Was machst du mit dem Rest deiner Zeit? – Bernadette Némeths „Der Rest der Zeit“

„Was machst du mit dem Rest deiner Zeit?“

Normalerweise brauchen wir einen Schockmoment, um uns diese Frage zu stellen – einen Schicksalsschlag. Tünde, die Protagonistin von Bernadette Némeths Roman „Der Rest der Zeit“ (Verlag Wortreich), ereilt ein solcher Schicksalsschlag in Form einer anstehenden Halswirbeloperation; ein Ereignis, das sie veranlasst, sich die Frage zu stellen und ihr Leben zu überdenken. Ihre Reflexionen bilden das Grundgerüst des Romans. Tünde, Österreicherin ungarischer Herkunft, ist selber Ärztin, was den Schilderungen der Krankenhauserlebnisse einen besonderen Realismus verleiht. Diese doppelte Realität (Tündes berufliche Erfahrungen mit dem österreichischen Gesundheitssystem sowie ihre eigene Leidensgeschichte) wird schonungslos, mit medizinischem Blick, wiedergegeben – doch unter Verzicht auf jede Effekthascherei. Auch in der ausführlichen Wiedergabe der Leiden, die die Figuren des Romans (Tündes engere Familie) angesichts der „Kapriolen des Schicksals“ ertragen, entgeht die Erzählerin der Versuchung von Melodramatik und Pathos.515athyYJ+L._SX296_BO1,204,203,200_.jpg

Tündes Erinnerungen an ihre Schwangerschaft, an ihre Fehlgeburt, an den Tod ihres Vaters – es wirkt, als könnte sich aus dem Erinnern und Erzählen eine Art Linderung ergeben. Melinda und Adam, Tündes Geschwister, werden uns in ihrer ganzen Menschlichkeit vorgestellt, die darin liegt, wie sie mit ihren Schwächen und Frustrationen umgehen; ebenso wie die von einer entbehrungsreichen Vergangenheit geprägten Eltern.

Das ist alles sehr innerlich. Anekdoten werden aufgeführt, um das Psychodrama der Protagonisten anschaulich werden zu lassen, und nicht, weil sie für ein Fortkommen der Handlung von großer Bedeutung wären. Trotz allem sind sie lebensnah und in ihrem Detailreichtum authentisch, keine bloßen Kopfgeburten der Autorin. Németh findet für dieses handlungsarme Kammerspiel die angemessene Sprache, die präzise und eindringlich, bisweilen lakonisch, aber nicht unpoetisch ist. Sie weiß, dass die Schicksale dieser Menschen genug tragen, als dass man sie künstlich mit einem theatralischen Stil beschweren müsste. Eine kluge Maßnahme war es, dies alles einen eher neutralen Er-Sie-Erzähler schildern zu lassen. Den Roman durchzieht, wenn man einen Topos bemühen wollte, eine geradezu ungarische Melancholie, ruhig und unaufgeregt wie die Donau Pannoniens.

Es geht dem Roman um die seelischen Konflikte seiner Figuren, um nicht mehr und nicht weniger; wie könnte es anders sein, wenn die Themen Vergänglichkeit und Schuld sind. Er nimmt, und darin liegt seine große Stärke, die Leben der vorgestellten Menschen ernst und nicht als bloße Vorlage für ein abstraktes Reflektieren angesichts des Todes. Zudem stehen die unsichtbaren Verbindungen der Figuren zueinander stets merklich im Hintergrund, ihre gemeinsame Geschichte, ihre Verstrickungen und ihre Suche nach einem Miteinander, und am Ende gibt es sogar ein Geheimnis – „Der Rest der Zeit“ ist ein Familienroman im besten Sinne.

 

Bernadette Németh: Der Rest der Zeit. Roman 

Wortreich Verlag, Wien 2017. 328 Seiten, 19,90 €.

