit zu verbringen? Mir ging es so. Kaum hatte der verdienstvolle Verbrecher-Verlag einen neuen Band angekündigt, musste ich ihn haben. Eifersüchtig registrierte ich, wenn andere Fans bei Facebook bereits von der Ankunft des Buchpaketes berichteten, während ich noch einen oder zwei Tage ausharren musste. Hielt ich das Buch dann endlich in Händen, war an andere Lektüre nicht mehr zu denken. Muss man das erklären? Vielleicht reicht ein Zitat aus dem siebten und letzten Band, „Der Tod des Maarten Koning“. „Es war noch hell, doch die Laternen waren bereits an, eine regelmäßige Reihe orangefarbener Lichter beiderseits des Wassers bis zum Turm der Westerkerk. Es rührte ihn. Wenn dies nun einmal der Sinn des Lebens wäre: die Beobachtung kleiner Variationen in immer demselben kleinen Teil der Welt, in dem man zufällig lebte.“

Joachim Feldmann ist Lehrer und Gelegenheitskritiker. Er ist Mitbegründer und Herausgeber der Literaturzeitschrift Am Erker