Zehn literarische Videos auf KaiserTV (und ein Extra)

Videos mit rein literarischen Themen werden generell etwas weniger gesehen und nachgefragt. Ob es sich um Neuerscheinungen der Gegenwartsliteratur, neue Übersetzungen oder um die Klassiker der Weltliteratur handelt – im Vergleich zu philosophischen und gesellschaftspolitischen Themen haben meine Literaturvideos ein bisschen weniger Erfolg beim Publikum.

Gleichwohl hatte ich immer Lust, über die alten und neuen Titel der Belletristik zu berichten, sie zu rezensieren, zu kritisieren, und werde das wohl auch weiterhin tun.

Hier folgt nun die Top 10 der erfolgreichsten Literaturvideos auf KaiserTV:

10. Die BücherSendung

Dieses Format war ein sehr früher Versuch, eine Art literarisches Quartett auf Youtube zu etablieren. Kerstin Eiwen, Simone Scharbert und ich besprachen Jonathan Safran Foers „Hier bin ich“ und Isabelle Lehns „Und binde zwei Vögel zusammen“. Leider blieb es nicht nur beim Trio, sondern auch bei dieser ersten Sendung …

9. Paul Auster: 4 3 2 1

Paul Auster fasziniert mich schon seit langem, nämlich seit Silvester 2003, als ich zum ersten Mal „Mond über Manhattan“ las. 2017 folgte dann meine Rezension zu Paul Austers Mammut-Werk „4 3 2 1“.

8. Das Gilgamesh-Epos

An meinem Geburtstag im Jahr 2018 begann ich eines meiner vielen Langzeitprojekte, die ich dann irgendwann aus Unlust oder anderweitiger Motivation aufgegeben habe. Ich wollte 52 Bücher der Weltliteratur innerhalb eines Jahres vorstellen. Jede Woche eins. Bis zum dritten Buch bin ich gekommen, vielleicht wird die Reihe ja irgendwann fortgesetzt. Das zweite Buch war Homers „Odyssee“.

https://youtu.be/rUQg-DVTkEM

7. Jana Hensel: Keinland

Hier mal ein Interview mit der Autorin selber. Mit Jana Hensel spreche ich über ihren ersten Roman „Keinland“.

6. Eckhart Nickel: Hysteria

Ein weiteres Mittelzeitprojekt war der literarische Adventskalender, in dem ich täglich eines des besten Bücher des Jahres vorstellen wollte, die mir Menschen aus der Literaturwelt vorschlugen – das Projekt läuft noch bzw. ich dehne es auf die Zeit nach Weihnachten aus, aber ein paar Türchen habe ich tatsächlich verpasst. Ijoma Mangolds Vorschlag war der Roman „Hysteria“ von Eckhart Nickel.

5. T. C. Boyle: Die Terranauten

Immer wieder fruchtbar ist das Gespräch über Bücher mit David Eisermann – mehrere Interviews haben wir bislang geführt, so zum Beispiel über Tom Wolfe. In diesem Video sprechen wir über T. C. Boyles neuen Roman „Die Terranauten“.

4. Isherwood, Aciman, Mishima, E. M. Forster

2018 war ich auf drei Gay Pride Parades, in Köln, in Hamburg und in London. Am Flughafen von London dachte ich dann, ich könnte mal spontan meine Lieblingsromane über schwule Liebe vorstellen. Nicht zuletzt unter dem Eindruck des faszinierenden „Call me by your name“ von André Aciman, das 2018 zur Liste hinzugekommen war. Bei den anderen Romanen handelt es sich um Klassiker wie „A Single Man“ von Christopher Isherwood oder Yukio Mishimas „Confessions of a Mask“.

3. Philip Roth: Der menschliche Makel

2018 starb der zweite amerikanische Schriftsteller, der mich stark beeinflusst hat: Philip Roth. Beim Vorstellen eines seines besten Romane merkte ich, wie aktuell viele seiner Themen heute noch sind.

2. Hermann Hesse: Der Steppenwolf

Mein zweiterfolgreichstes Video ist die Lesung von Hesses Essay (einem Hessay, sozusagen) über „Eigensinn“. Aber auch meine Rezension eines seiner bekanntesten Romane hat mit über 10.000 Abrufen einige Aufmerksamkeit auf sich gezogen.

1. Virginia Woolf: Ein Zimmer für sich allein

Eigentlich kein literarisches Werk, sondern ein Essay, geht es Woolf doch hier ums Schreiben generell und um weibliches Schreiben im Speziellen, sodass ich meine Vorstellung von „A Room of One’s Own“ zu den literarischen Videos zähle.

Und ein Extra: Noch ein Interview mit einem Bestsellerautor!

Viel Freude hat es mir gemacht, mit Takis Würger über seinen Erfolgsroman „Der Club“ zu sprechen. Im Jahr 2019 kommt dann auch das Gespräch mit ihm über seinen neuen Roman „Stella“.

52 Wochen – 52 Bücher

Ich werde ja bald 29, und da habe ich mir gedacht, das nächste Lebensjahr begehe ich, indem ich auf KaiserTV die 52 besten Bücher der Weltliteratur vorstelle – vom Gilgamesh-Epos bis zu „Unter …“ ääääh bis zu Daniel Kehlmann oder so. Jede Woche eins. 
„Das ist ja alles schön und gut“, mögt ihr sagen, „aber was habe ich damit zu tun?“ … Und das ist der Moment, wo IHR ins Spiel kommt: Ihr dürft Bücher nicht nur vorschlagen, sondern auch Sendungen sponsern!  