ISBN: 978-3903091238

 

 

Irene Dische: „Schwarz und Weiß“ – Gerd Sonntags Buch des Jahres

„Schwarz und Weiß“ ist die ultimative Liebesgeschichte, und so schön beginnt sie: die hyperintelligente Lili aus Upper West Side trifft den blauäugigen Farbigen Duke aus Florida –, das perfekte amerikanische Paar am dafür geeignetsten Ort und zu gegebener Zeit: nämlich in den frühen 70er Jahren in New York, als es in linksliberalen intellektuellen Kreisen chic wurde, wider den obsoleten Rassenhass zu interagieren.

81Hulb3hWVLDoch den Roman eine Liebesgeschichte zu nennen, ist schon eine ziemlich zynische, wenn nicht gar dreiste Behauptung: Denn was Irene Dische ihren geneigten Lesern auf den folgenden fast 500 von Bosheit triefenden Seiten anrichtet und zumutet, ist nicht weniger als die Vivisektion des amerikanischen Alptraums, und zwar im schmerzhaften Längsschnitt von Norden nach Süden, von New York bis ins disparate rassistische Florida, als würde ein verschmitzt lächelnder Woody Allen auf der Höhe seiner Schaffenskraft seine blutigen Reißzähne zeigen und eine gespaltene Zunge.

„Schwarz und Weiß“ ist ein hoffnungslos nihilistischer Roman; keine liberale politische Idee, keine menschliche Beziehung hält den Egoismen der Beteiligten stand. Irene Dische hat eine brillante Satire geschrieben, die den Leser mitten in das leere Herz einer Nation führt. Und doch ist es ein höchst vergnüglicher und unterhaltsamer Roman, wenn man die nötige Distanz wahrt.

Was diesbezüglich die unauslöschbare, grenzenlose Liebe zwischen Lili und ihrem treuen Duke angeht – wie sagt Mephistopheles so treffend über Lilith: „Adams erste Frau. / Nimm dich in Acht vor ihren schönen Haaren, vor diesem Schmuck, mit dem sie einzig prangt. / Wenn sie damit den jungen Mann erlangt, / So läßt sie ihn so bald nicht wieder fahren.“

Irene Dische: Schwarz und WeißWas mich betrifft, so erschien mir im fortschreitenden Verlauf der Lektüre die beste Lösung für die faszinierend schöne Protagonistin zu sein: ein halber Liter Superbenzin unter Zuhilfenahme eines Zippos.

Gerd Sonntag

 

 

Irene Dische: Schwarz und Weiß. Roman

Hoffmann und Campe, 2017.

488 Seiten

„Unter der Haut“ – erscheint am 1. März 2018

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Gunnar Kaiser: Unter der Haut – Verlagsvorschau

Die atemberaubende Geschichte eines bibliophilen Mörders: Mit seiner bedrohlichen wie verführerischen Atmosphäre beschwört dieses beeindruckende Debüt vieles zugleich: die helle und die dunkle Welt der Bücher, den Sommer 1969 im pulsierenden New York sowie eine unheilvolle Freundschaft, deren Hintergründe vom Berlin der 30er Jahre bis in die Zeit des Mauerfalls führen.

Meinen Roman „Unter der Haut“ (Berlin Verlag) könnt ihr hier bestellen:

J. J. Voskuils „Büro“ – Joachim Feldmanns Roman des Jahres

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Am 1. Juli 1957 wird der des Lehrerberufs überdrüssige Maarten Koning zum „Wissenschaftlichen Beamten im unteren Rang“ berufen. Sein künftiger Arbeitsplatz ist ein Büro für Volkskundliche Amsterdam. Er weiß zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass dieses Büro für mehr als die nächsten drei Jahrzehnte sein Leben bestimmen wird. Dies ist umso tragischer, als er von der vollkommenen Sinn-und Nutzlosigkeit volkskundlicher Forschung überzeugt ist. (Das Büro beschäftigt sich unter anderem mit der unterschiedlichen Form von Dreschflegeln in den niederländischen Regionen, übrigens ein Thema, das Maarten Koning bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1987 beschäftigen wird.) Doch weder seine grundlegenden, nicht selten zu depressiven Schüben führenden Zweifel noch die ständige Nörgelei seiner Frau Nicolien, die mit ihm lieber ein Bohèmeleben geführt hätte, verhindern Konings Aufstieg in der wissenschaftlichen Hierarchie.

