Geschützt: Anarchie und Feminismus

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Ist der Kommunismus am Ende? Gerd Koenens „Die Farbe Rot: Ursprünge und Geschichte des Kommunismus“

War Marx ein Libertärer? – Stefan Blankertz im Gespräch

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Intellektuelles Anbiedern: Feuchtwanger in Moskau

Im Dezember 1936 fährt Lion Feuchtwanger nach Moskau. Seine ganze Hoffnung hat er mittlerweile auf die UdSSR gerichtet, weil er von den westlichen Demokratien enttäuscht ist, die seiner Meinung nach dem Nazi-Regime in Deutschland nicht klar genug entgegengetreten sind.1117

In dieser Zeit empfängt ihn Stalin und lässt ihn Augenzeuge des zweiten Moskauer Schauprozesses sein. Feuchtwanger bleibt für zwei Monate.

Sein Fazit:

Was ich verstanden habe, ist vortrefflich. Daraus schließe ich, dass das andere, was ich nicht verstanden habe, auch vortrefflich ist.

Im gleichen Jahr veröffentlicht der französische Schriftsteller André Gide ein dem kommunistischen Regime gegenüber kritisch eingestelltes Buch: Retour de l’U.R.S.S. („Zurück aus der Sowjetunion“), in dem er die Verfolgung nicht linientreuer Kommunisten durch Stalin anprangert. Hans Christoph Buch schreibt:

Trotzdem stimmte fast alles, was in der linken Intelligenzija Rang und Namen hatte, in den Chor der Verleumder ein: von Aragon und Barbusse bis zu Romain Rolland, von Brecht und Bloch bis zu Heinrich Mann.

220px-Stamps_of_Germany_(DDR)_1974,_MiNr_1945Und so bezahlt das Regime westliche Intellektuelle für positive Propaganda und lädt Feuchtwanger nach Moskau ein. Der Empfang ist triumphal, Feuchtwanger genießt es – das mache es schwer, gesteht er, nicht größenwahnsinnig zu werden. Während der beiden Monate wohnt im Luxus-Hotel „Metropol“ sowie zwei Erholungsheimen. Da er kein Russisch kann,  stellt ihm der sowjetische Geheimdienst Übersetzer zur Verfügung, die versuchen, ihn politisch zu indoktrinieren. Man verspricht, einige seiner Werke zu verfilmen sowie eine vierzehnbändige Werkausgabe zu drucken.

Schriftsteller wie Pasternak, die als nicht parteikonform gelten, hält man von Feuchtwanger fern. Erst kurz zuvor hat sich Feuchtwanger bei einem Besuch im Haus des Komintern-Chefs Georgi Dimitrow noch verwundert darüber geäußert, warum eigentlich alle Angeklagten „alles“ geständen und warum es außer den Geständnissen keine Beweise gegeben habe.

 

Doch nun versichert er, seine Kritik daran sowie an der fehlenden Pressefreiheit nicht im Westen zu publizieren.

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Lion Feuchtwanger: Moskau 1937

Am 7. Januar 1937 dann wird er wie ein Staatsgast im Kreml empfangen: Stalin gewährt im die Gunst eines Interviews. Seine Aussagen finden sich später in Feuchtwangers Reisebericht Moskau 1937 wieder. Bei dessen Niederschrift – nach der Rückkehr, in Sanary-sur-Mer – „hilft“ ihm ein Prawda-Reporter; das Regime hatte nach dem Gide-Erlebnis Angst, in der ausländischen Presse schlecht wegzukommen. Feuchtwanger lässt sich überzeugen, positive Passagen über Leo Trotzki und kritische Anmerkungen Lenins über Stalin aus dem Manuskript zu streichen. Eine russische Ausgabe erscheint noch im selben Jahr in sechsstelliger Auflage.

Ein Reisebericht für meine Freunde

Im Westen stößt Moskau 1937 eher auf Ablehnung, so bei Arnold Zweig und Franz Werfel. Der Soziologe Leopold Schwarzschild schreibt, das Buch gehe ihm „sauer ein“:

Auf keiner Seite von Moskau 1937 taucht irgendwelche Kenntnis auf. Eine sublime Ahnunglosigkeit schöpft einige Pseudo-Informationen aus Quellen, deren Benutzung von vornherein unstatthaft ist.