Für jede Spende wird euer Name, euer Unternehmen, euer Buch, euer Blog, euer Produkt oder Projekt an prominenter Stelle erwähnt und angepriesen. Zudem wird es im Goldenen Buch der Guten Taten (GBGT) bei einem höchsten Wesen eurer Wahl festgehalten. 


Ab 10 €  seid ihr dabei. Alle Spenden gehen, wie immer, zu  % an die Valerian Literaturstiftung für Kinder und Jugendliche in Berlin. 

 

Spenden und einen Roman vorschlagen könnt ihr hier!

Paul Auster: 4 3 2 1.

„Wir schreiben um das Leben zweimal zu schmecken, im Augenblick und im Rückblick“, heißt es bei Anaïs Nin. Beim Lesen gilt das Gleiche – wir verdoppeln unser Leben, schmecken es zweimal, und haben zudem Teil an mannigfachen anderen Leben und Geschichten. Paul Auster scheint selbst das nicht gereicht zu haben: Gleich vier mal schreibt er ein Leben auf, das seins ist und doch nicht ist. Archibald Ferguson, der Held in Austers neuem Roman „4 3 2 1“, ist biografisch so eng an das angelehnt, was wir über den realen Paul Auster zu wissen meinen, dass der kundige Auster-Fans nicht anders kann, als zu rätseln, was an den vielen hier erzählten Episoden nun reine Fiktion ist und was auf der Wirklichkeit beruht.

Es ist die Geschichte eines jungen Amerikaners in den fünfziger und sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts – aber nicht einmal, sondern gleich viermal erzählt. Die Ferguson-Variationen sozusagen.

Für uns ist es ja deswegen schwer, Entscheidungen zu treffen im Leben, weil wir damit andere Wege nicht gehen, andere Möglichkeiten ausschließen, andere Leben nicht leben. Stattdessen warten wir lieber mit einer Entscheidung und merken nicht, dass auch dieses Warten schon eine Entscheidung ist. Beim Schreiben ist es genauso, vielleicht sogar unterm Brennglas verschärft: Schreibblockaden treten auf, weil sich der oder die Schreibende nicht traut, die anderen Leben und Möglichkeiten zu verwerfen. Von den tausend Ideen im Kopf soll man sich nun für eine, nur eine entscheiden? Warum gerade die? Warum nicht diese oder jene? Man fühlt sich wie eine Hebamme, die bei der Geburt von Vierlingen entscheiden müsste, welches Kind leben soll!

Paul Auster hat es sich, angesichts solch existenzieller Entscheidungen, mit denen sich Schriftstellerinnen und Schriftsteller konfrontiert sehen, diesmal leichter gemacht. Auch wenn man das angesichts eines solchen Schwergewichts, 1250 Seiten dick, nicht unironisch sagen kann. Leicht ist es nicht. 4 3 2 1 ist ein Epos voller Politik, Zeitgeschichte, Liebe, Leidenschaft und immer wieder dem Zufalls. Aber Paul Auster hat sich eben bei der Frage, welchen Archie Ferguson er denn nun zum Leben verhelfen soll, dafür entschieden, allen Vierlingen eine Chance zu geben.

Archibald Ferguson wächst im Newark der fünfziger Jahre auf. Auf der nicht so glorreichen Seite des Hudson River. Dann die vier Ausfertigungen. Alle Archies sind einander recht ähnlich. Die Unterschiede: der eine provinziell und bescheiden; der nächste kämpferisch und vom Unglück verfolgt; dann wieder politisch aktiv und ergriffen von den Zeitläuften; der letzte künstlerisch begabt. Die Orte: New Jersey, die Columbia University, Paris. Die Gemeinsamkeiten sind seine osteuropäisch-jüdische Herkunft, die Frau, der er immer wieder verfällt, seine Liebe zum Schreiben, zum Kino und zum Baseball und nicht zuletzt sein ganzes poetisch-innerliches Seelenleben.

Um ein anderes Bild zu bemühen: Wie bei einem zu vererbenden Ring hat Auster hier gleich vier Versionen angefertigt, ohne je zu verraten, welche denn das Original ist. Was ist echt, was ist nur Variante und Abklatsch? Diese Frage kommt bei der Lektüre nicht auf. Die vier Archies sind gleichberechtigt, auch wenn einer von ihnen schon recht bald stirbt und es dann 1000 Seiten ohne ihn weitergeht. Er war eben eine Möglichkeit, wie ein Leben hätte verlaufen können. Und auch der Tod ist eine Möglichkeit im Leben.

„Verlaufen können“ – nicht „gelebt werden können“. Das Erstaunliche bei Austers Schreiben ist nämlich die Verherrlichung des Zufalls. Nicht erst seit „4 3 2 1“, sondern spätestens seit dem Roman „Musik des Zufalls“ von 1990. Es geht nicht um die Freiheit, den Willen, die Entscheidungen, die man selbstbestimmt im Leben trifft. Die Menschen leben ihre Leben nicht aktiv, führen sie nicht, sondern ihre Leben verlaufen in einem bestimmten Muster – das wiederum ganz anders hätte sein können, das im Grunde kontingent ist. Auster ist darin ganz und gar unamerikanisch – aber auch jenseits von jedem Sartre’schen Existenzialismus, in dem der Mensch sich seine Umstände, damit seine Existenz, selbst schafft.

So handelt es sich bei den verschiedenen Varianten von Archie Fergusons Leben nicht um Fragen wie: Was wäre gewesen, wenn ich mich damals anders entschieden hätte? Es ist nicht die berühmte „Road not Taken“ von Robert Frost. Sondern: Was wäre gewesen, wenn damals irgendetwas anders gelaufen wäre? Wenn die Würfel anders gefallen, mein Vater reich gewesen wäre und so weiter. Archie entscheidet im Grunde genommen nichts Entscheidendes. Er wird gelebt und wir sehen ihm dabei zu.