Der niederländische Autor J. J. Voskuil (1926 – 2008), dessen Biografie viele Parallelen zu der seines Helden aufweist, war selbst dreißig Jahre am Meertens-Institut für Volkskunde in Amsterdam beschäftigt. 1990 begann er damit, seine Aufzeichnungen in einen monumentalen Romanzyklus zu verwandeln, dessen sieben Bände zwischen 1996 und 2000 in den Niederlanden erschienen und zu unerwarteten Bestsellern wurden. Seit 2017 liegt „Das Büro“ komplett in deutscher Übersetzung vor und hat auch hierzulande begeisterte Leser gefunden. Ist es die Faszination des Immergleichen, die Menschen dazu treibt, immerhin etliche tausend Seiten mit Figuren von geradezu grotesker Alltäglichkeit zu verbringen? Mir ging es so. Kaum hatte der verdienstvolle Verbrecher-Verlag einen neuen Band angekündigt, musste ich ihn haben. Eifersüchtig registrierte ich, wenn andere Fans bei Facebook bereits von der Ankunft des Buchpaketes berichteten, während ich noch einen oder zwei Tage ausharren musste. Hielt ich das Buch dann endlich in Händen, war an andere Lektüre nicht mehr zu denken. Muss man das erklären? Vielleicht reicht ein Zitat aus dem siebten und letzten Band, „Der Tod des Maarten Koning“. „Es war noch hell, doch die Laternen waren bereits an, eine regelmäßige Reihe orangefarbener Lichter beiderseits des Wassers bis zum Turm der Westerkerk. Es rührte ihn. Wenn dies nun einmal der Sinn des Lebens wäre: die Beobachtung kleiner Variationen in immer demselben kleinen Teil der Welt, in dem man zufällig lebte.“

Joachim Feldmann ist Lehrer und Gelegenheitskritiker. Er ist Mitbegründer und Herausgeber der Literaturzeitschrift Am Erker

„So tun als ob es regnet“ – Katja Kutschs Roman des Jahres

„So tun als ob es regnet“ von Iris Wolff ist ein echter Hochgenuss für alle diejenigen, die Freude an einer poetisch sinnlichen Sprache haben. Dazu gehöre ich in jedem Fall. Ich freue mich immer, wenn es jemand fertig bringt, mit Worten derart toll umzugehen, dass es mir fast schon e51uy6MmFCeL._SX312_BO1,204,203,200_.jpggal ist, was erzählt wird, Hauptsache sie oder er erzählt überhaupt – am liebsten mit schönen langen Sätzen, die eine eigene Melodie erzeugen und einem zeigen, wie tief Sprache einen berühren kann – Hemingway mal ausgenommen, der kann das auch in knappen Sätzen. Genau wegen der virtuosen Sprache aber konnte ich nun das Buch „So tun als ob es regnet“ nicht mehr aus den Händen legen, als mir der Titel zufällig in einer Buchhandlung in die Hände fiel. Und wie das bei einer richtig tollen Autorin nun mal so ist, ist es am Ende dann doch nicht so egal, was sie erzählt. Iris Wolff bringt es fertig eine Familiengeschichte, die sich über mehrere Jahrzehnte erstreckt auf nur 160 Seiten zu erzählen, in vier Episoden, die sehr leise und gleichzeitig sehr einfühlsam beschrieben sind. Manche Szenen wie die des Motorradfahrers, der davon überzeugt ist, jeden Moment zu sterben oder die der Frau, die auf die Rückkehr eines Bootes wartet, gehen mir nicht mehr aus dem Kopf. Es geht dabei um nicht weniger als den Zufall, das Schicksal und um Entscheidungen, die man trifft und die das Leben und die Persönlichkeit der nachfolgenden Generationen prägen. Definitiv meine schönste Leseüberraschung in 2017.