Für Hermann Kesten ist es „eine reine Stalin-Ode“ und selbst Thomas Mann schreibt: „Ist doch merkwürdig zu lesen.“
Der notorische Brecht freilich urteilt:
das Beste, was von Seiten der europäischen Literatur bisher in dieser Sache erschienen ist. Es ist ein so entscheidender Schritt, die Vernunft als etwas so Praktisches; Menschliches zu sehen, etwas, was eine eigene Sittlichkeit und Unsittlichkeit hat. Ich bin sehr froh, dass Sie das geschrieben haben.

Die Schauprozesse

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Während des zweiten Schauprozesses im Januar 1937 sitzt Feuchtwanger auf der Zuschauertribüne. Stalin habe ihn von der Schuld der Angeklagten der Schauprozesse überzeugt habe, schreibt er später.

Was in den Moskauer Schauprozessen zur Sprache kam, wurde als Gespräch mit verteilten Rollen aufgeführt. Manchen ausländischen Beobachtern kam es vor, als unterhielten sich Ankläger und Angeklagte wie zivilisierte Menschen miteinander. (Doris Danzer)
Feuchtwanger kommen offenbar keine Zweifel an der Authentizität des Gesehenen: „Das glich weniger einem hochnotpeinlichen Prozeß als einer Diskussion“. Er hätte es besser wissen können, schreibt Danzer, aber er log, weil ihm das Lob des Diktators mehr galt als die Liebe zur Wahrheit: „Wenn das gelogen war oder arrangiert, dann weiß ich nicht, was Wahrheit ist.“

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Die Bewertung seiner Eindrücke, die er von der Hauptstadt gewonnen hat, lassen erkennen, wie sich Anti-Modernität und Ideologie auch im kommunistischen Milieu miteinander verbinden:

Noch niemals ist eine Millionenstadt so von Grund auf nach den Gesetzen der Zweckmäßigkeit und der Schönheit gebaut worden wie dieses neue Moskau. … Ja, es ist ein ästhetischer Genuss sondergleichen, das Modell einer solchen Großstadt zu beschauen, die von Grund auf nach den Regeln der Vernunft gebaut ist, der ersten in ihrer Art, seitdem Menschen Geschichte schreiben.  … Das umwerfend Neue ist vielmehr die Planmäßigkeit, die Vernunftmäßigkeit des Ganzen, die Tatsache, dass man nicht nur auf die Einzelbedürfnisse Rücksicht genommen hat, sondern in Wahrheit auf die Bedürfnisse der ganzen Stadt, ja des ganzen riesigen Reiches.

Hier hören wir das ferne Echo eines antiken totalitären Platonismus vermischt mit dem allzu nahen Arbeitslärm des modernen Gesellschaftsingenieurs.

In Moskau, schreibt Feuchtwanger, gelinge durch die Überwindung von Egoismen eine mit sich selbst versöhnte Moderne, eine harmonische Form der Vergemeinschaftung in der neuen Stadt. Alles, was den Kommunismus verführerisch macht: die Überwindung der chaotisch empfundenen, organischen Verhältnisse durch Planung und Machbarkeitswahn sowie die Ablehnung von Eigennutz und Individualität zugunsten eines imaginären Gemeinwohls ist in dieser architektonischen Beobachtung vereint.

feuchtwangerFeuchtwanger sei nicht bereit gewesen, mehr in Frage zu stellen oder weiter hinter die Kulissen zu blicken, weil er nicht mehr sehen wollte, als das, was er sich erhoffte. Hier trennen sich „Anschauung und Wissen von Glauben und Glaubenwollen“ (Karl Schlögel).

Im Licht jener Öffentlichkeit, die die Sowjetunion für eine Ersatzheimat hielt, zog er es vor, zu lügen

schreibt der Historiker Jörg Baberowski.

 

Gründe

Im Fall Feuchtwanger können wir mutmaßen, dass es ihm mit der Verteidigung des real existierenden Sozialismus so geht wie vielen Linksintellektuellen in Geschichte und Gegenwart: Das System erscheint als einzig realistische, weil reale Alternative zu Faschismus auf der einen und Kapitalismus auf der anderen Seite; also muss es mit allen Mitteln verteidigt werden. Zudem will Feuchtwanger – darauf weist auch der Untertitel seines Reiseberichts hin – seinen Freunden, die vor den Nazis ins Exil geflohen sind, nicht die lebensspendende Hoffnung auf eine existierende Utopie zerstören.