Paul_Auster_in_New_York_City_2008„4 3 2 1“ ist Austers Lebenswerk im wahrsten Sinne des Wortes: weil es sein dickstes Buch ist, sein aufwändigstes, das, in dem es nicht nur um sein gelebtes Leben, sondern auch um seine nicht gelebten Leben geht, und eines, das sich überhaupt die Frage stellt, wie ein nur Augenblicke währender Zufall über ein ganzes Leben entscheiden kann. Die Macht des Zufalls eben. „Kein Sieger glaubt an den Zufall“, sagt Friedrich Nietzsche, aber der Romanheld ist ja kein Sieger, kein Willensmensch, sondern einer, der vom Leben (und seinen Gefühlen) hin und her geworfen wird. Und Paul Auster ist einer, der im Alter auf dieses Leben zurückblickt und es im Rückblick zu verstehen versucht. Wir Lesende sind wiederum solche, die Auster beim Rückblicken zusehen und uns fragen, welche Winke des Zufall uns dorthin haben gehen lassen, wo wir jetzt sind.

Das Seltsame mit dem Gewöhnlichen zu verbinden, die Welt so genau beobachten wie ein in der Wolle gewaschener Realist, und doch eine Form zu finden, mit der die Wirklichkeit durch eine andere, leicht verzerrende Linse zu sehen ist – das war es, was Ferguson anstrebte.

Paul Austers Roman ist so ein leicht verzerrter realistischer Roman, dazu ein Bildungsroman, eine Coming-of-age-Geschichte, die die Zeit der 60er Jahre in New York als Folie benutzt, um uns die Hoffnungen und Nöte einer ganzen Generation zu verdeutlichen. Die Bürgerrechtsbewegung, die Studentenproteste von 1968, Vietnam. Denn wenn das die Kindheit und Jugend Amerikas war, können wir vielleicht besser verstehen, in welche Midlife Crisis es in der Zwischenzeit geraten ist. Übrigens: Im Alter von 70 Jahren einen Coming-of-Age-Roman zu schreiben, der nicht total altväterlich ist und dem eigenen Fühlen als junger Mensch, seinen Sehnsüchten und (sexuellen) Begierden immer noch nah, das muss Auster erstmal einer nachmachen .

Ich ist doch kein anderer?

Bleibt die Frage, was wir mit dem Experiment anfangen sollen. Denn das Rätsel ist ja: Wenn der Zufall so über unser Leben bestimmt – wer sind dann wir noch? Ein Spielball des Schicksals? Ein Würfelwurf? Ich ist ein anderer? Nur niemals wir selbst?

Zwar macht es einen Unterschied, ob Archie vaterlos aufwächst, ob die Familie in der Provinz oder in New York lebt, in der Upperclass oder prekär. Aber im Grunde, verändert sich der Archie nicht, dem wir begegnen. Sein Charakter bleibt derselbe.

Und das ist schon wirklich seltsam: Wenn der Zufall über alles bestimmt, wie kann es dann noch etwas so Festes wie eine Seele geben, die sich irgendwie treu bleibt?

Treu bleiben die vier Archies nämlich einem gewissen Typus. Es ist noch immer und immer wieder die typische Paul-Auster-Figur, die wir seit „Mond über Manhattan“ kennen und lieben. Es wird hier eine unzerstörbare Identität der Person behauptet. Archie bleibt Individuum, bei allen Spaltungsversuchen unteilbar. Und seine Einheit, ganz unpostmodern, ja fast klassisch, spiegelt sich auch im Stil wieder. Die verschiedenen Leben werden nicht verschieden erzählt. Es ist immer ein und derselbe olympische Erzähler, distanziert auktorial wie bei Dickens, der die Einheit auf einer höheren, der narrativen Ebene herstellt.

Die Sprachmelodie bleibt gleich, eine oft wunderschöner, suggestiver, klingender Ton. Sätze, die über mehrere Seiten gehen. Die Erzählhaltung bleibt gleich, die Ernsthaftigkeit, der konzentrierte, liebevolle Blick auf sein Sujet. Sein Lieblingskind. Der Roman sollte sogar den Titel „Ferguson“ tragen, aber dann kam Auster die Gegenwart dazwischen und der Ort Ferguson weckt heute andere Assoziationen.

 

Es ist im Grunde also konventionelles Erzählen, dass jegliche ironische Brechung und modern-postmoderne Spiegelfechterei verweigert. Chronologisch ist es und stellt das Geschehen innerhalb der jeweiligen Version als geradezu notwendig dar. So musste es kommen, so und nicht anders. Darin verweigert sich der Roman allerdings auch seiner eigenen philosophischen Grundannahme, dass der Mensch nämlich zufällig sei wie der Wurf eines Würfels.buch1502_v-panorama

Das ist auf einer literaturtheoretischen Weise schizophren. Alles ist Zufall, alles ist willkürlich aber das Erzählen ist notwendig. Doch das tut dem Genuss beim Lesen keinen Abbruch, im Gegenteil. Schreiben, sagt E. L. Doctorow, ist eine sozial akzeptierte Form von Schizophrenie, und Auster macht es uns hier ein weiteres Mal vor, wie man sich in drei, vier oder fünf Menschen teilen kann, ohne verrückt zu werden. Mehr noch: „4 3 2 1“ zeigt, wie die künstlerische Schizophrenie Voraussetzung dafür ist, die Freude am Fabulieren einmal richtig ausleben zu können.

 

Paul Auster: 4 3 2 1. Roman.