 

Katja Kutsch

Hannes Stein: Nach uns die Pinguine

Der Schriftsteller und Journalist Hannes Stein stellt seinen neuen Roman „Nach uns die Pinguine“ (Galiani Berlin, 2107) vor – ein „Weltuntergangskrimi“.

 

 

Jana Hensel: Keinland

Ein Gespräch mit der Schriftstellerin und Journalistin Jana Hensel. Über die Liebe, Länder und Literatur … und ihren ersten Roman, „Keinland“ (Wallstein Verlag, 2017).

 

 

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Paul Auster: 4 3 2 1.

„Wir schreiben um das Leben zweimal zu schmecken, im Augenblick und im Rückblick“, heißt es bei Anaïs Nin. Beim Lesen gilt das Gleiche – wir verdoppeln unser Leben, schmecken es zweimal, und haben zudem Teil an mannigfachen anderen Leben und Geschichten. Paul Auster scheint selbst das nicht gereicht zu haben: Gleich vier mal schreibt er ein Leben auf, das seins ist und doch nicht ist. Archibald Ferguson, der Held in Austers neuem Roman „4 3 2 1“, ist biografisch so eng an das angelehnt, was wir über den realen Paul Auster zu wissen meinen, dass der kundige Auster-Fans nicht anders kann, als zu rätseln, was an den vielen hier erzählten Episoden nun reine Fiktion ist und was auf der Wirklichkeit beruht.

Es ist die Geschichte eines jungen Amerikaners in den fünfziger und sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts – aber nicht einmal, sondern gleich viermal erzählt. Die Ferguson-Variationen sozusagen.

Für uns ist es ja deswegen schwer, Entscheidungen zu treffen im Leben, weil wir damit andere Wege nicht gehen, andere Möglichkeiten ausschließen, andere Leben nicht leben. Stattdessen warten wir lieber mit einer Entscheidung und merken nicht, dass auch dieses Warten schon eine Entscheidung ist. Beim Schreiben ist es genauso, vielleicht sogar unterm Brennglas verschärft: Schreibblockaden treten auf, weil sich der oder die Schreibende nicht traut, die anderen Leben und Möglichkeiten zu verwerfen. Von den tausend Ideen im Kopf soll man sich nun für eine, nur eine entscheiden? Warum gerade die? Warum nicht diese oder jene? Man fühlt sich wie eine Hebamme, die bei der Geburt von Vierlingen entscheiden müsste, welches Kind leben soll!

Paul Auster hat es sich, angesichts solch existenzieller Entscheidungen, mit denen sich Schriftstellerinnen und Schriftsteller konfrontiert sehen, diesmal leichter gemacht. Auch wenn man das angesichts eines solchen Schwergewichts, 1250 Seiten dick, nicht unironisch sagen kann. Leicht ist es nicht. 4 3 2 1 ist ein Epos voller Politik, Zeitgeschichte, Liebe, Leidenschaft und immer wieder dem Zufalls. Aber Paul Auster hat sich eben bei der Frage, welchen Archie Ferguson er denn nun zum Leben verhelfen soll, dafür entschieden, allen Vierlingen eine Chance zu geben.

Archibald Ferguson wächst im Newark der fünfziger Jahre auf. Auf der nicht so glorreichen Seite des Hudson River. Dann die vier Ausfertigungen. Alle Archies sind einander recht ähnlich. Die Unterschiede: der eine provinziell und bescheiden; der nächste kämpferisch und vom Unglück verfolgt; dann wieder politisch aktiv und ergriffen von den Zeitläuften; der letzte künstlerisch begabt. Die Orte: New Jersey, die Columbia University, Paris. Die Gemeinsamkeiten sind seine osteuropäisch-jüdische Herkunft, die Frau, der er immer wieder verfällt, seine Liebe zum Schreiben, zum Kino und zum Baseball und nicht zuletzt sein ganzes poetisch-innerliches Seelenleben.