 

Doch selbst 1956, nachdem in Chruschtschows Geheimrede Stalins Verbrechen bekannt werden, rückt Feuchtwanger nicht von seiner Lobpreisung des sowjetische Regimes ab die das Buch im letzten Absatz formuliert: „Es tut wohl, nach all der Halbheit des Westens ein solches Werk zu sehen, zu dem man von Herzen ja, ja, ja sagen kann.“

Der Kern seiner Bewunderung, urteilt Anne Hartmann, bleibe konstant: „Die Sowjetunion habe das einzigartige Experiment unternommen, einen Staat auf der Basis der Vernunft zu errichten. Und das Experiment sei geglückt, siegreich durchgeführt: ,Die Sowjet-Union ist da, fest und sicher und für immer‘, schreibt Feuchtwanger 1957.“

Literaturhinweise:

Lion Feuchtwanger: Moskau 1937. Ein Reisebericht für meine Freunde. Berlin 2000.

Hans Christoph Buch: Wer betrügt, betrügt sich selbst. Über André Gide und seine Reise in die Sowjetunion (1936), Die Zeit 1992.

Jörg Baberowski: Der rote Terror: Die Geschichte des Stalinismus. Frankfurt am Main 2007.

Karl Schlögel: Terror und Traum. Frankfurt am Main 2010.

Doris Danzer: Zwischen Vertrauen und Verrat: Deutschsprachige kommunistische Intellektuelle und ihre sozialen Beziehungen (1918 – 1960). Göttingen 2012.

Anne Hartmann: Der Stalinversteher – Lion Feuchtwanger in Moskau 1937. In: Osteuropa, 11.2014, S. 60.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auf der Suche nach dem besseren Leben – „Das kommunistische Amerika“

Rudolf Stumbergers Reisebericht über „Das kommunistische Amerika“ zeigt die mannigfaltigen hoffnungsvollen Versuche von alternativen Lebensformen im Kollektiv, aber auch ihr mannigfaltiges Scheitern

Träumen auch Sie manchmal von einem Leben, das weder Stress noch Konkurrenzdenken kennt, fern von Existenzangst oder Profitgier, jenseits von Burn-Out auf der einen und Bore-Out auf der anderen Seite? Von einem Leben, in dem Sie heute dies, morgen jenes tun können, morgens jagen, nachmittags fischen, abends Viehzucht treiben, nach dem Essen Kritiker sein? Wünschen auch Sie sich manchmal, kein Lohnsklave im Schweinesystem mehr zu sein, entfremdet vom Produkt ihrer Tätigkeit und ausgebeutet von der Klasse der Besitzenden? Wünschen auch Sie sich manchmal eine Welt, in der die Menschen verstanden haben, dass man Geld nicht essen kann, und in der Teilen, Gemeinschaft und Solidarität tatsächlich gelebt werden anstatt nur Floskeln der Parteiprogramme zu sein? Und halten auch Sie eine solche Vorstellung angesichts der herrschenden Verhältnisse für utopisch?

Im Verlauf der Geschichte haben Menschen mit ähnlichen Vorstellungen immer wieder versucht, ihre Utopien Wirklichkeit werden zu lassen. Von hinduistischen und buddhistischen Orden über mittelalterliche Klöster bis hin zu modernen Ashrams, Hippie-Gemeinschaften wie Drop City, den Kibbuzim und Ökodörfern reicht die lange Liste der Versuche, ein Leben abseits des Mainstream, im Schutze räumlicher und ideeller Separierung von der als schädlich empfundenen Welt in größerem Maßstab zu gestalten. Dabei zeigt bereits diese Liste, was auch das Buch „Das kommunistische Amerika“ von Rudolf Stumberger bestätigt: Gemeinschaftliche Lebensformen beruhen fast immer auf starken ideologischen Grundlagen, und je fester diese sind, desto andauernder ist der Erfolg der Kommune.