Aus dem Englischen von Thomas Gunkel, Werner Schmitz, Karsten Singelmann und Nikolaus Stingl.

Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2017.

 

 

 

Einmal verrückt sein und aus allen Zwängen fliehen?

Einfach aufstehen und gehen. Wortlos, grundlos, ziellos. Verschwinden und nicht mehr wiederkehren …
Ich stelle euch Peter Stamms neuen Roman „Weit über das Land“ vor. Was passiert, wenn man einfach weggeht …

Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit

Hält dieser Roman, was seine Platzierung auf den Verkaufslisten verspricht? Von Kitsch und großen Wahrheiten …

Hält dieser Roman, was seine Platzierung auf den Verkaufslisten verspricht? Von Kitsch und großen Wahrheiten – eine Besprechung des Romans „Vom Ende der Einsamkeit“ des deutschen Schriftstellers Benedict Wells.

Das Paradies wird in der Kunst verteidigt – Thomas von Steinaecker: „Die Verteidigung des Paradieses“

Thomas von Steinaecker schreibt mit Die Verteidigung des Paradieses eine deutsche Dystopie

Thomas von Steinaecker schreibt mit Die Verteidigung des Paradieses eine deutsche Dystopie

 

Nennen Sie ein altes deutsches Volkslied. Ihnen fällt keines ein? Dann wählen Sie unter diesen dreien:

  1. „Am Brunnen vor dem Tore“
  2. „Ich war noch niemals in New York“
  3. „99 Luftballons“

Alles relativ, sagen Sie? Was alt ist, bestimmt Gott Chronos, was ein Volkslied ist, der Volksgeschmack, und was deutsch ist … ja, wer bestimmt das eigentlich? Die Sprache, das Land, die Eltern, die Haltung zur Welt? Oder ist es gar die Erbausstattung? Weiterlesen „Das Paradies wird in der Kunst verteidigt – Thomas von Steinaecker: „Die Verteidigung des Paradieses““

Wenn es ums Fleisch geht, was ist dann noch meine Aufgabe?

 

Ein Gespräch mit Thomas von Steinaecker über die Aufgabe des Schriftstellers, über das deutsche Erbe in der Welt und über seinen neuen Roman Die Verteidigung des Paradieses

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Thomas von Steinaecker: Die Verteidigung des Paradieses

In seinem neuen Roman Die Verteidigung des Paradieses entwirft Thomas von Steinaecker ein düsteres Zukunftsszenario von einem Leben nach der Katastrophe. Deutschland, wie wir es kennen, ist untergegangen, auf die Errungenschaften der Technik ist längst kein Verlass mehr und die wenigen Menschen führen ein Leben zwischen vorgeschichtlicher Idylle und nacktem Daseinskampf.

In einer kleinen Gruppe solcher Menschen wächst Heinz auf. Der Junge wird zum Chronisten ihrer Abenteuer, erzählt vom Leben in den Alpen, von ihrer Wanderung ins Flüchtlingslager, ihrer Suche nach dem, was von der Zivilisation übriggeblieben ist.

Die Verteidigung des Paradieses ist Abenteuerroman und philosophisches Experiment zugleich: Was geschieht mit den Menschen, wenn sie zurückgeworfen sind auf sich selbst und die Natur? Was macht den Menschen eigentlich aus?
Weiterlesen „Wenn es ums Fleisch geht, was ist dann noch meine Aufgabe?“

Porträt des Künstlers als hassend-gehasster Jude

Über Norbert Gstreins „In der freien Welt“

Wenn am Anfang jemand stirbt, ist das erstmal ein gutes Zeichen. Man hat die Hoffnung, dass es sich entweder um einen interessanten Menschen gehandelt hat oder dass die Umstände seines Todes rätselhaft sind. Und dass nun, im Verlauf des Romans, aufgeklärt wird, warum dieser Mensch für uns von Interesse sollte – oder wie es sich nun wirklich mit seinem Ableben verhalten hat.

Norbert Gstreins neuer Roman „In der freien Welt“ hat all das: Einer stirbt auf seltsame Weise und es stellt sich heraus, dass der Tote alles andere als eine Allerweltsperson war. Es geht um den amerikanischen Dichter und Maler John, einen Juden, den es in der Mitte seines Lebens nach Israel verschlägt, wo er sich selbst und der Welt beim Dienst in der israelischen Armee seine eigene Stärke beweisen will. John ist ein Mann, der, wie es das Klischee will, mit seinem Jüdischsein hadert und dieses Hadern geradezu zum Inhalt seiner Existenz macht. Und die Angst vor dem Hadern und den Hass darauf. Seine Kunst zieht ihren Reiz aus dem Spiel mit eben solchen Klischees; so malt er beispielsweise ein Bild mit dem Titel „Self Portrait as a Hated Jew“, verkauft sein Werk als „zionistische Kunst“, mehr als nur halb der Provokation zuliebe, und reüssiert dennoch nicht auf dem Kunstmarkt. Später hält es jemand für passender, das „hated“ durch „hating“ zu ersetzen. Zwischen den Polen, die diese beiden Verbformen markieren, bewegt sich Johns Existenz. Erzählt wird diese Bewegung von Johns österreichischem Freund, dem Schriftsteller Hugo, der ebenfalls erfolglos geblieben ist (um nicht „gescheitert“ zu sagen) – die einzige für Gesprächsstoff sorgende Veröffentlichung seines Lebens erschien nicht einmal unter seinem Namen.