Um ein anderes Bild zu bemühen: Wie bei einem zu vererbenden Ring hat Auster hier gleich vier Versionen angefertigt, ohne je zu verraten, welche denn das Original ist. Was ist echt, was ist nur Variante und Abklatsch? Diese Frage kommt bei der Lektüre nicht auf. Die vier Archies sind gleichberechtigt, auch wenn einer von ihnen schon recht bald stirbt und es dann 1000 Seiten ohne ihn weitergeht. Er war eben eine Möglichkeit, wie ein Leben hätte verlaufen können. Und auch der Tod ist eine Möglichkeit im Leben.

„Verlaufen können“ – nicht „gelebt werden können“. Das Erstaunliche bei Austers Schreiben ist nämlich die Verherrlichung des Zufalls. Nicht erst seit „4 3 2 1“, sondern spätestens seit dem Roman „Musik des Zufalls“ von 1990. Es geht nicht um die Freiheit, den Willen, die Entscheidungen, die man selbstbestimmt im Leben trifft. Die Menschen leben ihre Leben nicht aktiv, führen sie nicht, sondern ihre Leben verlaufen in einem bestimmten Muster – das wiederum ganz anders hätte sein können, das im Grunde kontingent ist. Auster ist darin ganz und gar unamerikanisch – aber auch jenseits von jedem Sartre’schen Existenzialismus, in dem der Mensch sich seine Umstände, damit seine Existenz, selbst schafft.

So handelt es sich bei den verschiedenen Varianten von Archie Fergusons Leben nicht um Fragen wie: Was wäre gewesen, wenn ich mich damals anders entschieden hätte? Es ist nicht die berühmte „Road not Taken“ von Robert Frost. Sondern: Was wäre gewesen, wenn damals irgendetwas anders gelaufen wäre? Wenn die Würfel anders gefallen, mein Vater reich gewesen wäre und so weiter. Archie entscheidet im Grunde genommen nichts Entscheidendes. Er wird gelebt und wir sehen ihm dabei zu.

Paul_Auster_in_New_York_City_2008„4 3 2 1“ ist Austers Lebenswerk im wahrsten Sinne des Wortes: weil es sein dickstes Buch ist, sein aufwändigstes, das, in dem es nicht nur um sein gelebtes Leben, sondern auch um seine nicht gelebten Leben geht, und eines, das sich überhaupt die Frage stellt, wie ein nur Augenblicke währender Zufall über ein ganzes Leben entscheiden kann. Die Macht des Zufalls eben. „Kein Sieger glaubt an den Zufall“, sagt Friedrich Nietzsche, aber der Romanheld ist ja kein Sieger, kein Willensmensch, sondern einer, der vom Leben (und seinen Gefühlen) hin und her geworfen wird. Und Paul Auster ist einer, der im Alter auf dieses Leben zurückblickt und es im Rückblick zu verstehen versucht. Wir Lesende sind wiederum solche, die Auster beim Rückblicken zusehen und uns fragen, welche Winke des Zufall uns dorthin haben gehen lassen, wo wir jetzt sind.

Das Seltsame mit dem Gewöhnlichen zu verbinden, die Welt so genau beobachten wie ein in der Wolle gewaschener Realist, und doch eine Form zu finden, mit der die Wirklichkeit durch eine andere, leicht verzerrende Linse zu sehen ist – das war es, was Ferguson anstrebte.