Für seinen im mandelbaum-Verlag erschienenen Band hat Rudolf Stumberger auf einer Reise quer durch die USA, von Massachusetts bis nach Oregon, die Spuren utopischer Kommunen verfolgt und einen äußerst informativen Bericht zusammengestellt. Er zeichnet dabei die Reise des deutschstämmigen Journalisten Charles Nordhoff nach, die dieser im Jahre 1874 gemacht hat, um die sozialen Experimente, die auf dem Kontinent entstanden waren, aus erster Hand kennenzulernen. Nordhoff und Stumberger besuchen so unterschiedliche Kommunen wie die von den amerikanischen Transzendentalisten wie Emerson und Thoreau inspirierte Brook Farm bei Boston, die Shaker in New Hampshire, die Sex-Kommune von Oneida, die Rappisten in Pennsylvania, Zoar in Ohio, Amana am Iowa-River, die Hutterer in Montana und schließlich die Kommune von Aurora an der Westküste. Seit ihrem Entstehen haben sich die Kommunen stark gewandelt – von den meisten ist nicht mehr als ein Museum oder eine Infotafel übrig, andere wurden in Gemeinschaften mit Privatbesitz oder in Aktiengesellschaften umgewandelt und eine, die der Hutterer, existiert noch heute.

Stumberger zeichnet dabei ihre Geschichte so umfassend wie kurzweilig nach, versammelt Reiseinformationen und fügt seinen Abrissen über die Geschichte des jeweiligen Ortes historische und aktuelle Fotografien hinzu.

Die Idee ist also ebenso bekannt wie beliebt und erweist sich im Kleinen alles andere als utopisch. Mit Gleichgesinnten Räume gemeinschaftlichen Handelns zu schaffen, die auf Freiwilligkeit beruhen, wurde immer dort umsetzbar, wo die Umstände so viel Wohlstand produziert hatten, dass es auch kleineren Gruppen von etwa 100 Menschen möglich ist, in relativer Existenzsicherheit zu leben – musste doch der Boden oft mit Maschinen bearbeitet werden, die nicht in der Kommune selbst produziert werden konnten, weil ihre Herstellung einen zu komplexen Grad an Arbeitsteilung benötigte und Ressourcen, die nicht im Grundbesitz der Kommune waren. Zum anderen wurde die Umsetzung immer dort möglich, wo der Staat den Menschen genug Freiheit gewährte, dass sie ihre Vorstellungen vom Glück auf eigene Faust verfolgen konnten. In der Tatsache, dass es immer die freiesten, individualistischsten, kapitalistischsten Gesellschaften sind, die eine solche kommunitaristische Selbstverwirklichung durch Gemeinbesitz erst erlauben, während die kommunistischen Gesellschaften für derartige Experimente keinen Platz bereithalten dürfen, liegt die bereits im Titel des Buches aufscheinende Ironie.

Leitende Ideale, die den Mitgliedern der Kommunen Identität und Zusammenhalt verschaffen, gibt es viele, und Stumberger zeigt, dass sich übergreifend vor allem folgende als besonders konstituierend herausgestellt haben: Alle Kommunen trieb die Aussicht auf ein Arbeiten und Leben an, das dem der (idealisierten) Familie gleicht: Verzicht auf Lohn und Geld, Abwesenheit von Privatbesitz zugunsten nominell gemeinschaftlichen Eigentums, Sozialisierung der Produktionsmittel, solidarisches Arbeiten im Kollektiv, Negierung einer reinen Profitorientierung. Die Mitglieder werden nicht nur mit dem Lebenswichtigsten versorgt: Neben Essen, Kleidung, Unterkunft und medizinischer Versorgung spielen auch Bildung und Unterhaltung in einigen Kommunen eine gewisse Rolle.

Basisdemokratische Strukturen geraten dabei eher in den Hintergrund; nicht wenige Kommunen werden stattdessen durch eine starke Führungspersönlichkeit, deren Autorität in ihrem Charisma gründet, oder durch eine feste Rangordnung zusammengehalten. Dieser Zusammenhalt schwindet dementsprechend, wenn die Gründungs- und Leitfigur abgetreten oder gestorben ist. Auf individuelle Entfaltung wird traditionell wenig Wert gelegt, ja sie wird mitunter als schädlich für die Gemeinschaft empfunden.