Als „Beobachter, Zeuge und Bewunderer“ begibt Hugo sich im Anschluss an die Nachricht von Johns Tod auf Spurensuche und erinnert sich und den Leser an die erste Begegnung, an die gemeinsame Zeit in San Francisco, an gemeinsame Ferien in Irland und an die letzten Momente mit John in Israel. In zahlreichen Anekdoten führt er uns Episoden rund um Johns Leben vor Augen – ohne freilich je Licht ins Dunkel von dessen Existenz zu bringen.

Beste Voraussetzungen also. Wie es Gstrein nun dennoch schafft, aus diesen Zutaten einen solch unausgegorenen Teig zu kneten, wie wir ihn mit „In der freien Welt“ vor uns liegen haben, wird wohl für immer sein Geheimnis bleiben. Es handelt sich bei den recht disparat nebeneinanderstehenden Geschichten um Fragmente einer Geschichte, die erst noch zu erzählen wäre. Dass der Leser nach der Lektüre eines Romans der Gegenwartsliteratur ratlos zurückbleibt … geschenkt. Anders hätte es auch niemand erwartet, der sich ein wenig mit Norbert Gstreins Romanen auskennt. Dass man sich aber während des Lesens stets fragt, was man mit diesen Menschen und ihren Schicksalen anfangen soll, ist so ärgerlich wie unnötig.

Gstreins neuer Roman leidet an einer ernsthaften Fehlstellung. Nachdem dem Leser nach den ersten fünfzig Seiten klargeworden ist, was er nicht erwarten kann (eine kriminologische Rekonstruktion der Tat etwa, die Auflösung des mörderischen Rätsels, die Aufdeckung eines tragischen Konflikts, der zur Katastrophe hatte führen müssen, ein analytisches Erzählen im besten Sinne), folgt er den teils lustlos erinnerten und teils fast aseptisch nacherzählten Anekdoten mit schwankendem Interesse. Ganz am Schluss dann begegnet Hugo, der sich vorgenommen hat, eine Art Biografie seines Freundes zu schreiben, dessen Tochter Zoe. Die nun 24-jährige Israelin hat ihren Vater im Grunde kaum je kennen gelernt – und nun, da sie mit einem alten Freund ihres Vaters in Kontakt kommt, ergibt sich für sie die vielleicht letzte Chance, etwas über ihren eigenen Vater zu erfahren: „Ich höre, du schreibst ein Buch über meinen Vater“, sagt sie. „Vielleicht können wir gemeinsam ein paar Schritte gehen, und du erzählst mir, wie er war.“

Welche Möglichkeiten sich hier ergeben hätten, hätte Gstrein diese Episode nicht erst 20 Seiten vor Schluss erzählen lassen, sondern an den Anfang gestellt: eine junge Frau, die ihren toten Vater kennen lernen will. Wie öde dagegen der mühevoll verrätselte Mord am Protagonisten; wie absehbar dagegen die Versuche, an dem Toten ein Exempel für alles Mögliche von Holocaustnachfahre bis Enfant terrible bis Kriegsheld zu statuieren; wie bemüht dagegen die Konstruktion, den alten Freund um die halbe Welt zu schicken, nur weil … ja, warum überhaupt? Dass der Grund für Hugos Faszination eigentlich nie ganz klar wird, weil ihre Beziehung seltsam inhaltsleer bleibt, ist ein weiterer Fehler, der dem Leser eine echte Identifikation, zumindest ein Einfühlen, ein Nachempfinden unmöglich macht.

Gewiss, John wird als außergewöhnlicher Mensch gezeichnet – eine imposante Erscheinung, in der Schulzeit Quarterback, Frauenheld mit „Begabung zum Drama“, ein Lebemann, ein ehemaliger Alkoholiker, ebenso stolz wie selbstbezogen, ein jüdischer Hemingway, mit dunkler Vergangenheit und kritischer Mutterbeziehung. Ein Mann auf der Suche nach der eigenen Identität zwischen Schwäche und antrainierter Stärke, auf der Suche nach einem neuen Vorbild für das jüdische Volk, ein „Söldner in der Armee König Davids“, ein „Jude mit Waffen“, der sich dann aber doch in die Literatur flüchtet: „Mit der Wirklichkeit hat ihm dann keiner mehr kommen können. Es hat immer ein Buch gegeben, in dem alles größer, schöner und besser war, oder wenn schon schlecht, dann wenigstens spannend.“

Vielleicht liegt es daran, dass ein gewisses Vorbild für John in dem amerikanischen Beat-Poeten Alan Kaufman zu finden ist, wie die Widmung des Romans andeutet, und somit für den Autor ein gewisses Interesse an seinem Gegenstand schon gegeben war, das er seinen Lesern erst noch hätte vermitteln müssen. Wenn man sich bei solchen Romanen aber fragt: Würden diese Menschen mit ihren Gefühlen und Konflikten mich kümmern, wenn es im Hintergrund nicht um Juden, um Israel und um Palästina ginge? – dann kann die Antwort bisweilen desillusionierend sein. Einen Portnoy, einen Zuckerman (um den auch von Gstreins Erzähler immer mal zitierten Philip Roth zu bemühen, der hier für einiges Pate stand) fänden wir mit all ihren menschlichen Makeln auch erzählenswert, wenn sie nicht in Israel gewesen wären, ja vielleicht selbst, wenn sie nicht – unmögliches Gedankenspiel – die literarische Verkörperung des amerikanischen Juden wären. Dieser John jedoch bleibt trotz Überlebensgröße nichtssagend. Auch seine zwischen Selbstgefühl und dem Blick der anderen mäandernde Identitätssuche bietet nichts, was wir nicht irgendwo schon ein- oder zweimal gelesen hätten: „Er war Jude und […] schließlich auch stolz, es zu sein, aber das berechtigte niemanden, ihn zum Juden zu machen oder ihn wie einen Juden zu behandeln.“