Paul Austers Roman ist so ein leicht verzerrter realistischer Roman, dazu ein Bildungsroman, eine Coming-of-age-Geschichte, die die Zeit der 60er Jahre in New York als Folie benutzt, um uns die Hoffnungen und Nöte einer ganzen Generation zu verdeutlichen. Die Bürgerrechtsbewegung, die Studentenproteste von 1968, Vietnam. Denn wenn das die Kindheit und Jugend Amerikas war, können wir vielleicht besser verstehen, in welche Midlife Crisis es in der Zwischenzeit geraten ist. Übrigens: Im Alter von 70 Jahren einen Coming-of-Age-Roman zu schreiben, der nicht total altväterlich ist und dem eigenen Fühlen als junger Mensch, seinen Sehnsüchten und (sexuellen) Begierden immer noch nah, das muss Auster erstmal einer nachmachen .

Ich ist doch kein anderer?

Bleibt die Frage, was wir mit dem Experiment anfangen sollen. Denn das Rätsel ist ja: Wenn der Zufall so über unser Leben bestimmt – wer sind dann wir noch? Ein Spielball des Schicksals? Ein Würfelwurf? Ich ist ein anderer? Nur niemals wir selbst?

Zwar macht es einen Unterschied, ob Archie vaterlos aufwächst, ob die Familie in der Provinz oder in New York lebt, in der Upperclass oder prekär. Aber im Grunde, verändert sich der Archie nicht, dem wir begegnen. Sein Charakter bleibt derselbe.

Und das ist schon wirklich seltsam: Wenn der Zufall über alles bestimmt, wie kann es dann noch etwas so Festes wie eine Seele geben, die sich irgendwie treu bleibt?

Treu bleiben die vier Archies nämlich einem gewissen Typus. Es ist noch immer und immer wieder die typische Paul-Auster-Figur, die wir seit „Mond über Manhattan“ kennen und lieben. Es wird hier eine unzerstörbare Identität der Person behauptet. Archie bleibt Individuum, bei allen Spaltungsversuchen unteilbar. Und seine Einheit, ganz unpostmodern, ja fast klassisch, spiegelt sich auch im Stil wieder. Die verschiedenen Leben werden nicht verschieden erzählt. Es ist immer ein und derselbe olympische Erzähler, distanziert auktorial wie bei Dickens, der die Einheit auf einer höheren, der narrativen Ebene herstellt.

Die Sprachmelodie bleibt gleich, eine oft wunderschöner, suggestiver, klingender Ton. Sätze, die über mehrere Seiten gehen. Die Erzählhaltung bleibt gleich, die Ernsthaftigkeit, der konzentrierte, liebevolle Blick auf sein Sujet. Sein Lieblingskind. Der Roman sollte sogar den Titel „Ferguson“ tragen, aber dann kam Auster die Gegenwart dazwischen und der Ort Ferguson weckt heute andere Assoziationen.

 

Es ist im Grunde also konventionelles Erzählen, dass jegliche ironische Brechung und modern-postmoderne Spiegelfechterei verweigert. Chronologisch ist es und stellt das Geschehen innerhalb der jeweiligen Version als geradezu notwendig dar. So musste es kommen, so und nicht anders. Darin verweigert sich der Roman allerdings auch seiner eigenen philosophischen Grundannahme, dass der Mensch nämlich zufällig sei wie der Wurf eines Würfels.buch1502_v-panorama

Das ist auf einer literaturtheoretischen Weise schizophren. Alles ist Zufall, alles ist willkürlich aber das Erzählen ist notwendig. Doch das tut dem Genuss beim Lesen keinen Abbruch, im Gegenteil. Schreiben, sagt E. L. Doctorow, ist eine sozial akzeptierte Form von Schizophrenie, und Auster macht es uns hier ein weiteres Mal vor, wie man sich in drei, vier oder fünf Menschen teilen kann, ohne verrückt zu werden. Mehr noch: „4 3 2 1“ zeigt, wie die künstlerische Schizophrenie Voraussetzung dafür ist, die Freude am Fabulieren einmal richtig ausleben zu können.

 

Paul Auster: 4 3 2 1. Roman.