Stumberger kommt bisweilen auf den Zusammenhang zwischen der Innenwelt der Kommune mit ihren ganz eigenen Gesetzen und der Außenwelt zu sprechen. Bisweilen überleben die Kommunen die ersten Jahrzehnte nur, weil die Gründungsfamilien oder Dazugekommene eigenen Besitz und Wohlstand in die Gemeinschaft mit einbringen. Notwendige Arbeiten müssen nicht selten nach außen vergeben werden, da entweder Material oder Spezialisten fehlen. Oft werden anfallende Aufgaben auch von Lohnarbeitern erledigt, die auf dem Anwesen der Kommune leben, sich ihr aber nicht angeschlossen haben, sondern eine eigene Kaste bilden – eine Art Arbeiterklasse für die Kommunisten. Einige Gemeinschaften können nur überleben, indem sie einen gewissen Kommunentourismus zulassen, der ihrem Geist eigentlich widerspricht. Man lebt vom Verkauf von Mahlzeiten, Getränken, Handwerksarbeiten an die Außenwelt, ähnelt so einem genossenschaftlichen Betrieb, mit dem Unterschied freilich, dass der persönliche Profit nicht im Vordergrund steht.

Es waren die USA des 19. Jahrhunderts, die den religiös Verfolgten eine Möglichkeit boten, nach ihren Vorstellungen zu leben. „Es ist ein Beispiel dafür“, schreibt Stumberger, „wie damals in den USA auch Freiräume möglich waren, auch gesellschaftliche Freiräume, in denen man derartige Experimente durchführe konnte, ohne dass man vertrieben oder unterdrückt oder dergleichen wurde.“ Die Freiheit der kapitalistischen Gesellschaft ermöglichte es ihren Mitgliedern also, eigene Lebensweisen auszuprobieren, ein anderes Wirtschaften zu erproben, unter der Maßgabe, dass sie erstens niemanden zwangen, ebenso zu leben, und zweitens die Folgen ihrer Experimente selber zu verantworten hatten. Der persönliche und ökonomische Misserfolg, den viele Kommunen über kurz oder lang zu erleiden hatten, ist, wie Stumberger zeigt, sowohl von ihnen allein verursacht als auch von ihnen allein getragen worden. Insofern ist jede kommunitarische Gemeinde innerhalb eines echten kapitalistischen Systems eine Werbemaßnahme für eben dieses System. Liegt darin vielleicht auch der Grund, warum derartige Experimente von Marx abwertend als utopischer Sozialismus bezeichnet wurden?

Nur die weit verbreitete historische Unkenntnis über die Ursachen etwa der Großen Depression kann zu Fehlurteilen wie dem führen, das Stumberger über das Ende der Kommune von Amana, Iowa, fällt:

Es ist eine kleine Ironie der Geschichte, dass Amana und ihre Wirtschaftsbetriebe auch daran zugrunde gingen, dass die Weltwirtschaftskrise über die Ökonomie hereinbrach. Das kommunistische Experiment ist sozusagen an der kapitalistischen Wirtschaft gescheitert.

Dass die Weltwirtschaftskrise von 1929 durch Staatseingriffe hervorgerufen und verstärkt wurde, wie schon Murray Rothbard und in Folge Thomas J. DiLorenzo  gezeigt haben, muss ausblenden, wer die Überlegenheit eines Weltsozialismus gegenüber einer nicht-zentralisierten, auf Eigentumsrechten und persönlicher Freiheit des Individuums beruhenden „Systems“ propagieren will, selbst wenn all seine Beispiele sogar im Kleinen für das Gegenteil sprechen. Stumberger tut dies zwar nicht, lädt mit seinen Fehldeutungen allerdings dazu ein.

Ein Beispiel dafür ist das Schicksal der Kommune von Zoar. Stumberger schreibt, ihre Produkte hätten durch die Entwicklung der modernen Industriegesellschaft nicht mehr mit Konkurrenzprodukten mithalten können und sei deshalb ihrem Ende geweiht gewesen. Was das impliziert: Während in einem auf Privateigentum und Eigentum an Produktionsmitteln basierten Wirtschaftssystem die Produkte für die Menschen (durch Wettbewerb und Innovation) immer billiger werden, entweder also das Leben der Menschen tendenziell einfacher und stressfreier wird oder ihr materieller Wohlstand steigt, muss ein sozialisiertes Wirtschaften entweder hohe Preise oder sinkende Qualität seiner Produkte hervorbringen, das Leben der Menschen also tendenziell verschlechtern, schlechtere Ausgangsmaterialien verwenden, die eigenen Arbeiter zu längerer, härterer Arbeit anhalten oder sie entlassen.