Gäbe es da nicht die Tochter Zoe, deren vaterloses Schicksal, deren Unwissenheit und Suche so menschlich, so nachvollziehbar sind, dass sie über einen Roman wie diesen getragen hätten. „Er hat Angst um dich gehabt“, offenbart ihr Hugo im Verlauf ihrer ersten Begegnung, und sich selber muss er eingestehen: „Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, wie er war. Wenn ich so etwas über ihn erzähle, ist das Bild, das du von ihm bekommen musst, vollkommen falsch.“ Und Zoe antwortet: „Ich weiß. Erzähl trotzdem.“

Wenn sich auf dieser Grundlage nicht ein passabler Roman aufbauen ließe … Nur leider kommt diese Episode eben erst am Schluss, als man beim Grübeln über der Frage, warum dieser John unsere Aufmerksamkeit wert sein sollte, bereits halb verärgert, halb resignierend in sich zusammengesackt ist.

Sloppy writing

Aber wer bin ich, einem Könner wie Gstrein zu sagen, wie er eine Geschichte zu erzählen hat? Eine solche Kritik klingt altklug und anmaßend, und ist es nicht die erste Pflicht des Kritikers, das Werk an sich selbst zu messen, es im selbst gesteckten Rahmen seiner Eigenheit zu beurteilen?

Wäre da nicht die Sprache, wäre da nicht der Stil, wäre da nicht das Ärgernis, das die Nachlässigkeit im Schreiben, für die dieser Roman ein trauriges Beispiel ist, auf so vielen Seiten hervorruft! Die augenfällige Unachtsamkeit in formalen Dingen ist es, die den skeptisch gewordenen Leser geradezu reizt, nun auch an Plot und Struktur herumzukritteln.

Das „Sprachereignis“, das der Klappentext vollmundig verspricht, findet in diesem Roman nur im schlechten Sinn statt: Hier ereignet sich unachtsame Sprache, hier ereignet sich der Unwille zum Stil, zum überlegten Wort oder zur genauen Beschreibung. Sloppy writing, wie der Angelsachse sagt. Der Kunstgriff, inhaltlich Unverbundenes in Hauptsatzreihen zusammenzupressen, wird, in jedem dritten Satz wiederholt, langsam und sicher zur ärgerlichen Marotte, zur „Konjunktivitis“. Die Unfähigkeit, zwischen „anscheinend“ und „scheinbar“ zu unterscheiden. Die Verwendung von „schrittweise“ als Adjektiv. Formulierungen wie „halb voller Zustimmung“ oder „einmal mehr“. Sätze, die vorne und hinten wackeln und knarzen, wie dieser: „Die Arbeit dort war ihr immer stärker vorgekommen, als würde sie nur dafür bezahlt, sich ausdrücklich nicht gegen die Zudringlichkeit aller Männer zu wehren, nur damit sie selbst einen kleinen Rentenanspruch erwarb.“ Oder dieser: „Sanft wie einem gefährlichen Verrückten nahm sie mir die Blätter aus der Hand und setzte sich zum Lesen auf den Balkon.“ Ein aufmerksamer Lektor hätte hier etwa vorgeschlagen: „Wie einem gefährlichen Verrückten nahm sie mir die Blätter sanft aus der Hand, dann setzte sie sich zum Lesen auf den Balkon.“

Gstreins Erzählen rettet sich bisweilen in die Vorherrschaft des Dialogs (in dem Menschen Wendungen wie „Gemütsbesoffenheit und Puderzuckrigkeit“ benutzen oder Sätze sagen wie „,Er hat diese Schweinerei auch noch poetisch überhöht, als wäre sie nur ein sanfter Mädchentraum, aus dem man im Himmel erwacht?’“ – Zeige mir einen Menschen, der so spricht, und ich zeige dir einen Menschen, der seine Sprache ausschließlich mithilfe poetisch überhöhter Literatur erworben hat!) oder der indirekten Rede (die vor falschen Konjunktiven nicht gefeit ist). Es ist ansonsten wenig originell, wenig poetisch, wenig gedankentief. Wenig dem Detail verpflichtet, wenig der unmittelbaren Anschauung, mehr der Meinung und dem Bonmot. Gstreins Roman ist weniger selbstreflexiv, weniger erzählskeptisch, als man es von seinen Vorgängern gewohnt ist. Der Wille, eine „Great American Novel“ zu schreiben, wie es im Text heißt, ist dem Autor auf zu vielen Seiten anzumerken – oder wollen wir zu seiner Verteidigung alles auf Hugo, den gescheiterten Schriftsteller schieben, der sich sich beim Versuch, Selbstanspruch und Wirklichkeit in Einklang zu bringen, wieder einmal übernommen hat – bei einem Versuch, dessen Ergebnis nun vor uns liegt?