Aus dem Englischen von Thomas Gunkel, Werner Schmitz, Karsten Singelmann und Nikolaus Stingl.

Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2017.

 

 

 

Es gibt Orte, die dir Angst machen

Gerhard Jägers Erstling „Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod“ erzählt von der lebensverändernden Suche nach den verschütteten Geschichten

pexels-photo-27566Geschichten, in denen ein Fremder in ein abgelegenes Bergdorf kommt und entweder seine neue Umwelt verändert oder von ihr verändert wird, gibt es von Thomas Bernhards „Frost“ bis Lars von Triers „Dogville“ viele. Viele – aber vielleicht nicht zur Genüge, mag sich Gerhard Jäger gedacht haben. Denn „Geschichten treiben die Menschen an“, wie es in seinem Roman heißt: „Entweder sie suchen Geschichten, oder sie rennen weg vor Geschichten. Das ist alles.“ Und so erzählt er uns in „Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod“ eine solche Geschichte ein weiteres Mal.

Die Menschen, denen wir hier begegnen, bewegen sich zwischen diesen beiden Polen. Da gibt es die einen, die Geschichten suchen, wie den Amerikaner John Miller, der an seinem 80. Geburtstag nach Innsbruck reist, um im Tiroler Landesarchiv das geheimnisvolle Manuskript seines Cousins zu studieren. Oder eben diesen Cousin selber, Max Schreiber, der im Jahr 1950 als junger Mann in ein kleines Tiroler Bergdorf kam, um einer Zeitungsnotiz nachzugehen: Fast 100 Jahre zuvor soll in dem Dorf eine Frau in ihrem Haus verbrannt sein, der Verdacht auf Mord liegt nahe und ist zugleich zugeschüttet. Schreibers Arbeit, ebenso wie die Millers, ist das Aufdecken des von der Lawine der Zeit Verschütteten.

Und dann gibt es die, die vor Geschichten wegrennen – und oft genug sind das eben ein und dieselben Figuren. Max Schreiber ist nach einem gigantischen Lawinenunglück im Winter 1951 spurlos verschwunden. Er selber stand unter Mordverdacht. Und auch Miller selber hat 50 Jahre später seine ganz eigenen Gründe für eine Flucht aus den USA in die Alpen.

pexels-photo-24642Nah, und doch verschieden sind beide Protagonisten. Beide sind Fremde, an der Vergangenheit, will es scheinen, zuweilen mehr interessiert als an ihrem eigenen Leben. Der eine jedoch ist in eine unglückliche Liebe verstrickt, der andere trauert seiner verstorbenen Frau hinterher und wird dabei von seinen inneren Dämonen verfolgt. In dem namenlosen Alpendorf merkt Miller schnell, dass er ein Eindringling ist. Ein Städter, „ein Studierter“, der Fremde „in den viel zu feinen Schuhen, mit dem viel zu neuen Mantel, den beiden Koffern in der Hand.“ Und doch lässt er sich von seiner Spurensuche nicht abbringen, ebenso wenig wie Schreiber es zuvor getan hat.

Bei dessen Manuskript handelt es sich um einen Roman, der  immer mehr zu einem Tagebuch wird, das dann Gedanken und Betrachtungen Platz macht und die Ängste – Unsicherheit, Eifersucht – seines Verfassers ausdrückt.

Es ist also alles vorhanden, um Jägers ersten Roman zu einem guten Roman zu machen. Die Geschichte einer zarten, doch unmöglichen Liebe, ein Rivale, Geschichten von Mord und Naturkatapsophen, alte Manuskripte, eine dunkle Vergangenheit und die archaische Atmospähre eines Tiroler Bergdorfes zu einer Zeit, als Touristen dort noch eine Seltenheit waren. Das Dorf: „hingeduckt an die schützenden Hänge, hatte es sich den Bergen über Generationen in die steinernen Leiber gefressen. Häuser, die an den Ufern der Kiesstraße wuchsen und die Menschen den fernen Augen der Straße entzogen.“ Nicht zuletzt gibt es da ein Rätsel, das den gesamten Plot durchzieht: Warum nimmt nun, fünfzig Jahre nach dem, was in dem kleinen Dorf geschah, ein alter Mann den weiten Weg aus Amerika auf sich, um die alten Geschichten wieder aufleben zu lassen? Noch dazu lesend, dem idealen Leser gleich, der sich mit jedem Satz, jeder Seite weiter in der Zeit zurückbegibt und vor seinem eigenen Leben flüchtet.

