Das Wunder der Vergebung [Vergeltung oder Vergebung?]

Ein Essay von Mirjam Rigamonti Largey

Von Mahatma Gandhi stammt die Aussage: «Auge um Auge – und die ganze Welt wird blind sein» und Friedrich Schiller schrieb: «Rache ist unstreitig ein unedler und selbst niedriger Affekt». Unrechtes Verhalten bleibt immer unrechtes Verhalten, egal aus welchen Gründen es motiviert wird. Der Täter wird bestraft, wir haben uns gerächt, doch weder ändert dies etwas am Geschehenen, noch verändert sich der Täter, weil er ja dadurch auch in den Kreislauf von Rache und Vergeltung eingebunden wird. Oftmals werden Täter in der Gefängnisumgebung oder durch Ausgrenzung sogar erst recht kriminalisiert.

Selbst die Situation des Opfers, das nun selber zum Täter wurde, wird sich nicht verändern, weil Geschehenes nicht ungeschehen gemacht werden kann. Zudem macht Rache das Opfer nun auch zum Täter, vergiftet  seine Psyche und steht einer Verarbeitung im Weg,  weil das Vergangene nicht losgelassen werden kann. Rache befreit meist nur augenblicklich, beinhaltet aber keine Lösungen.

Nachhaltiger für den inneren und äusseren Frieden, wenn auch fremd für unsere Kultur,  ist scheinbar das hawaiianische Vergebungsritual Ho‘oponopono¹. Hier werden zwischenmenschliche Konflikte gelöst, indem jeder dem anderen und sich selber vergibt und sich zur Liebe sich selber und dem andern gegenüber bekennt. Das bedeutet allerdings nicht, dass alles gut geheissen wird, sondern dass man sich von negativen Verbindungen und Verstrickungen aus der Vergangenheit befreit, um in der Gegenwart klarer handeln zu können. Dadurch können Schuldzuweisungen aufgelöst werden, wir übernehmen Verantwortung für unsere Gefühle und unser Handeln und es entsteht wieder Raum für Lebensfreude und bedingungslose Liebe.

Unser Handeln sollte immer auf seine Zielhaftigkeit befragt werden und lösungsorientiert sein. Es sollte dabei nicht darum gehen, dem andern die Leviten gelesen zu haben, ihn  zu beschämen oder möglichst lautstark Recht behalten zu haben, sondern darum, was es uns selber und unserer Gesellschaft bringt. Nicht nur WAS ich tue, ist wichtig, sondern auch WOZU und WOFUER ich etwas mache.

Der erste Schritt ist die sachliche und selbst-kritische  Aufarbeitung des Geschehenen. Dabei geht es darum, eigene Fehler zu erkennen und in einem weiteren Schritt herauszufinden, wie diese in Zukunft verhindert oder minimiert werden können.

Danach ist es wichtig, entstandene Schäden so gut wie möglich wiedergutzumachen:

  • Wer diffamiert wurde soll öffentlich völlig rehabilitiert werden, dabei darf die Einsicht für falsche Sichtweisen und Handlungen nicht fehlen und man darf Grösse zeigen, indem man sich verbal entschuldigt.
  • Schäden, die durch finanzielle Hilfen aufgefangen oder gemildert werden können, sollten selbstverständlich übernommen werden. Dabei sollte der Hauptzweck in Hilfe zur Selbsthilfe bestehen.
  • Bei Schäden, die nicht wiedergutgemacht werden können, zum Beispiel bei Verlusten von Mitmenschen, besteht die einzige Linderung darin, sich ehrlich zu entschuldigen und um Vergebung zu bitten. Zudem sollte man zeigen, dass man sich in Zukunft dafür stark machen wird, dass solches sich nie mehr wiederholen kann. «Nie wieder!» braucht gerade aktuell eine Erinnerungsauffrischung, damit begangene Fehler sich nicht wiederholen müssen. So bekommt sinnloses Leiden einen Sinn für zukünftige Generationen.  Diese Erfahrung wurde zum Beispiel  von Angehörigen von Suizidopfern gemacht, als sie sich nach dem schmerzlichen Verlust dafür einsetzten, dass ähnliches möglichst verhindert werden kann.

Von Rachegelüsten loszulassen, bedingt, dass wir über unseren eigenen Schatten springen können, damit wir nicht die zerstörerischen Muster der Täter übernehmen. Das stärkt uns letztlich selber und beschämt die Täter in einer Weise, die ehrlicher ist, als wenn sie einfach zu einem entschuldigenden Wortbekenntnis gedrängt werden. Dies ist möglich, weil ihnen ein Spiegel der Menschlichkeit vorgehalten wird.

Der nordamerikanische Wampanoag-Indianer Manitonquat²,  der auch mit amerikanischen Strafgefangenen mit Techniken der Kreiskultur gearbeitet hat, machte die Erfahrung, dass das respektvolle, offene Zuhören es auch harten Kriminellen ermöglichte, ihren ursprünglich weichen und verletzten Kern ohne Scham und Gesichtsverlust erstmals erleben und offenbaren zu dürfen. Respektvolles, offenes Zuhören bedeutet jedoch nicht, dass man die Handlung des Straftäters deswegen mögen muss. Es geht nur darum ihn als Menschen wahrzunehmen und zu verstehen. Da viele Kriminelle selber nie die Erfahrung machen durften, wahrgenommen, geachtet und akzeptiert zu werden, vermag diese Haltung etwas an den Wurzeln dieser Menschen anzurühren und die nach aussen gezeigte harte Schale aufzuweichen, so dass eine wirkliche Läuterung angestossen wird.

Wenn Täter ein Gefühl  für Ethik und empathisches Empfinden entwickeln können, werden sie sich nicht mehr durch Machtgelüste oder materielles Blendwerk verführen lassen. Dadurch hätten wir ein Ziel erreicht, das Veränderungen an den Ursachen bewirkt und von daher besser integriert werden können.

Thich Nhat Hanh³, der kürzlich verstorbene buddhistische Mönch und Friedensaktivist aus Vietnam, der sehr unter dem Vietnamkrieg gelitten hat, plädiert dafür, den Schmerz in unseren Feinden wahrzunehmen und ihnen mit Liebe und Verständnis zu begegnen, damit sie etwas von uns selber lernen können und der Heilungsprozess beginnen kann. Er sieht in den politischen Zuständen eine Wiederspiegelung unseres eigenen Bewusstseins, weshalb nachhaltiger Wandel nicht von aussen, sondern durch unsere innere Veränderung geschehen kann.

Eine Haltung, die auf verstehen, verzeihen und verändern abzielt, nicht aber auf Rache und Vergeltung, die die Tat verurteilt, nicht aber den Täter.

Fußnoten:

¹ Ulrich Duprée: Das Wunder der Vergebung. Kailash Verlag, 2013

² Manitonquat: Die ursprünglichen Weisungen, Biber-Verlag, 2018

³Thich Nhat Hanh: Liebe handelt. Wege zu einem gewaltlosen gesellschaftlichen Wandel. Werner Kristkeitz Verlag, 1997


Mirjam Rigamonti Largey (Jahrgang 1956), früher Psychotherapeutin mit Nebenfachstudium Ethnologie, ist jetzt Kunstschaffende, Friedensaktivistin, freie Publizistin beim Zeitpunkt.

Ihre Homepage: https://www.zeit-wende.net/

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