Und dann lesen wir Sätze, die nur dafür gemacht zu sein scheinen, den Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen: „Wozu denn ein Buch? Es ist längst alles gesagt. Seit Jahrzehnten folgenloses Gerede.“

Blasse Figuren, unanschauliches Erzählen

Für Hugo kommt Literatur aus der Sprache, für John kommt erst das Leben, und daraus folge alles andere, auch das Schreiben: „No more fiction, Hugo! No more fake shit! Get real, man!“ – Wenn es doch nur so wäre. Würde der Erzähler uns nicht zu Beginn beinah jeden Absatzes mitteilen, wie die Handlungen und Gefühle seiner Figuren zu deuten wären, mit Allerweltssätzen, für die sich sogar Haruki Murakami schämen würde („Jennifer war nur mehr ein Schatten ihrer selbst“), und erst dann ein wenig Action folgen lassen, die diese Einschätzung untermauern sollen. Wie gerne hätten wir uns selber ein Urteil darüber gebildet, mit Hilfe von lebendigen, anschaulichen Szenen. Gstreins Erzählen ist deduktiv, nicht induktiv, und mit der gleichen Freude, mit der man einem naturwissenschaftlichen Experiment folgt, das nur dazu da ist, die zuvor aufgestellte These zu belegen, folgt man bisweilen den Handlungen der Menschen in diesem Roman. So interessant sie sein könnten, so gern hätten wir sie selbst erlebt, aber Gstreins Erzähler weigert sich, sie uns unmittelbar, ohne den Blick durch seine küchenpsychologisierende Brille, vorzustellen. So bleiben die Hauptfiguren blass. Es ist ein Erzählen aus zweiter Hand.

Israel und Palästina

Es versteht sich, dass ein Roman, dessen Figuren vor dem Hintergrund des Palästina-Konflikts handeln, seine ganz eigene Brisanz mitbringt, und sei es nur die, nichts Neues, nichts Wesentliches beizutragen. Gstreins Roman weigert sich, seine Geschichte von tagespolitischer oder ideologischer Brisanz beherrschen zu lassen, sondern erzählt an den mentalen Schützengräben entlang. Wenn auch stets die Frage nach jüdischer Täterschaft und die nach palästinensischer Verantwortung im Raum steht, die Gstrein mit der Erwähnung (viel mehr ist es nicht) von Viehschleusen, durch die die Palästinenser gezwungen werden, von der Angst der Israelis vor Raketenangriffen oder von der Bereitwilligkeit der Palästinenser, ihrem österreichischen Gast Opfergeschichten zu erzählen, streift – so gelingt ihm mit der Gestaltung einiger Nebenfiguren (wie dem palästinensischen Schriftsteller Marwan) doch eine Einlassung auf die persönlichen Schicksale, die mit diesen Fragen leben und leiden.

Dass er sich nicht positionieren will, ist nicht die schlechteste Eigenschaft dieses Romans. Romane sind keine Leitartikel. Dennoch entkommt er der selbstgestellten Falle nicht immer, da der Leser sich auf Schritt und Tritt fragt, was ihm ein Roman über den Palästina-Konflikt sagen soll, der ihm nichts sagen will, sondern seine Eindeutigkeiten („,Überall sonst auf der Welt würde man Banditen einfach Banditen nennen, aber das hier ist ja Israel.’“) stets in die Dialoge der handelnden Figuren verlegt und sie damit wieder aus der Schusslinie bringt.

So steril, wie in vielen Szenen seine Sprache anmutet, bleibt auch der Impetus des Romans. Wofür steht er? Eine Unentschiedenheit fällt auf, eine Angst, jemandem auf die Füße zu treten, die an einen Bäcker erinnert, der backen will ohne den Ofen zu anzuheizen. Diese Unklarheit der Bedeutung des eigenen Sujets gegenüber muss sich „In der freien Welt“ vorwerfen lassen – dies fängt beim Titel an (nur in einem bis zur Unkenntlichkeit erweiterten Sinne geht es „irgendwie“ um das Leben im „freien Westen“, ohne dass dessen Eigenheiten in Kontrast gebracht würden etwa zum Leben in diktatorischen Regimen; auch die Agenten, die die individuellen Freiheiten in der Menschheitsgeschichte bedroht haben und bedrohen, spielen in Hugos Geschichte über John keine Rolle) und hört bei dem entscheidungslos vagabundierenden Setting nicht auf. Über San Francisco erfahren wir vor allem Straßennamen (ermüdend), ansonsten bleibt die Stadt blass. Über Israel und Palästina erfahren wir nur das Übliche, selbst Jerusalem berührt den Leser kaum, und das ist schon eine Kunst für sich. Vergleicht man den Roman in dieser Hinsicht beispielsweise mit Wolfgang Büschers „Ein Frühling in Jerusalem“, wird schnell klar, was Sprache kann und was man hier vermissen muss, und dann wird deutlich, dass der Wille des Erzählers, es vor allem mit Handlung zu halten, vor allem zu einem führt: Ermüdung. Dann Ramallah mit allen Klischees, Gmunden, Mauthausen, Irland und so weiter. Als kennte der Autor die Orte seines Romans selbst nur aus zweiter Hand und hätte keine Lust, das zu verheimlichen. Die Atmosphäre eines palästinensischen Restaurants wird so evoziert, wie es ein minderer Autor, als Gstrein es ist, nach dem Anschauen von zwei Dokumentationen auf arte getan hätte:

Sie schaute ihren Mann an, der […] mich aufforderte, nur ja von all den Köstlichkeiten zu nehmen, auf den Hummus, die Falafel, die verschiedenen Salate wies und selbst mit zusammengefalteten Brotstücken in die Schüsselchen pickte und triefende Bissen zum Mund führte, während er in einem fort sprach. Dazwischen nuckelte er an einer Wasserpfeife und zündete sich einmal sogar eine Zigarette an, die er rauchte, ohne mit dem Essen aufzuhören.