Ansonsten geschieht in „Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod“ nicht viel. Von der Erwartung großer Spannung, die diese Aufzählung vielleicht hat entstehen lassen, sollte man sich frei machen. Das Versteckte, das Entzogene, dann das Verschüttete – die Symbolik, mit der Jäger spielt, ist weder neuartig noch aufregend. Erwarten kann man allerdings trotzdem – oder gerade aus diesem Grund – eine Erzählung, die mit einer ganz besonderen Sprache aufwartet: die Landschaft, die Gedanken der Protagonisten, das Verhalten der Dorfbewohner werden dem Leser in einer Art vermittelt, die dem Setting zugleich angemessen wie auch fremd ist. Sie versetzt uns in eine längst vergangene Welt und macht dadruch den Gegensatz zwischen den beiden Ebenen (auch des Leserlebens) fühlbar.

Der Schnee das Feuer die Schuld und der Tod von Gerhard Jaeger

Dieses Stück moderner Antiheimatliteratur ist auf der stilistischen Ebene verräterisch nostalgisch, verliebt in den eigenen Mystizismus. Das kann nerven, vor allem wenn man an manchen Stellen das Gefühl hat, es ginge dem Autor nur um die besonders originelle Wendung. Vor allem aber kann es hineinziehen in die Landschaft dieses Textes, einer beinahe erzwungenen Reise in abgelegene Gegenden der Literatur gleich.

Uns empfängt eine detailliert gemalte Winterlandschaft, so kühl und klar, so düster und abweisend wie die Bewohner des Dorfes selbst, hinter deren rätselhaftem Verhalten eine Spannung zu erahnen ist. Dies gelingt durch starke Emotionen und lebendige Bilder. Von Understatement oder Lakonie hält dieser Erzähler nichts. Der Rhythmus und die Wortwahl ziehen über Absätze hinweg die Aufmerksamkeit ganz auf sich.

Und doch will die Sprache hier nicht origineller sein als nötig, sondern nur originell gestrig. Sie ist aus der Zeit gefallen, erinnernd an Robert Schneiders „Schlafes Bruder“, doch weniger sperrig. Auch die Konstruktion des fish-out-of-water-Settings und der Vermittlung beider Zeitebenen durch ein wiederentdecktes Manuskript ist nichts, was noch nie dagewesen wäre. Doch das tut dem Genuss der Lektüre keinen Abbruch.

„Es gibt Momente“, heißt es im Roman, „Orte, die dir Angst machen. Du weißt, dass da etwas ist, das auf dich wartet, gesichtslos, namenlos, jenseits aller Begriffe, jenseits aller Konturen, und doch, es ist da, du spürst es, und du weißt nur eines: Es ist nichts Gutes.“

Dieses nicht Gute – das Dorf, die Berge, die Gefühle der Verzweiflung, der Sehnsucht und Nostalgie – ist es eigentlich, mit dem uns Jäger eine wohlige Angst macht und uns ein Gefühl der Ausweglosigkeit vermittelt, das bis zum überraschenden Ende durchhält. Fast hätte es der Krimihandlung gar nicht mehr bedurft, um aus „Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod“ eine äußerst faszinierende Geschichte zu machen, die neugierig macht auf Gerhard Jägers nächsten Roman.

 

 

Gerhard Jäger: Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod. Roman.

Karl Blessing Verlag, München 2016.

400 Seiten, € 22,99

ISBN 978-3896675712