Gleichwohl ist Stumbergers kleines Buch in vielerlei Hinsicht ein Schatz. Reisebericht, Reiseführer und sozioökonomischer Traktat in einem, verbindet es geschichtliches Hintergrundwissen mit reportagehaftem Erzählen, dem man das persönliche Erlebnis anmerkt. Seine Sichtweise ist auf weiten Strecken wohltuend neutral, jeder Verklärung abhold, kann und will aber eine gewisse ideologische Sympathie für den Gegenstand nicht immer leugnen.

Der Autor unterschätzt beispielsweise die eigentliche Gestaltungskraft der Kommunen, ohne sie jedoch zu verschweigen. Dass nur den religiösen Gemeinschaften wie den Amischen und den Hutterern eine längere Existenzdauer beschieden war, während die weltlich ausgerichteten entweder an persönlichem Versagen oder wirtschaftlichem Misserfolg scheiterten, kann nicht genug betont werden. Offenbar bedarf ein Leben im Kollektiv immer einer großen Erzählung, gemeinhin handelt es sich dann um eine religiöse Grundlage, die die Mitglieder auf die Regeln der Kommune einschwört und so das gemeinsame Haus auf Felsen bauen lässt. Fehlt diese oder wird sie brüchig, haben die rein persönlichen Vorteile (Existenzsicherung, geringere Arbeitsbelastung, Aufgehobensein in der Gruppe) eines Lebens im Kollektiv offenbar nicht mehr genug Gewicht, um die Nachteile der fehlenden persönlichen Freiheit und Selbstverwirklichung aufzuwiegen.

Auf perverse Weise veranschaulicht dies das Schicksal der Kommune von Oneida. Diese „Sex-Kommune“ im Staat New York wurde während des 19. Jahrhunderts drei Jahrzehnte lang durch die guru-hafte Anmaßung ihres Gründers Humphrey Noyes, einer starken Hierarchie und menschenverachtenden Psychopraktiken aufrechterhalten. Die Mädchen der Kommune hatten oft vor ihrem 13. Lebensjahr erzwungenen Sexualkontakt mit den geistlichen Oberhäuptern, zumeist mit Noyes selber, der sich das „Recht der ersten Nacht“ im Sinne einer „Einweisung“ in das Leben der Kommune vorbehielt. Diese Praktiken, zu denen auch eugenische Zuchtexperimente gehörten, zielten neben dem persönlichen Lustgewinn auf die Kontrolle und Macht über die Mitglieder. Nach dem Abtreten des Sektenführers schwanden Arbeitsmoral und Zusammengehörigkeitsgefühl und schließlich endete die kommunistische Utopie in einer Aktiengesellschaft. Hier zeigt sich, zu welchen Maßnahmen kollektivistische Systeme zu greifen bereit sind, wenn ihnen die Möglichkeit religiöser Indoktrination (und damit die Nötigung durch die Erzählung vom Höllenfeuer, das Kindern vom jüngsten Alter an als Strafe für ein non-konformes Leben angedroht wird) fehlt.

Stumbergers Buch ist angesichts dieser Fakten mit einem abschließenden Urteil zu zurückhaltend. Die von ihm besuchten Kommunen sind entweder kläglich (bereits nach Monaten!) gescheitert oder haben ihren Mitgliedern ein Leben in Würde und Freiheit verweigert und sich ein Weiterleben nur durch psychische und physische Kontrolle erpressen können. Dabei zeigen Stumbergers Ausführungen deutlich: So spannend soziale Experimente wie die utopischen Kommunen in den USA auch sein mögen, so vorsichtig muss man sein, sie zum Ideal eines Lebens jenseits von Ausbeutung, Entfremdung und Stress zu verklären.

Rudolf Stumberger: Das kommunistische Amerika. Auf den Spuren utopischer Kommunen in den USA.

Mandelbaum Verlag, Wien 2015.

240 Seiten, 19,90 €.

ISBN: 3854766476

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