Ging es nicht noch stereotyper? Der Fairness und des gönnerhaft-altklugen Oberlehrertums halber sei hier zitiert, wie Gstrein schreiben kann, wenn er es will, und nicht ohne Grund, scheint mir, skizziert die folgende Schilderung der Atmosphäre Tel Avivs den Hintergrund für Hugos und Zoes Treffen:
Es stimmte ja, es war alles hinreißend schön, ein lauer Dezembertag in einer Stadt am Mittelmeer, die Leute aus aller Welt anzog.“ Bis hierhin stellen sich Menschen mit Sprachgefühl die Nackenhaare hoch. Dann aber: „Man konnte für ein paar Stunden vergessen, zu welchem Zweck sie gegründet worden war und dass keine hundert Kilometer weiter im Süden offen auf ihre Vernichtung spekuliert wurde.“ [Für die Dramatik des Gesagten eine zwar eher unanschauliche Passivformulierung, aber immerhin – der Verweis auf die unpersönliche Bedrohung durch den überpersönlichen Konflikt erzeugt die dunkle Kulisse einer Beunruhigung, vor der sich die folgende Stelle um so kontrastreicher abhebt:] „Die Lichter in der Dizengoff Street waren schon an, und die Autos hatten in der einbrechenden Dunkelheit weiche Umrisse und bewegten sich wie in Zeitlupe durch eine Wirklichkeit, die körnig war wie im Kino und einen mit vager Sehnsucht erfüllte. Wir setzten uns in ein Eiscafé mit Tischen draußen auf der Straße, und ich beobachtete, welche Sorten sie wählte. Sie lachte, als ich sie danach fragte, Schoko und Vanille, das immerhin habe sie von ihrem Vater gelernt, nur das Einfachste, den Kaffee schwarz, nicht mehr als drei oder vier verschiedene Gerichte zum Essen, ein Leben lang die gleichen Schuhe, die gleichen Notizbücher, den gleichen Whiskey wahrscheinlich auch, solange er getrunken habe.

Das ist lebendiges Schreiben, nah bei den Figuren, gefühlvoll, ohne penetrant poetisierend zu sein, effektiv und ungeschwätzig und trotzdem detailreich noch bis in das E von „Whiskey“.

Seltene Perlen in der Tiefe eines Meers aus Phrasen. Ganz am Schluss, auf der vorletzten Seite, betritt der Leser mit Hugo, warum auch immer, noch das Holocaust-Denkmal in Berlin. Für das hat der Erzähler nichts Originelleres übrig als: „Erst jetzt in der Nacht wurde mir richtig bewusst, dass es sich bei den Betonklötzen um leere, tausendfach nicht besetzte Gräber handelte.“ Ach was? In welchem Reiseführer habe ich das schon einmal gelesen?

Und wenn der Leser dann noch gehofft hat, dass Gstrein wenigstens so viel Courage besitzt, den Roman unerhört überhöht durch die Symbolik ebendort enden zu lassen, reißt ihn der Erzähler noch im selben Augenblick zehntausend Meilen westwärts mit sich, auf die Farallon Islands vor der Pazifikküste der USA, die dem gesamten letzten Kapitel den Titel geben und dem Roman doch nicht mehr als ein paar belanglose Sätze wert sind.

Zu allem Überfluss an Ärgernissen kommt die Preisgabe jeglichen formalen Anspruchs. Auch Plot, Erzählweise, Perspektive sind bewusst zu konventionell, als dass sie eine eigene Art von Faszination ausüben könnten; „In der freien Welt“ ist eine zuweilen mühsam zusammengehaltene Kette von Episoden, die uns von einem eher drögen Ich-Erzähler berichtet werden.

Angesichts all dieser Makel ist es leicht, über den Wert von Gstreins neuem Roman ein Urteil zu fällen. Es ist leicht, sich über Erkenntnisse wie „Er hat mir gesagt, wer ich bin, indem er mir ausgemalt hat, wer ich sein könnte“ lustig zu machen. Dabei liest man viele Stellen auch mit echter Neugier; hier und da kommen dann die Dialoge ein wenig rasanter daher und erfüllen ihren Zweck, entweder die Figuren zu charakterisieren, die Hintergründe auszuleuchten, oder, selten, die Handlung voranzutreiben. Einige Nebenfiguren erzeugen in ihrer Lächerlichkeit bisweilen eine Bernhard’sche Komik. Einige Beobachtungen wie die zum Literaturbetrieb oder zur philosemitischen Exotikwahn einiger deutscher Frauen sind glänzend auf den Punkt gebracht; einige Wendungen sind die Aufmerksamkeit wert, die sie auf sich ziehen: „Was ist ein angesehener Schriftsteller heute anderes als ein besserer Armleuchter?“ Hier und da denkt man: Lesern, denen Philip Roths Romane gefallen haben, kann auch dieser Roman gefallen. Einem Debütanten im Literaturbetrieb würde ein solches Werk zur Ehre gereichen. Aber einem Norbert Gstrein?

Irgendwann gegen Ende sagt der Erzähler, er sei der letzte, der an dem Schrein kratzen wollte, den sich Johns Angehörige von ihm geschaffen hatten, und dieses Eingeständnis scheint für den ganzen Roman zu gelten. Es kommt der Verdacht auf, dass sich hier jemand der literarischen Aufgabe, einen Menschen kenntlich zu machen und die Wahrheit über ihn zu erzählen, vorschnell entledigt hat. Die Spurensuche wird zur Unkenntlichmachung, die Offenbarung zur Verbergung.

„Schreib über mich“, hat John den Freund zu Lebzeiten aufgefordert, ohne Hemmungen und ungeschönt, „lieber bin ich das größte Arschloch in einem guten Buch als ein Heiliger in einem schlechten.“ Doch am Ende heißt es dann wieder: Kein vernünftiger Mensch könne sich wünschen, in einem Buch zu enden. Es stimmt traurig, dass ein Mensch wie John gerade in einem solchen Buch enden muss.

Norbert Gstrein: In der freien Welt. Roman.

Carl Hanser Verlag, München 2016.

496 Seiten, 24,90 €.

ISBN: 3446251197